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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 01.02.2016

Angelique Kerber triumphiert bei den Australian Open
Sylvia Rochow

Die 28-j├Ąhrige Kielerin wehrt in Runde 1 einen Matchball ab und ringt im Finale schlie├člich auch Serena Williams nieder. Kerber ist die erste deutsche Grand Slam-Siegerin seit Steffi Graf im Jahr 1999.



Angelique Kerber hat sich bei den Australian Open einen Kindheitstraum erf├╝llt und ihren ersten Grand Slam-Titel gewonnen. In einem ├╝ber weite Phasen hochklassigen Endspiel rang die in Kiel aufgewachsene geb├╝rtige Bremerin mit polnischen Wurzeln Titelverteidigerin Serena Williams aus den USA in gut zwei Stunden mit 6:4, 3:6, 6:4 nieder. Sie begeisterte dabei ein ums andere Mal nicht nur mit ihrer enormen Kampf- und Laufst├Ąrke, sondern behielt in den entscheidenden Phasen des Matches die Nerven und ging selbst in die Offensive. Kerber ist damit seit Steffi Grafs letztem Erfolg bei den French Open 1999 die erste Deutsche, die wieder ein Grand Slam-Turnier gewinnen konnte. 2013 unterlag die Berlinerin Sabine Lisicki im Wimbledon-Finale der Franz├Âsin Marion Bartoli. Die Weltranglisten-1. Williams wartet nun weiterhin darauf, mit Grafs 22 Titeln bei einem der vier wichtigsten Turniere gleichzuziehen.

So nervenaufreibend und emotional wie das Turnier endete, hatte es f├╝r Angelique "Angie" Kerber einen Tag nach ihrem 28. Geburtstag in Melbourne auch begonnen. Gegen die Weltranglisten-64. Misaki Doi aus Japan musste die Kielerin einen Matchball abwehren, ehe sie mit 6:7, 7:6, 6:3 als Gewinnerin vom Platz ging. Offenbar ein gutes Omen f├╝r sp├Ątere Australian Open-Siegerinnen, denn Na Li (China) war 2014 das gleiche Kunstst├╝ck gelungen, als sie auf dem Weg zum Titel Down Under in der dritten Runde einen Matchball gegen die Tschechin Lucie Safaraova abwehrte. Im Viertelfinale traf Kerber dann ausgerechnet auf ihre "Angstgegnerin" Victoria Azarenka. Von den vorangegangenen sechs Aufeinandertreffen konnte die Deutsche keines f├╝r sich entscheiden, die Wei├črussin war bis dato die einzige Top-Spielerin, gegen die sie noch nie gewonnen hatte. Im Endspiel des Vorbereitungsturniers in Brisbane unterlag Kerber Anfang Januar glatt mit 3:6, 1:6. Doch in Melbourne wendete sich das Blatt und die Kielerin bezwang Azarenka mit 6:3, 7:5.

Obwohl sie bereits seit Jahren fast durchg├Ąngig die h├Âchstplatzierte und konstanteste der deutschen Tennis-Profis ist, fehlte der 28-J├Ąhrigen, die mittlerweile im polnischen Puszczykowo wohnt, wo ihre Gro├čeltern eine Tennisakademie betreiben, oft die Anerkennung in der breiten ├ľffentlichkeit. Kerber sehnte sich nie nach dem Glamour einer Sabine Lisicki oder dem Medienrummel einer Andrea Petkovic, f├╝r sie stand immer die harte Trainingsarbeit im Vordergrund. Lange eilte ihr der Ruf voraus, in den entscheidenden Momenten der gro├čen Matches die Nerven zu verlieren. Ein Blick auf die Ergebnisse vergangener Jahre mag dies belegen, beispielsweise kam sie 2015 bei keinem der vier Grand Slam-Turniere ├╝ber die dritte Runde hinaus. In Roland Garros, Wimbledon und bei den US Open unterlag sie jedoch mit Garbi├▒e Muguruza (Spanien) und Azarenka jeweils zu diesem Zeitpunkt sehr formstarken Spielerinnen in hartumk├Ąmpften Dreisatz-Matches, die allesamt auch zu Kerbers Gunsten h├Ątten ausgehen k├Ânnen.

