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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.06.2005

Interview mit 2raumwohnung
Anja Kesting

"Melancholisch schön" das neue Album der Berliner Band ist jetzt erschienen. AVIVA-Berlin sprach mit Inga Humpe und Tommi Eckart über Bossa Nova, Einsiedelei, Erfolg und Energie.



© Fotos: Florian Kolmer
AVIVA-Berlin: "melancholisch schön" erscheint am 20.6.2005 unter dem Titel „Das akustische Sommeralbum Neue Musik und Neue Versionen“. Weshalb Bossa Nova?
Inga Humpe: Bossa Nova hat sich so ergeben. Unser Coproduzent Jens Wagemann, der auch gleichzeitig unser Schlagzeuger ist, hat hin und wieder Bossa Nova Akkorde auf der Gitarre gespielt. Und wir ließen beiläufig mal "sexy girl" oder "ich und elaine" in diesem Rhythmus erklingen.
Wir wollten schon seit langer Zeit ein ruhiges, chill out- oder unplugged Album machen. Es sollte ein sanftes Album sein, das uns selbst beruhigt, aber auch eine beruhigende Wirkung auf andere hat. Das man hören kann, wenn man morgens nach Hause kommt, und Ruhe braucht. Es gibt ja so Augenblicke, da spüre ich, ich muss jetzt eine entspannende Musik auflegen, weil es mir gut tut und für diese Momente haben wir "melancholisch schön" gemacht. Dafür eignet ist Bossa Nova außerordentlich, mit seiner Mildheit, Weichheit und Sanftheit.

AVIVA-Berlin: Das Album klingt sehr entspannt, spiegelt das euer Lebensgefühl wider?
Inga Humpe: Eigentlich traf das genaue Gegenteil zu. Unser Leben war ziemlich angestrengt. Das Album haben wir auch zur eigenen Beruhigung gemacht. Die Hauptkriterien waren: Es soll mild sein, es soll keinen Stress und Druck verursachen sowie uns aus unserer Angespanntheit herausholen. Es hatte schon beim Entstehen eine beruhigende Wirkung. Angefangen habe ich in der Silvesternacht: Draußen hat es geschneit und innen war das heiße Meer.

AVIVA-Berlin: Auf dem Album findet man neue Versionen von 2raumwohnung-Klassikern aber auch neue Stücke. Wieso ein Mix?
Tommi Eckart: Die ursprüngliche Idee war, neue Interpretationen von den alten Stücken zu machen. Die schnellen, energetischen Songs in ruhigere Versionen umzuwandeln, die Energie herausnehmen und den Song milder erscheinen zu lassen. Inga hat während ihrer Herbstreisen neue Inspirationen eingefangen, die sie zu neuen Songs verarbeitete.

AVIVA-Berlin: Eure Philosophie: „Es macht einen großen Spaß immer wieder gegen die Ströme zu schwimmen“ Welche Quelle sucht ihr derzeit?

Tommi Eckart: Die Philosophie ist, das zu machen, was man selbst interessant findet. Vielleicht bedeutet das im Moment: gegen den Strom zu schwimmen, weil die Mehrzahl der Leute anders handelt.
Die Radiosender beauftragen Meinungsforschungsinstitute, die versuchen herauszufinden, was die Hörer angeblich hören wollen, das liest wiederum der Radiochef und befolgt es. Insofern ist die Herangehensweise "gegen den Strom", zu sagen: Ich möchte es aber so machen, wie es mir gefällt. Wenn es mir gefällt - und ich bin nicht soviel anders als die anderen - dann kann´s den anderen auch gefallen. Das ist eigentlich eher die Idee dahinter.

