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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 22.07.2004

Panorama- oder Tunnelblick
Dr. Angelika Brinkmann

In Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences versucht sich Charles Murray in einem Panoramablick auf Leistungen mit Ewigkeitswert...



Herausragende Leistungen von Individuen lassen sich messen. Das versucht jedenfalls der amerikanische Sozialwissenschaftler Charles Murray in seinem Buch: Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. To 1950 darzustellen. Er analysiert Leistungen mit "Ewigkeitswert" in den Bereichen Kunst und Wissenschaft. Sein Buch ist eine systematische Auflistung ÔÇô er nennt es einen Panoramablick ÔÇô so unterschiedlicher Figuren wie Aristoteles, Mozart und Einstein.

Murray verfolgt dabei keinen qualifizierenden, sondern einen quantifizierenden Ansatz (Regressionsanalyse), wie er in Interviews und Veranstaltungen in Deutschland u.a. im Aspen Institut Berlin erl├Ąuterte. So extrahierte er Eintr├Ąge aus Enzyklop├Ądien, Anthologien, allgemeinen geschichtlichen und biographischen Nachschlagewerken und z├Ąhlte diese schlicht aus, wozu es keiner Kenntnisse der jeweiligen Sprache bedurfte. Eine Einzelperson, die in mehr als 50% der Eintr├Ąge in den Werken Eintr├Ąge aufweist, bekommt die Bezeichnung "bedeutende Person". Das ergibt ca. 4000 Personen, darunter sind 88 Frauen, das sind gut zwei Prozent.

Diese Vorgehensweise f├╝hrt zu Schieflagen, wiewohl vom Autor in einem Beitrag f├╝r die "ZEIT" wortreich bestritten, denn sie benachteiligt Kulturen, die andere ├ťbermittlungsformen hatten (wie z.B. Afrika), aber auch Frauen, da diese in fr├╝heren Enzyklop├Ądien nur wenig zur Kenntnis genommen wurden. Als Erkl├Ąrung, warum die h├Âchste Anzahl von Exzellenz besonders unter M├Ąnnern im Westen und dort vor allem in Europa zwischen 1400 und 1950 zu finden ist, sollte Reichtum nicht unerw├Ąhnt bleiben und der Zugang zu bestimmten Informationen, wie er eben nur in wenigen St├Ądten m├Âglich war. Es mag richtig sein, dass die ├╝berwiegend m├Ąnnlichen Verfasser der von ihm verwendeten Nachschlagewerke die Beitr├Ąge von Frauen und die anderer Kontinente nicht komplett ausblenden. Trotzdem sind auch sie vermutlich nicht ganz frei von den Einfl├╝ssen des gesellschaftlichen Status Quo sowie auch von subjektiven Erw├Ągungen und selbstreferentiellem Verhalten: M├Ąnner beziehen sich bevorzugt auf die Leistungen anderer M├Ąnner. Daher stellt sich schon bez├╝glich der Auswahlkriterien die Frage: Wer findet hier warum Erw├Ąhnung? F├╝r wen war was bei der Auswahl wichtig?

Bei Murrays Bewertung war eine H├Âchstzahl von 100 Punkten m├Âglich. Als Ergebnis dieser Vorgehensweise ist die Frau mit der h├Âchsten Punktzahl von 86 die Japanerin A. Murasaki Shikibu mit ihrem vor tausend Jahren geschriebenen Roman "Die Geschichte vom Prinzen Genji". In der westlichen Literatur gilt noch Virginia Woolf als "hochrangig". Des Weiteren vertritt er die These, dass auch noch in hundert Jahren, Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in jeder Flughafenbuchhandlung zu finden sein wird.

