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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 09.09.2017

Lana Lux – Kukolka. AVIVA-Buchrezension und Infos zu Lesungen mit der Autorin
Silvy Pommerenke

Ein Buch der Schauspielerin und Autorin, die auf ihrem Blog "52 SCHABBATOT" literarische Texte, "Jüdische und Unjüdische" Geschichten erzählt. Ein Buch, das sprachlos macht. Wegen der sachlich-kühlen - bisweilen naiven - Darstellung von Gewalt an Mädchen, und was dennoch kaum aus der Hand zu legen ist. Weil die Geschichte der kleinen Kukolka ans Herz geht und weil...



... es der Autorin durch die sprachliche Nüchternheit gelingt, einen gesunden Abstand zu der Geschichte zu wahren. Ohne diesen Abstand wäre die Lektüre nahezu unerträglich.

Manche Menschen werden definitiv nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren. Samira ist ein solcher Mensch. Ende der achtziger Jahre in einer Großstadt der Ukraine geboren, wächst sie im Kinderheim auf, das ironischerweise "Sonnenschein" heißt. Schnell lernt sie, dass Anpassung überlebensnotwendig ist. Ihr größter Traum, von einem reichen Ehepaar adoptiert zu werden und nach Deutschland auszuwandern, scheint in unerreichbarer Ferne zu liegen.

Irgendwie gelingt ihr dann doch die Flucht aus dem Heim, und Samira erscheint das personifizierte Glück in Form von Rocky. Sie konstatiert: "Ich fühlte mich ein bisschen wie ein kleiner Hund, den man von der Straße geholt hatte". Sie ist sieben Jahre alt, wird die nächsten fünf Jahre bei ihm bleiben und wird fortan Kukolka (Püppchen) genannt. Sie lernt wie ein moderner Oliver Twist zu betteln, zu klauen und zu brandstiften. Und bringt sich nebenbei lesen, schreiben und singen bei. Mit ihrer kindlichen Naivität steht sie dabei im absoluten Kontrast zu ihrer Umwelt, und staunt über solche scheinbaren Eigentümlichkeiten wie "Erdbeergeschmack im Winter ist etwas Unglaubliches."

Schleichend wird Kukolka von Rocky in die Zwangsprostitution geführt. Bis sie begreift, was mit ihr geschieht, ist es längst zu spät. Aber eine Wahl hätte sie sowieso nicht gehabt. Mit Alkohol wird es erträglicher, dann muss sie sich - und das, was die Männer mit ihr machen - nicht spüren. Zugleich fantasiert sie sich in eine Parallelwelt und schafft es dadurch, die erbarmungslose Welt um sich herum zu vergessen.

Die Brutalität baut sich im Verlauf des Romans immer weiter auf. Die Leserin wird gleichsam wie die Protagonistin sukzessive in den unsäglichen Strudel mit hineingezogen, bis es schier unerträglich wird.

Als Kukolka Dima kennen lernt, und er sie aus dem Elend bei Rocky befreit, glaubt sie, endlich das große Los gezogen zu haben. Er ist hübsch, reich und freundlich. Auch an den Sex mit ihm gewöhnt sie sich langsam. Und schließlich schleust er sie auch noch mit gefälschten Papieren nach Deutschland – ihr Wunschland. Aber statt des ersehnten Lebens in Glückseligkeit besteht ihr Leben bald nur noch aus Zigaretten, Alkohol, Partys und erzwungenem Sex.

Auch hier findet die Veränderung nahezu unmerklich und schleichend statt, bis sie täglich mehrere Freier hat. Stoisch lässt sie die Perversitäten der Männer über sich ergehen. Und wenn es dann doch zu schlimm wird, dann denkt sie "währenddessen einfach an irgendwelche anderen Sachen. Manchmal gelang es mir ein Geist zu werden". Wenn Kukolka – und mit ihr die Leserin – gedacht hat, dass es nicht schlimmer kommen könnte, so haben beide weit gefehlt. Denn das Mädchen wird von Dima schließlich an eine Sex-Agentur verkauft. War die sexuelle Gewalt bislang eine Tortur, so wird es jetzt der absolute Albtraum für Kukolka. Von bis zu zwanzig Männern täglich wird sie "gebucht", und sie erträgt das alles nur, indem sie haufenweise Drogen nimmt und alles wie im Nebel erlebt. Das Motiv der Männer: es geht um "Macht. Gewalt. Erniedrigung". Es scheint keinen Ausweg für Kukolka zu geben. Glücklicherweise hat Lana Lux Erbarmen mit ihrer Protagonistin und auch mit der Leserin. Was nahezu unmöglich scheint, gelingt ihr zum Ende des Romans dann doch. Die Flucht, die Rettung, das Überleben eines Menschen, den "diese Scheißgesellschaft ausgespuckt hat".

