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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 27.01.2010

Charlotte Gainsbourg - IRM
Claire Horst

Mit keinem Geringeren als dem Indierock-Pionier Beck hat Charlotte Gainsbourg ihr neues Album aufgenommen. Und tatsächlich ist aus dieser Gemeinschaftsarbeit ein Werk entstanden, das sich durch ...



... seine Vielfalt und Experimentierfreude auszeichnet.

Von der Musikpresse wurde die 1971 geborene Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg bislang häufig in die Schublade "niedliches Stimmchen" geschoben. Damit ist es spätestens mit diesem Album vorbei. Sowohl textlich aus auch musikalisch stellt die Sängerin sich einigen Herausforderungen, die sie bravourös meistert. Nicht ohne Grund hat sie für "IRM" statt Jarvis Cocker und Air (die das Vorgängeralbum produzierten) den für seinen kreativen Wahnsinn bekannten Beck Hansen gewählt.

Charlotte Gainsbourg, die auch als Hauptdarstellerin im preisgekrönten Drama "Antichrist" von Lars von Trier unlängst Mut bewiesen hat, kann endlich beweisen, was in ihr steckt - und das ist viel mehr als ein hübsches Stimmchen. Zwar ist ihr zartes Flüstern und Wispern, wie es auch auf ihrem Erstling "5:55" zu hören war, durchaus noch im Einsatz. Doch das Arrangement ihres dritten Albums sorgt dafür, dass Erwartungen durchgängig unterlaufen werden. "Dandelion" etwa ist ein bluesiger Titel mit Anspielungen auf klassische Americana ("red river keep on rolling down"), in dem die Sängerin gegen die dominante Gitarre mit ihrer Stimme durchaus Akzente setzen kann.

Und selbst wenn es einige MusikkritikerInnen geben mag, die der Sängerin Verrat am von außen auferlegten Mädchenimage vorwerfen, ist dieser Mut zum "Mund auf" ein großer Gewinn. Rauchig-kehlig und sehr ausdrucksvoll klingt Gainsbourg in "Trick", einem Song, aus dem auch die Gitarre von Beck Hansen deutlich herauszuhören ist. Großartig in seiner Reminiszenz an den guten alten Folkrock ist auch "Heaven Can Wait", ein Tambourin-gestütztes Duett der beiden SängerInnen. Der Song ist auch auf dem Soundtrack zu Detlev Bucks neuem Film "Same Same But Different" zu hören.

"Greenwich Mean Time" dagegen erinnert, so unpassend das in diesem Zusammenhang klingen mag, stellenweise an Bands aus der Elektroszene wie Miss Kittin oder auch Fever Ray. Dieselbe Offenheit beweist Gainsbourg im Titelsong "IRM", der ebensolche elektronische Elemente aufweist. Mit seinen düsteren, verzerrten Melodien und Trommelklängen wirkt er wie eine Symbiose aus afrikanischer Volksmusik und einer modernen Clubhymne - großartig! An solchen Stellen reicht Gainsbourgs dunkle Ausdruckskraft fast an die einer P.J. Harvey heran - um dann im nächsten Song, "Le Chat du Café des Artistes", einen alten Klassiker zu covern, was ihr ebenso meisterhaft von der Hand geht. Bei ihr wird der Titel zu einem dramatisch-lyrischen Stück, das sich beinahe als Titelsong zu einem James-Bond-Film anbieten würde.

Offenheit zeigen auch die Texte der Songs, die zum Teil sehr persönliche Interpretationen zulassen. Gainsbourg, die kürzlich eine Hirnblutung erlitten hat, singt in "Master´s Hands" "Drill my brains / All full of holes / and patch it up before it leaks". Im Titelsong, dessen Name sich auf die Kernspintomografie bezieht, heißt es: "Take a picture what´s inside / Ghost imaging my mind / Neural pattern like a spider".

All diese vermeintlich gegensätzlichen Einflüsse und Themen verbindet Gainsbourg zu einem gelungenen Konzeptalbum. Statt angestrengt oder bemüht klingt das Ergebnis nach viel Spaß, nach der Freude am Ausprobieren. Nicht zuletzt deshalb ist es ein Album, das sich erst beim mehrmaligen Anhören erschließt, so viele Anspielungen und Ideen sind darauf versteckt.

Ein deutlicher Einfluss, den Gainsbourg vielleicht nicht allzu gerne zugeben würde, ist der ihres Vaters, für den sie mit 13 Jahren ihren ersten Gesangspart übernahm. Auch Serge Gainsbourg ließ sich von den unterschiedlichsten Traditionen inspirieren, wie bei seiner Tochter waren auch auf seinem Alben immer verschiedenste musikalische Linien von Amerika bis Afrika herauszuhören. Diese Ähnlichkeit ist keine Schande, schließlich gehört Serge Gainsbourg zu den ganz Großen - und seine Musik ist so vielfältig, dass es kaum möglich ist, alles ganz anders zu machen als er.

Die Songs hat allesamt Beck geschrieben, doch sie wandelten sich in der Zusammenarbeit zu etwas Neuem: "Ich holte einen Stapel Songs hervor. Und dann schrieb ich ein paar neue, während ich an Charlotte dachte. Aber nachdem wir eine gewisse Zeit miteinander verbracht hatten, veränderten sie sich vollständig, denn ich bekam ein Gefühl dafür, in welche Richtung sie eigentlich gehen wollte. Wir gingen ins Studio und plötzlich erkannte ich all die Möglichkeiten, die sich boten." Auch bei der Textarbeit hat Charlotte Gainsbourg sich von Beck unterstützen lassen - eine echte Kooperation statt eines reinen Masterings durch einen Unbeteiligten. Die Mühe, die beide aufgewendet haben, ist dem Album anzuhören oder vielmehr nachzufühlen.

AVIVA-Tipp: Ein Album, das sich mit der Zeit erschließt und auch bei mehrmaligem Hören immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Großartig!

Charlotte Gainsbourg im Netz: www.charlottegainsbourg.com

Charlotte Gainsbourg
IRM

Because Music / Warner Music
VÖ 11. Dezember 2009

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Music Beitrag vom 27.01.2010 Claire Horst 

   




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