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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.10.2007

Ganz im Zeichen von Hedwig Dohm
Marlies Hesse

Ein Gedenkstein als Zeichen gegen das Vergessen. Impressionen zu einer der bekanntesten Publizistinnen und Vordenkerinnen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, Hedwig Dohm, geborene Schlesinger.



┬ę Fotos: Sharon Adler
Ein Wochenende mit Nachfeiern zu Hedwig Dohms Geburtstag am 20. September 2007 trug dazu bei, den Namen einer der bekanntesten Publizistinnen und Vordenkerinnen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts in ihrer Heimatstadt Berlin endlich wieder ins ├Âffentliche Bewusstsein zu r├╝cken.
Gestartet wurden die Veranstaltungen am Freitagabend, den 21.09., mit einer szenischen Lesung "Aber-ich soll ein wahres Weib sein?!" im ausverkauften Institut der Menschenrechte. Die beiden Herausgeberinnen der Edition Hedwig Dohm, Nikola M├╝ller und Isabel Rohner, begleitet vom Schauspieler Gerd Buurmann in Rollen prominenter Antifeministen, erz├Ąhlten vom Leben der Schriftstellerin und lasen Ausz├╝ge aus ihren B├╝chern und Schriften.

Am Samstagmorgen folgte die Einweihung einer Hedwig-Dohm-Stra├če zum Bahnhof S├╝dkreuz vom Sachsendamm im S├╝den bis zur Kreuzung Tempelhofer Weg. Lang genug hat es gedauert, bis der Stadtbezirk Sch├Âneberg einem Antrag stattgab, nach der "Gro├čen Tochter der Stadt" eine Stra├če zu benennen. Unter Beifall der Anwesenden wurde das neue Stra├čenschild mit Angaben zur Person von Hedwig Dohm begr├╝├čt. Dass der noch in Richtung Naumannstra├če weisende Bahnhofs-Ausgang m├Âglichst bald eine angepasste Bezeichnung erh├Ąlt, d├╝rfte zu den Selbstverst├Ąndlichkeiten geh├Âren.

Schon wenige Stunden sp├Ąter versammelten sich mehr als hundert Menschen auf dem Alten St.-Matth├Ąus-Kirchhof in Berlin-Sch├Âneberg, um an der festlichen Enth├╝llung des Gedenksteins f├╝r Hedwig Dohm teilzunehmen. Ein sonniger Herbsttag, wie er nicht sch├Âner sein konnte, befl├╝gelte von Anfang an die Stimmung unter den Spenderinnen und F├Ârderinnen, JB-Mitgliedern und frauenbewegten Frauen, die das vom Journalistinnenbund minuti├Âs vorbereitete Ereignis nicht vers├Ąumen wollten. Im Jubil├Ąumsjahr 2006 zum 175. Geburtstag von Hedwig Dohm hatte das Netzwerk der Medienfrauen die Patenschaft f├╝r die Gedenkst├Ątte ├╝bernommen und f├╝r die n├Ąchsten 20 Jahre abgesichert.

Eine RBB-Nachrichtenmeldung ├╝ber das bevorstehende Ereignis lockte zus├Ątzlich BesucherInnen an. Wer weit vor dem Einladungstermin um 13.30 Uhr eintraf, staunte zun├Ąchst ├╝ber die roten Luftballons. Ein immerhin ungew├Âhnlicher Anblick auf einem Friedhof. Unweit des Eingangs an der Gro├čg├Ârschenstra├če wurden sie emsig aufgeblasen und mit einem Zitat von Hedwig Dohm an einem Gitter befestigt, um nicht voreilig davon zu fliegen. Trotzdem ging etlichen fr├╝hzeitig die Luft aus. Laut zerplatzten sie, weil Wespen sich erdreisteten, ihnen einen Stich zu versetzen. Aus Anlass der verschiedenen Feiern wurden an alle Anwesenden extra hergestellte Buttons mit dem Portr├Ąt von Hedwig Dohm verteilt. JedeR steckte ihn sich gerne an. Besonders begehrt waren sie bei den Sch├╝lerInnen der Hedwig-Dohm-Oberschule als Erkennungszeichen.

