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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 30.01.2006

Interview mit Di Grine Kuzine
Sarah Ross

Was die dynamische und temperamentvolle Musik der Berliner Klezmer-Balkan-Combo zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt, sind definitiv auch die Köpfe, die dahinter stecken. Treten Sie ein...



in die Welt des 1993 gegründeten, deutsch-bulgarischen Musikensembles, und lesen Sie mehr über den Werdegang der Band, deren Auffassung von Musik und über das neue Album "Berlin Wedding".

AVIVA-Berlin: Wie haben sich die Bandmitglieder zusammengefunden?
Di Grine Kuzine: Nicht gesucht aber gefunden haben wir uns, einige haben schon in anderen Projekten zusammengespielt. Das passiert hier ständig in Berlin. Wir lieben uns einfach und unsere Sternzeichen passen total gut zusammen. Sogar die chinesischen Horoskope, wenn man es kabbalistisch angehen würde?... Hmm, wer weiß...

AVIVA-Berlin: Wo hat die Band ihren Anfang genommen?
Di Grine Kuzine: Begonnen hat alles auf Berliner Hochzeiten. Mehrere davon waren jüdisch/amerikanisch - deutsch/ukrainisch. Mit am schärfsten war eine iranisch/irakisch - sächsische Hochzeit. Mit bulgarischer Trauzeugin - ist wirklich kein Witz. Wir haben auch schon mal auf einer Scheidung gespielt, weil ich das eine Weile aus Spaß im Konzert gesagt hatte und plötzlich rief uns eine Österreicherin an und zelebrierte mit uns ihre Scheidung. Normalerweise lassen sich die Leute, auf deren Hochzeiten wir spielen, aber nicht scheiden, wahrscheinlich hat die Österreicherin einfach den Fehler gemacht, ohne uns zu heiraten, aber wir können ja auch nicht immer überall sein und die Welt muss schon jeder selber so gut machen, wie er kann. Und außerdem spielen wir seit einer Weile viel in Clubs und auf Festivals in vielen Ländern, da muss man uns dann schon ganz schön doll wollen auf seiner Hochzeit.

AVIVA-Berlin: Wenn ihr ein Fazit der letzten Jahre ziehen müsstet, wie würde es ausfallen?
Di Grine Kuzine: Fazit von ...? Ziehen wir ständig. Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt.

AVIVA-Berlin: Wessen Idee war es, traditionelle Instrumente und osteuropäische Melodien/Musiken mit Elementen aus Ska, lateinamerikanischer Musik, Pop, Schlagermusik usw. zu kombinieren? Beschreibt eure Auffassung von Musik.
Di Grine Kuzine: Das akustische Instrumentarium einer Miniblaskapelle ist der Konsens aller von Anfang an. Wir lieben es, das Publikum positiv zu enttäuschen, d.h. keine Erwartungen brav zu erfüllen, sondern es mit dem mitzureißen, was uns selbst am meisten Spaß macht - in jedem Moment, bei jedem Konzert ein wenig anders. Unser Repertoire vergrößert sich ständig und wir stellen das Programm immer für den konkreten Abend zusammen, manchmal inspiriert uns einfach die Farbe eines Saales dazu (danach suche ich auch meine Kleider aus), oder wenn wir irgendwie komisch angekündigt werden... Die Zugaben werden spontan erstritten hinter der Bühne. Musik ist irgendwie unerklärlich und lebt von lauter Momenten, die vorbei gehen. Es kommt auf die Intensität dieser Momente an. Spannweite von Zeit + Raum + Emotion x Bewegung = Musik.
Dadurch unterscheidet sich Musik z. B. von einem Gemälde...

