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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.02.2007

Der Tote von Passy
Sabine Grunwald

Barbara Bongartz berichtet eindringlich von ihrer lebenslangen Suche nach der eigenen Identität und den Problemen, die ihr die unklare Herkunft bis heute bereiten.



Bereits als Kind hatte Barbara das diffuse Gefühl, dass etwas in ihrer Familie nicht stimmte. Der latente Zorn des Vaters und das mangelnde Selbstbewusstsein der Mutter schufen eine angespannte Atmosphäre. Das Mädchen entsprach weder optisch noch in ihren Anlagen dem Kind, das sich die Eltern gewünscht hatten.

Ein Spiel, das sie als 8jährige vor dem Spiegel inszenierte und mit der Feststellung beendete:
"Stell dir mal vor, ich wäre gar nicht euer Kind. Ich wurde im Krankenhaus vertauscht. Das wäre doch möglich".
Dies sollte sich bald als die Wahrheit herausstellen, als ihr die Eltern mit vierzehn Jahren eröffneten, dass sie nicht die leibliche Tochter, sondern ein Adoptivkind ist…

Eines Tages, viele Jahre später erhält die Protagonistin einen anonymen Brief mit der Behauptung, dass ihr leiblicher Vater in wenigen Tagen in Passy auf dem Friedhof begraben wird. Sie zögert nur kurz und macht sich dann auf die Reise nach Paris in das Viertel, wo sie einige Jahre als Studentin wohnte.
Von da an geraten wir als Leserin in den Sog der Vergangenheit und begeben uns mit der Heldin auf die Spurensuche ihrer Herkunft. Sie führt uns nach Berlin, wo der mütterliche Teil der Verwandten einst lebte und wir begegnen der leiblichen Mutter, die sich hartnäckig über die Identität von Barbaras Vaters ausschweigt. Ein französischer Hallodri sei er gewesen, der die Vaterschaft nicht wollte.

Ob der Vater ein französischer Botschafter, ein einflussreicher Bankier, Schauspieler oder Habenichts war wird sich auch am Ende nicht klären. Auch die Frage, was denn nun eigentlich Identität bedeutet, muss letztendlich jede/r für sich selbst beantworten.

Mit ihrer Biografie, die geschickt zwischen Fiktion und Realität mäandert, hat die Autorin ein Thema angesprochen, das in unserer Zeit, in der Adoptionen aus "Entwicklungsländern" keine Ausnahmen mehr sind, brisant geworden ist.
Um welchen Preis ist es vertretbar, Kindern ihrer kulturellen Identität zu berauben?

Zur Autorin:
Barbara Bongartz
wurde 1957 in Köln geboren und studierte Theater- und Filmwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Paris, München und Köln.
Seit 2003 lebt sie in Berlin.
Weitere Veröffentlichungen: Von Caligari zu Hitler – von Hitler zu Dr. Mabuse, Eine psychologische Geschichte des Deutschen Films von 1948-62 (1990). Das Böse möglicherweise, Erzählungen (1994). Stücke fürs Herz, Erzählungen (1995). Eine der Geschichten aus Donner und Sturm, Novelle (1996), Örtliche Leidenschaften-Compilationes, Roman (1996). Der Fall Cordelia Richter, Roman (1999), Schöne Organe, (2000), Die Amerikanische Katze, Roman (2001), Inzest oder Die Entstehung der Welt, Roman in Briefen von Barbara Bongartz und Alban Nikolai Herbst, (2002).
Auszeichnungen: Förderpreis und Arbeitsstipendium der Stadt Düsseldorf 1998. Akademie Schloß Solitude 1999/2000. Arbeitsstipendium Künstlerhaus Lucas, Ahrenshoop 2001.

AVIVA-Tipp: Mit ihrer klaren direkten Sprache ist der Autorin mehr als eine Autobiographie gelungen. Ein literarischer Roman -spannend wie ein Krimi - voller Überraschungen..
Kurz: empfehlenswert!

Barbara Bongartz
Der Tote von Passy

Dittrich Verlag, erschienen Februar 2007
Gebunden, 194 Seiten
ISBN 978-3-937727-22-7
19,80 Euro

Literatur Beitrag vom 26.02.2007 Sabine Grunwald 

   




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