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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 05.09.2005

Offener Brief an Alice Schwarzer
Renate K├╝nast

Liebe Alice Schwarzer,
Sie haben ja so recht: Wo Frau draufsteht, ist nicht immer Frau drin. Gut, dass Sie in Ihrer letzten Emma-Ausgabe vor den "Bushfrauen" warnen.



Schade nur, dass Sie das f├╝r den Tag, an dem wir Frauen in Deutschland endlich Farbe bekennen k├Ânnen, nicht tun: f├╝r den 18. September.
Wir Frauen haben die letzten beiden Wahlen entschieden, so die klare Analyse der Meinungsforschungsinstitute. Gut ausgebildet, selbstbewusster denn je und vor allem unabh├Ąngiger haben die Frauen in Deutschland das M├Ąchteverh├Ąltnis ver├Ąndert: Weg von der strukturellen Macht der Konservativen hin zu einem klaren Bekenntnis f├╝r eine offene, tolerante und der Gerechtigkeit und Erneuerung verpflichtete Gesellschaft. Dass jeder und jede so sein kann, wie er oder sie will, dass unser Land auch international eine verantwortungsvolle und selbstbewusste Rolle ├╝bernimmt, das ist eine der vielen Selbstverst├Ąndlichkeiten, die ein modernes Deutschland ausmachen.
Wie werden sich die Frauen dieses Mal entscheiden? Es ist offensichtlich, liebe Alice: Sie sind bet├Ârt von der Idee, es k├Ânnte zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin geben. Wer von uns w├╝nscht sich das nicht seit langem?
Aber, und das ist sp├Ątestens beim zweiten Blick klar: Wir wollen nicht nur eine Frau. Wir wollen eine Frau, die ihr Frau-Sein ernst nimmt, die aus ihrer eigenen Biographie und der Geschichte gelernt hat. Die verstanden hat, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Teilhabe von Frauen, ihrem Anteil an der Erwerbsarbeit und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes. Und dass es hier um ein entscheidendes Reformprojekt f├╝r unser Land geht.
Da haben Sie Recht: Eine "Bushfrau" wird, so hat es auch Tissy Bruns gut im Tagesspiegel beschrieben, genau das Gegenteil bewirken. Sie wird die Familie im Wort f├╝hren wie der Rest ihrer Partei, sie wird aber im Zweifel denjenigen T├╝r und Tor ├Âffnen, die die Frauen wieder an Herd und Wickeltisch sehen wollen. Und den Frauen ihre hart erk├Ąmpfte finanzielle Unabh├Ąngigkeit und schlie├člich ihr Selbstbewusstsein nehmen wollen.
Wir m├╝ssen also genau hinsehen: Was steht drauf und was steht drin.
Oder aber auch: Wer wird Kanzler oder Kanzlerin und wer setzt was in der Exekutive um? Ein Beispiel: Herr Kirchhof. Wir alle kennen die Zitate und kaum jemand kann sie so recht begreifen, scheint es. Wir m├╝ssen das aber, wenn wir ehrlich einsch├Ątzen wollen, was Merkel zur Wahl stellt.

"Wie sieht Familiengl├╝ck in einer wirklich gelebten, echten Gemeinschaft von Eltern und Kindern aus? Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verhei├čt, nicht Geld, sondern Gl├╝ck bringt."
Das ist die Wahrheit hinter "Victress" und dem Slogan "Mut zur Macht". Superminister Kirchhof soll daf├╝r sorgen, dass Macht und Geld endlich wieder M├Ąnnersache sind. Ich bin versucht zu sagen: Merkel und Kirchhof, das verh├Ąlt sich wie die gl├╝ckliche Henne auf der Packung K├Ąfigeier.
Sie m├Âgen vielleicht entgegnen, dass Herr Kirchhof doch nicht wegen seines Frauenbildes, sondern seiner Finanzkompetenz ausgew├Ąhlt worden ist (wobei klar sein muss, dass angesichts des H├╝ und Hott im Falle Kirchhof und Merzscher Attacken auch hier die W├Ąhlerinnen bestenfalls die "Katze im Sack" kaufen k├Ânnen). Doch Sie wissen auch, wie alle Frauen, die wir seit Jahrzehnten Politik machen oder verfolgen, dass gender budgeting nicht umsonst erfunden wurde. "Mut zur Macht", wie Frau Merkel am Montag abend werben wird, hei├čt eben gerade, sich den harten Themen und damit der Steuer- und Finanzpolitik zu widmen und genau hinzusehen, was am Ende herauskommt: Ja, f├╝r die Frauen!
Gestatten Sie mir als Verbraucherschutzministerin einzufordern, dass das, was drin ist, auch klar erkennbar sein muss!
Kein Wunder, dass die Union von Kennzeichnung nicht allzu viel h├Ąlt.
Frau Schwarzer: Sie haben mich politisch immer begleitet. Ich habe viel von Ihnen gelernt. Und ich setze auf Sie! Kl├Ąren Sie auf! Wir brauchen die kritische Journalistin mit feministischem Herzblut! Sorgen Sie daf├╝r, dass wir nicht an der Oberfl├Ąche und den neuesten Frisuren von Herrn Waltz h├Ąngenbleiben. Sehen Sie hin, sagen Sie uns Frauen, was drin ist!
Renate K├╝nast, Bundesministerin f├╝r Verbraucherschutz, Ern├Ąhrung und Landwirtschaft
www.renate-kuenast.de

Public Affairs Beitrag vom 05.09.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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