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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 13.01.2014

Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen interveniert bei Fachtagung Mind the Gap - Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung
Katarina Wagner

Gut situierte ´hochgebildete´ weiße Menschen reden darüber, warum in der deutschen (Hoch-)Kulturlandschaft vor allem gut situierte ´hochgebildete´ weiße Menschen zu sehen sind. Die ´Betroffenen´...



...und ExpertInnen aus der kritischen Kulturarbeit, wurden zwar nicht an das Podium gebeten, bahnten sich aber trotzdem den Weg in die Tagung, um auf strukturellen Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus hinzuweisen und respektvolle Repräsentation und Teilhabe zu fordern.

Wichtige Fragen, aber wer kann sie beantworten?

"Warum besuchen z.B. gerade junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Herkunftsländern, Menschen mit Behinderung und viele Menschen mit geringen Einkünften klassische Kultureinrichtungen besonders selten?
Welche Formen von Kulturvermittlung sind geeignet, öffentlich geförderte Kulturinstitutionen zu partizipativen und Gemeinschaft stiftenden Orten für ein vielfältiges Publikum zu machen?"


Diese Fragen sollten am 9. und 10. Januar 2014 auf der Fachtagung, organisiert durch die Universität Hildesheim und die Kulturloge Berlin, besprochen werden.Auf der ReferentInnenliste fanden sich jede Menge "Prof. Dr.", davon aber keine People of Color, keine KulturpraktikerInnen, keine Menschen, die mit wenig Einkommen leben und keine ExpertInnen mit Behinderung.
Das JugendtheaterBüro Berlin war zuerst ins Publikum eingeladen, dann aber doch unter der Begründung des Platzmangels wieder ausgeladen worden.

Auch schien sich die Konferenz eher darum zu drehen, welche Strategien die bisher Ausgeschlossenen als Gäste ins Theater, in die Oper oder in Museen locken könnten. Wie Hindernisse bei der Teilhabe an den Produktionen selbst abzubauen seien, stand erstmal nicht auf der Tagesordnung. Von strukturellem Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus war im Einladungstext nirgends zu lesen. Zudem war die Tagung an sich nicht barrierefrei: der Teilnahmebeitrag lag bei vierzig Euro, es wurde keinE GebärdendolmetischerIn oder Sprachübersetzung bereitgestellt und keine Kinderbetreuung angeboten.

"Sie haben mich zwar nicht eingeladen, aber ich bin trotzdem gekommen“ – Widerstand gegen die "weißen Mittelschichts-Ghettos"

Auf diese Lücken, beziehungsweise Verfehlungen, der Tagung wiesen die Mitglieder des Bündnisses kritischer Kulturpraktiker_innen hin, als sie am Donnerstag die Bühne einnahmen und dabei auch gleich die selbstorganisierte Fachtagung ankündigten – um danach geschlossen den Saal wieder zu verlassen.

Die spontane Einladung der Tagungsleitung, jetzt doch dazubleiben und in einen Dialog zu treten, wurde abgelehnt und stattdessen zur Pressekonferenz am Freitag auf den Stufen des Deutschen Theaters gebeten. Dort entrollte das Bündnis eine etwa zwei Meter lange Liste mit Namen von WissenschaftlerInnen und ExpertInnen of Color und anderen PraktikerInnen, welche die Universität Hildesheim und die Kulturloge Berlin hätten einladen können und SprecherInnen erläuterten das Programm der geplanten eigenen Konferenz "Mind the Trap – Vermittlungsstrategien zur Überwindung von diskriminierenden Strukturen in deutschen Kulturinstitutionen".

In Workshops soll es um verschiedene Themen gehen:

Doing Representation: Rassismuskritische Ansätze und Critical Whiteness in den visuellen und Bildenden Künsten mit Natalie Bayer (Migrationsforscherin / Kuratorin) und Sandrine Micossé-Aikins (Kunstwissenschaftlerin / Kuratorin / Aktivistin.
Un-doing Representation: Intervention und kritische Diskurse im Theater – von Bühnenwatch über Göthe Protokoll bis Von welchem Theater träumen wir? mit Christian Diaz (Billeteur / Aktivist), Tuncay Acar (Kulturschaffender) und Atif Hussein (Regisseur / Szenograph / Autor).
Developing Representation: Theaterpädagogik vs. Coaching mit Çýðýr Özyurt (Theaterpädagoge JugendtheaterBüro Berlin / Musiker), Nils Erhard (Pädagoge JugendtheaterBüro Berlin) und Bassam Ghazi (Theaterpädagoge).
Claiming Representation: Wer darf sich wie auf der Bühne vertreten und ab wann ist es Kunst? mit Laura Werres (Theaterpädagogin Theater RambaZamba), Ahmed Shah (künstlerischer Leiter des JugendtheaterBüros Berlin) Emre Akal (Autor / Regisseur) und Azadeh Sharifi (Kulturwissenschaftlerin).
Strategies of Representation: Netzwerke und Plattformen – von KulTür Auf! Über migrantenstadl zu Integrier-Bar mit Jugendlichen des JugendtheaterBüros Berlin, Tunay Önder (Soziologin / Bloggerin migrantenstadtl) und Peter Arun Pfaff (Journalist / Dokumentarfilmer Integrier-Bar).

