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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 07.03.2005

8. März - Grund zum Feiern? - Antworten von Evrim Baba
Ilka Fleischer

Im E-Interview stellte sich auch Evrim Baba, frauenpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion im AGH von Berlin, unseren 8 Fragen zum 8. März.




Ilka Fleischer: Seit dem ersten Internationalen Frauentag 1911 gab es im vergangenen Jahrhundert für deutsche Frauen nicht nur Anlass zu Kritik, sondern auch gute Gründe zum Feiern, allen voran die Durchsetzung des Frauenwahlrechts 1918. Was waren aus Ihrer Sicht bislang die größten Erfolge oder Fortschritte für Frauen im dritten Jahrtausend - nicht nur, aber auch in Ihrer Partei?
Evrim Baba: Zu nennen sind hier sicherlich solch wichtige Etappen wie das Jahr 1949, als im Grundgesetz die Gleichberechtigung von Männern und Frauen verankert wurde sowie das Jahr 1994, als der Bundestag beschloss, dass der Staat verpflichtet ist, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken. Ohne den jahrzehntelangen Kampf engagierter Frauen aus vielen Bereichen wie den Gewerkschaften, Vereinen, autonomen Initiativen und Kirchen wäre dies wohl nicht möglich geworden. Der Internationale Frauentag ist für uns Anlass, Bilanz zu ziehen und kritisch zu fragen, inwieweit juristisch verankerte Frauenrechte zu einer tatsächlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft geführt haben. Wir Sozialistinnen vertreten die Auffassung, dass die spezifische Form der Ausgrenzung an gesellschaftlicher Teilhabe z. B. bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, d. h. kapitalistischer Verhältnisse, nicht aufzulösen ist.

Ilka Fleischer: "Brot und Rosen!" - Brot zum Leben und Rosen, damit sich das Leben lohnt - forderten Textilarbeiterinnen 1912 im Streik gegen Hungerlöhne in den USA noch recht bescheiden. Inzwischen wollen viele Frauen wesentlich mehr: Nach Gittes Song "Ich will alles" Anfang der 80er Jahre titelte die Bestsellerautorin Maeve Haran kürzlich "Alles ist nicht genug". Werden Frauen allmählich maßlos in ihren Forderungen?
Evrim Baba: Wie kann es denn maßlos sein, gleiche Rechte nicht nur auf dem Papier zu erkämpfen sondern in der Wirklichkeit und das gilt nicht nur für die Bundesrepublik sondern weltweit.

Ilka Fleischer: Valerie Solanas, behauptete 1968 in ihrem Manifest "Society for Cutting up Men", Männer wären aufgrund der Chromosomstruktur unvollständige Frauen und versuchten daher ihr Leben lang, sich zu vervollkommnen. Gibt es zwischen Mann und Frau Unterschiede, die Sie für "naturbedingt" halten?
Evrim Baba: Für mich stehen in den politischen Auseinandersetzungen biologische Unterschiede nicht im Vordergrund. Allerdings werden sie insbesondere von konservativer Seite zur strukturellen Diskriminierung von Frauen benutzt. Vor dem Hintergrund der Krise des Kapitalismus mit inzwischen über 5 Millionen Arbeitslosen wird die Betonung biologischer Unterschiede dazu genutzt, Frauen aus dem Bereich der Produktion zu verdrängen und Ihnen ausschließlich Aufgaben im Bereich der Reproduktion zuzuweisen. Das nenne ich reaktionär.

Ilka Fleischer: Norbert Blüm hat sich einmal neidisch auf "die Firma Mutter und Kind, die sich in den neun Monaten der Schwangerschaft bildet" geäußert und bedauerte, dass Männer dagegen nie "ankommen". Worauf sind Sie bei Männern "neidisch"? Was würde Ihnen bei einem Rollentausch besonders gut gefallen?
Evrim Baba: Worauf sollte ich bei Männern neidisch sein? Neid hat in unserem Kampf um eine solidarische gerechte Welt, in der Männer und Frauen gleichberechtigt und selbstbestimmt zusammenleben, keinen Platz.

