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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 10.08.2012

Den Frauen fällt ein elementares Recht der Selbstbestimmung weg - Interview mit der Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbands
Britta Meyer

Sie sind hochqualifiziert, rund um die Uhr im Einsatz, tragen in ihrem Job Verantwortung für mehrere Menschenleben und können von ihrer Arbeit kaum leben. Seit Juli 2012 müssen freiberufliche...



... Hebammen in Deutschland über 4.000 Euro Haftpflichtversicherung im Jahr zahlen – bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro.

Berliner Geburtsmediziner nennt außerklinische Entbindung "einen Luxus"

Aber ist die finanzielle Notlage der Frauen nur ein Problem weniger "freier Hebammen im Kapitalismus", die für ihre Risikobereitschaft selbst verantwortlich sind, wie es der Geburtsmediziner und Hebammenausbilder Klaus Vetter gegenüber der TAZ in einem Mitte Juli 2012 erschienenen Interview behauptete?

Im Rahmen einer Reportage für die Ausgabe "Care-Ökonomie - Wen kümmert´s, wer sich kümmert?" des "FrauenRats" hatte AVIVA-Berlin im März 2012 Susanna Rinne-Wolf, die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands e.V., zur Situation ihres Berufsstandes interviewt.

Zum Hintergrund

Exorbitant steigende Versicherungskosten - ab Juli 2012 beträgt die verpflichtende Haftpflichtprämie 4.242,35 Euro im Jahr - zwingen viele freiberuflich tätige Hebammen, die außerklinische Geburtshilfe niederzulegen und das wiederum heißt, dass junge Mütter immer weniger selbst entscheiden dürfen, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten: zu Hause, im Geburtshaus oder in der Klinik, mit einer Beleghebamme an ihrer Seite.

Trotz der im Jahr 2010 gestarteten Petition der Hebammen, der sich über 186.000 Menschen anschlossen, hat die Politik nicht reagiert. Im Februar 2012 wandte sich der Deutsche Hebammenverband e.V. und seine Präsidentin Martina Klenk mit einem Aufruf an die Tagespresse. Dennoch kamen die Verhandlungen um eine Finanzierung nicht voran – die Hebammenverbände haben Anfang Februar 2012 die Verhandlungen um die Betriebskosten für eine Geburt im Geburtshaus oder einer anderen von Hebammen geleiteten Einrichtung (HgE) für gescheitert erklärt. Die Vertreter der Krankenkassen waren nicht bereit, den Hebammen ein akzeptables Angebot vorzulegen. Die KassenvertreterInnen blieben bei 550 Euro plus 1,98 Prozent, was einem Gesamtergebnis von 560,89 Euro entspricht.

Aufgrund dieser aktuellen Entwicklungen haben wir Rinne-Wolf jetzt erneut befragt.

AVIVA-Berlin: Frau Rinne-Wolf, der Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln, Klaus Vetter, sagt, die steigenden Haftpflichtprämien würden nur die freiberuflich arbeitenden Hebammen treffen, welche Geburten außerhalb der Krankenhäuser, also zu Hause oder in Geburtshäusern, betreuen. Diese seien in Deutschland also nur für 1,2 Prozent der Geburten zuständig, der Rest finde ohnehin in Kliniken statt. Können Sie diese Zahlen bestätigen?

