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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 09.03.2007

Güclü heißt stark
Anne Duncker

Nazmiye Güclü ist eine starke Frau. Eine starke Frau mit einem schwachen Bein. Wenn Nazmiye durch die Straßen von Istanbul geht, dann steckt ihr rechtes Bein in einer metallenen Schiene...



....die mit Lederriemen befestigt ist und in einem Schuh endet, der mit einer zentimeterdicken Sohlen den Längenunterschied ihrer Beine ausgleichen soll. Sie humpelt stark. Die Schiene hält sie jedoch nicht davon ab, Miniröcke zu tragen. "Hat man schon mal eine Gehbehinderte mit Minirock in der Türkei gesehen?" Sie lacht, laut und kehlig. Oft rufen ihr Kinder und auch Erwachsene auf der Straße Schimpfwörter nach, "Krüppel" oder "Hinkebein". "Früher hat mich das eingeschüchtert. Heute drehe ich mich und sage: "Ja, bitte?" Dann schauen sie schnell weg!" Wieder das laute Lachen. "Güclü" bedeutet "stark", und für Frau Güclü gilt: nomen est omen.

In der Türkei sieht man selten Behinderte auf der Straße, abgesehen von einigen Bettlern mit verkrüppelten Armen und Beinen, die sich in den Fußgängerzonen ihren kargen Unterhalt erbetteln. An konventionelleren Arbeitsplätzen kommen Behinderte so gut wie nicht vor. Im Straßenbild fehlen Rollstühle, Menschen mit Downsyndrom, Kleinwüchsige oder Blinde. Dabei dürfte die Rate der Behinderten in der Türkei höher sein als in Mitteleuropa, da die medizinische Aufklärung, Schutzimpfungen und der Zugang zu ärztlicher Versorgung in vielen Gebieten, insbesondere im Osten, weiterhin unzureichend sind. Wo also sind die Menschen mit Behinderungen?

Schaut man sich die Straßen und Bürgersteige der Bosporusmetropole an, springt ein Grund für das Fehlen von Behinderten im Straßenbild ins Auge: Viele Wege sind mit Schlaglöchern übersät, an jeder Ecke scheint eine Baustelle zu sein, die Bürgersteige ragen oft dreißig Zentimeter in die Höhe - für Gehbehinderte schier unüberwindbare Hindernisse. Nur wenige Gebäude besitzen behindertengerechte Eingänge und Aufzüge. Auch Schiffe, in Istanbul ein alltägliches Verkehrsmittel, sowie Straßenbahnen und Busse können von Behinderten nur unter großen Schwierigkeiten genutzt werden.

Es gibt jedoch noch ganz andere Gründe, warum Behinderte in der Türkei unsichtbar sind. "Sie werden von ihren Eltern zu Hause versteckt," erklärt Nazmiye. Ein behindertes Kind wird häufig als Schande, manchmal auch als Strafe Gottes angesehen. Deshalb wollen Familien ihre behinderten Kinder nicht auf die Straße lassen und schicken sie meist auch nicht zur Schule. "Dabei wäre es so wichtig, dass sich die Menschen an den Umgang mit Behinderten gewöhnen," meint Nazmiye. Analphabetismus und fehlende Bildung bzw. Ausbildung tragen zur weiteren Diskriminierung und Isolation behinderter Menschen bei. Viele Behinderte kennen ihre Rechte nicht, wissen nicht, dass sie Anträge auf staatliche Zuschüsse stellen oder gegen Rechtsverletzungen juristisch vorgehen können. In der Türkei ist die "Stiftung für Behinderte" die größte Interessenvertretung behinderter Menschen. Sie setzen sich unter anderem dafür ein, dass die Probleme von Behinderten in den Medien thematisiert werden. Sie engagieren sich für spezielle Schulen für Behinderte, für eigene Transportsysteme, sogar Feriendomizile für Behinderte stehen auf der Agenda. Obwohl Nazmiye Güclü in der Stiftung aktiv ist, unterstützt sie diese Ziele nicht. Sie ist vielmehr der Ansicht, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam leben und den Umgang miteinander lernen sollen, sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Urlaub. Und sie sieht auch Fortschritte: Im Zuge der Annäherung an die EU wurden die Antidiskriminierungsgesetze verbessert. Darüber hinaus wächst der Organisationsgrad der Betroffenen und allmählich rücken ihre Anliegen stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Vor einiger Zeit nahm die 45-Jährige an einem Festival behinderter und nichtbehinderter Künstlerinnen und Künstler teil. Dort habe sie sich "normal" fühlen können, schwärmt sie, und bei der abendlichen Feier die Tanzfläche stundenlang nicht mehr verlassen. Nazmiyes Ex-Mann kommt aus Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden in Ostanatolien. Die größte Sorge seiner nicht-kurdischen Eltern war, dass ihr Sohn eine Kurdin als Ehefrau auserwählen würde. Dass er sich eine behinderte Frau aussuchte, fanden sie jedoch noch schlimmer. "Gegen die Diskriminierung von Kurden wird mittlerweile vielerorts protestiert. Diskriminierung von Behinderten hingegen wird gar nicht erst wahrgenommen", findet Nazmiye. In dieser Hinsicht ist sie auch von der EU enttäuscht. Europa unterstütze wichtige Arbeit, wie etwa die Rechte der Kurden oder anderer Minderheiten. Unterstützung für Behinderte und ihre Interessenvertretungen gäbe es jedoch kaum.

