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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.05.2016

Naomi Schenck - Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12
Ahima Beerlage

Die Szenenbildnerin, Autorin und FAZ-Kolumnistin Naomi Schenck erbt von ihrem Großvater, einem Pionier der Fotochemie, den Auftrag, seine Biografie zu schreiben. Schon bald findet sie heraus, dass Günther Otto Schenck bereits 1933 der SA...



... beigetreten ist und 1937 NSDAP-Mitglied wurde.

Für Naomi Schenck beginnt eine zwiespältige Reise in die Vergangenheit, geprägt von der Loyalität der Enkelin und der Pflicht als Biografin, ein möglichst vollständiges Bild des großen Wissenschaftlers zu erstellen.

Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, die Biografien derjenigen nachzuverfolgen, die in der Nazizeit als Erwachsene agiert haben. Für die nächsten Generationen bleiben häufig Fragen offen. Günther Otto Schenck legt die Aufgabe, diese Fragen nach seinem Leben zu beantworten, in die Hände seiner von ihm hochgeschätzten Enkelin Naomi, die im Hauptberuf als Szenenbildnerin arbeitet und mit ihrer "Reiseblatt"-Kolumne "Kann ich mal ihre Wohnung sehen?" in der FAZ bekannt wurde.

Lichtgestalt und Götterdämmerung

Die Enkelin beginnt ihre Spurensuche mit einem klaren Bild von ihrer Familie.
"Vertuschen ist etwas, das nicht zu unserer Familie passt. ...Man hat das Gefühl, man kann über alles reden. Nur leichte Zweifel schleichen sich bei ihr ein. Vermutlich kann man die Fülle der Geschichten aufteilen in jene, die erzählt wurden, und jene, die nicht erzählt wurden." Das Bild von der offenen Familie gerät ins Wanken, als Naomi Schenck mehr über die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters herausfindet. Für die kleine Naomi war der Großvater ein Held, der nach dem Krieg die Menschen mit seinem Wirkstoff von Spulwürmern befreite und der später als Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts ein wirksames Verfahren erfand, durch ionisierte Strahlen das Trinkwasser aufzubereiten. Und dieser geniale Wissenschaftler soll sich mit den Nazis zusammengetan haben? Warum?

Bald begreift Naomi, dass ihr Großvater "nicht aus der Welt gehen (wollte), ohne ein wenig aufgeräumt zu haben". Die unter Schweigen und Verfremdung verborgenen Spuren sollten möglichst empathisch und behutsam von seiner Lieblingsenkelin freigelegt werden, denn der Wissenschaftler Schenck tat sich zu Lebzeiten schwer mit moralischer Verantwortung. Er erzählte seiner Enkelin immer wieder eine Anekdote aus dem Krieg, in der General Rommel ihn kryptisch über ein Kontaktgift ausfragte. Günther sollte für ihn das Gift synthetisieren. Der Großvater hat den Auftrag angenommen, wohlwissend, dass Rommel dieses Gift als Kriegswaffe einsetzen wollte. Die Pointe war, dass er ihnen gezeigt hat: Ich hab erkannt was ihr von mir wollt! Dass er sich nicht hat hinters Licht führen lassen, der große Günther, mit dem können sie das nicht machen! Das erzählte er mir mit Schalk im Nacken."

Zwei Ski, die auseinander driften

In der Welt der Enkelin geraten die klaren Zuordnungen ins Wanken. Waren die Großeltern mütterlicherseits stramme MitläuferInnen, waren Günther und Christel die reflektierten Wissenschaftler. Doch schnell erkennt sie, "Günther in Schutz zu nehmen …Ob ich Fragwürdiges beleuchten und zugleich dem Vertrauen, das Günther in mich hatte, gerecht werden kann?"

Große Spuren

Ein weiteres Hindernis erschwert der Enkelin die Aufgabe. Die wissenschaftlichen Erfolge ihres Großvaters waren so herausragend, dass es selbst FachkollegInnen schwerfällt, sein komplexes Lebenswerk zu überschauen. Naomi wählt den einzig richtigen Weg. Sie gibt das wieder, was sie versteht - und macht es damit den LeserInnen leicht, die Forschung in Grundzügen zu erfassen. Diese Form der Subjektivität zieht sich durch das ganze Buch, das in seiner unmittelbaren Schreibweise keinem Genre folgt und ganz auf die Spurensuche der Enkelin ausgerichtet ist.