Susanna Rinne-Wolf: Nein! In Deutschland müssen nicht nur die Hebammen hohe Beiträge zur Haftpflichtversicherung bezahlen, die Hausgeburten begleiten, sondern auch alle Beleghebammen, die bei ca. 150.000 Geburten pro Jahr Mütter und Kinder in Kliniken in Zusammenarbeit mit Ärzten betreuen. Einige dieser Kolleginnen haben selbst diese Art zu arbeiten gewählt, weil so wenigstens eine Eins-zu-Eins-Betreuung der Gebärenden möglich ist. Andere sind, besonders in Süddeutschland, nicht nur freiwillig in die Freiberuflichkeit gegangen, sondern in großem Maße von Krankenhausträgern durch Androhung der Schließung der Kreißsäle und damit verbundener Arbeitslosigkeit dazu gedrängt worden. Die zunehmende Profitmaximierung in der Gesundheitswirtschaft führt zu dieser Art der Personalkosteneinsparung. Hebammen-Kolleginnen, die sich darauf einlassen (müssen), erhalten so die Geburtshilfe auch in strukturschwächeren Gebieten und bewahren ihren Arbeitsplatz. Diese Kolleginnen zahlen dafür ebenso absurd hohe Haftpflichtbeiträge, bei gleichzeitig deutlich schlechterer Vergütung durch die GKV.

AVIVA-Berlin: Haben Sie einen Überblick darüber, wie das Verhältnis der Hebammen, die freiberuflich arbeiten und daher von den hohen Versicherungsprämien betroffen sind, im Vergleich zu Hebammen ist, die in Krankenhäusern als Angestellte tätig sind?

Susanna Rinne-Wolf: Von ca. 18.000 Hebammen in Deutschland arbeiten etwa 10.000 in Krankenhäusern, angestellt oder als Beleghebammen. Allerdings ist nicht mal ein Viertel der Kolleginnen in Vollzeit angestellt, so dass über 75 Prozent der angestellten Hebammen auch freiberuflich arbeiten und so auch von der Haftpflichterhöhung betroffen sind. Die Beleghebammen (etwa 2.000) müssen, in der Regel sogar die gesamte Summe der geburtshilflichen Haftpflichtprämie allein tragen, um Beleggeburten durchführen zu können. Besonders in Süddeutschland ist es ein beliebtes Mittel der Krankenhäuser, um Personalkosten zu sparen, mit Beleghebammen zu arbeiten. Betroffen sind also fast alle!

AVIVA-Berlin: Vetter wirft den freiberuflichen Hebammen vor, das zusätzliche Risiko, dass diese mit Hausgeburten eingehen, von den Sozialsystemen tragen lassen zu wollen. Möchten Sie sich hierzu positionieren?

Susanna Rinne-Wolf: Ich denke, dass das grundsätzlich der falsche Blickwinkel ist! Was oder was nicht Hebammen anbieten, spiegelt doch vielmehr die Wünsche und Vorstellungen der werdenden Eltern wieder, als die der Hebamme. Wenn es keine Nachfrage nach außerklinischer Geburtshilfe, ob nun zu Hause oder im Geburtshaus gäbe, würden Hebammen diesen Bereich nicht anbieten können oder müssen. Grundsätzlich hat aber jede Frau das Recht darauf, zu entscheiden wo und wie sie ihr Kind auf die Welt bringen möchte. Die Eltern, die sich für außerklinische Geburten entscheiden sind in der Regel gut informiert und wählen diese Art der Geburtshilfe sehr bewusst.

Mir fallen spontan sehr viele Bereiche ein, in denen Risiken, die einzelne eingehen, in viel größerem Maße die Sozialsysteme belasten und die mit bei weitem nicht so wichtigen und grundlegenden Momenten der Selbstbestimmung zusammenhängen. Eine Geburt ist der Moment, in dem nicht "nur" ein Kind, sondern eine ganze Familie geboren wird. Wir wissen inzwischen, wie wichtig die Geschehnisse rund um diesen Moment für die Lebensentwicklung der "Hauptakteure", besonders der des Kindes, sind. Wenn hier ein guter Start gelingt, spart es dem Sozialsystem auf lange Sicht wiederum enorme Kosten, die sonst eventuell durch diverse Maßnahmen im Leben dieser Menschen entstehen würden.

AVIVA-Berlin: Inwieweit hat sich seit unserem letzten Gespräch im März 2012 die Lage der Hebammen in Deutschland verbessert oder verschlechtert? Hilft die verstärkte Präsenz der Problematik in den Medien weiter?