Einen positiven Wendepunkt gab es dennoch schon im vergangenen Jahr. 2014 hatte die Kielerin noch alle vier Endspiele verloren. Teilweise gegen schw├Ącher einzusch├Ątzende Gegnerinnen, h├Ąufiger tats├Ąchlich eine Frage der Nerven. Anfang 2015 trennte sie sich von ihrem damaligen Coach Benjamin Ebrahimzadeh und kehrte zu Torben Beltz zur├╝ck, mit dem sie bereits seit ihrer Jugend zusammengearbeitet hatte. Nur wenige Wochen sp├Ąter konnte die Norddeutsche den Schalter erstmals umlegen und triumphierte Mitte April in Charleston (South Carolina). Es folgten der Sieg beim Heimturnier in Stuttgart sowie die Titel in Birmingham und Stanford. Die Leistung ist umso h├Âher einzustufen, als es Kerber damit gelang, innerhalb eines Jahres vier Turniersiege auf vier unterschiedlichen Bodenbel├Ągen zu erringen, fast ein kleiner Grand Slam (Gewinn der Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open in einem Kalenderjahr).

Seit Januar 2016 kann die Kielerin nun tats├Ąchlich einen Grand Slam-Titel ihr Eigen nennen. "Das h├Ârt sich verr├╝ckt an", konstatierte sie bei der Siegerinnenehrung in Melbourne. "Mein Traum ist wahr geworden. Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, und jetzt stehe ich hier und bin ein Grand Slam-Champion." F├╝r ihre Verh├Ąltnisse ungew├Âhnlich forsch hatte Kerber zu Beginn des Jahres noch ihre Ziele f├╝r die neue Saison formuliert: "Ich will 2016 voll angreifen, es soll bei den wichtigen Turnieren endlich krachen. Mein Ziel ist es, etwas Gro├čes zu holen." Dass sie dies so schnell in die Tat umsetzen kann h├Ątte sich die 28-J├Ąhrige wohl selbst kaum tr├Ąumen lassen und gab dann auch zu: "Weihnachten sa├č ich noch zu Hause und wusste nicht, wie die Saison wird. Wie haben sich die anderen vorbereitet, wie ist meine eigene Vorbereitung zu bewerten?"

Es waren nicht die ersten Zweifel, die sie in ihrer 2003 begonnenen Profi-Karriere ├╝berwinden musste. 2011 stand Kerber sogar schon einmal kurz davor, den Tennisschl├Ąger an den Nagel zu h├Ąngen. Nach stagnierenden Leistungen und vielen schmerzhaften Niederlagen bei kleineren Turnieren nahm die damals 23-J├Ąhrige den Rat ihrer guten Freundin Andrea Petkovic an und lie├č sich auf ein gemeinsames Sommer-Trainingscamp in Offenbach ein. Was folgte, waren der Halbfinal-Einzug bei den US Open im September ÔÇô als Weltranglisten-92. ÔÇô sowie die Titel bei den Hallenturnieren in Paris (Februar 2012) und Kopenhagen (April 2012). In Roland Garros erreichte die Kielerin das Viertel- und in Wimbledon sogar das Halbfinale. Gekr├Ânt wurde die "Comeback"-Saison mit dem erstmaligen Erreichen der Year End Championships, dem Turnier der acht besten Spielerinnen des Jahres.

Der schw├Ąchere Start in die Vorsaison hat jetzt ├╝brigens sogar noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Mit nur wenigen aus dem Fr├╝hjahr 2015 zu verteidigenden Punkten wird Kerber in dieser Woche erstmals als Nr. 2 der Weltrangliste gef├╝hrt ÔÇô auch das die beste Platzierung einer deutschen Spielerin, seit Steffi Graf das Ranking insgesamt 377 Wochen anf├╝hrte. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt der frischgebackenen Grand Slam-Siegerin jedoch nicht. Am Wochenende wartet in Leipzig bereits die schwere Erstrunden-Partie gegen die Schweiz auf Kerber und ihre Fed Cup-Teamkolleginnen Petkovic, Annika Beck und Doppelspezialistin Anna-Lena Groenefeld.


Weitere Infos zu Angelique Kerber unter: www.angelique-kerber.de

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Copyright Foto: Sylvia Rochow




Sport Beitrag vom 01.02.2016 Sylvia Rochow 

   




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