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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.04.2005

Interview mit Erika Stucky
Tatjana Zilg

Die schweizerisch-amerikanische Sängerin und Schauspielerin überzeugt auf ihrer Princess-Tour mit einem Bühnenprogramm aus starken Songs, skurrilen Geschichten und multimedialer Pointierung



Am 10. April 2005 beeindruckte Erika Stucky im Maschinenhaus der Kulturbrauerei das Berliner Publikum mit ihrer einprägsamen Stimme und genialen Performance-Ideen, die ihre ironische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Prinzessinen-Habitus in der heutigen Zeit theatralisch unterlegten. Tatjana Zilg traf sie vor ihrem Konzert zu einem Interview.

AVIVA-Berlin: Welcher Hintergrund steht hinter dem Albumtitel "Princess"?
Erika Stucky: Ich bin jedes Mal erstaunt, wie viele Princesses und Queens es gibt in der Musikwelt: Queen Latifah, Prince, Elvis, der King of Pop - überall royale Bezeichnungen. Da habe ich mir überlegt, wie es wäre, mit 40 noch einmal so richtig Prinzessin zu sein. Und dann ging ich mit der Idee schwanger, ein Princess-Programm und eine Princess-Tour zu machen. Es ist verrückt, dass ich auf einmal überall Prinzessinnen gesehen habe: An der Kasse, im Altersheim, plötzlich stöckelt eine Frau vorbei mit dieser Prinzessinnen-Aura. Die archetypische Bedeutung dahinter interessierte mich. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich vermutlich eine CD "Hero Times" gemacht.

AVIVA-Berlin: Gibt es einen Bezug zwischen dem Märchen "Die Prinzessin auf der Erbse" und dem Layout der CD?
Erika Stucky: Ich habe einen Film gedreht, wo eine Prinzessin eine Gitarre zerschmettert, eine Kriegerinnen-Prinzessin. Das ist das Titelblatt der CD geworden und wenn Du sie aufklappst, siehst Du überall Erbsen. An der Seite ist dieses wunderbare kleine Fächlein, wo ich schon immer daran gedacht habe, etwas reinzutun. Dafür habe ich dann Erbsen gesucht, nicht die gekochten, sondern die ganz harten, die man spürt, auch wenn man fünfzehn Matratzen dazwischen hat. Wie in der Geschichte der Prinzessin, die auf diesen nicht schlafen konnte.

AVIVA-Berlin: Deine Musik ist sehr vielfältig und außergewöhnlich. Die Hauptbetonung liegt auf Jazz. Wo siehst Du Deine musikalischen Einflüsse und wie würdest Du Deinen Stil selbst bezeichnen?
Erika Stucky: Ich würde nicht mal sagen, dass die Hauptbetonung auf Jazz liegt. Es ist nicht typisch jazzig aufgebaut, wo man die Strophe singt und jemand legt eine Improvisation drüber. Es ist eher popmäßig aufgebaut. Aber ich habe Musiker, die in der Jazzszene sehr bekannt sind: Jon Sass und Bertl Mütter. Ich mische meinen eigenen Cocktail. Wichtig ist die Idee, die ich im Kopf habe, woraus ich meine ganz eigene Sache mache.

AVIVA-Berlin: Auf Deinen Alben finden sich einige Coverversionen von sehr bekannten Pop- und Rockikonen. Wie wählst Du diese aus und welche Motive stehen hinter den Songs?
Erika Stucky: Die Coverversionen sind Titel, die mich irgendwo berührt und mir total gefallen haben, wie "Roxanne" von Sting oder "Sometimes It Snows In April" von Prince. Manchmal sind es aber auch Sachen, die mich sehr langweilen. Wenn ich einen Britney Spears Titel singe, nehme ich den, der mich am meisten nervt. Ich muss den Titel hassen oder lieben. Bei Elvis Presley gibt es so viele wunderschöne Songs und trotzdem bin bei "Jailhouse Rock" hängen geblieben, weil mich das Tempo sehr interessiert hat. Was passiert mit einem Song, wenn man das Tempo verändert, wenn man es erst zu langsam spielt und dann zu schnell? Ich genoss die spielerische Lust, mit dem Tempo zu freveln. Michael Jacksons "Bad" habe ich deshalb gewählt, weil für mich der erste Mann, der meinte, er wäre "Bad", Muhammad Ali war. Als ich Kind war, sah ich ihn im Fernsehen und dachte: "He is bad". Und als ich erwachsen wurde, kam dieser Michael Jackson, und hat "I am bad" gesungen und ich habe ihm nicht geglaubt. Für mich war immer Muhammad Ali The Bad One. Deshalb diese Verknüpfung. Jeder Song hat seine Geschichte. Wie auch die eigenen Songs: Was macht eine Prinzessin - sie wartet: Es gibt ja im Englischen diesen Ausdruck "Waitress" für Kellnerin. Ebenso die Titel "Untouchable" und "Fearless" - beides Eigenschaften einer Prinzessin.

