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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.07.2011

Beobachtungen aus dem Abseits - Ein Beitrag von Nasrin Amirsedghi
Nasrin Amirsedghi

Mit Dschungel-Methoden MigrantInnen für den Arbeitsmarkt fit machen. Eine generöse Verordnung! Laut Zuwanderungsgesetz vom 13. Dezember 2004 trägt der Bund die Kosten für die Durchführung von..



... Integrationskursen in einer geschätzten Höhe von jährlich 76 Mio. Euro.

MigrantInnen sind einerseits "berechtigt", andererseits "verpflichtet", nach 645 Stunden Unterricht und Landeskunde ihre Sprachkenntnisse mit dem DaZ-Zertifikat (Deutsch als Zweitsprache) nachzuweisen. Staatliche Zielvorgabe: "die Sprachförderung auf ein völlig neues Qualitätsniveau zu heben" und die Chancengleichheit und Teilhabe an Bildungsprozessen für MigrantInnen zu fördern.

Wie hat sich die Verordnung seither ausgewirkt? Welcher Prozentsatz von MigrantInnen ist bereits integriert und wie viele können halbwegs vernünftiges Deutsch verstehen, sprechen und schreiben? Da Zahlen und Fakten entweder gutmütig geschönt sind oder kaum erfasst werden, sind diese Fragen nicht leicht zu beantworten. In der Tat liegt seit Einführung des Zuwanderungsgesetzes noch keine wissenschaftliche Evaluation über die Nachhaltigkeit solcher Sprachförderungen vor.

Wie sieht nun die Realität tatsächlich aus? Ein Blick hinter die Integrationskulissen

Ich hatte letztes Jahr die zweifelhafte Ehre, als Dozentin in zwei Integrationskursen bittere und doch kostbare Erfahrungen zu sammeln. Was ich erlebt habe, steht in absolut keiner Relation zu all meinen bisherigen Unterrichtserfahrungen. Ich habe mich gefragt, welche Erfolgserlebnisse man überhaupt noch erzielen kann, als ich zwei Kurse, angeboten von zwei großen Trägern, zustande bringen sollte. Denn die Bedingungen waren eher dubios und fragwürdig als Erfolg versprechend.

Erstens bestand die Zusammensetzung der KursteilnehmerInnen (männlich und weiblich) aus einem Sammelsurium von über zwölf Nationalitäten aus allen Himmelsrichtungen und einem Altersspektrum von 22 bis 63 Jahren. Der Bildungsgrad der TeilnehmerInnen bestand zu 70% aus Bildungsfernen und Lernungewohnten ohne beruflichen oder Schulabschluss und zu 30% aus Lernerfahrenen bzw. Lerngewohnten mit Universitätsabschluss aus den Heimatländern (z.B. ehemalige LehrerInnen, PersonalmanagerInnen, KünstlerInnen, SoziologInnen, BeamtInnen, BetriebswirtschaftlerInnen). Die TeilnehmerInnen hatten eine Aufenthaltsdauer in Deutschland zwischen einem bis dreißig Jahren. Obwohl 70% von ihnen das DaZ-Zertifikat nach den Kompetenzstufen A2 ("elementare Sprachverwendung") oder B1 ("selbständige Sprachverwendung") nachweisen konnten, waren ihre Sprachkenntnisse sehr mangelhaft (mündlich, schriftlich und im Hör- und Leseverstehen).