Weiterhin Diskussionsbedarf: Rassismus im deutschen Kulturbetrieb

Die Veranstaltung, dessen Datum und Ort noch bekannt gegeben wird, richte sich nicht nur gegen die stattgefundene Tagung am Deutschen Theater, sondern möchte kritische Fragen in Bezug auf den gesamtdeutschen Kulturbetrieb aufwerfen.

Repräsentation steht nicht umsonst im Fokus von Mind the Trap. Nicht nur fehlt die Vielfalt der deutschen Gesellschaft auf den Bühnen und den Regieplätzen der so genannten Hochkultur, dort werden auch immer noch Stücke mit rassistischen Inhalten unreflektiert und unkommentiert aufgeführt und auch die Praxis des Blackface ist trotz wiederholtem Protest lebendig geblieben.

Unter anderem das Schlosspark Theater, das Deutsche Theater und zuletzt auch die Fernsehshow "Wetten Dass..." lösten mit Blackface öffentliche Diskussionen und Aufschreie aus.

In allen Fällen wurde der Rassismusvorwurf in den Medien nur unzureichend und zudem meist aus der Sicht von VertreterInnen der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft
besprochen und zu oft relativiert. Der Kolumnist Harald Martenstein bezeichnete in der ZEIT sogar die GegnerInnen des Blackfacing als getarnte RassistInnen und suggerierte herablassend, dass es schlimmer sei, als RassistIn bezeichnet, als von Rassismus verletzt zu werden.

Wenn sich weiße Menschen anmalen um auf der Bühne Schwarze Personen darzustellen, dann steht das in der Tradition der US-amerikanischen Minstrel Shows aus dem 19. bis Anfang 20. Jahrhundert, in denen sich weiße SchauspielerInnen schminkten um Schwarze Männer und Frauen auf zutiefst rassistische Weise zu karikieren. Auch wenn es von den Darstellenden "nicht negativ gemeint ist", lässt sich diese Verbindung nicht lösen.
Die Praktik führt zudem nicht nur zur weiteren Ausgrenzung und verletzender und verzerrender Miss-Repräsentation von People of Color und Schwarzen Menschen, sondern stellt Schwarzsein als Kostüm dar. Ein Kostüm, welches sich weiße Personen temporär aneignen und `in eine Rolle schlüpfen` können, wobei ihr eigenes Weißsein als der Standard angenommen wird und damit als gesellschaftliche Position mit all ihren Privilegien unsichtbar bleibt.

Diese rassistische und einseitig rassifizierende Logik, welche Schwarze und People of Color ständig als das "Andere" und die Weißsein als Maßstab und damit als "neutrale Position" festsetzt, führt im akademischen Bereich dazu, dass ständig vermeintlich "objektive" – übersetzt: weiße – WissenschaftlerInnen und ExpertInnen über die "Anderen" forschen, deren eigene Perspektive und Arbeit als "zu subjektiv" vernachlässigt und ausgegrenzt wird.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft muss ihre Blindheit gegenüber Marginalisierung überwinden und strukturelle Diskriminierung endlich abbauen

Die fehlende Reflexionsfähigkeit machte sich auch bei der Pressekonferenz am Freitag bemerkbar. Zwar gesellte sich die Tagungsleitung nicht zu den zirka fünfzig Personen vor den Toren des Deutschen Theaters, einige TeilnehmerInnen wagten sich aber doch nach draußen in die windig-kalte Luft. Es fielen vorwurfsvolle Fragen, warum sich die Mitglieder des Bündnisses denn dem Dialog am Vortag verschlossen hätten, worauf die SprecherInnen ständig wiederholen mussten, dass sie sich nicht im Nachhinein von der Tagung vereinnahmen ließen, sondern endlich mit ihren Qualifikationen und ihren Kenntnissen an das Podium gerufen werden sollten. Es sei schließlich nicht die erste Veranstaltung dieser Art, zu der marginalisierte Menschen nicht eingeladen wurden und auch nicht die erste zu der solch ein Protest stattfand. Zuletzt wagte sich dann doch die Pressesprecherin der Kulturloge Berlin, Miriam Kremer, an das Mikrofon. Auf die Frage, warum denn hier keine People of Color Vorträge hielten, wirft sie zurück, was das denn mit der Hautfarbe zu tun hätte.

An diesen Tagen ist leider wieder einmal sichtbar geworden, dass die Vielfalt in der deutschen Gesellschaft unter den Eliten nicht nur ausgegrenzt bleibt, sondern bestimmte Bevölkerungsgruppen, beziehungsweise in verschiedene Kategorien gruppierte Menschen, (allen voran People of Color und Menschen mit Behinderungen*) oft schlichtweg keine Anerkennung als wichtige GesprächspartnerInnen finden. Interventionen und Proteste bleiben dringend notwendig, damit auf solchen Tagungen, die in politische Entscheidungen und Geldervergabe einwirken, nicht am Problem vorbei und über die Köpfe der Betroffenen hinweg konferiert wird.

Weitere Infos unter:

www.mindthetrapberlin.wordpress.com

Aufnahme der Pressekonferenz des Bündnis Mind the Trap am 10.Januar vor dem Deutschen Theater

www.theater-rambazamba.org

www.integrier-bar.de

www.grenzen-los.eu/jugendtheaterbuero

www.dasmigrantenstadl.blogspot.de

www.buehnenwatch.com

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Public Affairs Beitrag vom 13.01.2014 Katarina Wagner 

   




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