AVIVA-Berlin: Kurt Cobain, der eines sehr tragischen Todes gestorben ist, ist zu einem Mythos der Rockgeschichte geworden. War dies auch wichtig für Deine Entscheidung, ihn zu covern?
Erika Stucky: Ich dachte immer, wenn jemand mich fragt, warum Kurt Cobain, könnte man ehrlich sagen, weil der Song klasse ist oder man könnte auch sagen, ich bin eine Prinzessin und ich darf singen, was ich will. Das ist die einfache Antwort. Aber irgendwann hat sich der Begriff "Graf des Grunges" gebildet. Da war es ganz klar, dass er zum Prinzessinnen-Konzept gehört - er ist royal. Der frühe Tod hat mich jedoch nicht interessiert, auf die "Haltbarkeitsdauer" habe ich in dem Sinne nicht geachtet.

AVIVA-Berlin: Deine Eigenkompositionen sind sehr facettenreich. Wie kreierst Du sie? Ziehst Du Dich zum Komponieren eher zurück oder bevorzugst Du ständigen Austausch mit deiner Umgebung?
Erika Stucky: Ich bin eine von denen, die gern alles alleine macht. Auch bei den Videos: Am liebsten halte ich noch die Kamera. Ich will immer alles selber machen, es ist ein Geschenk und gleichzeitig ein Fluch. Und so ist es auch mit den Songs: Ich brauch ein kleines Kämmerchen und meinen Computer. Da kauere ich mich über mein Aufnahmegerät und sing diese Songs ein, summe die Basslinie, die Trompeten, die Posaunen. Ich kugele mich richtig ein und säusele die Songs aus mir heraus. Es ist eine Introspektive und wie eine Geburt. Ich geh in dieser Zeit nicht nach außen. Ich muss mich ganz auf mich konzentrieren. Es soll niemand dabei sein. Ich bin wahrscheinlich eine von den Afrikanerinnen, die aus ihrem Dorf geht, sich an einem Baum lehnt und ihr Kind gebärt. Ich bin niemand, der andere braucht, ich arbeite sehr selbstbestimmt, aber auch selbstgenügend.

AVIVA-Berlin: Wie lange dauerte dieser Prozess bei "Princess"?
Erika Stucky: Es waren genau wie bei einer Geburt neun Monate.

AVIVA-Berlin: Als Kind bist Du erst in San Francisco aufgewachsen und dann mit Deinen Eltern in die Schweizer Berge gezogen. War dies ein richtiger Kulturschock für Dich? Wie haben Dich diese Umgebungen beeinflusst?
Erika Stucky: Es hat noch früher angefangen. Mein Großvater ging nach Kanada und war dort Cowboy, hatte eine Ranch. Dann kam er zurück in die Schweiz, hat geheiratet und sieben Kinder gezeugt. Wegen der schwierigen Zeit in der Schweiz musste mein Vater wieder nach Amerika auswandern und heiratete dort in Kalifornien. In den Siebzigern sind meine Eltern mit ihren drei Kindern in die Schweiz zurückgekehrt. So sitzt die Sehnsucht nach Weite, die schon mein Großvater hatte, tief in mir drinnen.
Als Kulturschock erlebte ich die Wechsel als Kind nicht. Ich glaube, das merkst du als Kind nicht. Du denkst, alle Kinder sprechen zwei, drei Sprachen, alle Kinder haben den FlowerPower erlebt. Erst wenn du erwachsener wirst, bemerkst du die Unterschiede. Ich hab das damals alles einfach so hingenommen: Ich zieh jetzt eine Tracht an, ich gehe in den Jodelclub. Das hab ich erst als Dreißigjährige als Kulturschock deuten können.

AVIVA-Berlin: Du hast den Wechsel zwischen den Kulturen als sehr positiv erlebt?
Erika Stucky: Ich war ein Kind, das gerne gefordert war. Ich stand gerne vor der neuen Klasse. Mir hat das gefallen, der neue Lehrer, die neue Klasse, die Fragen, die der "Neuen" gestellt werden. Für meinen Charaktertyp war das hin und her gut.

