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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.06.2003

Mein gelobtes Land
Ilka Fleischer

Im E-Interview mit AVIVA-Berlin erläutert die Regisseurin Teodora Ansaldo ihre Zielstellungen und Erfahrungen mit ihrem jüngsten Dokumentarfilm über Flüchtlingsfrauen in Berlin




Die italienische Ex-Anwältin Teodora Ansaldo migrierte kurz nach dem Mauerfall nach Berlin, wo sie seitdem an unterschiedlichen Frauen-Film-Projekten mitwirkt und Video-Seminare im EWA Frauenzentrum leitet.
Kürzlich feierte ihr vom Kulturamt Pankow und dem Bundesprogramm CIVITAS geförderter Dokumentarfilm "Mein gelobtes Land" Premiere und hinterließ bei den Zuschauerinnen eine beklommene Nachdenklichkeit. Die einfühlsamen Schilderungen des Alltags von Flüchtlingsfrauen in Berlin vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Fluchtbedingungen einerseits und den Beheimatungs-Barrieren in Deutschland andererseits werden vom 03.-09. Juli in der Brotfabrik und vom 10.-16.2003 Juli im ACUD gezeigt.
In unserem E-Interview befragten wir die Regisseurin vor allem zu ihren Motiven und Intentionen bei der Themenwahl, aber auch zu den ersten Feedbacks...


Teodora, als in Berlin lebende Italienerin sind Sie zwar selbst Migrantin, aber keine Flüchtlingsfrau. Wie kam es zu Ihrem jüngsten thematischen Schwerpunkt?
Es geht um eine soziale Verantwortung, die wir alle tragen: diese Menschen leben mit uns, aber völlig von uns getrennt, weil sie an unserem "normalen" Leben nicht teilnehmen dürfen. Ich kann eine Welt nicht akzeptieren, in der Menschen, die einem tragischen Schicksal entkommen sind, als Menschen zweiter Kategorie behandelt werden.

Die Flucht- und Asyl-Erfahrungen im Film erscheinen - obwohl von Frauen durchlebt und berichtet - zu weiten Teilen "geschlechts-neutral". Warum haben Sie sich nicht auf "frauen-spezifische" Flüchtlings-Schicksale konzentriert?
Die Frauen im Film kommen aus dem Iran und dem Afghanistan, wo sie als Frauen besonders unterdrückt und gefährdet sind. Ein Hauptthema im Film ist diese Unterdrückung als Frau, die Zwänge im Alltag ("islamische Kleiderordnung" usw.), die Regelung des Sorgerechts, nach der Frauen fast keine Möglichkeit haben, Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen, die grausamen Gesetze, die noch die Steinigung für Frauen vorsehen (zum Beispiel wenn sie versuchen, sich vor Vergewaltigung zu wehren). Politisch aktive Frauen werden vor der Hinrichtung systematisch vergewaltigt (Jungfrauen kommen nach der islamischen Religion ins Paradies): das bedeutet eine Schande für die männlichen Familienmitglieder, die deswegen den Frauen jegliche politische Aktivität verbieten. Fast alle Frauen im Film sind aus diesen Gründen geflüchtet, eine ist geflüchtet, weil ihre pubertären Kinder in Gefahr waren. Ich denke, das sind "frauenspezifische" Gründe.

Ein besonderes Augenmerk Ihres Filmes liegt auf der Darstellung der Integrations-Barrieren, die dem deutschen Asyl-Antragsverfahren innewohnen, auf dem weitgehenden Ausschluss von Flüchtlingen aus dem öffentlichen Leben, z.B. durch das Abschieben in Wohnheime, die Unterbindung von egalitären Beschäftigungsverhältnissen oder durch den Ausschluss von Bildung. Inwieweit unterscheidet sich Deutschland hier von anderen europäischen Ländern? Was macht Deutschland zum (un-)gelobten Land?
Andere europäischen Länder gewähren den Asylsuchenden - wenn sie aufgenommen werden - gleiche Rechte wie den anderen BürgerInnen: in Schweden existiert für sie kein Zwang, in einem Heim zu leben, sie dürfen studieren und arbeiten und können nach 5/6 Jahren die Einbürgerung ohne Voraussetzungen bekommen. In England können die Kinder problemlos eingebürgert werden, während in Deutschland nicht mal eine Geburtsurkunde für Asylkinder, die hier geboren sind, ausgestellt wird. In anderen Ländern haben Asylbewerber Wahlrecht (mindestens für Kommunalwahlen), weil das in Deutschland nicht erlaubt ist, können sie ihre Anliegen nicht politisch durchsetzen und werden deshalb nicht zur Kenntnis genommen.

Ein zweiter Aspekt, den Sie stark in den Vordergrund rücken, betrifft die deutsche Paragraphen-Liebe und Bürokratie, die für Flüchtlinge nicht selten absurde Lebensbedingungen zur Folge hat. In welchem Verhältnis sehen Sie hier Legislative und Exekutive? Wo liegen die größeren Mankos und wo die Wurzeln?
Das Grundgesetz stellt einen großen Schutz für Flüchtlinge dar: dadurch können Abschiebungen nicht ohne weiteres vollzogen werden. Ein großes Problem ist der §16a des Asylgesetzes, das 1993 eingeführt wurde. Danach können Asylsuchende zu einem dritten Land abgeschoben werden, wenn sie über dieses Land nach Deutschland gekommen sind, auch wenn sie von dort wieder in ihre Heimat abgeschoben werden. Sie müssen beweisen, dass sie über den Luftweg direkt nach Deutschland angereist sind, aber das ist sehr schwierig, weil die Kontrollen an den Flughäfen besonders scharf sind.
Was die Anerkennung betrifft, gibt es im Gesetz viele "Gummiparagraphen", die vom BAMF (dem Bundesamt, das dafür zuständig ist) hart interpretiert werden.
Das Asylleistungsgesetz sieht vor, dass AsylbewerberInnen, wenn mittellos, nur 80% der Sozialhilfe bekommen. Dieses Gesetz lässt den Bundesländern viel Freiheit in der Umsetzung. In Berlin hat sich diese Umsetzung, je nach der politischen Orientierung des jeweiligen Senats, mehrmals geändert: mal war es möglich, nur in zwei Läden der Stadt einzukaufen, mal wurde Kostenübernahme ausgeübt, mal bekamen AsylbewerberInnen Fresspakete, mal "Trockenpackungen", mal wurden Gutscheine oder Chipkarten ausgestellt. In anderen Bundesländern wird den Asylbewerbern kein Bargeld, sondern nur Sachleistungen, ausgehändigt.

Die betroffenen Frauen im Film sind durch ihre offenen Meinungsäußerungen und ihre Kritik an den deutschen Verhältnissen für Flüchtlinge ein relativ hohes Risiko eingegangen. Sie mussten mit Sanktionen und Repressalien der kritisierten öffentlichen Einrichtungen und verantwortlicher Personen rechnen. Gibt es diesbezügliche irgendwelche Reaktionen?
Im Gegensatz zu den Ursprungsländern der Flüchtlinge ist Deutschland ein Rechtsstaat, ein demokratischer Staat. Meinungsfreiheit ist hier auch für Flüchtlinge garantiert. Durch Kritik können Verbesserungen erreicht werden: die großen Aktionen gegen das Chipkartensystem haben in Berlin bewirkt, dass es abgeschafft wurde. Die Frauen erhalten keine Sanktionen wegen der geäußerten Meinungen.

Die "Darstellerinnen" und auch Sie selbst haben nach der Filmpremiere die Sorge geäußert, der Film könnte ein zu hoffnungsloses Bild von der Situation von Flüchtlingsfrauen in Deutschland transportieren. Welche Feedbacks haben Sie mittlerweile bekommen? Haben sich diese Zweifel für Sie inzwischen relativiert?
Ja, meine Zweifel haben sich als unbegründet erwiesen: die Kraft und der Mut der Frauen wurden in der ersten Linie wahrgenommen: das haben mir viele ZuschauerInnen bestätigt. Das Publikum hat mit Betroffenheit, aber vor allem mit Interesse, Bewunderung und Mitgefühl reagiert, diese Wirkung wurde allerdings auch durch die Präsenz der Protagonistinnen an der Vorstellung verstärkt. Die Protagonistinnen erleben es als Stärkung, dass ihr Schicksal eine öffentliche Dimension bekommt.

"Mein gelobtes Land" setzt stärker auf Impressionen als auf Erörterung und Analyse. Haben Sie - nach den ersten Rückmeldungen - den Eindruck, Sie können Ihre ZuschauerInnen in dieser Weise gut erreichen?
Ja, das war eine Hoffnung, die sich bestätigt hat: es gibt über dieses Thema so viele Vorurteile und so wenige Informationen, dass es sehr schwierig ist, unvoreingenommen und ruhig eine rationale Diskussion durchzuführen. Aber menschliche Schicksale haben eine Wirkung, die Ideologien nicht zerstören können und die Gefühle setzen sich über alle Barrieren durch. Durch das menschliche Mitgefühl ist eine Solidarität zwischen Publikum und Protagonistinnen entstanden.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Erfolg und "Wirkung" bei den kommenden Vorführungen und bedanken uns für das E-Interview!



Im EWA Frauenzentrum wird demnächst auch einer der früheren Ansaldo-Filme gezeigt:
"Für das Brot bekam ich den Kinderwagen - Frauenleben in einem Berliner Kiez, dem Prenzlauer Berg". Hierfür besuchte Teodora ältere Frauen in deren Wohnungen und ließ sich ihre Lebensgeschichte erzählen.
30.06.03 - 20:00 Uhr
Prenzlauer Allee 6 - 10405 Berlin
Fon: 030 - 442 55 42




Public Affairs Beitrag vom 19.06.2003 Ilka Fleischer 

   




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