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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.10.2007

Was von Rot-Grün übrig blieb
Yvonne de Andrés

Antje Vollmer und Claudia Roth, zwei sehr unterschiedliche PolitikerInnen, ziehen Bilanz. Die QuereinsteigerInnen starteten in den 80er Jahren bei den Grünen durch.



"Mein politisches Agieren fing an mit dem Feminat." Antje Vollmer beschreibt, wie sie gemeinsam mit Waltraud Schoppe, Annemarie Borgmann, Erika Hickel und Heidemarie Dann 1984 die erste weibliche Fraktionsführung übernahm. Viele Frauen verstanden dies als Signal für die Öffnung politischer Ämter. Es ging darum, sich aus der Rolle von Alibi-Frauen zu befreien. Antje Vollmer resümiert: "Frauen sind in der Politik eine Selbstverständlichkeit geworden bis hin zur Bundeskanzlerin". Ihr Blick zurück enthüllt spannende Details aus ihrer politischen Tätigkeit der letzten zwanzig Jahre und insbesondere mit Fokus auf die rot-grünen Regierungsjahre. Ihr Credo ist protestantisch gefärbt: "Im Kern ist mein Ziel immer, die Gesellschaft, auch wenn sie sich gar nicht ändern will, trotzdem zu verändern, und zwar mit den Mitteln der Debatte." Vollmer ist analytisch und reflexiv; nach geplatzten linken Träumen engagiert sie sich ökologisch. Im Gespräch mit Hans Werner Kilz, SZ-Chefredakteur gibt sie kritisch Auskunft und reflektiert anhand der Zeitschiene die persönlichen und politischen Ereignisse der Bundesrepublik. Die 68er Generation, der Grenzgängerin Vollmer, den Dialog mit der RAF, die deutsche Einheit, die "alpha" Männer und das Putztruppenprinzip, die Regierungszeit, der Umgang mit der Macht und nicht zuletzt die Medien. Besonders eindringlich ist das Kapitel, in dem sie sich mit der RAF-Generation auseinander setzt. Die Stimmung unter den Nachkriegskindern der NS-Väter beschreibt sie wie folgt: "Man empfand die eigene Situation, Erbe solcher wenig imponierender Vätergeneration zu sein, als kränkend, als so furchtbar, als so peinlich, dass man mit einem großen dramatischen Auftritt sich da rauskatapultieren, um nicht zu sagen, sich da herausbomben oder da herausschießen wollte." Ein nachdenkliches Buch was zu interessanten Diskussionen anregt.

Ganz anders das Buch von Claudia Roth. Katholisch, liberal, bayrisch ist der Hintergrund der Familie Roth. Prägend sind die Jahre als Tournee-Managerin der Band Ton Steine Scherben. Ihre existentielle Erfahrung: "dass das Private und das Politische sich für mich nicht ausschließen, sondern verschränken" wird in diesem Buch sehr deutlich. Das Leben ist, so Claudia Roth, ganzheitlich. Die Landkommune in Fresenhagen war eine Oase, eine Fluchtmöglichkeit oder sogar die Antiwelt zu den Touren und dem politischen Kampf. Roths Erzählton ist sehr emotional, Bauch und Herz werden angesprochen. Die Perspektive ist die der Macherin und der Bewegungsfrau. Viele Episoden sind einfach belanglos, sie drücken Aktionen, Bewegung, Kampf aber kaum Reflexion aus. Ein Hauch ihrer bunten Schals weht durch das gesamte Buch. Stellvertretend für viele ihrer Geschichten, sei hier nur die folgende zitiert, in der Claudia Roth einen Konflikt mit einem Hausmeister schildert, der ein Konzert der Gruppe Ton Steine Scherben pünktlich beenden wollte: "In dem Tumult brüllte ich auf den Hausmeister ein, dass er das Licht wieder ausmachen sollte, sonst würde der Saal abgefackelt werden. Schließlich konnte ich noch weitere fünfzehn Minuten raushandeln, was das Publikum halbwegs zufrieden stellte. Mein erster politischer Kompromiss." Interessant sind in dem Buch vor allem die Schilderungen ihres Engagements für Minderheiten: Kurden, Frauen, Schwule und Lesben. Dies ist Roths eigentliches Feld. Leider behandelt das Buch kaum die spannende Zeit der Rot-Grünen Bundesregierung und Roths eigene Verantwortung in dieser Zeit.