AVIVA-Berlin: In Zeiten, in denen viele Plattenfirmen aufgeben, baut ihr ein eigenes Label auf. Was waren die Beweggründe?
Inga Humpe: Wir hatten schon lange den Wunsch, ein eigenes Label zu gründen, aber dafür muß man erstmal die richtigen Leute finden. Es hat ein paar Jahre gedauert bis wir diese Konstellation von Menschen zusammenstellen konnten.
Natürlich geht es uns auch darum, Künstler zu fördern, die wir toll finden, die wir wirklich bewundern. Wir versuchen, ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie sich entwickeln können, ihre Musik zu machen. Dadurch die Künstler zu stärken, damit sie sich nicht nach Formeln und Methoden ausrichten, wie man Erfolg haben kann. Das ist selbstverständlich auch eine Art und Weise, wie man Musik machen kann. Aber wir wollen und können das nicht und finden es auch nicht interessant. Es ist viel inspirierender für uns, mit Künstlern zu arbeiten, die den mühsamen Weg der Selbstfindung gehen, die sich überlegen, was will ich überhaupt anderen Leuten sagen? Was habe ich überhaupt als Künstler weiter zu geben?

AVIVA-Berlin: Habt ihr die KünstlerInnen entdeckt oder haben die euch gefunden?
Inga Humpe: Ich glaube beides. Wir sind immer auf der Suche, manche sind zu uns gekommen...
Tommi Eckart: ...manche kennen wir schon länger.
Inga Humpe: Es gibt auch immer wieder Künstler, die wir schon eine Weile kennen und die aber noch bisschen Zeit brauchen, sich zu entwickeln. Dann können wir denen nur anbieten: wenn ihr Lust habt, können wir gern etwas für euch tun.

AVIVA-Berlin: Rückblickend betrachtet: Gemeinsam mit deiner Schwester Annette gründetest du die Neonbabies. Mit DÖF und „Codo“ kam der kommerzielle Durchbruch. Der Kultrefrain „... ich düse, düse, düse im Sauseschritt“ klingt unserer Generation noch in den Ohren. Mit einer gewissen Altersweisheit/Gelassenheit ausgestattet - gibt es musikalische Jugendsünden, die euch erschauernder lassen oder läuft das unter "ich war jung und brauchte das Geld"? Oder gibt es diese Sünden gar nicht?

Inga Humpe: Die einzige Sünde, die man begehen kann, ist, dass man etwas nicht unternimmt, was man gerne machen möchte. Ich glaube, allen Dingen, auch wenn sie sich als schwierig erweisen, folgt eine Entwicklung.
Es gibt nur eine Sache in meinem Leben, die ich bereue: 1977 war ich in New York und hatte den Impuls, dort zu bleiben. Das habe ich nicht getan. Und wenn ich in "Zweiflerstimmung" bin, gibt es manchmal so Momente: was wäre wohl gewesen, wenn ich einfach dageblieben wäre? Andererseits ist mein Leben jetzt und hier genau das Leben, das ich mir als Teenager erträumt habe. Und ich schaffte es, meine Träume zu realisieren, und muß mich eher jetzt um neue Träume bemühen, um neue Versionen, die ich heute realisieren kann,

AVIVA-Berlin: Gibt es da etwas Konkretes?
Inga Humpe: Ja, immer mal wieder überlegen wir, ob wir aufs Land gehen. Ich hab manchmal den Wunsch zur Einsiedelei. Viel Trubel von außen erzeugt schon dieses Bedürfnis. Wenn ich mir vorstelle, wie das eigentlich wäre, Selbstversorger zu sein, Kartoffeln zu ernten und so was... (lacht). Ich weiß nicht, ob ich es wirklich könnte, vielleicht ist nur eine Reaktion...
Tommi Eckart: Vielleicht kommt dieser Wunsch auch, wenn man überarbeitet ist. Ich glaube, dass es Spaß macht, sich mit so ganz klaren Sachen zu beschäftigen, manchmal ist es gar nicht so kompliziert, was man braucht, um glücklich und zufrieden zu sein.
Inga Humpe: Schreiben könnte man ja überall. Und ich habe Sehnsucht nach Ruhe. Ich liebe Menschen, und habe auch sehr viel Kontakt zu Menschen. Manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe, sind mir das zu viele Informationen, die ich in den Gesichtern sehe. Dann sehne ich mich nach der Natur, und möchte einfach nur Bäume sehen, um zur Ruhe zu kommen. Und stelle mir Beete vor, mit Salat, Kartoffeln, Tomaten, Bohnen...

