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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 30.08.2006

Marc Buhl. Das Billardzimmer
Almut M├╝nch

Wer war Gero von Nohlen, der Judenretter und SS-Mann? Sein Enkel macht sich auf die Suche und merkt schnell: Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.



Gero von Nohlen der Zweite

Gero hat mit seinem Gro├čvater nichts au├čer dem Namen gemein: Er ist weder gesch├Ąftst├╝chtig noch karrierebewusst und schon gar keiner, von dem man spricht. Eigentlich hat Gero nichts aufzuweisen au├čer einem zweitklassigen Job als freier Mitarbeiter bei einer kleinen Konstanzer Tageszeitung und seiner Zugeh├Ârigkeit zur Nohlen-Sippschaft. Denn Gero von Nohlen - der Gro├čvater - war ein Held und lebt im Lokalpatriotismus fort als schwerreicher Immobilienbaron, als Mitbegr├╝nder des Bankhauses Giebendorff & S├Âhne, als Baub├╝rgermeister und vor allem als einer der wenigen Deutschen, die dem Terror des Dritten Reiches etwas entgegen setzten: Er verwaltete die H├Ąuser der gefl├╝chteten Juden und half ihnen gar mit gef├Ąlschten P├Ąssen zur Flucht ├╝ber die Schweizer Grenze, erz├Ąhlt man sich. Und weil es keiner so gut wissen kann wie der Enkel, bittet man Gero, anl├Ąsslich des 50-j├Ąhrigen Bankjubil├Ąums eine Laudatio f├╝r die Festschrift zu verfassen.

Gero von Nohlen der Erste

Was als kleine Gef├Ąlligkeit gedacht war, erweist sich f├╝r Gero, den Enkel, als gro├če Aufgabe und m├╝ndet bald in eine grundlegende Auseinandersetzung mit seiner Familienvergangenheit. Denn die Bilder wollen nicht zusammenpassen, die Gero, der Junge, sich in Gespr├Ąchen und Interviews von dem alten Gero macht und die so unterschiedlich zu seiner Erinnerung sind. Er erinnert einen verschlossenen, bisweilen cholerischen Patriarchen, einen Kinderpr├╝gler, der auf seltsame Weise gebrochen auf ihn wirkte - der Rest der Welt aber einen stolzen, zupackenden Mann mit Charisma. Wo liegt die Wahrheit, fragt Gero sich beunruhigt und beginnt dem Helden Gero nachzuforschen. ├ängstlich zun├Ąchst und eingesch├╝chtert, bald aber immer eifriger und mit Erfolg. Der Schl├╝ssel zu seinem Gro├čvater, sp├╝rt er, liegt im Billardzimmer der Familienvilla und in der eisern totgeschwiegenen Geschichte, die auf dem Raum lastet.

Die Spieglers

Im Billardzimmer versteckte Gero von Nohlen, der Held, n├Ąmlich ab 1941 ein j├╝disches Ehepaar, dessen Spur sich kaum f├╝nf Jahre sp├Ąter so gr├╝ndlich verwischt, dass eine Rekonstruktion der Ereignisse selbst f├╝r Historiker eine Herausforderung darstellt. Und die einzig ├╝berlebende Verwandte, Gero von Nohlens Schwester, schweigt verbissen. Der Enkel wei├č nach m├╝hevollem Recherchieren nur, dass die wundersch├Âne Eva und ihr Mann, der Pianist Helmut, als Verwandte vorgestellt wurden, wenn es sich nicht vermeiden lie├č, und dass Helmut sich w├Ąhrend seiner freiwilligen Gefangenschaft in die Welt der Musik fl├╝chtete, w├Ąhrend Eva ihrem Retter bei der Buchhaltung f├╝r das Immobiliengesch├Ąft zur Hand ging. Dass das Zusammenleben zweier Ehepaare - der von Nohlens und der Spieglers - auf engem Raum und mit ebenso geringem Spielraum nicht unproblematisch war und verbotene Gef├╝hle gerade in Zeiten des Nationalsozialismus lebensgef├Ąhrlich werden konnten, ahnt Gero, der Junge, als er ein Foto aus der Zeit findet, das mehr sagt als verschwiegene Worte und vielsagende Mienen.

Schuld und S├╝hne

Das World Wide Web f├╝hrt ihn schlie├člich zu Eva Spieglers Enkelin und zu Eva selbst - Helmut bleibt jedoch unauffindbar. Und in einem Altersheim in den USA erf├Ąhrt Gero schlie├člich die wahre Geschichte seines Gro├čvaters, die gleichzeitig die Geschichte der Spieglers, eine seltsame Verwandtschaftsgeschichte und vor allem die Geschichte einer doppelten Schuld ist. Denn in dem Ma├če, wie Eva ihr Mann entglitt, der vor der Realit├Ąt komplett in die Musik fl├╝chtete und menschliche N├Ąhe schlie├člich komplett verweigerte, wuchs etwas Unheilvolles zwischen Gero, dem Helden, und ihr. Ein Gef├╝hl, das Helmut schlie├člich das Leben kosten sollte, damit er nicht mehr l├Ąnger im Weg stand. Ein Gef├╝hl, das sowohl Eva, das Opfer, als auch Gero, den SS-Mann, zu Schuldigen machte und das dem Gewissen nicht standhalten konnte.

AVIVA-Tipp: Marc Buhl erz├Ąhlt in seinem neuen Roman nicht nur von dem doppelt gescheiterten Versuch, sich von menschlicher Schuld reinzuwaschen, sondern auch vom Fluch der Vergangenheit, die unweigerlich und immer in die Gegenwart abstrahlt, vor allem, wenn es sich bei dem Fluch um Liebe und ihre Folgen handelt. Und dies in einer Eindringlichkeit, die gleichzeitig fesselt, abst├Â├čt und dabei so nachvollziehbar ist wie menschliche Untiefen es nur sein k├Ânnen. Durch die raffinierte Verschr├Ąnkung mehrerer Erz├Ąhlperspektiven liest sich Das Billardzimmer wie ein Krimi durch die letzten sechzig Jahre deutscher Geschichte, der jedoch ungleich mehr zu bieten hat als ein Opfer und einen Schuldigen: Buhl webt gleichsam die gesamte conditio humana in seinen Text und ├Âffnet den Blick f├╝r eine individuelle Verantwortung, die keine individuelle Schuld braucht.

Zum Autor: Marc Buhl, 1967 geboren, studierte Betriebswirtschaft, Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik und lebt heute als freier Autor in Freiburg im Breisgau. Das Billardzimmer ist sein dritter Roman nach Der rote Domino und Rashida oder Der Lauf der Quellen des Nils (alle bei Eichborn verlegt).


Marc Buhl
Das Billardzimmer

Eichborn Verlag, erschienen Juli 2006
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN 3-8218-5781-1
19.90 Euro90008115&artiId=5468437"


Literatur Beitrag vom 30.08.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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