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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 28.07.2004

Eine Frage des Geschlechts
Dr. Angelika Brinkmann

In der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin stellten sich NachwuchswissenschaftlerInnen mit einem Gender Reader vor



Am 12.07.2004 pr√§sentierte die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) eine Publikation im Rahmen einer Podiumsdiskussion. Das Buch "Eine Frage des Geschlechts" wurde von einer Gruppe AutorInnen verfasst, die sich auch im Studienkreis "Gender" der FES trifft. Er ist ebenso multidisziplin√§r (SoziologInnen, PsychologInnen, PolitologInnen u.a.) zusammengesetzt, wie der vorgestellte Sammelband. Behandelt werden so unterschiedlichen Themen wie Arbeit, Finanzen, Gesundheit, Erziehung, Entwicklungszusammenarbeit, Kultur und Medien.Mit der Herausgabe des Gender Readers verbunden ist die Vermutung, dass j√ľngere WissenschaftlerInnen neuere Sichtweisen und Erkenntnisse beitragen und eine generell andere Perspektive einbringen k√∂nnen. Das Buch ist als Querschnittswerk angelegt und enth√§lt auch Ergebnisse von M√§nnerforschung. Im einzelnen gibt es in dem Reader u.a. einen Beitrag zur Frauengesundheitsforschung der den geschlechtsbezogenen Blickwinkel mit der Unter-, √úber- und Fehlversorgung in diesem Bereich behandelt und auf die besondere Problematik von fehlenden Medikamententests und ihrer Auswirkung auf Frauen eingeht. Im Beitrag "Erwerbsarbeit" wurde hervorgehoben, dass das Ende des "Fordismus" Auswirkungen auf die Geschlechterfrage hat, insbesondere auf die Erosion des "Normalarbeitsverh√§ltnisses" und die damit verbundene Geschlechterarbeitsteilung in Familien. Ein weiterer Beitrag besch√§ftigt sich mit dem Cyberspace als Spielwiese der "Geschlechterkonstruktion". Hier vertritt die Autorin die These, dass der Cyberspace ein "geschlechtsloser" Raum ist, da das reale Geschlecht als orientierungsgebende Kategorie entf√§llt.
Zu kurz kam in den vorgestellten Beiträgen sowohl eine positive Vision von "Gender" als auch eine explizite Antwort auf die Frage im Einladungstext nach der noch immer existierenden "Geschlechtsblindheit".

Hat sich durch "Gender Mainstreaming" die Position der Frauen verbessert?

Auf die aus dem Publikum gestellt Frage, wieso die Machtverhältnisse sich trotz vielfältiger Frauenförderpolitik so wenig ändern, kam vom Podium lediglich die Antwort, dies sei ein langsamer und schwieriger Prozess. Da hätte sich frau aber ein wenig mehr erhofft.
Die meisten AutorInnen haben ein Hochschulstudium absolviert und hier h√§tte die Chance bestanden, die "Gender" Frage etwas kritischer unter die Lupe zu nehmen. Seit Jahren gibt es in Stellenausschreibungen f√ľr Hochschulangeh√∂rige den Zusatz, dass Frauen bei gleicher Qualifikation besonders ber√ľcksichtigt und sie deshalb ausdr√ľcklich zur Bewerbung aufgefordert werden. Noch l√§nger gibt es die Auffassung, jede/r, die/der etwas leistet in der Gesellschaft, k√∂nne es zu etwas bringen. Trotz dieser guten Absichten und Postulate ist es aber offensichtlich immer noch so, dass es nur einen geringen Anteil von hochdotierten C4 Professorinnen gibt. Woran liegt es also? Die Anzahl der gut ausgebildeten Frauen ist in vielen Bereichen h√∂her als die der M√§nner, aber der Faktor "Leistung" ist erkennbar nicht das entscheidende Kriterium bei Einstellungen und Berufungen. Es ist h√§ufig die Kultur der √ľberwiegend von M√§nnern gepr√§gten informellen Netzwerke, die die bestehende Geschlechterordnung gegen Zuw√§chse sch√ľtzt, da Hintergrundabl√§ufe unsichtbar bleiben. Gleichstellungsbestrebungen werden trotz durchaus positiver Einstellung einiger M√§nner lautlos abgeschmettert ‚Äď durch Unt√§tigkeit, durch interessegeleitetes Nichtwahrnehmen.

Frauenpolitik oder Genderpolitik?

