Ort des Erinnerns - Das Berliner Zwangsarbeitsamt für Juden von 1938 - 1945
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Finanzkontor
AVIVA-Berlin > Public Affairs
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Politik + Wirtschaft
   Diskriminierung
   Veranstaltungen in Berlin
   Kultur
   Juedisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Liebe LeserInnen, hier können Sie nach Begriffen, Stichpunkten, Autorinnen etc. suchen, oder nutzen Sie unsere größere Suchseite!





AVIVA-Newsletter

Wenn Sie über unsere Neuigkeiten auf dem Laufenden gehalten werden wollen, können Sie hier unseren


Newsletter bestellen...

AVIVA-Berlin auf Facebook
Besuchen Sie die Seite von AVIVA-Berlin auf Facebook.



AVIVA-Berlin RSS-News
RSS-Newsfeed abonnieren

Mit dem Newsfeed sind Sie täglich über die neuesten Themen der AVIVA-Berlin informiert.




Berliner Frauenpreis 2016




Happy New Year 2016




Aviva-Berlin.de

Versatel



Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.







 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2016 - Beitrag vom 25.06.2013

Ort des Erinnerns - Das Berliner Zwangsarbeitsamt für Juden von 1938 - 1945
Madeleine Jeschke

In langer, akribischer Recherche fand die Geografin und Soziologin Stella Flatten heraus, wofür das Haus in der Fontanepromenade 15 in Berlin-Kreuzberg während der Nazizeit genutzt wurde. Durch...



... ihre Initiative konnte am 23. Mai 2013 die feierliche Enthüllung der Gedenk-Stele stattfinden und somit auf die Vergangenheit des Ortes aufmerksam gemacht werden.

An der Gedenkveranstaltung nahmen mehrere hundert Interessierte sowie die ehemalige Zwangsarbeiterin Margot Friedländer teil. Neben Ansprachen von Bezirksstadträtin Monika Herrmann und Rabbiner Daniel Alter ließ Inge Deutschkron, die für IG Farben Zwangsarbeit leisten musste, in ihrem Grußwort eine Passage über ihre Erfahrungen aus dieser Zeit verlesen.



Ursprünglich wollte Stella Flatten nur die Fragen ihres dreijährigen Sohnes beantworten, die er zu dem großen leeren Haus mit den vergitterten Fenstern stellte, an dem sie täglich vorbei kamen. Nach anfänglichen Nachforschungen im Internet selbst neugierig geworden, begann die Wissenschaftlerin sich immer mehr in die Geschichte hinein zu arbeiten, recherchierte in verschiedenen Archiven und erfuhr, dass dieser Ort in der Zeit von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Sitz der Zentralen Dienststelle für Juden vom Arbeitsamt Berlin genutzt wurde. Nur wenige in der Nachbarschaft wussten von der Vergangenheit dieses Ortes. Stella Flatten war "fasziniert davon, was das Haus für eine Geschichte hatte und dass diese nicht ersichtlich war."

Es gelang ihr Zutritt zum Haus zu erhalten. Als erstes fielen ihr die verschalten Wände auf und die Lichtschalter, die ohne Funktion unter der neuen Tapete ihre Konturen zeigten. Es war ein "Haus im Haus" gebaut worden. Für die Geografin stellte dies eine Metapher für gelebte Geschichte dar: "Das Nebeneinander von neu und alt in dichter physischer Nähe ist für mich Sinnbild von sichtbarer Geschichte im Stadtraum." Sie wollte den Menschen die Geschichte des Hauses zugänglich machen und verfasste im November 2011 ein Konzept für eine Ausstellung. Bereits am nächsten Tag erhielt sie vom Bezirksmuseum Kreuzberg eine positive Antwort.

Das Zwangsarbeitsamt als Ort der Diskriminierung und Entrechtung

Der Mittelteil des Hauses, welcher heute noch unverändert in der Fontanestraße 15 steht, war Teil eines riesigen Komplexes



Hier mussten sich ab dem 23. Dezember 1938 alle jüdischen BürgerInnen der Stadt zum Arbeitsdienst melden. Es war ihnen untersagt, sich selbst Arbeit zu suchen, ebenso durften sie keine öffentlichen Verkehrsmittel, Autos oder Fahrräder benutzen und mussten zu Fuß aus allen Bezirken dorthin laufen. Die Nazis ließen die Menschen stundenlang warten und teilten ihnen grundsätzlich die schwerstmögliche und schmutzigste Arbeit zu. Viele wurden als FabrikarbeiterInnen eingesetzt oder später in der Rüstungsindustrie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Wer als nicht arbeitsfähig eingestuft war, wurde zur Deportation freigegeben. Die diffamierende Vorgehensweise innerhalb Behörde brachte ihr die spöttische Umbenennung von Fontane- in "Schikanepromenade" unter den ZwangsarbeiterInnen ein.

Die Zentrale Dienststelle in der Fontanepromenade 15 war der Anzahl der insgesamt rund 26.000 vorgeladenen Jüdinnen und Juden nicht gewachsen, denn die Warteräume innerhalb des Gebäudes boten nicht ausreichend Platz. So verbrachten die Wartenden ihre Zeit außerhalb des Gebäudes auf den umliegenden Parkbänken. Die AnwohnerInnen fühlten sich davon zusehends belästigt und beschwerten sich bei der Stadt - diese reagierte prompt. Es wurden zwei der Bänke gelb gestrichen und mit dem Vermerk "Nur für Juden" versehen, die übrigen Bänke auf dem Grünstreifen trugen die Aufschrift "Nur für Arier".