Der lakonische Sprachstil von Lana Lux zieht sich durch den gesamten Roman und hilft der Leserin dabei, einen großen Abstand zu der Figur und dem Gelesenen einzulegen. Die sprachlichen Bilder die sie entwickelt, wirken umso stärker, je reduzierter sie ihre Sätze formuliert. Dadurch bildet sie den Schrecken nüchtern ab und schafft somit ein Abbild der kindlichen Gedankenwelt. Samira hat bereits so viel Grauenhaftes in ihrem kurzen Leben durchgemacht, dass das für sie der Normalzustand und nicht die Ausnahme ist. Die Naivität, mit der sie die brutalen Erlebnisse verarbeitet und sich ihnen stellt, ist für sie gleichsam ein Schutzpanzer. Auch wenn es nur eine Romanfigur ist, so geht das an der Leserin nicht spurlos vorüber!

AVVA-Tipp: Lana Lux ist ein Debüt von spröder sprachlicher Schönheit gelungen mit einem knallharten Thema: Zwangsprostitution und Mädchenhandel. Die Leserin benötigt für die Lektüre allerdings äußerst starke Nerven, denn die brutalen menschlichen Abgründe, in denen die minderjährige Protagonistin lebt, sind stellenweise kaum zu ertragen. Wie gut, dass es nur Fiktion ist. Wie grauenhaft, dass das für manche Frauen und Mädchen Realität ist!

Zur Autorin: Lana Lux, geboren 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine, immigrierte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin. 2016 begann ihre literarische Karriere auf der Berliner Lesebühne Feuerpudel, wo ihr Text "Berlin, Heimat der Heimatlosen" einen zweiten Platz belegte.
Kurz darauf ging sie mit ihrem Blog "52 SCHABBATOT. Jüdische und Unjüdische Geschichten" online, auf dem sie Kurzgeschichten, Essays, Szenen, Skizzen, Illustrationen und Alltagsberichte aus ihrem (jüdischen) Leben dokumentiert. Dieser wurde in kurzer Zeit so populär, dass er eine Erwähnung bei Deutschlandradio Kultur fand. Zeitgleich schrieb Lana an ihrem ersten Roman "Kukolka", der am 18. August 2017 im Herbstprogramm des Aufbau Verlags erschien.
Seit Anfang September 2017 ist Lana Lux im Rahmen des EJKA-Projektes "Gelebte Vielfalt und Anerkennung" Referentin ihres Creative Writing Workshops GANZ LAUT SCHREIBEN: "Wie geht jüdischSEIN?" für Menschen von 15-20 Jahren im Janusz-Korczak-Haus Berlin.
Lana Lux mit ihrem Blog 52schabbatot im Netz: 52schabbatot.wordpress.com

Lana Lux Lesungen live:

04.10.2017 - Berlin - Clinkerlounge der Backfabrik
14.10.2017 - Frankfurt - Haus des Buches
08.11.2017 - Bremen - Bremer Hafenmuseum
09.11.2017 - Bremen - Gästehaus der Universität Bremen
10.11.2017 - Berlin - Buchhandlung Uslar & Rai GbR
12.11.2017 - Berlin - TAK Theater im Aufbau Haus
14.11.2017 - Heidelberg - Karlstorbahnhof
01.02.2018 – Berlin - Buchhandlung Thaer
05.03.2018 - Bobenheim-Roxheim - Kurpfalztreff unter den Arkaden
16.03.2018 - Leipzig - Buchhandlung Hugendubel

Lana Lux
Kukolka

Aufbau Verlag, erschienen August 2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 375 Seiten
ISBN: 978-3-351-03693-5
Euro 22,00
www.aufbau-verlag.de

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Eine Untersuchung der postmodernen Generation junger Berliner Jüdinnen und Juden, deren Identität durch den urbanen Raum geprägt wird. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde 2013 mit dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet. (2014)

Rena Dumont - Paradiessucher
Mit einem Urlaubsvisum und ihrem alten Fiat flüchten die 17-jährige Lenka und ihre Mutter Mitte der 1980er Jahre aus Tschechien nach Deutschland, wo sie eine Welt der kahlen Asylheime, bunten Supermärkte und zahlreichen Ungewissheiten kennenlernen. Dumonts Debutroman ist eine autobiografische Erzählung über Abschied und Neuanfang. (2013)

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Kat Kaufmann
Superposition

Hoffmann und Campe Verlag, erschienen am 15.08.2015
www.hoffmann-und-campe.de

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Ich wollte Einhörner

Ullstein Buchverlage, erschienen am 08.04.2015
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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 09.09.2017 Silvy Pommerenke 

   




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