Susanna Rinne-Wolf: In kleinen Bereichen hat sich etwas verändert: Ein Schiedsstellenspruch zur Betriebskostenpauschale der hebammengeleiteten Einrichtungen war sehr positiv für uns – aber das betrifft nur einen ganz kleinen Teil der Hebammenschaft. Immerhin war es den Hebammenverbänden möglich, mit den Krankenkassen auszuhandeln, dass die gestiegene Haftpflichtprämie ab dem 1. Juli 2012 in der Vergütung ausgeglichen wird. Das heißt nicht, dass die Kolleginnen mehr Geld in der Tasche haben sondern nur, dass sie ab 1. Juli nicht noch weniger als vorher haben.

Die weiteren Gebührenverhandlungen sind so gestockt, dass die Entscheidung auch hier wieder in die Schiedsstelle geht – wir sind sehr gespannt, wie das Ergebnis ausfallen wird. Damit ist allerdings nicht vor Herbst/Winter 2012 zu rechnen. Das mediale Interesse und die Berichterstattung über unser Thema haben sicherlich geholfen, den Druck auf die Politik zu erhöhen und aufrecht zu halten. Sowohl Bundesgesundheitsminister Bahr als auch Bundeskanzlerin Merkel haben sich des Themas angenommen, wenn auch (noch) nicht mit den gewünschten Konsequenzen.


Susanna Rinne-Wolf © Sharon Adler


Interview vom März 2012
(in gekürzter Form erstmalig erschienen in "FrauenRat" 2/2012)



AVIVA-Berlin: Frau Rinne-Wolf, wie lange arbeiten Sie schon in Ihrem Beruf?

Susanna Rinne-Wolf: Ich bin seit zehn Jahren Hebamme, seit 2009 auch Familienhebamme in einem Projekt für Kinder in suchtbetroffenen Familien. Ansonsten bin ich die ganze Zeit freiberufliche Hebamme gewesen, zeitweise mit Geburtshilfe, ich habe immer noch einen Belegvertrag mit einem Krankenhaus hier in Berlin, musste den aber im Oktober 2010 auf Eis legen. Ich habe mit der Geburtshilfe aufgehört, weil die Haftpflichtprämie in dem Jahr so gestiegen ist, dass ich wirklich nur noch die Frauen, die ich vorher angenommen hatte, zu Ende betreut habe. Ansonsten pausiere ich erst einmal, weil ich mir diese Haftpflichtprämie nicht leisten kann.

AVIVA-Berlin: Wie hoch ist diese Prämie genau?

Susanna Rinne-Wolf: 1981 lag sie bei 30,61 Euro im Jahr, in den Jahren bis 2010 stieg sie dann auf 3.689 Euro und im Juli 2012 geht sie dann auf 4.242,35 Euro im Jahr. Es ist ganz klar, dass die außerklinische Geburtshilfe und die Beleggeburtshilfe massiv darunter leidet. Den Frauen fällt das Wahlrecht weg, ein ganz elementares Recht der Selbstbestimmung, zu entscheiden, wo und mit wem man sein Kind bekommt. Sogar hier in Berlin, der Hochburg der Hausgeburtshilfe, ist das de facto nicht mehr möglich. Besonders die Belegkolleginnen leiden darunter. Sie begleiten die Beleggeburten, gehen mit den Frauen gemeinsam ins Krankenhaus und machen dort eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Es ist so, dass die Belegkolleginnen pro Geburt deutlich weniger verdienen, als die Hausgeburtshebammen und die Geburtshaushebammen. Für elf Stunden Arbeit liegen die bei genau 237,85 Euro.

AVIVA-Berlin: Sind die Beleghebammen von den jeweiligen Krankenhäusern angestellt?