Bez├╝glich der Gegenwartskunst, d.h. jener, die nach 1950 entstanden ist und daher keinen Eingang in sein Buch fand, vertritt Murray einen sehr kategorischen Anspruch. Als Mangel an weiterer "Exzellenz" besonders im Bereich der K├╝nste, macht er den/die K├╝nstlerIn selbst als Problem aus. Als Anh├ĄngerIn eines "nihilistischen" Modernebegriffs, strebe diese/r nicht l├Ąnger danach, "das Sch├Âne zu erkennnen" und weise so das Wahre und Gute als grundlegendes Kriterium seines Schaffens zur├╝ck. Heutzutage w├╝rden wir ├╝berwiegend "wundervolle Unterhaltung" produzieren, von der nicht gen├╝gend Substanz ausgehe, um auf Dauer zu ├╝berzeugen. Vor diesem Hintergrund wagt der Autor dann die These, dass die Anzahl der Romane, Lieder und Bilder des 20. Jahrhunderts, die in 200 Jahren noch Bedeutung haben werden, eher gegen Null tendieren wird, aber belegen l├Ąsst sich dies nat├╝rlich noch nicht. Nur schade, dass wir eine quantitative Verifizierung dieser These nicht mehr erleben werden.

Technische Entwicklungen, die f├╝r Wissenschaft und Kunst von Bedeutung sind kommen daher zu kurz: Das Internet f├╝r beide Bereiche und f├╝r die Kunst der Film und moderne Musikrichtungen. 1400 bis 1950 ist ein Zeitraum mit wenig Konkurrenz und anderer Zeit├Âkonomie, es gab andere Voraussetzungen, damit jemand zum Klassiker avancieren konnte. Aber bereits in fr├╝heren Jahrhunderten mussten Informationen ├╝ber den K├╝nstler/die K├╝nstlerin von geneigten Personen verbreitet werden, einige gelangten erst nach ihrem Tod zu Ruhm. Im digitalen Zeitalter gibt es schnellere Informationsm├Âglichkeiten und dadurch auch eine andere "globale" Kulturbegegnung.
Ich denke, dass Murray mit seiner konservativ-idealistischen Sichtweise auf die Kunst und der ├ťberbetonung der "klassischen K├╝nste" bei den meisten Menschen eher Kopfsch├╝tteln hervorrufen wird. Die Gegenwart erfordert offenbar einen anderen Begriff von Kunst. Im Zeitalter von SMS und "Multitasking" ist vermutlich auch ein multi-sensuales Kunsterlebnis vorstellbar. Wieso soll es nicht m├Âglich sein, eine kleine Nachtmusik und die Beatles gleichzeitig zu sch├Ątzen? Wer sagt denn, das in 200 Jahren nicht nur Bachs Brandenburgische Konzerte geh├Ârt werden, sondern auch "Satisfaction", Madonnas "Material Girl" und Edith Piafs "Je ne regrette rien"?

Auch der Begriff "Star Wars" und George Lucas als sein Erfinder, wird sicherlich Bestand haben als ein zeitloser Klassiker und Meilenstein der Filmkunst, Vielleicht nicht so sehr aus inhaltlicher Sicht sondern wegen seine Einflusses sowohl auf die Filmtechnik als auch das moderne Filmmarketing. Nicht unerw├Ąhnt bleiben darf auch der "Cross over" Effekt auf die Politik, d.h. das unbeabsichtigte ├ťberschreiten der Grenzen der Filmkunst hin zur Sicherheits-,R├╝stungspolitik der USA der 80er Jahre wo ein Pr├Ąsident eine Verteidigungsstragie als "SDI" ank├╝ndigt , die dann sofort mit dem Spitznamen "Star Wars" belegt wurde. Diesen Effekt d├╝rfte nicht einmal die grandiose Literaturverfilmung des "Herrn der Ringe" haben.

Als Ergebnis bleibt nur festzustellen, dass Murrays "Regressionsanalyse" als Ermittlung von "Exzellenz" in den genannten Bereichen nur wenig geeignet ist, herausragende Leistungen von Frauen herauszuarbeiten. Das Panoramabild gleicht daher eher einem Puzzle, bei dem wir nicht genau wissen, nur erahnen k├Ânnen, welche Teile eigentlich fehlen.



Charles Murray
Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950
HarperCollins Publishers 2003, 27,27 ┬Ą

Public Affairs Beitrag vom 22.07.2004 AVIVA-Redaktion 

   




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