Eine weitere Besonderheit war die unterschiedliche Lernmotivation: bei 70% war sie sehr gering (Zwangscharakter der Maßnahme), bei 30% sehr hoch. Der Grund könnte darin liegen, dass die TeilnehmerInnen, veranlasst durch die Job-Center, die Kurse wegen MAE-Maßnahmen (Mehr-Aufwand-Entschädigung/Ein-Euro-Job) besuchen mussten. Sie nahmen z. B. entweder vier Tage am Unterricht teil (täglich 6 Std.) und waren einen Tag in den Einsatzstellen (Pflegeheim, Kindergarten, BVG) als Pflege-, Garten-, Büro- oder ReinigungshelferInnen beschäftigt. Oder sie besuchten nur einen Tag (6 Std.) den Unterricht und waren die übrigen vier Tage in ihrer Einsatzstelle (Kindergarten, Altersheim) als Küchen- oder PflegehelferInnen beschäftigt.
Bei einem Träger war bis zur dritten Woche nicht klar, wie viele TeilnehmerInnen den Kurs mit insgesamt 94 Unterrichts-Stunden bis zum Schluss besuchen konnten. Bei einem anderen Träger wurden alle zwei Wochen neue TeilnehmerInnen vermittelt. Die Fluktuation lag bei 80% und hielt sogar bis zwei Wochen vor dem Ende des Kurses an. Das störte die Unterrichtsplanung sowie die Gruppendynamik und -findung. Alle waren gezwungen, sich jeden Tag aufs Neue auf die Gruppenzusammensetzung einzustellen.

Am kritischsten waren die Arbeitsbedingungen. Beispiele: Bei einem Kurs mit neun TeilnehmerInnen wurde erst zwei Wochen nach Beginn mitgeteilt, dass drei von ihnen den Kurs nur die ersten zwei Wochen besuchen konnten, da ihre MAE-Arbeitsverträge endeten. Einige meldeten sich ab der dritten Woche krank. Ein anderer Kurs sollte mit 320 Stunden starten. Die TeilnehmerInnen wurden entsprechend vom Job-Center vertragsbindend angemeldet. Erst zwei Wochen nach Kursbeginn wurde die Unterrichtszeit auf 165 Stunden halbiert.

Die Kurse fanden entweder in einem kleinen Büro statt, in dem es keine Tafel, dafür viele Möbel gab, die den Bewegungsspielraum einschränkten, oder sie wurden – gerade so, wie es das Schicksal mit den Teilnehmerinnen machte – aller paar Wochen auf Raumwanderung geschickt. Bei beiden Trägern gab es entweder keine technischen Mittel wie Fernseher, CD- und Videogeräte, oder die Teile waren funktionsuntüchtig. Statt einer Tafel musste man sich mit einem kleinen Flipchart arrangieren. Die überreguliert bürokratischen Abläufe seitens der Job-Center dominierten die gesamte Unterrichtsatmosphäre von Anfang bis Ende - ein willkommener Konfliktstoff! Es war kein geeignetes Lehrbuch vorhanden. Die TeilnehmerInnen durften die Arbeitsbücher nicht mit nach Hause nehmen oder darin schreiben. Als Dozentin musste ich die Materialien selbst zusammenstellen auf der Basis von Sprachkenntnissen der KursteilnehmerInnen von null bis sehr gering. Natürlich für das gleiche Honorar, was mit enorm hohem Arbeitsaufwand verbunden war und die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts vervierfachte.

In dieser Zeit musste ich feststellen, dass sich der Status der AdressatInnen sowie die Form der Sprachangebote im Vergleich zur Zeit vor elf Jahren von Grund auf geändert haben. Ich war über diese Umstände fassungslos! Ich stellte mir die Frage, was sich die Job-Center denken, wenn sie eine/n TeilnehmerIn zwei Monate (für die Restzeit von 48 Std.), ja sogar zwei Wochen (für eine Restzeit von 12 Std.) vor Kursende vermitteln. Wenn eine türkische Teilnehmerin, die seit zehn Jahren in Deutschland ist und auf Kosten des Staates bereits 450 Sprachkurs-Stunden absolviert hat und sogar im Besitz eines DaZ-Zertifikates ist, immer noch eine einfache Frage wie "Seit wann bist du hier in Deutschland?" nicht beantworten kann, weil sie sie gar nicht versteht, wie soll sie dann in so absurd kurzer Zeit für den Arbeitsmarkt und für die deutsche Sprache fit gemacht werden? Dabei ist doch in den DaZ-Kursen die Einführung von acht bis zehn lexikalischen Einheiten pro Stunde geplant. Warum die Träger dies hinnehmen und mitspielen, ist ihr eigenes Geheimnis! Ich machte mir eher Sorgen um diejenigen, die willens und bereit sind, die deutsche Sprache zu lernen und die gute berufliche Voraussetzungen und Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hätten, die aber in solchen Kursen im völlig falschen Theater sitzen. Seither beschäftigen mich diese und viele andere Fragen ernsthaft.