Susanna Rinne-Wolf: Nein, sie haben Verträge mit diesen Krankenhäusern. Das heißt, wir haben einen Vertrag, dass wir mit unseren Frauen zu diesen Krankenhäusern in den Kreissaal gehen und dort die Ausstattung nutzen dürfen. Je nach Haus und je nach Vertrag ist es dann so, dass wir entweder verpflichtet sind, dem Arzt Bescheid zu sagen, oder eben auch nicht. Aber wir machen die ganze Betreuung. Das Krankenhaus kann die Geburt über die Krankenkasse bis zu einem bestimmten Satz dafür abrechnen, dass sie zwar kein Personal für die Geburt stellen, sondern nur die Räumlichkeiten. Falls etwas schief laufen sollte, dann ist da natürlich ein Hintergrundteam. Die Kollegin, die da ansonsten wirklich die Arbeit macht, das sind acht Stunden Betreuung während der Wehen, bis das Kind dann kommt, plus drei Stunden Nachbetreuung, dafür bekommt sie dann diese 237,85 Euro. Brutto. Davon muss sie dann diese Haftpflichtprämie bestreiten. Man kann sich ja ausrechnen, wie viele Geburten sie betreuen müsste, allein um ihre Haftpflichtversicherung zu bezahlen.

Es ist in Deutschland per Gesetz so geregelt, dass eine Hebamme nur mit gültiger Haftpflichtversicherung für den Bereich, in dem sie arbeitet, auch tätig sein darf, das ist auch gut so. Das ist ein riesiger Stolperstein. Wir haben da auch sehr gekämpft, unsere E-Petition von 2010 war die erfolgreichste Petition, die es jemals gab! Wir haben innerhalb kürzester Zeit alle Mitzeichner gehabt, mehr als jede andere Petition. Es war ganz klar, dass es von der Bevölkerung auch wirklich sehr gewünscht ist, dass eine wohnortnahe Versorgung mit Hebammen geleistet werden kann und dass dies einen großen Stellenwert hat. Das ist eine große Anerkennung für unseren Berufsstand, und trotzdem hat sich nichts gerührt. Das Einzige, was dann passiert ist, und auch das nur nach etlichen Nachfragen und ordentlichem Druck unsererseits, war, dass über ein Jahr später ein Gutachten über die Einkommenssituation freiberuflicher Hebammen und über den Versorgungsstand der Frauen mit Hebammen in Deutschland in Auftrag gegeben wurde. Der zweite Teil steht noch aus, offenbar gibt es da keine Bestrebungen. Der Einkommensstand wurde ermittelt, zwar mit einem unsäglichen Fragebogen, aber mit einer Beteiligung, die ausreicht, um es auswerten zu können. Wir sind sehr gespannt, was mit den Ergebnissen dann passiert, denn wir haben unsere internen Hochrechnungen schon seit Jahren, wir haben sehr genau geschaut, wie viel man brutto verdient und was muss man davon abgeben, wie viele Stunden arbeitet man dafür? Natürlich auch, wie viel man dann netto unter dem Strich hat. Da sind wir auf etwa 7,50 Euro pro Stunde gekommen, für einem Beruf, in dem man Verantwortung für mindestens zwei Menschenleben hat (Anm. der Red.: Diese Berechnungen wurden seitdem in der IGES-Studie bestätigt). Die Studie, die vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegeben wurde, liefert dann endlich eine offizielle Zahl, gerade, da wir ab Juli 2012 von diesen 7,50 Euro noch mal fast 1.000 Euro mehr im Jahr bestreiten müssen.

Wir hoffen, dass sich dann da etwas tut, denn so kann es nicht weitergehen. Wir hatten bereits Vorschläge vorgelegt, wie das Ganze über einen steuerfinanzierten Fonds abgewickelt werden könnte, die Kolleginnen, die jetzt aufhören mussten, hätten dadurch sagen können "Ich biete meine Arbeit weiter an und die Haftpflichtprämie wird aus diesem Fonds finanziert". Wir sind auf komplett taube Ohren gestoßen.

AVIVA-Berlin: Dabei wäre die Unterstützung aus der Bevölkerung ja da.