Vor einiger Zeit hat die Mutter eines 19-jährigen Sohnes ein Buch veröffentlicht. Der Titel erregt Aufmerksamkeit: "Ich habe ein Auto gekauft und wurde zur Frau". Wenn sie durch die Straßen geht, stark hinkend und mit ihrer Beinschiene, die sie nicht unter langen Röcken oder weiten Hosen verbirgt, würde sie nicht als Frau wahrgenommen, erklärt Nazmiye. Die Menschen sähen in ihr immer nur die Behinderte. Dann habe sie sich ein Auto gekauft. Vor einer roten Ampel wartend sei es ihr zum ersten Mal im Leben passiert, dass ein Mann sie angeflirtet habe. "'Hallo schöne Frau' hat er aus dem nebenstehenden Auto gerufen. Eigentlich blöd, dass ich mich über so eine alberne Anmache auch noch freue, aber in dem Moment war es so", erzählt sie. "Da hatte ich das Gefühl: Mein Auto hat mich zu einer Frau gemacht. Aber nur, solange ich nicht aussteige."

Nazmiye lacht wieder, es scheint ihr nicht schwer zu fallen. Anekdotenhaft erzählt sie von den unzähligen Diskriminierungen und Beleidigungen und lacht so herzlich darüber, dass man einstimmen muss, auch wenn das Lachen bei so mancher Geschichte fast im Hals stecken bleibt. Zum Beispiel wenn sie erzählt, wie sie als Kind jeden Tag von Mitschülerinnen und Mitschülern gehänselt und verprügelt wurde. Und wie der Lehrer nicht eingegriffen, sondern mitgemacht hat.

Heute freut Nazmiye sich über den Erfolg ihres Buches. Zum ersten Mal werden die Erfahrungen und Probleme einer behinderten Frau in der Türkei einem großen Publikum präsentiert. Dass sich nun mehr Menschen mit den Problemen Behinderter auseinandersetzen, dieses Problem überhaupt wahrnehmen, sieht sie als den größten Erfolg ihres Buches. Die Autorin engagiert sich auch in anderen Bereichen für Menschenrechte, zum Beispiel in einer Organisation lesbischer und bisexueller Frauen. "Jede Besonderheit kann dich zur Außenseiterin machen", sagt sie, "da ist es wichtig, sich zu organisieren und gemeinsam für mehr Rechte zu kämpfen." Das wenige Geld, das sie aus dem Verkauf ihres Buches erhält, kann sie gut gebrauchen. Sie ist Chemikerin, findet jedoch keine Arbeit. Ob das an der schwierigen türkischen Arbeitsmarktsituation liegt oder an ihrer Behinderung lässt sich letztlich nicht feststellen. Dass die meisten Leute einer Frau mit Gehbehinderung nicht viel zutrauen, ist für Nazmiye hingegen offensichtlich. Unterstützung vom Staat erhält sie auch nicht. Um die 1500 Euro für ihre Beinschiene zahlen zu können, hat sie in ihrem Freundeskreis um Spenden gebeten.

Nazmiye Güclü ist eine Ausnahmeerscheinung. Sie bleibt nicht im Haus, versteckt sich nicht. Mit ihrem Auto ist sie von Istanbul nach Hakari gefahren, einmal quer durch die Türkei bis in den östlichsten Zipfel des riesigen Landes. In Hakari sei sie oft von verwunderten EinwohnerInnen gefragt worden, was um Himmels willen sie in diesem entlegenen Ort suche. Dass sie die Stadt anschauen wolle, habe sie geantwortet. "Aber niemand reist nach Hakari, nur um sich umzuschauen!" lautete die Antwort meist, "Schon gar keine Frau. Und erst recht keine Behinderte." Nazmiye lacht wieder. Sie ist stolz darauf, anders zu sein, stolz auf ihren Mut. Ihr nächstes Projekt ist schon in Planung: mit dem Auto nach Südafrika.

Die Autorin dieses Beitrags ist Politologin und promoviert derzeit über "Menschenrechtsorganisationen in der Türkei". Anne Duncker hat bereits Beiträge in mehreren Zeitschriften veröffentlicht, unter anderem bei femina politica, ORIENT und Zeitschrift Menschenrechte.

Women + Work Beitrag vom 09.03.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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