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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2018 - Beitrag vom 16.01.2018

Lize Spit - Und es schmilzt. Verfilmung durch die Musikerin und Schauspielerin Veerle Baetens ist geplant
Silvy Pommerenke

Die Erwartungen sind groß bei dieser Lektüre, denn Lize Spit ist zurzeit DIE Erfolgsautorin Belgiens. Sie hat mit ihrem Debütroman "Und es schmilzt" ein Jahr lang die Bestsellerliste in Belgien angeführt, außerdem haufenweise Preise und positive Kritiken erhalten. Können die Erwartungen tatsächlich erfüllt werden und vor allem: Was schmilzt denn da eigentlich?



Die letztere Frage lässt sich leicht beantworten, denn Eva, die Protagonistin des Romans, fährt mit einem überdimensionierten Eisblock im Auto durch die Gegend, der sukzessive vor sich hinschmilzt. Natürlich eröffnet sich damit die nächste Frage: warum tut sie das eigentlich und was bezweckt sie damit? Das Leitmotiv zieht sich wie ein magischer Sog durch den Roman und führt gerade auf den letzten einhundert Seiten dazu, dass das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt werden kann, weil die Leser*in natürlich der Auflösung entgegenfiebert. Aber das ist nicht die einzige Frage, die der Roman beantworten will, sondern es eröffnen sich zwei weitere Rätsel. Zum einen muss Eva als Teenager etwas Schreckliches passiert sein. Und zwar so schrecklich, dass sie bis heute – dreizehn Jahre später – immer noch darunter leidet. Zum anderen ist der Bruder einer ihrer besten Kumpels damals gestorben. Ob beide Ereignisse zusammenhängen? Die Vermutung liegt nahe, aber Lize Spit lässt die Leser*in lange – sehr lange - im Ungewissen, bevor sie sämtliche Fragen auflöst.

Das macht sie äußerst geschickt, indem sie drei sich abwechselnde Erzählstränge (bestehend aus einem Tag in der Gegenwart, fünf Wochen im Jahr 2002 und einem größeren Zeitraum in den neunziger Jahren ineinander verwebt. Dabei lässt sie sich Zeit und entfaltet auf den ersten dreihundert Seiten alles, was für den finalen Countdown nötig ist. Nach und nach zeichnet sich dabei das Bild einer gestörten Familie ab. Evas Eltern sind hochgradig vom Alkohol und Medikamenten abhängig und ein potentieller Suizid ist beständiger Begleiter in dieser Familie. Außerdem drischt der Vater gerne auf nackte Kinderhaut ein. Dass das Spuren bei Eva und ihren beiden Geschwistern hinterlässt, ist nicht verwunderlich. Der Bruder sondert sich in einer Parallelwelt ab, indem er unter dem Mikroskop Insekten seziert und die jüngere Schwester reagiert mit einer Zwangs- und Essstörung. Alles andere also als eine glückliche Kindheit. Wie gut, dass Eva zwei beste Freunde hat, Pim und Laurens. Aber ist das wirklich gut? Wohl kaum, denn Evas Funktion in dem Dreiergestirn, die sich auch gerne die drei Musketiere nennen, wandelt sich in eine denkbar ungnädige. Während die Jungs in vertrauter Kumpanei agieren, wird sie zu einer Art Sekretärin degradiert, die zum schnöden Beiwerk verkommt. Zudem führt das sexuelle Erwachen der Teenager bald schon zu äußerst unappetitlichen Situationen.

Was anfänglich noch als eine unglückliche Coming-of-Age-Geschichte in dörflicher Umgebung erscheint, entwickelt sich im Verlauf der fünfhundert Seiten zu einem absoluten Alptraum. Lize Spit verschont die Leser*in mit keiner Zeile, vielmehr schreibt sie sich ein Grauen von der Seele, so dass das Weiterlesen von einer beständigen Übelkeit begleitet wird. In Buchkritiken wird über den Debütroman von Lize Spit geurteilt, er sei "gnadenlos, knallhart und kompromisslos grausam" oder besäße die "Treffsicherheit eines Messerwerfers". Dem kann sich die Rezensentin nur anschließen. Lize Spit ist ein Meisterwerk des realen Grauens gelungen, das sich noch lange als Kloß im Hals des eigenen Alltags bewahrheitet. Eigentlich müsste ein Warnhinweis auf diesem Buch angebracht werden: nichts für schwache Gemüter!