AVIVA-Berlin: In der Musik schwingt neben vielen anderen musikalischen Genres auch Klezmer mit. Ist eine/r von Euch jüdisch? Wenn nicht, wie kommt es, dass Nichtjuden Klezmer machen?
Di Grine Kuzine: Von unserer neuen Scheibe, die über eine Stunde Musik enthält (und übrigens auch ein sehr süßes Berlinvideo), sind genau 12 Takte aus dem Klezmertitel Di Reize noch Amerika entlehnt. Im Titel Onkel in Amerika, der die moderne Version von dem Lied "Di Grine Kuzine" darstellt. Die ewig reisenden, fliehenden, hoffnungsvollen, enttäuschten und wieder Hoffnung schöpfenden Menschen - überall auf der Welt. Deserteure, Gastarbeiter, Verfolgte, Abenteurer, "Clandestinos", "Sans papiers" und wie sie so genannt werden. Wir mussten diese Motive gar nicht suchen oder forcieren, es begegnet uns einfach immer wieder und so sehen wir auch Klezmer als Teil dessen. Musik in Veränderung, in Bewegung, in der Gefahr des Vergessens...
Die schönste Musik - oft entstanden durch die hässlichsten Ereignisse.
Das muss man universell begreifen oder etwas würde zum Musikantenstadl verkümmern. Klezmer symbolisiert für viele vergangene Lebenswelten. Das fasziniert Publikum und Musiker, wahrscheinlich jeden mit andern Assoziationen. Es gibt da fast so viele historische, musikethnologische, philologische, philosophische oder auch naive (das muss nicht zwangsläufig negativ sein) Herangehensweisen wie Musiker und Bands. Unsere Auffassung ist, dass es aber eine persönliche Lesart und damit authentische Interpretation oder im besten Fall Weiterentwicklung geben sollte. Alles was einem Guru folgt, oder so tut als ob wieder alles so sein könnte wie damals, ist verlogen und reaktionär. Ausgenommen sind natürlich Projekte, die sich bewusst der traditionellen Spielart widmen, vielleicht vergleichbar mit den Ensembles für klassische und alte Musik. Somit kommt es vor allem auf die künstlerische Qualität an, die geprägt sein sollte von einer persönlichen Durchdringung des Themas, nicht so sehr auf das Blut, das in unseren Adern fließt. Ahnenforschung ist trügerisch und man wird womöglich in die falschen Familienfehden hineingezogen.

Es könnte sein, dass wir einen Nichtjuden verstecken oder einen Nichtnichtjuden...

AVIVA-Berlin: Eure Musik scheint sich immer wieder neu zu erfinden. Wie kommt es dazu, was ist der Motor, der Euch antreibt?
Di Grine Kuzine: (Siehe oben) und unsere Reisen und die Musik selbst. Unser Publikum, der richtige Wein im richtigen Augenblick, das Leben - all das.

AVIVA-Berlin: Es heißt, Di Grine Kuzine macht Musik, die ein generationenübergreifendes Publikum anspricht. Ist das Zufall, oder gehört dies zu Eurem Erfolgskonzept?
Di Grine Kuzine: Ich glaube, irgendwie beides. Da wir auf Hochzeiten und Partys angefangen haben, hatten wir von Anfang an mit den verschiedenen Generationen zu tun, manchmal bis zu 5. Es war eine gute Schule, um das Empfinden für die Wirkung unserer Musik zu entwickeln. An manchen Abenden müssen wir nur minimal unser Repertoire abstimmen und schon funktioniert es - immer wieder zum Erstaunen von Band und Publikum. Inzwischen bieten wir viel für Kids und Clubbesucher, weil wir die Sounds unsere Instrumente bewusster auskosten, ohne z.B. elektronische Hilfsmittel wie Keyboards oder Ähnliches zu benutzen. Zum Beispiel beim dritten Titel der CD (Laß die Augen zu) kann man das hören, oder bei den vielen coolen Grooves mit einer Tuba, die nur minimal verfremdet wird und schon hat man das Gefühl, Kraftwerk spielt auf (Brettsegeln - Titel 14) etc., etc.
Grade sehr junge Leute sind oft davon hingerissen, wie cool es mit so einem uncoolen Instrumentarium klingen kann. Ich habe Akkordeon früher für das grauenhafteste und hausbackenste Instrument überhaupt gehalten. Ein Typ kam mal nach einem Konzert beim Karneval der Kulturen und meinte: ej, ick find Blasmusik scheiße, aber ihr seid toll. Das sind tatsächlich die wahren Highlights.
Das Bildungsbürgertum und so weiter, die kreischen beim Thema von Modest Mussorgsky und denken: Mensch, dit kenn ick. Die denken vielleicht, tja die Klassik ist doch das Größte - und ich weiß, das Beste an der Klassik sind immer die geklauten Volkslieder. So freuen sich alle über das Gleiche, aber mitunter nicht über das Selbe, und das ist lustig, weil man doch den Moment teilt. Für ein Gastspiel vor Jahren in Prag, haben wir extra ein bisschen die Moldau in ein rasantes serbisches Stück gebracht, als die Leute das erkannt hatten, ging ein Freudenschrei durchs Publikum, die haben begriffen, dass wir sie meinten, wir haben mit denen kommuniziert und ihnen gezeigt, dass wir das kennen und lieben und sie respektiert sind, was weiß ich, es war einfach total schön, und ein berührender Augenblick, der nur ein paar Sekunden lang war. Wir probieren so etwas aus und schaffen uns damit selber Momente, die keine Routine aufkommen lassen, das spüren die Leute genau.