Zu den AutorInnen:
Antje Vollmer
, geboren 1943, studierte evangelischen Theologie. Von 1971 bis 1974 arbeitete sie als Pastorin in Berlin/Wedding. In den 70er Jahren war sie bei der Liga gegen den Imperialismus im Umfeld der KPD/AO aktiv. Ab 1976 war sie als Dozentin an der Evangelischen Heimvolkshochschule in Bethel tätig. 1979 wurde ihr Sohn Johannes geboren. 1983 kam sie als Nichtmitglied der Partei DIE Grünen in den Deutschen Bundestag. 1984 wurde sie die Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. 1985 trat sie der Partei bei und begann den Dialog mit den Häftlingen der RAF. Sie gehörte dem Bundestag von 1987 bis 1990 und von 1994 bis 2005 an. Seit November 2004 war sie auch Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Ab 1998 war sie kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Seither arbeitet sie als Journalistin für TAZ, FAZ, Der Spiegel, Die Zeit und Stern. 1989 erhielt sie die Carl-von-Ossietzky-Medaille, 1996 wurde Vollmer mit dem Cicero-Rednerpreis ausgezeichnet, 1998 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Claudia Roth, 1955 geboren, studierte zwei Semester Theaterwissenschaften, arbeitete als Dramaturgin und seit 1982 als Managerin der Rockband Ton Steine Scherben. Von 1971 bis 1990 war Claudia Roth Mitglied der Jungdemokraten. 1985 wurde sie Pressesprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. 1987 trat sie in die Partei ein, 1989 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt und war dort Fraktionsvorsitzende der Grünen. 1998 zog sie in den Bundestag ein. Sie war, zusammen mit Fritz Kuhn, Parteivorsitzende von 2001 – 2002, seit 2004 zusammen mit Rainer Bütikofer. Von März 2003 bis Oktober 2004 war sie Beauftragte der Rot grünen Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe. Zentrale Anliegen für Claudia Roth sind: Bürger- und Menschenrechte, ganz besonders der Kampf für mehr Rechte der kurdischen Minderheit in der Türkei sowie die Themen Gleichberechtigung und Toleranz. Ihr 1994 in Brüssel vorgelegter Report zur Gleichberechtigung Homosexueller bildet heute die Grundlage für die Politik zur Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen in der Europäischen Union. Außenpolitisch engagiert sie sich für den EU-Beitritt der Türkei.

AVIVA-Fazit: Vollmers Buch eröffnet neue Perspektiven und interessante Gedankengänge. Sie arbeitet sich an den Themen der ´68 Generationen und den aktuellen Entwicklungen in der Bundesrepublik ab. Ein lesenswertes Buch. Claudia Roths persönliche Bestandaufnahme ist dramatisch und deskriptiv im Ton. Leider fehlt ihren sehr persönlichen Beschreibungen Analyse und Reflexion. Klar wird bei der Lektüre des Buches, dass die Zeiten des Aufbruchs bei den Grünen endgültig vorbei ist. Länger als eine Saison lang wird man - zu Recht - von diesem Buch nicht sprechen.


Antje Vollmer, Hans Werner Kilz
Eingewandert ins eigene Land

Was von Rot - Grün bleibt.
Pantheon Paperbacks, Bertelsmann Verlag, erschienen September 2006
kartoniert - 281 Seiten
ISBN: 357055015X
EAN: 9783570550151
12,95 Euro

Claudia Roth
Das Politische ist privat

Erinnerungen für die Zukunft.
Mit ca. 16 Abbildungen.
Herausgegeben von Michel Friedman
Aufbau Verlag erschienen Oktober 2006
Gebunden - 275 Seiten
ISBN: 3351026358
EAN: 9783351026356
19,90 Euro


Literatur Beitrag vom 04.10.2007 Yvonne de Andrés 

   




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