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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 28.08.2017

Elisabeth Badinter - Maria Theresia. Die Macht der Frau
Silvy Pommerenke

Zeitgleich zu Maria Theresias 300. Geburtstag erscheint in Deutschland diese eigenwillige Biographie einer eigenwilligen Frau, das unter dem Originaltitel "Marie-Thérèse, le pouvoir au féminin" schon 2016 in Frankreich veröffentlicht wurde. Auslöser für die feministische Biographin Elisabeth Badinter, diese Biographie zu schreiben, war...



... dass sich ursprünglich mit ihrer Tochter, Marie-Antoinette, beschäftigte.

Letztere ist im Gegensatz zu ihrer Mutter sehr wohl in Frankreich bekannt, wurde sie doch in den unruhigen Zeiten der Französischen Revolution geköpft. Über einen Briefwechsel zwischen Mutter und Tochter kam die französische Philosophin und Feministin auf Maria Theresia und hat sich den drei sozialen Rollen der Habsburger Monarchin (Gattin, Mutter, Herrscherin) mit kritisch feministischem Auge genähert. Das und der Untertitel "Die Macht der Frau" verspricht eine neue Sichtweise auf die Regentschaft und Geschichte des Hauses Österreich.

Maria Theresia hat innerhalb von knapp zwanzig Jahren 16 Kinder zur Welt gebracht, wovon zehn das Erwachsenenalter erreichte, und sie galt als zärtliche und zugleich strenge Mutter. Gerade ersteres war äußerst ungewöhnlich in der vor-aufklärerischen Zeit. Quasi dauerschwanger führte sie die Politik des Habsburger Reiches – sehr zum Verdruss des restlichen (männlichen) Herrschertums. Dass Maria Theresia (bzw. eine Frau) überhaupt auf den Thron steigen konnte, lag an mangelnden männlichen Geschwistern. So wurde Maria Theresia als Mädchen natürlich auch nicht in Diplomatie, Recht und Finanzen geschult, sondern sie wurde - ganz klassisch - in Sprachen und den Künsten unterrichtet. Ihr späteres Geschick für Regierungsgeschäfte hat sie auch nicht von ihrem Vater beigebracht bekommen, vielmehr belegt Elisabeth Badinter anhand diverser Briefstellen, dass dafür maßgeblich vier Frauen verantwortlich waren: von der ehrgeizigen Großmutter, über die kämpferische Mutter bis hin zu ihrer charakterstarken Tante und der machtbewussten Gouvernante, die ihr emotional am nächsten stand. Kaum auf dem Thron, wurde zwar lautstark gegen ihre Regentschaft protestiert, denn es sei "unvereinbar mit der Würde des Reiches, von einer Frau regiert zu werden". Aber, so Badinter, "Tatsache ist, dass nur wenige Leute zu dieser Zeit sich vorstellen konnten, dass diese junge, verliebte Frau mit dem fruchtbaren Leib über eine unbeugsame Seele verfügt und eine unbändige Lust an der Macht hat."

Geschickt und zielstrebig wird Maria Theresia von 1740 an für die nächsten vierzig Jahre die europäischen Geschicke leiten, nachdem sich das Blatt gewendet und sie die Zuneigung ihrer Untertanen gewonnen hat. Einmütig wird über ihre Anmut und ihren Charme geschwärmt, später dann auch über ihre politische Entschlossenheit und Intuition. Zudem bricht sie mit dem Protokoll, indem sie sich auf der Straße zeigt und Privatpersonen Audienzen gewährt. Sie wird eine nahbare Regentin und gewinnt dadurch die Herzen Aller. Ihre Unerfahrenheit (sie ist bei der Inthronisierung erst 23 Jahre alt) überwindet sie mit einem Berater, der ihr engster Vertrauter und gleichzeitig auch Freund ist (Er wird über sie sagen: "Der Mann des Jahrhunderts" ist eine Frau). Drei Kriege wird sie während ihrer Regentschaft führen, verliert und gewinnt dadurch Länder - und zwischendurch gebiert sie fast im Jahres-Rhythmus Kinder und trägt nicht ganz so häufig welche zu Grabe.

