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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.05.2012

Auswertung der Online-Kampagne #ichhabnichtangezeigt widerlegt Vergewaltigungsmythen
AVIVA-Redaktion

Dass die Dunkelziffer bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung hoch ist, war schon lange bekannt, jetzt gibt es konkrete Zahlen. Vom 1. Mai 2012 bis zum 15. Juni 2012 konnten Betroffene ...



...anonym schreiben, warum sie nie Anzeige erstattet haben.

Die Ausf√ľhrliche Auswertung der Befragung ist jetzt erschienen und best√§tigt, was Untersuchungen und Statistiken zu sexualisierter Gewalt schon lange zeigen.

Wenn die T√§ter in den Beitr√§gen benannt wurden, so waren sie in den seltensten F√§llen Fremde, sondern den Betroffenen zu 93 Prozent bekannt. Die meisten dieser Taten wurden von Bekannten (33,87 Prozent), (Ex-)PartnerInnen und EhepartnerInnen der Opfer (10,83 Prozent) und von Familiemitgliedern (23,49 Prozent) ver√ľbt.

Dies wird bereits seit Jahren von Studien zum Thema best√§tigt, dennoch herrscht ‚Äď auch in den K√∂pfen der Opfer ‚Äď immer noch der Mythos vor, eine Vergewaltigung sei erst dann auch wirklich eine, wenn sie von unbekannten T√§tern ver√ľbt wird. In den Schilderungen der Betroffenen wurde auch deutlich, dass sexualisierte Gewalt oft als ein Akt der Machtdemonstration von St√§rkeren an Schw√§cheren ver√ľbt wird: Die T√§ter sind den Opfern meist an sozialem Status, Alter, Einfluss und nicht zuletzt finanziellen Mitteln √ľberlegen, was ihnen auch dabei hilft, diese einzusch√ľchtern und ihre Glaubw√ľrdigkeit zu unterminieren.

Die von den Betroffenen genannten Hauptgr√ľnde, weshalb sie den Missbrauch nicht zur Anzeige gebracht haben, waren vor allem emotionale Belastung, inklusive Schuld und Scham (31,03 Prozent), Angst (insbesondere davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, vor einer Retraumatisierung und erneuter Dem√ľtigung, vor Stigmatisierung und dem Verlust des sozialen Status, vor Schuldzuweisung und zus√§tzlicher Diskriminierung) (20,52 Prozent), auch Angst vor den Reaktionen des Umfelds (besonders davor, keine Hilfe zu erhalten, vor Unglauben, Verleugnung, Vertuschung und Verharmlosung des Erlittenen durch das Umfeld und davor, dass dem Opfer die Schuld zugewiesen wird) (17,03 Prozent) und mangelndes Vertrauen in die Beh√∂rden, Polizei, Justiz und Institutionen (10,81 Prozent).

Von den 1105 Betroffenen waren 506 zum Zeitpunkt des Verbrechens Kinder oder Jugendliche.

Die Initiatorinnen der Kampagne fordern die Bereitstellung finanzieller Mittel f√ľr eine umfassende gesamtgesellschaftliche Aufkl√§rungsarbeit gegen die herrschenden Vergewaltigungsmythen. Sowohl die Opfer, als auch deren Umfeld m√ľssten endlich ausreichend dar√ľber informiert werden, wie sehr die allt√§gliche Realit√§t von den Vorstellungen dar√ľber abweicht, wie und wo sexualisierte Gewalt tats√§chlich stattfindet.


Nachdem die Initiatorinnen der Kampagne feststellen mussten, dass nicht registrierte sexualisierte Gewalt auch in Deutschland erschreckende Ausmaße erreicht, haben sie einen Offenen Brief an vier BundesministerInnen publiziert, in dem sie endlich effektive und engagierte Bekämpfung und Prävention an den verantwortlichen Stellen einfordern.

"Offener Brief

an

Frau Dr. Kristina Schr√∂der, Bundesministerium f√ľr Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Frau Annette Schavan, Bundesministerium f√ľr Bildung und Forschung

Herrn Dr. Hans-Peter Friedrich, Bundesministerium des Innern

Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesministerium der Justiz


M√ľnchen, 11. Juni 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

sexualisierte Gewalt ist ein Angriff auf die Menschenw√ľrde. Sie geschieht jeden Tag in jeder Gesellschaftsschicht. Jede und jeder kann davon betroffen sein.

Die Ergebnisse der Kampagne #ichhabnichtangezeigt, die seit dem 3. Mai 2012 läuft, legen den Schluss nahe, dass sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft Normalität anstatt Ausnahme ist.