Hinter dem Schweigen

Halten sich viele Aufarbeitungsgeschichten der Nachfolgegenerationen zumeist an ein literarisches Muster wie beispielsweise Anna Mitgutsch in "Die Annäherung", die fast wie in einem Kammerspiel Vater, Tochter und Stiefmutter im Schweigen über die Schuld versinken lässt, sammelt Naomi Schenck in Interviews und Unterhaltungen ihre Geschichten rund um ihren Großvater. Sie überlässt es den Lesenden, aus den subjektiven Erzählungen eigene Rechtfertigungen und Glorifizierungen herauszufiltern. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass ihr Großvater selbst hinter seinen wissenschaftlichen Scheuklappen deutlich gesehen haben muss, was um ihn herum passierte. Die Familie wohnte in einer von den Nazis enteigneten Wohnung einer jüdischen Familie. In jeder Schicht, die sie freilegt, wird das Bild auf den Großvater diffuser.

Stärke in der Schwäche

Mit fortschreitender Lektüre werden auch die Lesenden zu DetektivInnen, die nicht durch vorschnelle moralische Urteile ausgebremst werden. Wo fängt Mittäterschaft an? Wo wird aus Fokussierung auf die Wissenschaft Opportunismus und Ignoranz?. Am Ende bleibt für die Enkelin und Biografin vor allem eine Frage: "Wie versteht man einen Menschen wirklich – indem man möglichst viel über ihn in Erfahrung bringt oder indem man ihm einfach nahe ist?"

Zur Autorin: Naomi Schenck wurde in Santa Monica geboren, wuchs in Mülheim an der Ruhr auf und studierte Malerei und Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1996 arbeitet sie als Szenenbildnerin für Film- und Fernsehproduktionen. Seit 2005 veröffentlicht sie Texte und Hörspiele. 2010 erschien von ihr "Archiv verworfener Möglichkeiten", seit 2012 veröffentlicht sie monatlich Foto-Text-Beiträge im FAZ-Reiseteil unter dem Titel: "Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?", 2013 erschien das gleichnamige Buch. Seit 2015 führt sie Interior Design Projekte in den USA durch.
Naomi Schenck lebt in Berlin. (Quelle: Hanser Literaturverlag)
Die Autorin im Netz:
www.naomischenck.de

AVIVA-Tipp: Am stärksten ist das Buch, wenn die Autorin ihre Zweifel und Skrupel zwischen Enkelin und Biografin preisgibt. Am Ende ist Naomi Schenck vielleicht wieder dort angekommen, wo sie mit ihren Reisebildern bei der F.A.Z. begonnen hat. Sie hat Szenarien besucht, sich ein Bild gemacht, ihre Eindrücke und Veränderungen nach jedem Bild geschildert – und damit ein diffuses Gesamtbild geschaffen, das sich jeder eindeutigen Bewertung entzieht. Darin liegt gerade die Stärke dieser ganz persönlichen Biografie ihres Großvaters, des herausragenden Wissenschaftlers und frühen NSDAP-Mitglieds Günther Otto Schenck.

Naomi Schenck
Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12

Hanser Verlag, erschienen 22. Februar 2016
Gebundene Ausgabe, 336 Seiten
ISBN-10: 3446250786
ISBN-13: 978-3446250789
22,90
www.hanser-literaturverlage.de

Auch als Hörbuch erhältlich
Gekürzte Lesung mit Julia Nachtmann
7 CDs, 532 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-95713-040-2
Hörbuch Hamburg, erschienen am 26. Februar 2016
www.hoerbuch-hamburg.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Naomi Schenck - Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?
Die gespannte Neugierde beim Betreten einer fremden Wohnung kennt jedeR – es ist ein besonderer Augenblick zwischen Distanz und Intimität. Die Szenenbildnerin und Autorin hat sich diesen magischen Moment zunutze gemacht und nimmt die LeserInnen mit auf eine weltweite Tour durch unbekannte Interieurs. Spontane Besuche in Luxusapartments, Großstadtbuden und Herrenhäusern fördern Skurrilitäten und aberwitzige Geschichten zutage. (2013)

Anna Mitgutsch - Die Annäherung
Hat die österreichische Autorin in ihren Romanen vor allem die Suche nach der jüdischen Identität nach der Shoa thematisiert, wechselt sie in ihrem neuen Roman die Perspektive und taucht ein in das Schweigen, das in den Verbrechen der Nazis zur Mittäterschaft war. (2016)

Nea Weissberg, Jürgen Müller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz Identitäten in Deutschland nach 1945. Dreißig Beiträge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Viel zu spät wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn während die Frage nach der Identität für die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im öffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend für die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von jüdischer Seite kommt, ist es nicht. (2016)


Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 24.05.2016 Ahima Beerlage 

   




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