WARUM gibt es trotz ausreichender Sprachförderprogramme für Einwanderer nach wie vor kein zufriedenstellendes Ergebnis?

Die Hauptprobleme sehe ich in der Methodik der Sprachvermittlung und bei den zugelassenen, aber didaktisch nicht geeigneten Lehrbüchern, dazu kommen die überregulierten administrativen Abläufe durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Kurse werden nach dem "kommunikativen Ansatz" durchgeführt: "Sprechen" und "Hören" sind wichtiger als "Lesen" und "Schreiben". Als wichtigstes Lernziel wird "Kommunikationsfähigkeit in Alltagssituationen" aufstellt. Der Sprachakt wird reduziert auf eine "Alltagskultur", die vielleicht für eine/n TouristIn ausreichend ist, jedoch nicht für EinwandererInnen, die ihren Lebensmittelpunkt hier in Deutschland haben und in dieser Gesellschaft integriert werden sollen und wollen. Die Reduktion von Sprache auf bestimmte Situationen führt dazu, dass ein Sprachakt außerhalb dieses Aktionsraumes nicht mehr funktioniert und die MigrantInnen in anhaltende Sprachlosigkeit geführt werden. Sprache ist das Merkmal einer Kultur, Kultur ist jedoch viel mehr als "Alltagskultur". Durch Sprache wird innerhalb einer Kultur Denken wahrgenommen. Sie zu reduzieren auf eine einfache Alltagssprache bedeutet Entehrung und Entstellung einer Kultur und ihrer Weltauffassung, sie ist nicht mehr das, was sie sein sollte. Es wäre falsch zu glauben, dass die Grundbedürfnisse von Menschen einzig durch "Essen", "Wohnen" oder "Gesundheit" (so jedenfalls die Inhalte der Lehrbücher) befriedigt werden. Der Mensch braucht eben auch "das Denken", die Grundsäule der Kommunikation zwischen Menschen. Wenn die MigrantInnen lernen, sich in die deutsche Sprache und Kultur hineinzufühlen, dann können sie später Handlungssituationen wie "Wohnen", "Essen" oder "Gesundheit" selbst organisieren. Durch die beharrliche Fokussierung der Lerninhalte auf eine reduzierte "Alltagskultur" wird die deutsche Sprache zwar "verwaltet", jedoch nicht inhaltsreich vermittelt.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn TeilnehmerInnen in meinen Kursen, von denen die Mehrzahl bereits ein Daz-Zertifikat vorweisen kann, auch nach etlichen Aufenthaltsjahren noch immer "fließend falsch" sprechen und immer noch nicht fähig sind, einen einfachen Brief an Behörden oder eine Entschuldigung an die Schule zu schreiben.

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Dieser Beitrag wurde uns von Nasrin Amirsedghi zur Verfügung gestellt. Kontakt: E-Mail: KultDIA@t-online.de

Zur Autorin: Nasrin Amirsedghi (geb. 1957 im Iran) lebt in Berlin und ist u.a. als Publizistin tätig. 1996 gründete sie den Verein für Kultur und Migration e.V. "Deutschland von Innen und Außen" (DIA). 2006 erhielt sie den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz für ihre ehrenamtliche Arbeit mit Migrantinnen und Migranten.

Public Affairs Beitrag vom 27.07.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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