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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 12.10.2010

Kein Byte den Nazis. Online-Kampagne Soziale Netzwerke gegen Nazis
Britta Meyer

20 soziale Netzwerke des Web 2.0 haben sich auf Anregung von Netz-gegen-Nazis zusammengeschlossen, um ihre UserInnen gegen Rechtsextremismus im Internet stark zu machen. Es geht darum, ...



... nicht wegzusehen, Position zu beziehen und das Internet nicht zu einem Raum verkommen zu lassen, in dem Pers├Ânlichkeitsrechte und Menschenw├╝rde keinen Wert mehr haben.

Am 11. Oktober 2010 startete in Berlin die Online-Kampagne "Soziale Netzwerke gegen Nazis". Im Rahmen einer Pressekonferenz stellte die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner die Aktion gemeinsam mit den InitiatorInnen der Amadeu Antonio Stiftung und der Wochenzeitung DIE ZEIT vor. Ziel der Kampagne soll es sein, in den 20 teilnehmenden sozialen Netzwerken gegen Nazis zu mobilisieren. Im Rahmen der Kampagne positionieren sich die deutschsprachigen sozialen Netzwerke gegen Rechtsextremismus und vermitteln ihren Nicht-Rechten UserInnen, dass sie auf ihrer Seite sind. Dabei sind (in alphabetischer Reihenfolge): Bendecho.com, Clipfish.de, Ednetz.de, Fudder.de, Jappy.de, Kicker.de, knuddels.de, KWICK.de, MeineLeute.de, Spion-Netzwerk, MySpace.com, MyVideo.de, Schueler.cc, Spin.de, Stayfriends.de, Studentum.de, VZ-Netzwerk, Webcity.de - die Community von Webmail.de, wer-kennt-wen und Youtube. Im Kampagnenzeitraum vom 11. bis zum 17. Oktober 2010 machen die sozialen Netzwerke mit Bannern und Buttons auf ihren Seiten auf die Kampagne aufmerksam, unterst├╝tzen sie durch Gruppen oder Profile zum Thema und berichten ├╝ber die Kampagne und ihre Intention, an ihr teilzunehmen.

Virtueller Hass verbreitet sich leicht

Das Internet und insbesondere das Web 2.0 bietet seinen UserInnen die M├Âglichkeit zur Vernetzung und zur aktiven Mitgestaltung sozialer Gruppierungen im Internet. Anh├ĄngerInnen jeder erdenklichen Aktivit├Ąt k├Ânnen sich im Netz zu einer Gruppe zusammenschlie├čen, Kontakte kn├╝pfen, Erfahrungen austauschen und Events planen. Dies gilt seit Anbeginn des Internets leider auch f├╝r Rechtsextremismus, Antisemitismus, Sexismus und jede andere Form von Menschenverachtung, Ausgrenzung und Hass. Als die Crowdsourcing-Firma clickworker.com ihre freien MitarbeiterInnen von November 2009 bis M├Ąrz 2010 darauf ansetzte, rechtsextreme Internetseiten aufzusp├╝ren, fanden diese ├╝ber 1.550 rechtsextreme Webseiten, Eintr├Ąge in sozialen Netzwerken und Videos.

Die NPD hat ihre Mitglieder aktiv dazu aufgerufen, virtuelle Netzwerke zu unterwandern und dort die Akzeptanz ihrer Parolen zu f├Ârdern. Die Initiative jugendschutz.net hatte 2009 rund 2000 rechte Eintr├Ąge in sozialen Netzwerken gefunden. 2010 waren es bis August bereits ├╝ber 6000. In sozialen Netzwerken melden Neonazis sich mit rechtsextremen Nicknames an, stellen Videos von einschl├Ągigen Szene-Bands ein, vernetzen sich in revisionistische Gruppen, stiften mit menschenverachtenden Parolen in Chatforen Unfrieden oder bedrohen mit Pinnwand-Postings Nicht-Rechte UserInnen. Sie stellen stolz ihre hasserf├╝llte Gesinnung zur Schau und br├╝sten sich mit dem Gef├╝hl, eine "unterdr├╝ckte Minderheit" zu sein, die ausspricht, was die Mehrheit denkt, sich aber nicht zu ├Ąu├čern traut. Auf diesem Wege wird versucht, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus oder Verschw├Ârungstheorien normal und allt├Ąglich erscheinen zu lassen.

Bleibt die st├Ąndige Pr├Ąsenz solcher Parolen unreflektiert im Netz stehen, besteht die gro├če Gefahr des sozialen Gew├Âhnungseffektes und der schleichenden Normalisierung des Hasses auch in der "Mitte" der Gesellschaft. Im Internet werden Trends geschaffen, Grenzen ausgetestet und Salonf├Ąhigkeit produziert. Bleiben menschenverachtende Beitr├Ąge unwidersprochen in den ├Âffentlichen Foren des Web 2.0 stehen, dann bedeutet dies auch eine stillschweigende Akzeptanz ihrer Aussagen. Darum fordern die TeilnehmerInnen von "Soziale Netzwerke gegen Nazis" ihre UserInnen auf, nicht wegzuklicken, sondern klare Position f├╝r Demokratie und Menschenrechte, die Achtung des Gleichheitsgrundsatzes und der W├╝rde aller Menschen zu beziehen und deutliche Zeichen gegen Nazis im Netz zu setzen.

