Ruth Landshoff-Yorck - Die Schatzsucher von Venedig - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2018 - Beitrag vom 06.06.2013

Ruth Landshoff-Yorck - Die Schatzsucher von Venedig
Madeleine Jeschke

In einer einzigen Nacht im Venedig der sp├Ąten zwanziger Jahre nimmt das Schicksal von sechs Menschen eine entscheidende Wendung. Ein Typoskript im Nachlass der deutsch-j├╝dischen Schriftstellerin...



... war die Grundlage f├╝r die von AvivA Verlag herausgegebene Erstedition des 1932 verfassten Romans.

Der Star der Berliner Boheme in den 1920er und 1930er Jahren ist heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Jung, klug und sch├Ân, vertrat sie den Typus "Neue Frau" und lebte als T├Ąnzerin und Schauspielerin, Journalistin, Lyrikerin, Roman-Autorin nicht nur den Stil der wilden Zwanziger, sondern berichtete auch dar├╝ber. Sie schrieb Artikel und Feuilletons ├╝ber ihre Generation der modernen Frau, und es wurde auch Fotostrecken ├╝ber die Schriftstellerin selbst in Zeitschriften ver├Âffentlicht. 1930 erscheint mit "Die Vielen und der Eine" ihr erster Roman, die beiden weiteren k├Ânnen jedoch aufgrund der Machtergreifung Hitlers nicht mehr erscheinen. Wie andere junge SchriftstellerInnen, die in den sp├Ąten Zwanziger- und fr├╝hen Drei├čigerjahren erste Erfolge feiern konnten, wurde Ruth Landshoff-Yorck vom "Dritten Reich" um ihre literarische Karriere gebracht.

"Die Schatzsucher von Venedig" beginnt mit einem rauschenden Fest in einem Palazzo. Dort trifft das amerikanische Geschwisterpaar Madelin und Jack auf eine bunt gemischte Partygesellschaft. Unter den G├Ąsten befinden sich ein abgedankter K├Ânig und extravagante Witwen, die als "depossedierter K├Ânig" oder die "pomp├Âse Dame Hofknix" vorgestellt werden. Auch anwesend in dieser illustren Gesellschaft sind: der erfolgreiche Theaterregisseur Bachmann, der selbsternannte Miterfinder des "Vitamin B", Dr. M├╝ller, der zwielichtige argentinische Revolution├Ąr Proktor und einige verarmte italienische AristokratInnen. Die sehr unterhaltsamen Konversationen der Partygesellschaft werden im Verlauf des Abends immer sonderbarer. Deren Exaltiertheit wird besonders durch Madelin, die sich unbefangen und mit typisch-amerikanischer Direktheit mit ihnen unterh├Ąlt, sowie durch den ironischen Erz├Ąhlton, verdeutlicht.

Unwissentlich wird die junge Amerikanerin in eine "Schatzsuche", einem Spiel neureicher Venedig-BesucherInnen verwickelt, dessen TeilnehmerInnen sich auf einer Art Schnitzeljagd befinden. In diesem Fall ist der "Schatz" eine kostbare Brosche. Der Fund und anschlie├čende Verlust des Schmuckst├╝cks f├╝hrt Madelin durch das n├Ąchtliche Venedig. Auf ihrem Weg trifft sie auf einen schlafenden Jungen, der sich ihr anschlie├čt. Zusammen kommen die beiden an den historischen Pl├Ątzen und Geb├Ąuden der Stadt vorbei, bis sie auf einen kuriosen Barmann treffen, der sie zum Palazzo Vendramin f├╝hrt, wo sie die Bekanntschaft mit seinem mysteri├Âsen Bewohner machen. Seinen Namen erfahren wir nicht, er wird von Madelin der "Herr von Vendramin" genannt. Er scheint aber wie alle Menschen, die in dieser Nacht aufeinander treffen, in gewisser Weise verloren und auf der Suche nach etwas zu sein. Auch Madelins Bruder Jack, der soeben einen Anruf seines Vaters erhalten hat und vom pl├Âtzlichen Ruin der Familie erfahren musste, sucht nach einem Ausweg. Mittellos m├╝ssen die Geschwister nun ihr Schicksal selbst gestalten. Auf dessen weiteren Verlauf werden die Begegnungen dieser Nacht entscheidenden Einfluss haben.