Susanna Rinne-Wolf: Ja, absolut. Das wäre wirklich nicht das Problem, wir sind zwar eine Berufsgruppe, mit der man nur über einen sehr kleinen Abschnitt in seinem Leben zu tun hat, aber nichtsdestotrotz ist es einer von dem wirklich jeder sagt, dass es wichtig ist. Es ist wichtig, dass man eine gute Begleitung und Betreuung hat, dass man jemanden hat, der einem dann zur Seite steht. Bis auf die paar Leute, die immer noch sagen "Wie, Hebamme? Das gibt´s noch? Wir haben doch Ärzte!" Da pochen wir dann immer auf die Hinzuziehungspflicht, in Deutschland ist es schließlich gesetzlich geregelt, dass keine Geburt ohne Hebamme läuft. Die Ärzte dürfen das gar nicht, außer im Notfall, die sind nur für die Pathologie zuständig.

AVIVA-Berlin: Welche Art Ausbildung muss frau absolvieren, um sich Hebamme nennen zu dürfen?

Susanna Rinne-Wolf: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten. Wir streben eine hundertprozentige Akademisierung an. Im Moment ist es noch so, dass die meisten Kolleginnen eine dreijährige Berufsausbildung machen. Die Abschlussprüfung besteht aus einem mündlichen, einem schriftlichen und praktischen Teil. Sie muss außerdem noch eine bestimmte Anzahl von Betreuungen in den unterschiedlichen Bereichen nachweisen, bevor sie dann die Berufsbezeichnung "Hebamme" führen darf. Es gibt aber auch mittlerweile die Möglichkeit, primärqualifizierende und duale Studiengänge zu belegen, wo man dann einen Bachelor-Abschluss macht und danach die Option hat, einen Master-Abschluss draufzusetzen. Inzwischen sind die ersten Professorinnen für Hebammen an den Hochschulen. Das entspricht auch sicherlich der Richtung, in die es gehen muss, weil es einfach ein sehr verantwortungsvoller Beruf ist. Wenn man es realistisch betrachtet haben die Kolleginnen, die in den letzten Jahren in die Ausbildung gegangen sind, sowieso alle die Hochschulreife gehabt. Wir sind der einzige medizinale Fachberuf, der nicht nach ärztlicher Anweisung, sondern selbständig arbeitet. Schwangerschaft und Geburt ist unser Fachgebiet, nicht das der Gynäkologen. Der Beruf erfreut sich nach wie vor einer so großen Beliebtheit, dass wir nie Rekrutierungsprobleme hatten.

AVIVA-Berlin: Es sei denn, die Frauen können dann von ihrer Arbeit nicht mehr leben…

Susanna Rinne-Wolf: Das ist es, wobei, auch die Kolleginnen, die jetzt in die Ausbildung gehen, machen das sehenden Auges. Die wissen, dass die Chancen hinterher echt miserabel sind, dass sie schlecht verdienen, dass sie unmenschliche Arbeitszeiten haben werden, das ist denen klar, und trotzdem wollen sie es machen! Ich glaube, das ist einer unserer großen Stolpersteine, denn wir alle lieben unseren Beruf so sehr, dass der Umkehrschluss ist "Na, mit denen kann man´s ja machen" Wir wehren uns allerdings gut dagegen, der Deutsche Hebammenverband hat einen Preis für die beste Interessenvertretung eines Berufsverbandes für seine Mitglieder bekommen.

AVIVA-Berlin: Ist der Beruf "Familienhebamme" eine Weiterbildung der Hebamme?