Ein hinrei├čend sch├Ânes Bild bot sich, als sich alle mit Luftballons in der Hand langsam der Grabst├Ątte von Hedwig Dohm n├Ąherten. Schon von fern waren die musikalischen Improvisationen der Saxophonistin Marion Schwan zu h├Âren.
Mit Spannung wurde die Enth├╝llung des Gedenksteins erwartet. Als die Moderatorin der Feststunde, die fr├╝here Vorsitzende des Journalistinnenbundes, Inge von B├Ânninghausen, die roten und wei├čen T├╝cher entfernt hatte, klickten die Digitalkameras um die Wette. Warum es sich bei dem Aufbau des wei├čen Marmorblocks mit der Inschrift "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht" zun├Ąchst noch um ein Provisorium handelt, erkl├Ąrte die K├Âlner K├╝nstlerin Ulrike Oeter, die den Stein entworfen hatte. Wie das vom Glask├╝nstler Detlef Tanz angefertigte Originalteil aussehen w├╝rde, w├Ąre es nicht im Schmelzofen zersprungen, lie├č ein von Sonnenstrahlen durchgl├╝htes Glasbruchst├╝ck erkennen. "Durch rotes Glas hinausschauen in die Welt ÔÇô eine gl├╝hende, brennende M├Ąrchenwelt von unerh├Ârter Pracht", lie├č Hedwig Dohm in ihrem Roman "Schicksale einer Seele" ihre Protagonistin schon 1899 sagen. Und auch ihr zerbrach das Glas!

Zum vielschichtigen Werk von Hedwig Dohm sprach zun├Ąchst Cornelia Wenzel vom Kasseler Archiv der Frauenbewegung. "Ihre Waffe war die Feder, die sie virtuos zu f├╝hren wusste. Das war damals ein gro├čer Gewinn f├╝r die Frauenbewegung und das ist es f├╝r uns noch heute", betonte sie in ihrer Rede.
Marianne Kr├╝ll, Autorin des Buches "Im Netz der Zauberer" ├╝ber die Familie Mann, wandte sich direkt an "Hedwig", die sie seit ├╝ber 30 Jahren verehrt: "Du hast diese W├╝rdigung hier in deiner Heimatstadt mehr als verdient. Du bist f├╝r uns heutige Frauen ein Vorbild, eine Symbolfigur geworden, an der wir uns aufrichten k├Ânnen in unserem leider immer noch notwendigen Kampf um mehr Rechte f├╝r uns alle."
Von ihrer Suche nach dem eingeebneten Grab von Hedwig Dohm berichtete Reingard J├Ąkl von der Berliner Initiative "Hedwig Dohm sichtbar machen". Ihrer Pionierarbeit im Zuge einer open-air Ausstellung ├╝ber die auf dem Kirchhof ebenfalls begrabene Frauenrechtlerin Minna Cauer ist es zu verdanken, dass die Stelle genau geortet werden konnte, an der die Asche ihrer Zeitgenossin am 4. Juni 1919 beigesetzt wurde.
Ein gro├čes Dankesch├Ân f├╝r die finanzielle Unterst├╝tzung der Initiative des Journalistinnenbundes sprach die JB-Gesch├Ąftsf├╝hrerin Marlies Hesse aus. Von Herzen freute sie sich ├╝ber alle kleinen und gro├čen Zuwendungen, die es erm├Âglicht hatten, Hedwig Dohm einen so wundersch├Ânen Gedenkstein als Zeichen gegen das Verdr├Ąngen und Vergessen zu setzen.
Bewegende und zugleich fr├Âhliche Augenblicke waren es, als sich zum Abschluss der Feier die Luftballons in die L├╝fte erhoben bis sie nur noch als roter Punkt zwischen den Wolken am blauen Himmel erkennbar waren. "Irgendeiner hat Hedwig Dohm bestimmt erreicht", meinte die fr├╝here JB-Vorsitzende und Hedwig-Dohm-Preistr├Ągerin des Jahres 1997,Gisela Brackert.
Fortgesetzt wurde die festliche Veranstaltung um 15.30 Uhr im legend├Ąren John F. Kennedy-Saal des Rathauses Sch├Âneberg unter der Schirmherrschaft des Stadtrats f├╝r Bildung und Kultur, Dieter Hapel. Organisiert hatte sie die Bezirksverordnete Reingard J├Ąkl. Noch einmal wurde die Bedeutung Hedwig Dohms f├╝r die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau gew├╝rdigt. Gundula Thors vom Journalistinnenbund, die im Jahr 2000 ihre Magisterarbeit ├╝ber Hedwig Dohm schrieb, war froh, im Kreis der Zuh├Ârenden endlich mal nicht erkl├Ąren zu m├╝ssen, "wer diese bemerkenswerte Frau war und was sie gegen unvorstellbare Widerst├Ąnde nicht nur f├╝r Frauen, sondern f├╝r die Menschheit insgesamt geleistet hat."