AVIVA-Berlin: In der vergangenen Woche habt ihr zwei goldene Schallplatten für die Alben „Kommt zusammen“ und „Es wird morgen“ bekommen. Wenn man so lange schon im Musikgeschäft ist, bedeuten einem Auszeichnungen noch etwas? Ist es als Ernte anzusehen, um bei den Beeten zu bleiben?
Tommi Eckart: Wenn eine lange Zeit kontinuierlich an Projekten gearbeitet hat, ist es schön, wenn man sieht, dass sie rund und wunderbar geworden sind. Der Erfolg eines Tonträgers ist mit vielen Menschen verbunden, man kommt schnell auf 40 oder 50 Leute, die an einem Album mitarbeiten, angefangen von Grafikern und Fotografen über Studiomusiker bis hin zum Promotionenteam. Man muß das Ganze als Kooperation sehen.
© Foto: Ira Wirth

Inga Humpe: Ich weiß, wieviel ich reingebe, wir arbeiten wirklich hart. Die Arbeit bereit uns Freude. Wir machen DJ-Sets, wir spielen die Festivals mit Power Live Sets und ein akustisches, ein ganz mildes Set für die Bossa Nova Sachen. Diese Vielfalt von Musik herzustellen, fordert viel Zeit und Energie, und das ist wirklich eine sehr, sehr befriedigende Arbeit. Ich bin wirklich eins mit der Arbeit. Viel reinzugeben und zu ernten ist ein ganz natürlicher Prozess und ich freue mich wirklich über die goldenen Schallplatten. Ich finde uns musikalisch, im Gegensatz zu vielen anderen, die viel erfolgreicher sind als wir, fast unvergleichbar. Kaum jemand macht diese Art von Musik, es hat immer noch wieder etwas Experimentelles und Ungewöhnliches, dieser Platz ist mir unheimlich angenehm. Genau auf dieser Schwelle immer wieder zu sein. Wir können nach unseren eigenen Rhythmus leben, nach unseren eigenen musikalischen Entwicklungsbedürfnissen, das kostet viel Kraft, aber ich fühle mich an der Stelle genau zu Hause.

AVIVA-Berlin: Wo tankt ihr auf? Woher nehmt ihr neue Kraft und Inspiration?

Inga Humpe: Schon durch reisen, mal abhauen, mal ganz raus, richtig runterkommen. Wir haben auch tolle Leute, gute Freunde um uns herum, mit denen ein reger Austausch stattfindet.
Energie tanken wir aber auch bei Konzerten. Wenn ein Publikum aufmerksam ist, sich mit einem verbindet, dann gibt dir das sehr viel. Das ist wie das Mutter-Kind-Phänomen: Ein Kind kostet viel Kraft, aber man bekommt davon eine Menge zurück.

AVIVA-Berlin: Die Zeitschrift Bravo feiert den 50. Geburtstag. Gibt es ein persönliches Erlebnis, was euch mit der Bravo verbindet?
Inga Humpe: Ich durfte die Bravo als Teenager leider nicht lesen. Und deswegen fand ich sie dann irgendwann auch doof und dachte, das ist was für Unterschichtenmädchen.
Tommi Eckart: Wenn irgendwo ´ne Bravo rumlag, habe ich sie auch gelesen, auch Dr. Sommer. Da gab es früher schon mehr Wissenslücken als heute.
Inga Humpe: Barbie Puppen und Bravo war nicht mein Ding, Ich hatte damals Che Guevara-Poster an der Wand. Ich war ein ganz ernsthafter Teenager, hab mit 13 Jahre Sartre gelesen und fand alles blöd und tanzen war so ganz bescheuert. Das ging erst so mit 30 Jahren bei mir los.

AVIVA-Berlin: Welche Zukunftspläne habt ihr? Was steht Neues an?
Inga Humpe: Es soll ein neues Album geben und das soll sehr kontrovers werden. Musikalisch extrem, mit einer Spannweite von Minimal Techno über Bossa Nova zu neuen, modernen Volksliedern. Im Ganzen werden wir mehr mit der Sprache spielen, ein Duett mit einer türkischen Sängerin ist geplant, ebenfalls ein englischsprachiger Song.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für´s Interview

Lesen Sie auch die Rezension der neuen CD "Melancholisch schön"

Music Beitrag vom 19.06.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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