AVIVA-Berlin: Was war der Auslöser für das aktuelle Album Berlin Wedding und was ist die Message?
Di Grine Kuzine: Alles, was vorher war. Wir hatten eine Trilogie zusammen und hatten Lust, uns als Berliner zu präsentieren. Irgendwie haben uns unsere Reisen durch Europa auch dazu inspiriert, die Leute waren immer so freudig erregt, wenn sie hörten, dass wir Berliner sind - übrigens fast alles Waschechte. Außerdem gab es das Berlinlied schon. Und obwohl es noch nicht erschienen ist, haben uns das schon Franzosen im Kaffee Burger vorgesungen. Das hat uns umgehauen, wo die doch meistens so in ihre Sprache verliebt sind...

AVIVA-Berlin: Als ich den Titel des neuen Albums erstmals las, musste ich sofort an den Berliner Stadtteil Wedding denken. Als ich jedoch erstmals in die CD hineingehört hatte, dachte ich eher an das englische Wort "wedding" - also eine Vermählung aller in Berlin anzutreffenden Kulturen, Musikstile etc. Trifft eine dieser Assoziationen zu? Wenn ja, was war euer Gedanke, als ihr dem Album diesen Titel gegeben habt?
Di Grine Kuzine: Beides nicht falsch. Wedding ist für mich persönlich lustig, weil ich 40 Jahre lang als kleine Jungpionierin in Ostberlin, nach dem markig interpretierten Lied von Ernst Busch "Der rote Wedding", zum allwöchentlichen Fahnenappell einmarschiert bin und nie wusste, wat Wedding is. Wedding als Berliner Bezirk war auf den DDR - Berlinkarten nicht aufgeführt, weil janz Westberlin einfach weiß war. Dass wir da jetzt proben, ist mein persönlicher Sieg über Walter Ulbricht und alle Bösewichter der Welt. Aber da das in New York keener weeß, obwohl unser Video dort schon im TV war, und wir natürlich auf viele gut bezahlte Hochzeitsengagements von reichen New Yorkern hoffen, heißt die Platte natürlich Berliner Hochzeit bzw. "Hochzeit Berliner Style", Wedding berlinoise, wenn ihr so wollt. Hej, welcher halbwegs hippe Ami würde sich das entgehen lassen?

AVIVA-Berlin: Was sind Eure Wünsche für die Zukunft?
Di Grine Kuzine: Wir sind ein bisschen abergläubisch und reden da nicht so gern drüber, aber wir wünschen Euch alles Gute!

P.S.: "Der rote Wedding", von Ernst Busch gesungen, da werde ich mein ganzes Leben drauf stehen, ich hoffe, dass Rammstein endlich mal auf die Idee kommt, das zu singen, dann wird man ja sehen, wer der Meister des rrrrolllenden RRRR ist.


Music Beitrag vom 30.01.2006 Sarah Ross 

   




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