Quasi als "Stimme der Familie" kam der verlesene Auszug aus dem Gru├čwort von Inge Jens bei den Zuh├Ârenden an. Zusammen mit Walter Jens hatte sie 2005 das Buch " Katias Mutter" ├╝ber das au├čergew├Âhnliche Leben von Hedwig Pringsheim, der Tochter von Hedwig Dohm, ver├Âffentlicht. Sie schrieb: "Ja, Hedwig Dohm hat Spuren gelegt, die nicht im Nirgendwo enden. Man hat immer wieder versucht, diese Spuren zu verwischen. Ganz gelungen ist das gottlob bis heute nicht, und es liegt an uns, daf├╝r zu sorgen, dass sie sichtbar bleiben. Darum begr├╝├če ich den Entschluss, diese mutige, besondere und doch so "normale" und uneitle Frau heute in aller ├ľffentlichkeit zu feiern und die Erinnerung an ihr Wirken nicht nur durch die Publikation ihrer Schriften, sondern auch durch ein weithin sichtbares ├Ąu├čeres Zeichen zu st├ĄrkenÔÇŽ "

Den Festvortrag zu Hedwig Dohm hielten die schon erw├Ąhnte Historikerin Nikola M├╝ller und die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner. Beim Wechselspiel ihrer Aussagen wurde deutlich sp├╝rbar, wie sehr ihnen die einvernehmliche Zusammenarbeit Freude bereitet.
Unter dem Aspekt, dass Hedwig Dohm nicht nur gesellschaftliche Essays und Feuilletons hinterlassen, sondern auch Romane und Novellen geschrieben hat, traten sie f├╝r einen ganzheitlichen Blick auf die Schriftstellerin ein, zumal sie in den 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zu den meist gespielten TheaterautorInnen geh├Ârte. Vor diesem Hintergrund wurde leicht nachvollziehbar, dass die beiden Herausgeberinnen der seit 2006 im Berliner Trafo Verlag ver├Âffentlichten Edition Hedwig Dohm noch eine gro├če Aufgabe vor sich haben. Vorausssichtlich wird frau/man noch sieben Jahre warten m├╝ssen, bis ihre kommentierte Gesamtausgabe komplett vorliegt.

Ins Rahmen-Programm der Rathaus-Feier f├╝gten sich engagiert sechs Sch├╝lerinnen und ein Sch├╝ler der 8. und 10. Klasse der Hedwig-Dohm-Oberschule mit eindrucksvollen Textpr├Ąsentationen ein. Ganz im Sinne ihrer Namenspatronin verlasen sie pointiert Nachrichten ├╝ber Gewaltausbr├╝che und Ungerechtigkeiten gegen├╝ber Frauen in L├Ąndern wie Saudi-Arabien, Bangladesh, aber auch in England und Deutschland. "Wir brauchen eine neue Hedwig Dohm!", deklamierten sie zum Schluss. Eine kleine Ausstellung zur rechtlichen und sozialen Situation von Frauen weltweit erg├Ąnzte ihren Auftritt.

