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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 02.06.2016

Abigail Ulman. Jetzt - Alles - Sofort
Laura Seibert

Eine der besten jungen AutorInnen Australiens richtet in ihrem ersten Erzählband den Fokus auf die Erwartungen und Enttäuschungen junger Frauen und Teenagerinnen. Zuviel Sex and the City, aber anspruchsvolle offene Enden.



Zurzeit wohnt Abigail Ulman in Berlin, wo sie zuletzt in der Buchhandlung Uslar & Rai am 9. Mai 2016 bei einer Lesung mit Anneliese Mackintosh und Kat Kaufmann zu hören war. Im Mai dieses Jahres erhielt sie außerdem die Auszeichnung als "Best Young Australian Novelists" vom Sydney Morning Herald. Zuvor hat sie in Jerusalem, Paris, New York und Kairo gelebt, sie ist in Melbourne geboren und aufgewachsen, wo sie Kreatives Schreiben studierte. 2006-2008 war sie Stipendiatin des Stegner Fellowships an der Stanford University in Kalifornien.

Eine Stimme für die junge Frauengeneration?

So facettenreich wie ihre Wohnorte ist auch ihr Debüt, in dem sie neun Erzählungen vereint, deren Hauptcharaktere ohne Ausnahme weiblich sind, junge Frauen oder auch Teenagerinnen. Hinter den oberflächlich betrachtet eher glatt wirkenden Protagonistinnen verbergen sich junge Menschen, die Entscheidungen fürs Leben treffen müssen. Sei es, den Traum als international erfolgreiche Turnerin zu verwirklichen, das erste Buch zu veröffentlichen oder eine Schwangerschaft abzubrechen. Der Autorin gelingt es, interessante und individuelle Biographien zu kreieren. Jedoch schwanken ihre Protagonistinnen in ihrer Haltung meist zwischen ähnlichen Gefühlsnuancen, von abgeklärt und selbstbewusst, zu unsicher und verletzlich. Die Handlungen verteilen sich auf dem Globus, spielen in Russland, den USA, Australien und England. Dabei gibt es keinen übergreifende Erzählbogen, jede Geschichte steht für sich.

Gute Twists trotz Soap Feeling

Wie zwischen den Zeilen versteckt, kündigt sich der Twist meist eher schleichend an. Trotz (oder gerade wegen?) ihrer Teenage-Charaktere sind die Geschichten überhaupt nicht harmlos. Einreiseverweigerung, Missbrauch und Menschenhandel spiegeln sehr drastische Probleme wieder, die in die Welt der Protagonistinnen, die bereits mit pubertären Zugehörigkeitskämpfen und Erwachsenwerden überfordert sind, unvorhergesehen einbrechen. "Die Tür ist verschlossen, und wir finden in der ganzen Wohnung keinen Schlüssel. Dafür entdecken wir eine Kondomhülle neben einer der Matratzen."

Über die Abgründe in der Thematik täuschen teilweise die Soap-ähnlichen Zwischentöne hinweg, die durch ihre Oberflächlichkeit manchmal an Sex and the City erinnern. Dabei versteht die Autorin es durchaus, die Welt literarischer Hipster selbstironisch – wie auch sonst – zu beobachten: "Alle tragen tätowierte Zitate. Kundera und Eliot und welche, die ich nicht erkenne – massive Wortblöcke in Schreibschrift, Helvetica und arabischen Schriftzeichen, die Waden, Unterarme und Schultern hinabkriechen."

"Jüdische Geschichte"

Die gleichnamige Erzählung handelt von der Teenagerin Anya, die mit ihren Eltern 1989 die Sowjetunion verlassen hat. Die Autorin lenkt hier die Aufmerksamkeit auf die jüngere Geschichte jüdischer Emigration. Als Russin begegnet Anya auf der neuen jüdischen Schule in Australien vielen Ressentiments: Ihre MitschülerInnen rufen sich "du riechst schon wie ein Russki" als Beleidigung zu. Wenn die Ich-Erzählerin Anya von den Erfahrungen der Emigration und ihrem Leben als Jüdin in Russland erzählt, findet sie nur selten ein offenes Ohr.

"`Hattet ihr in Russland auch Barmis?´, fragte er. `Manchmal´, sagte ich. `Ist aber sehr schwierig. Kann gefährlich sein´.

Beim Lesen dieser eindringlichen Geschichte wünscht die Leserin sich, mehr zu erfahren: über Anya, ihre Eltern, die Emigration, und die Situation von Juden und Jüdinnen in Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion. Fragen anzureißen, ohne sie für die Leserin zu beantworten, ist eine Stärke der Autorin.

Offene Enden

Die Kurzgeschichte "Plus Eins" handelt von der eskapistischen Phantasie einer 22-jährigen New Yorkerin von der Upper East Side. Verschiedene Zukunftsszenarien verwerfend überlegt sie sich, statt das erste Buch fertigzustellen, ein Kind zu bekommen. Als alternative Rund-um-Beschäftigung. Dabei macht die Autorin es der Leserin keineswegs so einfach, ihr ein Urteil an die Hand zu geben, obwohl die Protagonistin von "Plus Eins" durchaus sehr anstrengen kann. Nachdem ihre Geschichten vom aufgegebenen Buchprojekt vom Verlag an eine andere junge Schriftstellerin übergeben werden, um diese groß herauszubringen, ist ihr Traumleben als Vollzeit-Mutter schließlich nicht mehr so verlockend.

AVIVA-Tipp: Abigail Ulman legt mit ihrem Debüt einen vielseitigen Erzählband vor, der umso mehr fesselt, desto mehr die Leserin bereit ist, zwischen den Zeilen zu lesen. In scheinbar harmlose Welten bettet sie vielfältige Problematiken von Jugendlichen und Frauen, zwischen Upper East Side und Wladiwostok. Ihre meist präzise Erzählweise kontrastiert mit den offenen Fragen, die sie gekonnt aufwirft und die nicht selten nach der Lektüre im Kopf bleiben. Daneben wirken einige ihrer Erzählungen allerdings ein wenig beliebig.

Abigail Ulman – Jetzt – alles – sofort
Originaltitel: Hot Little Hands
Aus dem australischen Englisch von Anna-Christin Kramer
Hardcover, 368 Seiten
ISBN 978-3-0369-5738-8
Kein & Aber Verlag, erschienen im Februar 2016
19,90 EUR
keinundaber.ch

Die Autorin im Netz:
twitter.com/abigaileulman
keinundaber.ch

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Anneliese Mackintosh - So bin ich nicht. (Gretas Storys)
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Alina Gromova - Generation koscher light. Urbane Räume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin
Eine Untersuchung der postmodernen Generation junger Berliner Jüdinnen und Juden, deren Identität durch den urbanen Raum geprägt wird. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde 2013 mit dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet. (2014)




Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 02.06.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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