Von verschiedenen Seiten wird ihr eine gewisse Virilität bescheinigt, und fast scheint es so, als wäre sie eine frühe Feministin: sie lernt im Herrensitz zu reiten, lebt oft und gerne Sex mit ihrem Gatten aus, will von Männern und Frauen geliebt werden, ruft im Jahr 1757 das "Jahrhundert der Frauen" aus, ließ auf Gemälden Mädchen und Knaben zusammen darstellen (üblich war die getrennte Abbildung der Geschlechter) und gab damit zu verstehen, dass Mädchen (bzw. Frauen) genau so viel wert sind wie Jungen (bzw. Männer). Und auch wenn sie so häufig schwanger war, so räumt sie mit dem Mythos der glückseligen Schwangerschaft auf und vertritt stattdessen die Meinung, dass das Gebären "ein ellendes Handwerck" sei, verbunden mit Todesangst.

Mit zunehmendem Alter kamen aber auch die düsteren Seiten von Maria Theresia zum Vorschein. Das unrühmlichste Kapitel ihrer Regentschaft war sicherlich die Verfolgung der böhmischen Jüdinnen und Juden. Per Dekret ordnete sie 1744 die Ausweisung der böhmischen Jüdinnen und Juden an. Allein aus Prag mussten mehr als zehntausend ihre Stadt verlassen. Auch wenn drei Jahre später das Dekret wieder aufgehoben wurde, so erließ die Habsburgerin 1753 und 1764 sogenannte "Judenordnungen", die zur weiteren Ausgrenzung und Diskriminierung führten. Hier ist auf jeden Fall eine Schwachstelle in der Biogrphfie von Badinter, die dieses Faktum nur in einem winzigen Nebensatz erwähnt und weitere Ausführungen darüber unter den Tisch fallen lässt. Auch bei knapp dreihundert Seiten hätte diese historische Untat Maria Theresias Erwähnung finden müssen. Dafür konzentriert sich Badinter mehr auf die offenbar manisch-depressive Erkrankung Maria Theresias - heute besser bekannt unter dem Namen bipolare Störung -, die die Herrscherin aber größtenteils vor der Öffentlichkeit geheim halten konnte. Die letzten Jahre verließen sie ihre Kräfte immer mehr, zudem gab es Kompetenzstreitigkeiten mit ihrem Sohn, der seit dem Tod ihres geliebten Mannes (scheinbar) mitregierte. Schließlich starb sie infolge eines simplen Schnupfens - das Herz spielte nicht mehr mit.

AVVA-Tipp: Die Philosophin und Feministin Élisabeth Badinter hat für die Biographie sechs Jahre lang recherchiert und Tausende unzensierte Briefe gelesen, mittels derer die Autorin "der psychologischen Wahrheit einer historischen Persönlichkeit auf die Spur kommen möchte". Dadurch wird ein intensiver und persönlicher – vor allem aber feministischer - Blick auf Maria Theresia möglich, auch wenn leider einige wichtige Details wie der andauernde Antisemitismus der Maria Theresia nur am Rande erwähnt wurden. Historische Fachbücher sollten häufiger von Feministinnen geschrieben werden. Dann böte die Geschichte ganz andere Interpretationsspielräume und zugleich auch eine neue Perspektive in und Alternative für die politische Zukunft!

Zur Autorin: Élisabeth Badinter war Professorin für Philosophie an der Pariser École Polytechnique. Zu ihren Arbeitsgebieten gehören die Epoche der Aufklärung und die Geschichte der Frauen. Ihre Bücher "Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls" und "Ich bin Du. Auf dem Weg in die androgyne Gesellschaft" waren auch in Deutschland Bestseller. Anlässlich des 300. Geburtstags von Kaiserin Maria Theresia erschien im Frühjahr 2017 bei Zsolnay ihr Buch "Maria Theresia. Die Macht der Frau". (Quelle: Verlagsinformationen)


Elisabeth Badinter
Maria Theresia
Die Macht der Frau

Originaltitel:
Übersetzt von Horst Brühmann, Petra Willim
Zsolnay Verlag, erschienen März 2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN: 978-3-552-05822-4
Euro 24,00
www.hanser-literaturverlage.de


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