F├╝r das Bezirksarchiv in Sch├Âneberg wird jetzt ein Konvolut mit allen am 22. September 2007 gehaltenen Reden und Beitr├Ąge angelegt, um ├╝ber die Feiern hinaus das Andenken an Hedwig Dohm als eine der wichtigsten K├Ąmpferinnen f├╝r Frauenbildung und das Wahlrecht auch in Zukunft wachzuhalten. Zu w├╝nschen bleibt, dass diese Sammlung dann auch im Internet zu finden ist.

"Alles was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen". Unter diesem Motto spie├čte sie mit spitzer Feder die Missst├Ąnde ihrer Zeit auf. Hedwig Dohm kommt am 20.9.1831 als Marianne Adelaide Hedwig J├╝lich zur Welt. Sie ist das dritte Kind und die ├Ąlteste Tochter des j├╝dischen Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger und Wilhelmine Henriette J├╝lich, unehelich geboren und wahrscheinlich die Tochter eines franz├Âsischen Soldaten. Ihre Eltern heiraten erst 1838, nach der Geburt ihres zehnten von insgesamt achtzehn Kindern. Nach der Eheschlie├čung werden die vorher Geborenen vom Vater explizit anerkannt und tragen von da an den Namen Schlesinger.

Die Familie l├Ąsst 1851 den j├╝disch klingenden Namen Schlesinger in Schleh ├Ąndern. Ihr Vater ist bereits 1817 zum Christentum konvertiert. In dieser Zeit besucht Hedwig f├╝r ein Jahr das Lehrerinnenseminar. Es folgt ein halbj├Ąhriger Aufenthalt bei ihrem ├Ąltesten Bruder Gustav Adolf Herrmann in Spanien. Im Zuge der Vorbereitungen der Reise lernt sie ihren sp├Ąteren Ehemann Wilhelm Friedrich Ernst Dohm kennen, der ihr als Hauslehrer Sprachunterricht in Spanisch erteilt.

Am 21.3.1853 heiratet sie den 12 Jahre ├Ąlteren, liberalen j├╝dischen (assimilierten) Schriftsteller Ernst Dohm (1819-1883), der als leitender Redakteur beim Berliner politisch-satirischen Wochenblatt "Kladderadatsch" arbeitet. Er wurde am 24.5.1819 in Breslau als Elias Levy geboren, Sohn von David Marcus Levy und Rosalie Lichtenst├Ądt. Seine Familie konvertierte 1828 zum evangelischen Glauben und nahm den Namen Dohm an.

Durch die Ehe erh├Ąlt Hedwig Zugang zu ihr v├Âllig neuen gesellschaftlichen Kreisen. Im ber├╝hmten Salon der Dohms treffen sich K├╝nstlerInnen, Wissenschaftler und Politiker. Sie bekommt hintereinander f├╝nf Kinder: vier T├Âchter und einen Sohn, der jedoch schon im Kindesalter stirbt. Die ├Ąlteste Tochter Hedwig wird sp├Ąter Alfred Pringsheim, deren Tochter Katia Thomas Mann heiraten. Damit wird Hedwig Dohm zur Gro├čmutter von Katia und Thomas Mann.

Lesen Sie auch das AVIVA-"Interview"mit Hedwig Dohm.

Lesen Sie auch unsere Rezension zum ersten Band der kritischen Gesamtausgabe von Hedwig Dohm, "Ausgew├Ąhlte Texte" erschienen zum 175. Geburtstag und herausgegeben von Nikola M├╝ller und Isabel Rohner.

Weitere Infos unter:
www.journalistinnenbund.de und www.hedwigdohm.de - Dieser Internetseite sind auch die Informationen zum Leben von Hedwig Dohm entnommen.

Women + Work Beitrag vom 04.10.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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