Aber nicht nur die Literaturfreund*innen kommen bei diesem Roman auf ihre Kosten, sondern bald auch die Cineast*innen. Die Filmrechte von "Und es schmilzt" wurden an Veerle Baetens übertragen. Die belgische Musikerin und 2013 als beste Schauspielerin Europas ausgezeichnete Veerle Baetens ("The Broken Circle Breakdown", 2013 auf der Berlinale gezeigt und mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet, und "Code 37", die deutsche Erstausstrahlung der Fernsehserie erfolgte im März 2014) wird mit "Und es schmilzt" ihr Regiedebut geben. Wie sie das Grauen von Lize Spit filmisch übersetzt, macht jetzt schon neugierig!

AVVA-Tipp: "Und es schmilzt" hat zu Recht für den großen medialen Rummel der vergangenen Monate gesorgt und erfüllt alle Erwartungen. Der belgischen Autorin ist damit ein ganz großer Wurf gelungen. Nicht nur, dass sie über sehr großes erzählerisches Talent verfügt und mit der Sprache wunderbar jongliert, sondern inhaltlich schreibt sie so viele wahre Sätze, dass an ihr eine Philosophin verloren gegangen ist. Es sei aber noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieses Buch wirklich alles von seinen Leser*innen abverlangt, denn menschliche Grausamkeiten werden explizit beschrieben und mit keiner Silbe beschönigt.

Zur Autorin: Lize Spit wurde 1988 geboren, wuchs in einem kleinen Dorf in Flandern auf und lebt heute in Brüssel. Sie schreibt Romane, Drehbücher und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman "Und es schmilzt" stand nach Erscheinen ein Jahr lang auf Platz 1 der belgischen Bestsellerliste und gewann zahlreiche Literaturpreise, darunter den Bronzen Uil Preis für den besten Debütroman und den Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres 2016. (Quelle: Verlagsinformationen)
Lize Spit im Netz: www.lizespit.be und auf Facebook: www.facebook.com/lize.spit

Zur Übersetzerin: Helga van Beuningen, geboren 1945, lebt in Schleswig-Holstein. Sie übersetzt aus dem Niederländischen, u. a. Maya Rasker, A.F. Th. van der Heijden, Marcel Möring, Margriet de Moor und Cees Noteboom. Für ihre Arbeit wurde sie u. a. mit dem Martinus-Nijhoff-Preis, dem Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein, dem Helmut-M.-Braem-Preis und dem Else-Otten-Preis ausgezeichnet. (Quelle: Verlagsinformationen)

Lize Spit
Und es schmilzt

Originaltitel: Het smelt
Übersetzt von Helga von Beuningen
S. Fischer Verlag, erschienen August 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-10-397282-5
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: www.fischerverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lana Lux – Kukolka
Ein Buch der Schauspielerin und Autorin, die auf ihrem Blog "52 SCHABBATOT" literarische Texte, "Jüdische und Unjüdische" Geschichten erzählt. Ein Buch, das sprachlos macht. Wegen der sachlich-kühlen - bisweilen naiven - Darstellung von Gewalt an Mädchen, und was dennoch kaum aus der Hand zu legen ist. Weil die Geschichte der kleinen Kukolka ans Herz geht und weil es der Autorin durch die sprachliche Nüchternheit gelingt, einen gesunden Abstand zu der Geschichte zu wahren. Ohne diesen Abstand wäre die Lektüre nahezu unerträglich. (2017)

Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 16.01.2018 Silvy Pommerenke 

   




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