"Die Schatzsucher von Venedig" war von Landshoff-Yorck als Sommer-Roman geplant."It was to be a summer novel. Amusing and gay and light [...] schrieb die Autorin in einer ihrer autobiographischen Aufzeichnungen. Auf unangestrengte Weise n├Ąhert sich die Autorin dem Thema der Weltwirtschaftskrise, die laut Herausgeber Walter F├Ąhnders allegorisch mit dem "Verlust und Gewinn eines "Schatzes" deutbar wird. Wobei dieser Verlust am Ende eine Chance f├╝r etwas Neues bedeutet.
Das zweite Thema, dessen sich die Autorin unbefangen annimmt, ist Venedig, eine Stadt, die schon immer ber├╝hmte LiteratInnen angezogen hat. Der Literaturwissenschaftlerin Helga Karrenbrock zufolge "muss es umso ambitionierter anmuten, wenn eine junge Autorin Anfang der Drei├čiger Jahre Venedig zum Thema eines Romans macht." Ruth Landshoff-Yorck unternehme es "ausgerechnet im Genre des Trivialromans den g├Ąngigen Venedig-Mythos umzuschreiben". Daf├╝r leihe sie sich den jungen "unideologischen, ┬┤naiven┬┤ Blick" der jungen Amerikanerin Madelin, die es schafft, "die Sch├Ânheit und auch die Schattenseiten der Stadt aus der Geschichte ins Gegenw├Ąrtige zu transportieren."

Ruth Landshoff-Yorck und Venedig

Die Schriftstellerin selbst kannte die Stadt am Lido gut, ver├Âffentlichte sogar mehrere Feuilletons ├╝ber sie. "Die Schatzsucher von Venedig" spielt an verschiedenen Sehensw├╝rdigkeiten der Stadt, die im Buch als Fotografien abgebildet werden. Zusammen mit den plastischen Beschreibungen durch die Autorin werden den LeserInnen so die Schaupl├Ątze, wie das Hotel Excelsior oder der Palazzo Vendramin n├Ąher gebracht. In dem Palazzo, den Ruth Landshoff-Yorcks damaliger Liebhaber Karl Vollmoeller gemietet hatte, hielt sie sich h├Ąufig auf und traf sich dort u. a. auch mit der Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach, mit der sie eine enge Freundschaft verband.

Generell verarbeitet Landshoff-Yorck ihre Erfahrungen und Beobachtungen in den Kreisen der "Haute Vol├ęe" in diesem Roman, der vom Herausgeber mit nur minimalen ├änderungen wortgetreu ├╝bernommen wurde. Dies spiegelt sich in der ironischen Erz├Ąhlweise wieder, mit der sie diese Szene betrachtete, sowie in der Typisierung der Charaktere, von denen einige deutliche ├ähnlichkeiten mit real existierenden Personen aufweisen. So scheint auch Landshoffs um drei├čig Jahre ├Ąlterer Liebhaber Karl Vollmoeller die Vorlage f├╝r den "Herrn von Vendramin" geliefert zu haben. Die Figur des Theaterregisseurs Bachmann wiederum ist laut Herausgeber als eine Anspielung auf Max Reinhardt erkennbar.

Als Nichte des Verlegers Samuel Fischer hatte Ruth Landshoff-Yorck seit ihrer Kindheit Kontakt zu Ber├╝hmtheiten wie Thomas Mann und Gerhart Hauptmann, wurde von Oskar Kokoschka gezeichnet, bereits als Sch├╝lerin trat sie 1922 in Murnaus Nosferatu auf, sie lernte Theater bei Max Reinhardt und stand mit der damals noch unbekannten Marlene Dietrich auf der B├╝hne.
In ihrer unvollendeten und unver├Âffentlichten Autobiografie schrieb sie: "Ich war bestimmt ein gl├╝ckliches Kind. [ÔÇŽ] Ich war ├╝berm├Ą├čig stolz auf dreierlei: J├╝din zu sein, Deutsche zu sein, Berlinerin zu sein. All das war sp├Ąter eher ein Nachteil." Zitiert wird diese Stelle in dem Radiofeature der Schriftstellerin Ursula Krechel aus dem Jahr 1999, "In hartes Grau verwandelt ist das Gr├╝n. Ruth Landshoff-Yorck: J├╝din, Deutsche, Berlinerin" (Deutschlandradio).