Susanna Rinne-Wolf: Das ist eine Zusatzqualifikation. Es ist von Bundesland zu Bundesland etwas anders, die meisten orientieren sich aber an den Empfehlungen des Deutschen Hebammenverbandes. Es müssen mindestens 200 Stunden Fortbildung gemacht werden, es qualifiziert zusätzlich für die Betreuung von Familien mit einer besonderen Problematik, zum Beispiel minderjährige Mütter oder drogenabhängige Eltern, körperlich oder geistig behinderte Eltern. Wir fungieren quasi als sehr niedrigschwelliges aufsuchendes Angebot im ersten Lebensjahr des Kindes, wir dürfen auch länger bleiben. Frauen, die es mangels Informationen aus ihren eigenen Möglichkeiten heraus nicht schaffen, das Gesundheits- und Vorsorgesystem so für sich und ihre Kinder zu nutzen, wie es ihnen eigentlich zusteht. Wir haben es auch mit Frauen zu tun, die häusliche Gewalt erleben, ich kann von denen nicht erwarten, dass sie ihre Rechte auf dem Schirm haben und sie dann, neben dem Baby, auch umsetzen. Die brauchen ganz klar jemanden, der sich ein bisschen auskennt. Und wenn es nur ist, zu sagen "Komm, wir gehen jetzt gemeinsam zur Vorsorgeuntersuchung", damit sie überhaupt dort ankommen.

AVIVA-Berlin: Könnten Sie beschreiben, wie Ihr typischer Arbeitstag aussieht?

Susanna Rinne-Wolf: Früher, als ich nur freiberuflich gearbeitet habe, hat mein Tag so ausgesehen, dass ich morgens um halb acht mit meinen Kindern das Haus verlassen habe, sie zur Schule gebracht habe und so gegen acht Uhr beim ersten Hausbesuch war. Dann machte ich bis etwa vier Uhr im Stundentakt Hausbesuche, sammelte die Kinder wieder ein, brachte sie nach Hause, machte danach noch ein bis zwei Hausbesuche, kochte zu Hause, half bei Hausaufgaben, ging ins Bett und hoffte, dass das Telefon nicht mitten in der Nacht klingelt, weil eine Frau Wehen hat. Ich bin alleinerziehend, und das geht alles natürlich nur, wenn die Kinder bereits etwas älter sind.

AVIVA-Berlin: Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Susanna Rinne-Wolf: Was ist das Beste...? Ich finde es jedes Mal wieder ein ganz enormes Privileg, dass ich dabei sein darf, wenn ein kleiner Mensch in seiner Familie ankommt. Ich meine nicht nur die Geburt, sondern die Zeit danach, zu sehen, wie dieses gesamte System, das vorher da war, komplett aufweicht, um Platz für dieses neue kleine Menschlein zu machen, wie sich dann alles neu zusammen sortiert und neu findet. Sie kommen ja auch wirklich schon mit so viel Persönlichkeit auf die Welt und haben so viel Eigenes, was sie mitbringen, dass man erst einmal gucken muss, wer bist denn du eigentlich, wie bist du drauf, bist du eher auf Krawall gebürstet oder ganz entspannt? Ich habe immer den Eindruck, die werden uns geschickt, um uns all die Sachen beizubringen, die wir noch nicht können.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für Ihre Zeit!

Susanna Rinne-Wolf: Sehr gerne!


Weitere Informationen finden Sie unter:

Versorgungs- und Vergütungssituation in der außerklinischen Hebammenhilfe. Ergebnisbericht für das Bundesministerium für Gesundheit (IGES Institut, 19. März 2012)

Presseinformation des Deutschen Hebammenverbands vom 1. Juli 2012:
Hebammen aus der Region sind richtig sauer - Vergütungsverhandlungen zwischen Kassen und Hebammenverbänden scheitern vorerst

Berliner Hebammenverband e.V.

www.facebook.com/HebammenfuerDeutschland

www.hebammenfuerdeutschland.de

Deutscher Frauenrat

Hebammenausbilder über Kostendebatte: "Das ist ein Luxus obendrauf" (TAZ, erschienen 11. Juli 2012)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Aufruf: Endspurt - Ihre Stimme für die Hebammen

Annette Kerckhoff - Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde

Public Affairs Beitrag vom 10.08.2012 Britta Meyer 

   




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