Ein Problem f├╝r die sozialen Netzwerke im Kampf gegen Rechts ist die immense Datenflut, mit der sie umgehen m├╝ssen. So werden zum Beispiel auf YouTube weltweit mittlerweile 24 Stunden Videomaterial pro Minute hochgeladen. Diese Datenmenge vor der Ver├Âffentlichung auf menschenverachtende und verfassungsfeindliche Inhalte zu ├╝berpr├╝fen, ist schlicht unm├Âglich. Es kann jedoch jedeR NutzerIn entsprechende Videos bei den BetreiberInnen melden. Wurde ein hassverbreitendes Video einmal beanstandet und von der Seite genommen, kann es nicht erneut hochgeladen werden. Eine spezielle Videoerkennungssoftware verhindert auch das wiederholte Einstellen von zuvor umbenannten Dateien. Es besteht also f├╝r jedeN UserIn die M├Âglichkeit, im Internet aktiv gegen Menschenhass vorzugehen. Sei es durch einfaches Melden, durch offenen Widerspruch gegen rechte und sexistische Spr├╝che, oder durch kreative Aktionen wie Online-Flashmobs und Digitale Lichterketten.

Facebook zeigt sich Nazifreundlich

Doch nicht nur die UserInnen sind gefordert. Simone Rafael, Leiterin des Informationsportals der Amadeu Antonio Stiftung www.netz-gegen-nazis.de, wies w├Ąhrend der Konferenz in Berlin darauf hin, dass soziale Netzwerke Unternehmen sind, die eine gesellschaftliche Verantwortung zu erf├╝llen haben und die sich in der Position befinden, ihr Hausrecht im eigenen Netzwerk zu gebrauchen, um ihre NutzerInnen zu sch├╝tzen. Umso mehr verwundert es, dass Facebook, das pr├Ąsenteste aller Netzwerke, sich nicht an der Kampagne beteiligt. Die Mitarbeit, so Rafael, die bis zuletzt intensiv mit Facebook verhandelt hatte, scheiterte offenbar nicht an fehlendem Willen, sondern an organisatorischen Problemen.

Doch bereits kurz zuvor war Facebook negativ aufgefallen: Am Wochenende des 9./10. Oktobers 2010 wurde die Facebook-Pr├Ąsenz der preisgekr├Ânten NPD-kritischen Seite "NPD-BLOG.INFO" des Journalisten Patrick Gensing ohne vorherige Warnung an den Betreiber gel├Âscht ÔÇô mit der Begr├╝ndung, "dass Seiten nicht gestattet sind, die hasserf├╝llt, bedrohlich und obsz├Ân" seien. Seit dem Beginn der Kampagne "Soziale Netzwerke gegen Nazis" ist die Seite wieder online. Ein Facebook-Sprecher erkl├Ąrte, die L├Âschung sei nur durch einen technischen Fehler zustande gekommen. Seine administrativen Rechte hat Gensing bisher noch nicht zur├╝ckbekommen und mehr als 1.000 FreundInnen sind durch die L├Âschung verloren gegangen.

Die im Blog kritisierte Facebook-Seite der NPD, gegen die es bereits seit Monaten massive Proteste seitens der NutzerInnen gibt, steht weiterhin von technischen Fehlern unbehelligt im Netz.


Weitere Informationen finden Sie unter:

Soziale Netzwerke gegen Nazis

Informationsportal und Beschwerdestelle: www.hass-im-netz.info

Die Initiative f├╝r mehr Sicherheit im Netz: www.klicksafe.de

YouTube-Meldefunktion f├╝r menschenverachtende Inhalte

Rechtsextremismus im Internet: Soziale Netzwerke beliebt - und es gibt sogar 93 Nazi-eigene

NPD-BLOG.INFO

Facebook l├Âscht Anti-NPD-Blog

Aktionswoche ohne Facebook

Judenhass auf Facebook

Von "Widerstands-Partner" bis zu antisemitischer Satire - Rechtsextremer Lifestyle im Internet: www.netz-gegen-nazis.de

Clickworker: www.clickworker.com

Online-Flashmob gegen die NPD - jetzt gehts los auf Facebook

Digitale Lichterkette: Kein Facebook f├╝r Nazis - NPD Seite l├Âschen!

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

ClickworkerInnen finden 1550 rechtsextreme Internetseiten und Web 2.0-Eintr├Ąge (2010)

Netz gegen Nazis (2008)

361 Grad Respekt 2010 (2010)

Nazi-Symbole in der deutschen Konsumwelt angelangt (2009)

Neue Liste von Todesopfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt im M├Ąrz 2010 ver├Âffentlicht (2010)

Zentralrat der Juden bereitet Klage gegen Google und YouTube vor (2008)

Mit Antisemitismus und Antiamerikanismus in die Charts (2007)

Wissenschaftler stellen Berliner Programm gegen Rechtsextremismus gute Noten aus - Fremdenfeindliche Gewalt trotzdem an der Tagesordnung (2010)


(Quellen: Amadeu Antonio Stiftung, TAZ, AVIVA-Berlin)

Public Affairs > Diskriminierung Beitrag vom 12.10.2010 Britta Meyer 

   




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