Es ist offensichtlich, dass die Gesellschaft in der √úbernahme der Verantwortung versagt und sie statt dessen an die Betroffenen abgibt, indem sie die Betroffenen gesellschaftlich ausgrenzt und dazu verdammt, eine heile Welt vorzut√§uschen. Dieses Klima des Schweigens ist einer zivilisierten Gesellschaft wie der unsrigen nicht w√ľrdig, und daher sehen wir dringenden Handlungsbedarf.

Wir nehmen Sie darum in die Pflicht, diesen Missstand zu beheben und sich Ihrer Verantwortung zu stellen, um k√ľnftige Straftaten zu vermeiden, Opfer kompetent zu unterst√ľtzen und zu einem aufgekl√§rten Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein beizutragen.

Daher fordern wir vom Bundesministerium f√ľr Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

  • Aufkl√§rung der √Ėffentlichkeit √ľber sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen anhand der Forschungsergebnisse repr√§sentativer Studien, Erfahrungen der langj√§hrigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenh√§user
  • Aufkl√§rung der √Ėffentlichkeit √ľber respektvolles Verhalten und die Formen sexueller Bel√§stigung
  • Bessere Ausstattung und Ausbildung der Jugend√§mter, um gegen sexuellen Missbrauch in Familien schnell und effektiv vorgehen zu k√∂nnen.
  • F√∂rderung von Selbstbehauptungskursen zur St√§rkung des Selbstbewusstseins und Vermittlung einer eigenen selbstbestimmten Sexualit√§t durch Tr√§ger der freien Jugendarbeit und der autonomen Frauenarbeit
  • Gesicherte Finanzierung von Anlaufstellen wie Frauennotrufe, Frauenberatungsstellen, Frauenh√§user und Opferberatungsstellen und Pr√§vention durch den Bund

    Daher fordern wir vom Bundesministerium f√ľr Bildung und Forschung:

  • Aufkl√§rung in Schulen √ľber sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen anhand der Forschungsergebnisse repr√§sentativer Studien, Erfahrungen der langj√§hrigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenh√§user als fester Bestandteil des Lehrplans
  • Aufkl√§rung in Schulen √ľber respektvolles Verhalten und dass sexuelle Bel√§stigung weder Flirt noch humorvoll ist als fester Bestandteil der Lehrpl√§ne
  • Altersgem√§√üe Aufkl√§rung √ľber eine selbstbestimmte Sexualit√§t als fester Bestandteil des Sexualkundeunterrichts
  • F√∂rderung von Selbstbehauptung zur St√§rkung des Selbstbewusstseins als regelm√§√üiger Bestandteil der Schullaufbahn aller Kinder und Jugendlichen
  • Aufkl√§rung √ľber Homosexualit√§t, Intersexualit√§t und Transsexualit√§t als fester Bestandteil des Lehrplans zur Pr√§vention von sexuellen √úbergriffen gegen die Betreffenden

    Daher fordern wir vom Bundesministerium des Innern:

  • Psychosoziale Begleitung von Vergewaltigungsopfern von der Anzeige bis zum Prozessende durch entsprechend ausgebildete Mitarbeiterinnen
  • Fortbildung aller Polizisten und Polizistinnen zum Thema sexuelle Gewalt anhand der Forschungsergebnisse repr√§sentativer Studien, Erfahrungen der langj√§hrigen Arbeit der Frauennotrufe, Beratungsstellen und Frauenh√§user
  • Aufkl√§rung aller Polizisten und Polizistinnen √ľber die Bandbreite der Betroffenen: Frauen, Kinder und M√§nner, auch im Hinblick auf homosexuelle Frauen und M√§nner, transsexuelle Frauen und M√§nner, Intersexuelle, Frauen, M√§nnern und Kindern mit k√∂rperlichen und/oder geistigen Behinderungen, um der Angst der Betroffenen vor weiterer Diskriminierung durch die Polizei entgegenzuwirken
  • Fortbildung aller Polizisten und Polizistinnen zum Thema Traumatisierung
  • Supervision aller Polizisten und Polizistinnen, die mit sexualisierter Gewalt konfrontiert werden, um einer Sekund√§rtraumatisierung vorzubeugen
  • Finanzielle und personelle Unterst√ľtzung der Polizei bei Pr√§ventionsarbeit ‚Äď z.B. f√ľr von der Polizei veranstaltete Selbstverteidigungskurse f√ľr Frauen oder f√ľr Kinder, f√ľr Aufkl√§rungskampagnen und Aufkl√§rungsveranstaltungen durch ausgebildete Mitarbeiter_innen der Polizei

