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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.09.2005

Selbstbestimmung der Frau vs. Reproduktionstechnologie?
Gerlinde Behrendt

Biopolitik war ein Thema bei dem internationalen Kongress FEMME GLOBALE - Geschlechterperspektiven im 21. Jahrhundert, vom 8.-10. September 2005, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung



Biopolitik ist ein Thema an der Schwelle der öffentlichen Wahrnehmung, aber die Diskussion darüber hinkt um 10 Jahre hinter der Realität der Frauen her. Längst ist der weibliche Körper, vor allem die Fortpflanzungsfähigkeit, in den Fokus der biotechnologischen Forschung gerückt.
Reproduktionstechnologien wie Präimplantationsdiagnostik (PID) und vorgeburtliches Screening versprechen heute die größte Sicherheit und Qualitätskontrolle über den erwarteten Nachwuchs. Frauen stehen unter großem Druck, "vermeidbaren Risiken" aus dem Weg zu gehen, und sich diesem umfangreichen Programm des gesundheitssystemischen "Selbstmanagements" zu unterziehen. Genetisch bedingte Abtreibung, Rahmenbedingungen der Stammzellgewinnung und andere neue Probleme, die sich aus diesem Forschungsfeld ergeben, mussten schon gesetzlich geregelt werden. Aber was bedeutet das für die Frauen? Sind sie wirklich an den Entscheidungen beteiligt? "Reproductive Freedom" und "Reproductive Choice" waren wichtige Forderungen auf der Pekinger Weltfrauenkonferenz vor 10 Jahren. Die Genforschung unter Gender-Gesichtspunkten und unter den Bedingungen der "Globalisierung" war eine Plenumsdiskussion mit internationalen Wissenschaftlerinnen auf der "Femme Global" der Heinrich-Böll-Stiftung. Neben dem Wunsch nach Selbstbestimmung und Partizipation stellt sich die Frage nach den Anforderungen, die die Frauen selbst an die modernen Biotechnologien stellen wollen.

Vorgeburtliche Diagnose und Abtreibung

Rupsa Mallik aus Indien, Program Director am Center for Health and Gender Equity (CHANGE), South Asia, beschäftigt sich mit der geschlechterselektiven Abtreibung in Indien. Eine der Auswirkungen moderner Diagnoseverfahren in einer Gesellschaft mit patriarchalischen Traditionen: Es werden Söhne bevorzugt. Der indische Staat sieht diese Auslesepraxis als moralisch inakzeptabel an, verbietet daher die Eingriffe an öffentlichen Krankenhäusern, private Institute bieten sie jedoch an. Viele Aspekte überlagern sich bei dieser Diskussion. So muss man z.B. auch berücksichtigen, dass Frauen häufig Söhne bevorzugen, weil sie durch die Geburt eines männlichen Nachkommen ihre Stellung innerhalb der Famile verbessern können. Eine Änderung wird sich nur langfristig erreichen lassen durch Aufklärung und eine Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung der Frau.http://www.genderhealth.org/

Genetisch motivierter Rassismus

Jurema Werneck von der brasilianischen Organisation Criola sieht die Auswirkungen moderner biotechnologischer Verfahren für die afrikanisch-stämmigen Frauen Brasiliens pessimistischer. Sie leitet die Wurzeln der heutigen Gen-Forschung von der mittlerweile 100-jährigen Eugenik ab. Eugenik-Projekte gibt es seit etwa hundert Jahren, eines davon wurde z.B. von dem amerikanischen Cerealien-Hersteller Kellogg initiiert. Nach 1945 galt die Eugenik als diskreditiert. Durch die Genom-Erforschung seit 1968 rückte das Ziel der "Verbesserung" der Gene wieder mit rasanter Geschwindigkeit in den Vordergrund. Heute beeinflusst die Frage der Qualität der menschlichen Gene massiv unsere gesellschaftlichen Systeme: Versicherungen, Arbeitgeber, Medizin, das öffenliche Gesundheitswesen, alle drängen auf Gentests und wollen Informationen über individuelle Risiken aus den Genen "ablesen". Jurema bezeichnet die bisherige Genom-Forschung und den Umgang mit den Ergebnissen als rassistisch und an den Interessen der reichen weißen Oberschichten ausgerichtet. Sie prognostiziert, dass Frauen aus Entwicklungsländern als Lieferantinnen für Eier und Stammzellen, und als Mieteierstöcke für zahlungskräftige weiße Frauen mißbraucht werden, ebenso wie sie vor hundert Jahren als billige Ammen und Kindermädchen ausgebeutet wurden.
http://www.criola.org.br/

Es steht in den Genen - nicht in den Sternen

Einen anderen Aspekt untersucht die Soziologin Barbara Duden aus Hannover. Welche Wirkung haben moderne biotechnologische Verfahren auf die Selbstwahrnehmnung von Frauen? Sie befragt zur Zeit in einem Projekt Frauen nach ihren Erfahrungen mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) und berichtet aus der Praxis. Was verbindet z.B. eine Verkäuferin mit dem Begriff "Gene"? Etwas, das mit ihrem persönlichen Risiko, in Zukunft zu erkranken zu tun hat, vermutet die Patientin. Sie selbst kann das Risiko nicht abschätzen und muss sich daher auf das Urteil des Experten verlassen. Die befragten Frauen sprechen von ihren Genen als wären sie von ihnen getrennt. Barbara Duden lässt sich zu einem ganz unwissenschaftlichen Wutausbruch hinreißen: Meine Gene haben etwas mit mir zu tun, das bin doch ich selbst! Der Glaube an die Gene führt zu Fatalismus: "Das ist genetisch vobestimmt". Bei dem "genetischen Screening" werden ExpertInnen zu SchicksalsvorhersagerInnen - wie mittelalterliche Astrologen!

Frau Duden versteht sich als feministische Forscherin. Sie hat den Eindruck, dass Frauen, die sich für PID entscheiden, unzureichend und mit zu vielen fachsprachlichen Begriffen aufgeklärt werden. Sie bezieht klar Stellung gegen die "biotechnologische Vergesellschaftung des weiblichen Körpers". In den siebziger Jahren hat sie sich gegen die Medikalisierung von biologischen Prozessen engagiert. Jetzt ist sie gegen eine künstliche Optimierung des menschlichen Körpers als "plastisches Objekt". PID ist ein technologisches Überwachungsverfahren, bei dem Frauen schnell die Kontrolle verlieren, und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, es funktioniert wie eine Gehirnwäsche. Schwangeren Frauen empfiehlt sie, sich ihr Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper nicht durch sprachlich gewandte GesundheitsbürokratInnen abnehmen zu lassen.
Viele Fragen konnten nur angeschnitten und keineswegs gelöst werden. Die Diskussion über Biopolitik hat eben erst begonnen.

http://www.glow-boell.de/de/rubrik_2/5_979.htm

Public Affairs Beitrag vom 11.09.2005 Gerlinde Behrendt 

   




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