AVIVA-Berlin: Wo lebst Du heute? Ist ein weiterer Umzug geplant?
Erika Stucky: Meine Tochter ist elfjährig. Sie ging in Brooklyn zum Kindergarten. Dann sind wir in die Schweiz gezogen und sie hat hier die erste Klasse angefangen. Da dachte ich, es wäre gut, sie jetzt mal einen Moment in Ruhe zu lassen, denn sie ist nicht das Kind wie ich. Sie mag gerne Beständigkeit. Sie mag es nicht, zu oft umzuziehen. Deshalb halt ich mich jetzt für die nächsten vier, fünf Jahre still. Und dann ab nach Wien. Meine beiden Musiker Bertl Mütter und Jon Sass wohnen in Wien. Aber natürlich nicht nur deshalb.

AVIVA-Berlin: Du hast gleichzeitig zur Ausbildung als Jazzsängerin eine Schauspielausbildung absolviert. Hast Du den Wunsch, Deinen Schwerpunkt irgendwann ganz auf das Schauspiel zu verlagern?
Erika Stucky: Mit neunzehn überlegt man, will ich Schauspielerin werden oder Tänzerin oder vielleicht Jazzsängerin oder doch Rock? Aber jetzt mit Vierzig ist das keine Frage mehr. Ich habe mein Ding gefunden. Es ist eine Kombination von allen, da gibt es gar nichts mehr zu verlagern. Der Schwerpunkt bin ich. Sobald ich auf der Bühne bin, wird es musikalisch, theatralisch und multimedial. Ich steh auch nicht hinter der Bühne und denke, jetzt muss ich in eine Person schlüpfen, sondern es ist ein Teil von mir. Beim aktuellen Programm lass ich meinen eigenen Prinzessinnenteil heraus. Ich muss mir keine Rolle ausdenken. Es fällt mir ganz leicht, aus mir selber zu schöpfen.

AVIVA-Berlin: In dem Stück "Helges Leben" von Sybille Berg, welches im Bochumer Schauspielhaus gezeigt wurde, warst Du als Schauspielerin und als musikalische Leitung aktiv. Wie war die Zusammenarbeit mit Sybille Berg?
Erika Stucky: Die Musik habe ich zusammen mit Sina gemacht. Das ist die Schweizer Nena, ein sehr bekannter Schweizer Rockstar. Wir haben schon oft zuvor als Sina & Stucky zusammengearbeitet. Sie hat Frau Tod gespielt und ich Frau Gott. Wir waren die beiden Gauklerinnen/Musikerinnen in diesem Stück. Das war mit unseren Songs, aber auch dem Fremdtext von Sybille Berg, den ich rezitierte. Das Engagement lief neun Monate am Schauspielhaus Bochum.

AVIVA-Berlin: Welche Projekte sind für die nahe Zukunft geplant?
Erika Stucky: Es gibt einen Filmemacher in Berlin, Stefan Schwietert. Er macht Dokumentarfilme mit Musikern. In seinem nächsten Projekt bin ich eine von vier Musikerinnen, die er portraitiert. Die Princess-Tour wird uns ziemlich beschäftigen, sie führt uns über Wien, Genf, Brüssel, Edinburgh bis hinunter nach Palermo.

AVIVA-Berlin: Möchtest Du noch etwas hinzufügen?
Erika Stucky: Ich möchte alle Mütter ermutigen, an ihre Töchter zu glauben. Weil ich als Kind Lehrer hatte, die mich sehr unterstützten und die mir sagten: "Do your thing! You wanna be a hula-dancer? You can do that, what a wonderful job! You make people happy." Sie haben mich sehr unterstützt, als ich Sängerin werden wollte. Mein Aufruf an alle Mütter deshalb ist: Wenn eure Töchter zu euch kommen und sagen, ich werde Popstar oder Bauchtänzerin - glaubt an sie. Ihr habt keinen Grund, sie auszulachen. Mädchen wissen oft ziemlich genau, wo ihre Talente stecken. Wenn man zu ihnen sagt, das ist doch ein Traumberuf, das kannst du eh nicht, dann macht man ganz, ganz viel kaputt.

AVIVA-Berlin: Ich danke Dir für die Zeit, die Du Dir genommen hast und wünsche Dir alles Gute für die Zukunft und viel Spaß auf der Bühne.

Die Rezension zu der CD "Princess" finden Sie hier.



Music Beitrag vom 18.04.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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