    Daher fordern wir vom Bundesministerium der Justiz:

  • Aufhebung der Verj√§hrungsfristen bei sexueller Gewalt, um den Opfern gerecht zu werden, die aufgrund von Traumatisierung erst nach langer Zeit dazu in der Lage sind, Anzeige zu erstatten
  • Bundesweite Einrichtung von ausreichenden Notfallambulanzen zur anonymen Spurensicherung, um den Opfern eine sp√§tere Anzeige zu erm√∂glichen
  • Zudem unterst√ľtzen wir die Forderungen des 37. Feministischen Juristinnentages vom 8. Mai 2011 in Frankfurt.

    Diese Forderungen sind nur der Anfang daf√ľr, um sexualisierte Gewalt einzud√§mmen. Um einen Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein herbeizuf√ľhren, bedarf es weiterer Forschung, √Ėffentlichkeitsarbeit und F√∂rderung von NGOs, die sich dieses Themas annehmen.

    Mit freundlichen Gr√ľ√üen

    die Initiatorinnen der Kampagne #ichhabnichtangezeigt

    Daniela Oerter, M√ľnchen, Deutschland
    Sabina Lorenz, M√ľnchen, Deutschland
    Inge Kleine, M√ľnchen, Deutschland"



    Unterzeichnen können Sie hier: ichhabnichtangezeigt.wordpress.com


    #ichhabnichtangezeigt macht seit einiger Zeit in England und Frankreich das enorme Ausma√ü ungestrafter sexualisierter Gewalt deutlich: Betroffene k√∂nnen anonym erz√§hlen, warum sie sich gegen eine Anzeige entschieden haben ‚Äď oder sie gar nicht erst in Betracht ziehen konnten.

    Nach den Twitter-Kampagnen "#ididnotreport" in England und "#jenaipasport√©plainte" in Frankreich startete die Aktionsgruppe "Handeln gegen sexualisierte Gewalt" am 4. Mai 2012 nun auch in Deutschland die Aktion "#ichhabnichtangezeigt", um das immer noch tabuisierte Ausma√ü sexualisierter Gewalt in die √Ėffentlichkeit zu bringen.

    Mit der Kampagne soll denjenigen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, ein Raum gegeben werden, auch anonym zu erklären, warum sie geschwiegen und keine Anzeige bei der Polizei erstattet haben.

    Um die Aussagen sichtbar zu machen und √ľber anonyme Tweets online zu stellen, werden diese Tweets auf der Internet-Seite ver√∂ffentlicht und gez√§hlt. Dadurch soll die Unsichtbarkeit durchbrochen, das Ausma√ü dieser allt√§glichen Gewalt ans Licht geholt und den Betroffenen eine Stimme gegeben werden.

    Beispiel:

    "#ichhabnichtangezeigt weil ich sehr jung war und Angst hatte, dass man mir nicht glaubt."

    Die Nachrichten können auf folgende Weise gepostet werden:
  • Als Tweet √ľber anonyme Twitter-Accounts mit dem hashtag #ichhabnichtangezeigt.
  • Als Eintrag im Facebook-Account #ichhabnichtangezeigt
  • Als Kommentar unter der Seite #ichhabnichtangezeigt auf dem Blog der Veranstaltenden
  • √úber den Link "Kontakt" auf diesem Blog

    Alle kurzen Nachrichten mit dem Hashtag #ichhabnichtangezeigt werden dann in Twittertag eingestellt.

    Die Aktion wurde wegen des großen Ansturms verlängert und läuft noch bis zum 15. Juni 2012.

    Weitere Informationen finden Sie unter:

    Dokumentation des Kongresses "Streitsache Sexualdelikte - Frauen in der Gerechtigkeitsl√ľcke" vom 2. September 2010

    Ich habe nicht angezeigt, weil...

    Keine Gerechtigkeit, kein Frieden

    Storify: I did not report von London Feminist

    Pas de justice, pas de paix

    oder schicken Sie den Veranstaltenden eine Mail, unter

    keinegerechtigkeitkeinfrieden@live.de


    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    TERRE DES FEMMES f√ľrchtet fatale Signalwirkung durch Urteil im Kachelmann-Prozess

    Kongress Streitsache Sexualdelikte - Frauen in der Gerechtigkeitsl√ľcke



  • Public Affairs Beitrag vom 10.05.2012 AVIVA-Redaktion 

       




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