Ilka Fleischer: "Frau allein ist noch kein Argument, es muss auch noch was zwischen den Ohren sitzen", behauptet Heide Simonis. Aber auch: "Politik ist der Sieg des Hinterns über das Gehirn". Welche Voraussetzungen müssen Frauen in der Politik also mitbringen?
Evrim Baba: Nicht weniger aber auch nicht mehr als Männer. Es geht ja in erster Linie auch nicht darum, was sie mitbringen, sondern nach wie vor immer noch darum, dass Frauen die von Männern dominierten Machtstrukturen aufbrechen und innerhalb und außerhalb von Parteien gleichberechtigt vertreten sind.

Ilka Fleischer: Während Gerhard Schröder laut Infratest bei Frauen populärer ist als bei Männern, schneidet Edmund Stoiber bei Männern besser ab. Was müsste Herr Stoiber verändern, um bei Frauen einen höheren Beliebtheitsgrad zu erlangen? Oder allgemeiner: Was schätzen Frauen an PolitikerInnen?
Evrim Baba: In unserem Medienzeitalter werden solche Dinge wie das Aussehen und die Kleiderordnung von PolitikerInnen in den Vordergrund gestellt. Objektiv sind aber für die Bürgerinnen und Bürger politische Inhalte und politische Entscheidungen wichtig und interessanter. Es ist doch völlig egal, ob der Sozialabbau von einem vermeintlich charismatischen und gutaussehenden Politiker betrieben wird oder von einem, der äußerlich vermeintlich weniger ansprechend ist.

Ilka Fleischer: Nach einer Studie zum Verhalten der BundesbürgerInnen im Haushalt werden 80 % der Hausarbeit immer noch von Frauen bewältigt. Nur 1,2 % der Männer putzen das Klo selbst. 73,3 % der Männer sind allerdings der Meinung, dass die Arbeit im Haushalt gerecht verteilt sei. Was bleibt - neben Gendermainstreaming - auf der politischen Ebene zu tun, und worin bestehen Ihres Erachtens die größten Fallstricke?
Evrim Baba: Wenn Frauen durch die gesellschaftliche Rollenzuteilung wieder an den Herd gedrängt werden, bleibt die Hausarbeit natürlich bei ihnen hängen. Es muss eine echte Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, eine gerechtere Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit auf beide Geschlechter durch eine gerechte Entlohnung und eigenständige finanzielle Absicherung der Frauen geben. Weltweit gibt es eine Angleichung der Lebens- und Arbeitswelten, aber für Frauen sieht sie so aus: mehr Beschäftigung, aber überwiegend in niedrig entlohnten, ungesicherten Arbeitsverhältnissen, Zuwachs sozialer Aufgaben, Zunahme von Konkurrenz und sexistischer Gewalt.

Ilka Fleischer: Die Frau der Zukunft stellte sich August Bebel als "Herrin ihrer Geschicke" vor, die "sozial und ökonomisch vollkommen unabhängig" sei. Wer verkörpert für Sie warum heutzutage die "Frau der Zukunft"? Natürlich können Sie uns auch gerne verraten, wen sie für altmodisch halten...
Evrim Baba: Das 1879 erschienene Buch von August Bebel heißt ja nicht umsonst "Die Frau und der Sozialismus". Und vom Sozialismus sind wir ja nun weiter entfernt als gut ist für die Frauen.


Neben Evrim Baba nahmen 11 weitere PolitikerInnen an der elektronischen Befragung teil. Mit kleineren Abweichungen erhielten alle Interview-PartnerInnen den gleichen Fragenkatalog - und beantworteten unsere 8 Fragen zum 8. März in großer Vielfalt. Um die kompletten Beiträge zu lesen, klicken Sie bitte auf die Namen der einzelnen Interview-PartnerInnen:


  • Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung

  • Maria Eichhorn, MdB, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend der CDU/CSU-Fraktion

  • Dagmar Enkelmann, stellvertretende Vorsitzende der PDS

  • Ingrid Hofmann, Präsidiums-Mitglied in der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA)

  • Christel Humme, MdB, Familien-, senioren-, frauen- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion

  • Ina Lenke, MdB, Familien-, frauen- und zivildienstpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Bundesvorsitzende der Liberalen Frauen

  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB, Bundesministerin a.D., Europapolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion

  • Irmingard Schewe-Gerigk, MdB, Frauen- und familienpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN

  • Renate Schmidt, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

  • Klaus Wowereit , Regierender Bürgermeister von Berlin

  • Brigitte Zypries, Bundesministerin der Justiz



Public Affairs Beitrag vom 07.03.2005 Ilka Fleischer 

   




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