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AVIVA-BERLIN.de im September 2016 - Beitrag vom 14.02.2007

Fremde Unternehmerinnenwelt
Dr. Nicola Schuldt-Baumgart

In Deutschland gibt es immer mehr Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund. In der ├ľffentlichkeit ist diese Entwicklung jedoch noch nicht angekommen. Defizite und Ausblicke.



Appelle an eine neue Gr├╝nderkultur basieren nicht selten basieren auf einem tradierten Unternehmerbild: m├Ąnnlich und einen deutschen Pass im Anzug tragend. Dass immer mehr Frauen ein Unternehmen gr├╝nden und zunehmend auch Frauen mit ausl├Ąndischem Pass bzw. Migrationserfahrung, wird hingegen kaum wahrgenommen. Dabei arbeiten in Deutschland heute fast 300.000 ausl├Ąndische und eingeb├╝rgerte UnternehmerInnen, sie besch├Ąftigen etwa eine Million ArbeitnehmerInnen und erwirtschaften j├Ąhrliche Ums├Ątze von ca. 17 Milliarden Euro. Insgesamt zahlen alle in Deutschland lebenden MigrantInnen pro Jahr rund 50 Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben. Die ausl├Ąndische Selbst├Ąndigkeit ist zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Deutschland geworden und schafft nicht nur Besch├Ąftigung, sondern bereichert auch das G├╝ter- und Leistungsangebot im Inland, schreibt etwa die "Zuwanderungskommission" in ihrem Gutachten.

Besonders dynamisch verl├Ąuft das Gr├╝ndungsgeschehen bei Migrantinnen.
"Vor allem Frauen, deren Familien bereits in der zweiten und dritten Generation in Deutschland leben, w├Ąhlen h├Ąufig den Schritt in die Selbst├Ąndigkeit", beobachtet Zeliha Yetik w├Ąhrend ihrer Arbeit f├╝r PETEK, ein Business-Netzwerk f├╝r Migrantinnen in Duisburg. Mit der Selbst├Ąndigkeit erf├╝llten sie sich entweder ihren Wunsch nach ├Âkonomischer Unabh├Ąngigkeit oder suchten nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit. Diese Entwicklungen w├╝rden jedoch sehr h├Ąufig ├╝bersehen. Denn die ├Âffentliche Wahrnehmung von Migrantinnen konzentriere sich nach wie vor auf erschreckende Meldungen ├╝ber Zwangsheirat, famili├Ąre Gewalt oder Ehrenmorde.

Dass gerade Frauen besonders hartn├Ąckig von diesen Klischees begleitet werden, offenbart die Berichterstattung ├╝ber Nina ├ľger, Gesch├Ąftsf├╝hrerin des gleichnamigen, f├╝nftgr├Â├čten Reiseveranstalters ├ľger Tours und ihren Vater Vural ├ľger, Unternehmensgr├╝nder und seit 2004 Mitglied des Europaparlaments. "T├╝rkin, alleinerziehend und Chefin" ├╝berschrieb etwa die Welt am Sonntag ein Portrait von Nina ├ľger. W├Ąhrend ihr Vater fast ausschlie├člich mit (politischen) Inhalten zu Wort kommt, wird die erfolgreiche Unternehmerin in Interviews geradezu stereotyp gefragt, wie sie es denn schaffe, Beruf, Privatleben und Familie zu vereinbaren und wie sie ├╝ber ihre deutsch-t├╝rkische Herkunft denke. "Ich kann beides wunderbar miteinander verbinden", beschreibt ├ľger ihre Version der gelebten Bi-Nationalit├Ąt. "Bin ich in der T├╝rkei, freue ich mich auf Deutschland und umgekehrt."

Auch das Bild von der mithelfenden Ehefrau in der Pizzeria, der D├Ânerbude oder dem Gem├╝seladen, trifft die Realit├Ąt nur unzureichend. "Tats├Ąchlich gr├╝nden Migrantinnen ihre Unternehmen immer h├Ąufiger auch jenseits der traditionellen Branchenschwerpunkte wie Gastgewerbe oder Handel", sagt Iris Kronenbitter von der bundesweiten gr├╝nderinnenagentur (bga). Es falle auf, dass viele dieser Unternehmerinnen ihre schulische und berufliche Ausbildung in der Regel in Deutschland erhalten haben, gut qualifiziert sind und die Chancen nutzen, die ihnen die unternehmerische Selbst├Ąndigkeit im Gegensatz zur abh├Ąngigen Besch├Ąftigung bietet.