Nach ihrem erfolgreichen Deb├╝t von "Die Vielen und der Eine"(1930) wurde sie vom Ullstein-Verlag damit beauftragt, einen Roman in Fortsetzungen f├╝r die Berliner Illustrierte zu schreiben, "Die Schatzsucher von Venedig", so Ruth Landshoff-Yorck in einem Brief von 1956 an einen Vertreter der Familie Ullstein. In einer autobiographischen Aufzeichnung gibt sie an, dass sie f├╝r den Roman 40.000 Mark h├Ątte erhalten sollen die H├Ąlfte [...] von dem was Vicki Baum kriegte" Mit der Erfolgsautorin Vicky Baum sah sich Ruth Landshoff-Yorck in direkter Konkurrenz.
"The book had been accepted when suddenly the government in Germany changed, and with it - everything changed.", schrieb die Schriftstellerin sp├Ąter an anderer Stelle aus dem Exil.

1933 entschied Ruth Landshoff-Yorck sich, in die Emigration zu gehen und Deutschland zu verlassen. In ihrem amerikanischen Exil, in das 1937 ging, wurde der Widerstand gegen die Nazi-Diktatur zu ihrem Hauptthema und das Englische zu ihrer Schreibsprache, so ver├Âffentlichte sie u.a. das vielbeachtete Gemeinschaftswerk "The Man Who Killed Hitler"(1939).
Wie f├╝r viele andere ExilliteratInnen blieb Deutsch ihre literarische Heimat. Sie begann erneut auf Deutsch zu schreiben und zu publizieren. 1952 erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt der Erz├Ąhlungenband "Das Ungeheuer Z├Ąrtlichkeit", womit sie jedoch nicht mehr an fr├╝here Erfolge ankn├╝pfen konnte. Auch um die Ver├Âffentlichung ihres Romans "Die Schatzsucher von Venedig", wie Walter F├Ąhnders in seinem Nachwort berichtet, hat sie sich in den f├╝nfziger Jahren ohne Erfolg bem├╝ht. Trotz prominenter F├╝rsprecherInnen fand sie zu ihren Lebzeiten keine/n VerlegerIn mehr.

Ihre Romane wurden erst 70 Jahre nach ihrer Entstehung vom AvivA Verlag wiederentdeckt. Mit der aktualisierten Fassung ihres 2004 ver├Âffentlichten Romans "Die Schatzsucher von Venedig" wird nun, nach der Neuauflage von "Die Vielen und der Eine" (2001) und Erstver├Âffentlichung von "Roman einer T├Ąnzerin"(2004), Landshoff-Yorcks gesamtes Roman-Werk, das sie vor 1933 verfasste, zug├Ąnglich gemacht.

AVIVA-Tipp "Die Schatzsucher von Venedig" war von der Autorin als Unterhaltungsroman erdacht und als dieser verfehlt er seine Wirkung nicht. Die leichte, am├╝sante Geschichte, im Stil und Sprache der Drei├čiger Jahre, ist ein authentisches Dokument seiner Zeit und l├Ąsst den Zeitgeist jener Jahre wieder sp├╝rbar werden.

Zur Autorin: Ruth Landshoff-Yorck, 1904 als Ruth Levy in Berlin geboren, schrieb Feuilletons und Artikel ├╝ber Autos, Mode und die moderne Frau f├╝r verschiedene Zeitschriften. 1930 erfolgt die Ver├Âffentlichung ihres ersten Romans "Die Vielen und der Eine". 1933 emigrierte Landshoff nach Frankreich, dann nach England, in die Schweiz und 1937 in die USA und begann dort eine zweite literarische Karriere als Ruth L. Yorck. Bis zu ihrem Tod 1966 lebte sie als Publizistin, ├ťbersetzerin und Theaterautorin in New York.

Zum Herausgeber: Walter F├Ąhnders ist apl. Professor f├╝r Neuere Germanistik an der Universit├Ąt Osnabr├╝ck. Er publizierte zahlreiche Editionen und Monographien zur Literatur des 20. Jahrhunderts, u.a. Avantgarde und Moderne 1890ÔÇô1933(1998), Mitherausgeber. von Ruth Landshoff-Yorck, Karl Otten, Philipp Keller u.a.(2003), Autorinnen der Weimarer Republik (2003), Metzler Lexikon der Avantgarde (2009), und der Nachlass-Edition von Annemarie Schwarzenbachs Das Wunder des Baums (2010)

Ruth Landshoff-Yorck
Die Schatzsucher von Venedig

AvivA Verlag, erschienen im M├Ąrz 2013
Hrsg. und mit einem Nachwort von Walter F├Ąhnders
ISBN 978-3-932338-56-4
168 Seiten
13,90 Euro
www.aviva-verlag.de

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(Quelle: AvivA-Verlag, Taz- Online -Archive)



Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 06.06.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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