Es existiert also ein Gleichstellungsdefizit, das Ma√ünahmen nach sich ziehen m√ľsste, z.B. in Gestalt von Gesetzen und finanziellen F√∂rderprogrammen. Die rot-gr√ľne Bundesregierung hat aber den fr√ľheren Chancengleichheitsbegriff wieder aufgegriffen und an die Stelle des Gleichstellungsbegriffs gesetzt. Mit praktischen Nachteilen f√ľr Frauen, wie sich zeigt.
In der Einladung zur Buchvorstellung wurde auch Bezug genommen auf bisherige Erfolge des feministischen Diskurses. Die bestanden u.a. in einer sehr differenzierten und pr√§zisen Definition des Begriffs "Gender". Im Rahmen der Einf√ľhrung von "Gender Mainstreaming" (GM) wird dieser zunehmend vereinheitlichend besetzt und verw√§ssert ("Mainstreaming"). Bestehende Ungleichheiten, eine etwas andere Geschichte der Frauenbewegung werden dabei ignoriert. Das immer wieder hervorgehobene Ziel dieses Konzepts ist die Herstellung von Gleichheit zwischen den Geschlechtern unter der Beachtung von Differenz. Der Grundsatz von GM bedeutet, dass GM die Gleichstellung von Frauen und M√§nnern durchg√§ngiges Leitprinzip ist und als Querschnittsaufgabe gef√∂rdert werden soll. Es ist aber offenbar so, dass trotz der Proklamierung von GM in vielen Bereichen eben dieses in der Realit√§t nicht stattfindet. Wenn aber GM nun soviel umfassender ist, k√∂nnen mit dieser Begr√ľndung getrost alte Frauenf√∂rdert√∂pfe gestrichen werden. GM zerf√§llt also bei genauerem Hinsehen wieder in interessengeleitete Einzelma√ünahmen.
Nach wie vor gibt es keine rechtlich g√ľltige Definition von GM, weder auf europ√§ischer noch auf nationaler Ebene, die meisten Dokumente und Rechtsquellen setzen aber die rechtliche Geltung voraus. GM ist bisher kein verbindliches Gesetz und damit auch nicht rechtlich einklagbar. Es gibt keinerlei Sanktionsmechanismen, wenn Beh√∂rden oder Verwaltungen die neue Handlungsorientierung nicht anwenden. Bereits fr√ľhzeitig war absehbar, dass das GM Konzept ein zweischneidiges Schwert ist, so verf√ľgte der heutige Bundeskanzler noch in seiner Eigenschaft als Ministerpr√§sident von Niedersachsen die Aufl√∂sung des Frauenministeriums mit den Worten, die anderen Ressorts w√ľrden dies jetzt mitbearbeiten. Ein weiterer Nachteil war erst k√ľrzlich wieder zu besichtigen: Seit die Mitarbeit im EP Ausschuss f√ľr die Rechte der Frau nicht mehr als vollst√§ndige Ausschussarbeit gewertet wird (das machen die anderen wohl auch mit?!), sondern auf Freiwilligkeit beruht, kann dort Mitarbeit auch zu Propagandazwecken geschehen, indem ein erkl√§rter Gleichstellungsgegner dort seinen Sitz nimmt. So erkl√§rte der britische EU Parlamentarier Godfrey Bloom, laut Times vom 21.07., dass Frauen hinter dem K√ľhlschrank nicht ausreichend putzen und dass, je mehr Rechte Frauen h√§tten, desto mehr dies ein Hindernis f√ľr eine Anstellung sei. Das k√∂nnte noch als Einzelmeinung durchgehen, aber die eher stille Preisgabe von Strukturen und Projekten ist auf Dauer schwerer verkraftbar. Bei der Verwaltungs- oder Unternehmensmodernisierung sind bereits Frauenstrukturen unter die R√§der gekommen. In dem Moment, wo in Br√ľssel entschieden wird, dass - z.B. aufgrund der EU-Osterweiterung - Gelder f√ľr GM umgewidmet werden m√ľssen, werden die Frauenf√∂rdert√∂pfe reduziert, frauenspezifische Projekte erneut marginalisiert.

Strukturkonservative Geschlechtsblindheit

Der GM Ansatz ist kontraproduktiv. Er enth√§lt keine eindeutigen Festlegungen, Quotenregelungen und Auflagen, sondern verlagert die Verantwortung auf die Frauen an der Basis, d.h. in den Betrieben und Verwaltungen, wo der "Genderdiskurs" dann als zeit- und geldaufw√§ndiges Anh√§ngsel betrachtet wird. Die Politik gibt auf allen Ebenen die Verantwortung f√ľr die Gleichstellung an die Frauen ab. Letztlich handelt es sich um eine Abwertung von Gleichstellungspolitik. In diesem Sinne w√§re es w√ľnschenswert gewesen, wenn die AutorInnen des Sammelbandes die nach wie vor existierende vertikale Dimension gesellschaftlicher Verh√§ltnisse in ihre Arbeit miteinbezogen h√§tten. Hierzu z√§hlt auch die Frage, wer tats√§chlich "w√§hlen", d.h. ausw√§hlen kann, welchen beruflichen/gesellschaftlichen Weg sie/er gehen m√∂chte. Famili√§re Kontakte und soziale Herkunft stellen einen nicht einzuholenden (Informations-)vorsprung dar, die auf einem enger werdenden Arbeitsmarkt den in diese Schicht hineingeborenen/zugeh√∂rigen Frauen zu Gute kommt. Unter den gegenw√§rtigen strukturkonservativen Bedingungen ist sowohl Geschlechter- als auch Leistungsgerechtigkeit nicht gew√§hrleistet, alle "Modernisierungen" laufen eher auf eine Fortschreibung sozialer und damit auch geschlechtlicher Unterschiede hinaus. Dies k√∂nnte ja dann Thema eines weiteren Sammelbandes werden, mit dem Titel "Keine Frage des Geschlechts".

Mehr Informationen im Netz:
http://www.gender-reader.de/inhalt.htm

Eine Frage des Geschlechts
Ein Gender Reader
Herausgegeben von: Bettina Boekle, Michael Ruf
Verlag f√ľr Sozialwissenschaften, Berlin, erschienen Juli 2004
ISBN/EAN 3-531-14271-2
29,90 Euro200589951675">

Public Affairs Beitrag vom 28.07.2004 AVIVA-Redaktion 

   




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