In ihren Forschungen beobachtet Ingrid Tucci, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut f├╝r Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jedoch auch, dass der Migrationshintergrund den ohnehin bestehenden "gender gap" bei der Selbst├Ąndigenquote verst├Ąrke. Hier seien verbesserte und zielgruppengenaue Beratungsangebote wichtig. Nach Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP) waren im Jahr 2005 mehr als ein Viertel aller Selbst├Ąndigen mit Migrationserfahrung Frauen. Zum Vergleich: Bei Frauen ohne diesen Hintergrund lag die Selbst├Ąndigenquote im gleichen Jahr bei 35 Prozent. Ein anderes Ergebnis ihrer Forschungen zeigt eine von Herkunftsland zu Herkunftsland variierende Selbst├Ąndigenquote: Die GriechInnen nehmen hier eine Spitzenposition ein. "Das Gr├╝ndungspotenzial ist l├Ąngst nicht ausgesch├Âpft" , so die Soziologin. Hier bleibe viel zu tun. Denn die Selbst├Ąndigkeit von MigrantInnen leiste einen wichtigen Beitrag zur Integration und sei f├╝r die nachfolgenden Generationen von gro├čer Bedeutung.

Wie gro├č der Wertsch├Âpfungsbeitrag der "ethnischen ├ľkonomie" ist, wei├č niemand so genau. "In Deutschland bestehen in allen Bereichen der Migrations- und Integrationspolitik gravierende Datendefizite", schreibt der Zuwanderungsrat in seinem Jahresgutachten 2004. In den Statistiken gibt es au├čerdem kaum Prim├Ąrdaten, die nach dem Geschlecht differenzieren oder die die Zahl der UnternehmerInnen ausweisen, die zwar einen deutschen Pass besitzen, deren Eltern aber nicht-deutscher Herkunft sind. "Daher d├╝rfte die Zahl der Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund noch ├╝ber den offiziellen Zahlen liegen, die lediglich ausl├Ąndische Unternehmerinnen ausweisen" sagt der Wissenschaftler Ren├ę Leicht vom Mannheimer Institut f├╝r Mittelstandsforschung.

"Kein Wunder also, dass das volkswirtschaftliche Potenzial von Migrantinnen allgemein untersch├Ątzt wird, besonders ihr Potenzial als Gr├╝nderin und Unternehmerin", sagt Andrea Nispel, vom Verein f├╝r berufliche Integration (Berami e.V.) in Frankfurt/M. "Viele Institutionen zur Beratung und F├Ârderung von Existenzgr├╝ndungen haben einen blinden Fleck beim Thema Einwanderungsland." Es brauche ein 'Migration Mainstreaming' der Gr├╝ndungsf├Ârderung und eine zunehmende Sichtbarmachung des Potenzials von Migrantinnen.

Mit Workshops und mehrmonatigen Kursen wollen die Frankfurter Frauenbetriebe Migrantinnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern und ihr Interesse an einer Unternehmensgr├╝ndung wecken. "Gemeinsam mit kommunalen Einrichtungen wie dem Rhein-Main Jobcenter arbeiten wir an Strategien, mit denen wir die Frauen noch besser ├╝ber unsere Angebote informieren wollen", sagt Isinay Kemmler, die das Programm auf Seiten der Frauenbetriebe betreut. Wichtig sei, Migrantinnen in ihrem Alltag anzusprechen, etwa beim Einkauf oder in Kulturzentren.
Auch eigene Netzwerke seien f├╝r ausl├Ąndischst├Ąmmige Unternehmerinnen wichtig, wie Zeliha Yetik aus ihrer Arbeit f├╝r PETEK wei├č. Bisher seien Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund kaum vernetzt, weil sie sich in den bestehenden Zusammenschl├╝ssen wenig aufgehoben f├╝hlten. "Wir wollen mit unserem Netzwerk positive unternehmerische Beispiele vorstellen und dazu beitragen, dass das Bild der Migrantinnen in der ├Âffentlichen Diskussion reflektiert und Klischees ├╝berwunden werden", sagt Yelik.

Weitere Informationen im Netz:

Beram├ş - berufliche Integration e.V.: www.berami.de

Businessnetzwerk Migrantinnen - PETEK: www.petekweb.de

bundesweite gr├╝nderinnenagentur - www.gruenderinnenagentur.de

Deutsches Institut f├╝r Wirtschaftsforschung - www.diw.de

Women + Work Beitrag vom 14.02.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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