Noch heute stehen Bänke in der Fontanepromenade. Diese Tatsache und die wechselhafte Geschichte des Hauses, das von 1950 an von der Reorganisierten Kirche Jesu Christi der heiligen der letzten Tage der heutigen "Gemeinschaft Christi" genutzt wurde und aktuell zum Verkauf steht, veranlasste Stella Flatten dazu, von einem tradierten Denkmaltyp abzuweichen. "Das greift an diesem Ort nicht, da er von so vielen Personen genutzt wird." Teil ihres Konzeptes war es, Diskriminierung im öffentlichen Raum darzustellen, indem zwei der Bänke wieder gelb angestrichen werden sollten. Auch eine Geschichtswerkstatt für Kinder mit der Carl von Ossietzky Gemeinschaftsschule war geplant sowie ein Partizipationsprojekt, das sogenannte "Dezentrale Denkmal, bei dem Postkarten, versehen mit fünf Feldsonnenblumenkernen und mit dem Aufruf: "Pflanze die Samen in die freie Erde in deiner Umgebung", kostenlos verteilt werden, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, selbst aktiv an der Aufarbeitung der Geschichte dieses Ortes mitzuwirken.

Der lange Weg bis zur Realisierung des Erinnerungsprojekts



Es brauchte fast zwei Jahre der Vorbereitung und der Verhandlungen mit den Behörden sowie den heutigen EigentümerInnen des Hauses, bis zur Errichtung einer etwa zwei Meter hohen Gedenk-Stele in Design und Ausführung von Helga Lieser, die an diesen Ort der Diskriminierung und Entrechtung erinnert, der letztlich auch als Instrument der Verfolgung fungierte. Durch den unermüdlichen Einsatz von Stella Flatten, mit Unterstützung des "Aktiven Museums Faschismus und Widerstand", dem Kreuzberg-Museum und dem Nachbarschaftshaus Urbanstrasse e.V. konnte die Umsetzung des Projekts im Rahmen des Themenjahrs 2013 "Zerstörte Vielfalt" ermöglicht werden.

Das Dezentrale Denkmal konnte mit Geldern der Amadeu Antonio Stiftung und der Jugend- und Familien Stiftung Berlin realisiert werden. Es wurden 5.000 Postkarten mit Hilfe vieler Freiwilliger und in Kooperation mit dem Nachbarschaftshaus Urbanstraße hergestellt und im angrenzenden Kiez verteilt.
Die geplante Geschichtswerkstatt wurde jedoch leider nicht finanziert und ist somit nicht realisiert worden. Auch von den zwei ursprünglich geplanten, leuchtend gelb gestrichenen Parkbänken, wurde nur eine und auch nur bis November 2013 bewilligt. Eine Sorge der Gedenktafelkommission war laut Flatten "das Bekritzeln der Bank bzw. das mutwillige Zerstören. Bis jetzt ist es noch nicht zu solchen Dingen gekommen. Sie wird viel genutzt und die Leute setzen sich laut eigener Aussage gern darauf." Generell seien der Geografin zufolge die Rückmeldungen der AnwohnerInnen positiv, sie werde persönlich angesprochen oder erhalte E-Mails von älteren BerlinerInnen die sich an diese "Judenbänke" erinnern und ihre persönliche Geschichte dazu erzählen.

Trotz der Schwierigkeiten ist die Realisierung des Projekts für Stella Flatten der größte Erfolg, auch dass viele der anfänglich angedachten Bestandteile Wirklichkeit geworden sind. Auf die Frage nach ihrer Motivation antwortete sie "Ich denke, dass es Zeit ist eine offenere Art des Erinnerns zu erproben bzw. zu ermöglichen. Die Worte des Rabbiners Daniel Alter in seiner Rede am 23. Mai 2013 im Rahmen der Eröffnung haben es gut für mich zusammengefasst."

Wie geht es weiter?

Ein weiterer Teil des Erinnerungsprojekts ist ein neunminütiger Film von Stella Flatten und Christina Voigt zu der bis heute kaum dokumentierten Geschichte der Dienststelle für Juden. Der Dokumentarfilm, "Fontanepromenade 15 – Zwangsarbeitsamt für Juden. 1938-1945", wird derzeit auch im Deutschen Historischen Museum im Rahmen der kostenlosen Ausstellung "Zerstörte Vielfalt – Berlin 1933-1938" gezeigt.

Stella Flattens Wunsch wäre es, in mehreren Berliner Parks und Grünanlagen gelb angestrichene Bänke für eine begrenzte Zeit aufzustellen. "Teil meiner Intervention ist es, die ´Nutzung´ zu dokumentieren und zu beobachten was mit der Bank über den Lauf der Zeit geschieht. Dies passiert in Form von Fotos, kurzen Filmen und Interviews am Beispiel der Fontanepromenade. Konkrete Pläne, Bänke an anderen Stellen umzustreichen gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht."



Weitere Informationen finden Sie unter:

www.flattenflatten.com

www.nachbarschaftshaus.de

www.aktives-museum.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Senator Dr. Ehrhart Körting übergab Urkunde zur Wiedereinbürgerung an die Zeitzeugin und Autorin Margot Friedländer

Enthüllung der Gedenktafel für Lisa Holländer

Als Jüdin versteckt in Berlin. Margot Friedländer mit Malin Schwerdtfeger


Copyrights Fotos:

Foto der Fontanepromenade im Jahr 1949: Stella Flatten
Foto der gelben Bank in der Fontanepromenade, 2013: Madeleine Jeschke
Foto von Stella Flatten: Sharon Adler
Foto von Margot Friedländer: Sharon Adler


Public Affairs Beitrag vom 25.06.2013 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2016  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken