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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 09.07.2003

Schön politisch
Gabriele Isringhausen

Die Schauspielerin Iris Berben: Ihr Engagement, ihr Erfolg und das kleine große Glück, manchmal ganz bei sich selbst sein zu können




Eine Reduzierung auf ihr Äußeres ist ihr zuwider. Iris Berben gehört nicht nur zu den attraktivsten und erfolgreichsten Schauspielerinnen des Landes, sie ist auch eine politische Frau. Für ihr Engagement im Kampf gegen Antisemitismus wurde sie im September 2003 vom Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem "Leo-Baeck-Preis" ausgezeichnet. Das "Time-Magazin" ehrte sie als "Europäische Heldin". Mit Lesungen, Podiumsdiskussionen erinnert Iris Berben immer wieder an die jüngste deutsche Geschichte, thematisiert den Holocaust, mahnt, sensibilisiert gegen das Vergessen. Am 9. Juli 2003 las sie im Jüdischen Museum Berlin aus Lion Feuchtwangers "Die Geschwister Oppermann". Gabriele Isringhausen im Gespräch mit Iris Berben über Erfolg, Courage und ...die kleine Stelle am Fluss in ihrer westfälischen Heimat.

Ein Gespräch mit Iris Berben ist ein Stück gewonnener Zeit- die leider zu schnell vergeht. Klug sind ihre Sätze, offen die Freude über einen Sonnenblumenstrauß, den ihr eine Mitarbeiterin des Jüdischen Museums in die Garderobe gestellt hat. Ein wenig müde schaut sie aus....


Sie haben für einen Tag Ihre Dreharbeiten zur SAT-1 Komödie "Schöne Witwen küssen besser" in Südfrankreich unterbrochen, sind extra zur Lesung nach Berlin geflogen. Warum nehmen Sie diese Anstrengung auf sich?

Mein Anliegen ist es, die Geschichte wach zu halten, den Dialog in den Vordergrund zu stellen. Bei meinen Lesungen bin ich ganz nah an den Menschen. Nur so bauen wir Vorurteile ab. Mir ist die Sache wichtig. Was sind da ein paar Stunden Flug.

Auf Ihrer letzten Lesereise haben Sie die Tagebücher von Anne Frank und Josef Goebbels gegenübergestellt. Warum haben Sie sich jetzt Feuchtwangers 1933 erschienen Roman ausgesucht?

Die Gegenüberstellung ging hart an die Substanz. Inhaltlich und sprachlich. Das kann man nur machen, wenn man nicht dreht, wenn der Kopf ganz frei ist. Die Geschwister Oppermann schildert das Schicksal einer jüdischen Familie in Zeiten der Machtergreifung durch die Nazis. Das Werk zeigt sowohl das politische als auch das gesellschaftliche Bild des jüdischen Lebens in Berlin. Dasselbe trifft auf das Museum zu. Als es leer war, war es ein Ort, der viel Raum gelassen hat- für Schrecken und Bedrückung. In diesem leeren Raum bin ich oft gestanden, habe die Stille auf mich wirken lassen. Jetzt, mit den Ausstellungen in den Räumen, ist das Museum mit Leben erfüllt. Auch ich will die jüdische Geschichte mit Leben erfüllen.

Sie tun das nie mit erhobenem Zeigefinger?

Nein. Ich will doch nicht anklagen sondern aufmerksam machen. Es reicht nicht zu wissen, dass man selbst nicht fremdenfeindlich, nicht antisemitisch ist. Man muss seine Haltung leben, dafür einstehen.

Sie haben aus Ihrer politischen Überzeugung nie ein Geheimnis gemacht, bewundern Joschka Fischer.

Warum sollte ich? Wir sind ein freies Land. Toleranz ist auch immer die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Ein Wort zu Michel Friedman

Er hat Fehler gemacht, für die wird er bezahlen. Aber er hat unendlich viel für die jüdische Sache getan. Das, was die Öffentlichkeit hört, ist nicht das ganze Leben des Michel Friedman. Es ist und bleibt unser Freund.

Haben Sie oder Ihr Mann Gabriel Lewy negative Erfahrungen gemacht?

Natürlich hatte ich schon mal Schmierereien am Auto, manchmal bekommen wir auch anonyme Briefe. Aber ich möchte darüber nicht reden. Ich will diesen Leuten das Terrain nicht geben. Solche Schreiben sind in höchstem Maße von Nichtwissen und Dummheit geprägt.

Wie interessiert sind Sie an der Geschichte der Palästinenser?

Sehr. Ich kenne viele. Es ist schmerzlich, dass auf beiden Seiten soviel Leid geschieht. Ich hoffe auf Frieden und dass die Entscheidungsträger ihre Emotionen beiseite schieben.

Sie engagieren sich seit über 30 Jahren für eine Aussöhnung zwischen Juden und Nicht- Juden in Deutschland. Liegt Ihr Interesse im Elternhaus begründet?

Nein, zu Hause war das kein Thema. Mein Vater war zwar Soldat, meine Mutter hat während des Krieges für Krupp gearbeitet. Gesprochen wurde über diese Zeit nicht. Nach der Trennung meiner Eltern war ich oft bei meinen Großeltern. Die haben mir viel erzählt. Aber erst durch eine Fernsehsendung 1967 über den 6-Tage Krieg in Israel wurde ich neugierig. Zwei Jahre später flog ich hin. Ich kam aus einem Land des Schweigens, hatte viele Fragen und das Gefühl, sie lieber nicht zu stellen. Aber die Menschen in Israel haben das Herz geöffnet. Ich traf Zeitzeugen, führte viele Gespräche. Es war ein einschneidendes Erlebnis, das mich prägte. Übrigens genau wie die 68er Bewegung. Nachdem ich zum dritten Mal ein katholisches Internat wegen Ungehorsam verlassen mußte, fühlte ich mich bei den Studenten verstanden und aufgehoben.

Drei Mal von der Schule, also kein Abitur. Kamen dann Ihre wilden Jahre?

Iris Berben lacht wieder, trinkt einen Schluck Wasser, streift die Schuhe ab.

Jetzt wird es gemütlich. Nee, kein Abitur. Es gab eine Zeit, da habe ich darunter gelitten. Ach Quatsch, nicht gelitten, aber ich hätte es doch gern gehabt. Heute weiß ich, es ist nicht wichtig. Bildung kann man auch anderweitig erlangen und wirklich wichtig ist Herzensbildung. Im Internat hieß es immer nur, du mußt nicht verstehen, du mußt glauben. Aber ich wollte verstehen, hinterfragen begreifen.

Wie war das denn nun mit dem wilden Leben?

So wild war es nun auch wieder nicht. Klar, mit 13 bin ich mal ausgebüchst, um im Star-Club die Beatles zu sehen. Ich hatte mir für 109 Mark, damals für uns ein Vermögen, meine arme Mutter ist fast durchgedreht, ein Kleid gekauft. Ich dachte, darin sehe ich so richtig erwachsen aus. Ich setzte mir mein Erwachsenengesicht auf, stolzierte auf hohen Pumps in den Club und hatte verdammt Angst, dass mich jemand nach meinem Alter fragt. Tja, dann veranstaltete die Polizei eine Razzia. Ich versteckte mich schweißgebadet auf der Toilette und wurde nicht erwischt.

Wurden Sie denn als amerikanische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim erwischt?

Sie haben aber wirklich tief in meinen Arealen gegraben. Das war damals in Hamburg ein richtiger Kunstskandal. Initiator war der PR-Agent Karl E. Schmidt. Er inszenierte für seinen Freund, den Zeichner Egon Possehl einen Riesenschwindel. Schmidt steckte der Presse, zur Vernissage käme jede Menge Prominenz wie Brigitte Bardot, Wirtschaftsminister Schiller. Sogar berittene Polizei hat er bestellt. Am besagten Abend tummelten sich jede Menge Reporter, drei Fernsehteams vor der Galerie. Dann kam mein Auftritt als amerikanische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim mit Hut, elegantem Mantel, dunkler Brille. Natürlich fuhr ich in einer Limousine vor, gab sogar Interviews und bin schnell durch die Hintertür wieder raus. Alle sind drauf reingefallen. Sogar die Bildzeitung und der Spiegel berichteten darüber. Und keiner hat gemerkt, dass die echte Guggenheim bereits 69 Jahre alt war.

Hat Ihr Sohn Oliver Sie auch mit solchen Späßchen konfrontiert oder war er angepasster?

So würde ich das nicht formulieren. Oliver ist gern zur Schule gegangen, sein Lieblingsfach war Mathe. Später hat er in Berlin Elektrotechnik sowie Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn.

Heute hat er seine eigene Filmproduktionsfirma. Sie arbeiten häufig zusammen. Geht man in dieser familiären Konstellation am Set nicht zu nachsichtig miteinander um?

Die Gefahr besteht vielleicht. Wir arbeiten ja auch sehr häufig mit dem Regisseur Carlo Rola zusammen. Der gehört irgendwie zur Familie. Aber es ist eher umgekehrt. Der Ton ist bei uns, sagen wir, direkter. Wir drehen sehr unterschiedlich Filme, möchten alle Genres bedienen. Da ist es enorm wichtig, sich ständig zu korrigieren, auch gegenseitig. Jeder von uns weiß, man fängt jedesmal wieder bei null an. Mein Verhältnis zu Oliver ist von Liebe, Vertrauen, Offenheit geprägt. Er hasst wie ich jede Oberflächlichkeit. Wir haben übrigens gemeinsam im Bundestag aus dem Buch "Mama, was ist Auschwitz" gelesen.

Sie drehen auch Rosa Roth zusammen?

Ja. Die Figur war meine Erfindung. Sie ist eine politische Kommissarin, weil sie kontinuierlich versucht, sich mit den Befindlichkeiten im Land auseinanderzusetzen.Die schöne Witwe Corinna in der neuen Komödie ist aber keine politische Person?

Na ja, sie legt sich so ihre eigene Politik zurecht. Corinna ist eine Hochstaplerin, versucht irgendwie ihr luxuriöses Leben zu finanzieren. Da greift sie schon mal zu nicht ganz seriösen Mitteln. Eine herrliche Komödie mit wunderbaren Kollegen. Peter Sattmann ist dabei, Christoph Waltz, Andrea Sawatzki, Sophie Schütt.

Wann können wir denn dem Treiben der schönen Witwe zuschauen?
br<>Ich glaube, SAT 1 plant die Ausstrahlung für das Frühjahr 2004. So genau weiß man das als Schauspielerin nie.

Stört es Sie, dass Sie oft, wie vielleicht jetzt auch bei der schönen Witwe, häufig über Ihr Äußeres beurteilt werden?

Es stört mich, wenn man mich darauf reduziert. Es wäre albern zu sagen, ich bin uneitel. Meine Mutter wird jetzt 81 Jahre alt. Sie sieht bestimmt 20 Jahre jünger aus. Vor einiger Zeit bekam sie eine neue Hüfte. Jetzt ist sie wieder topfit, hat sich gerade einen flotten Peugeot zugelegt. Ich bewundere Mammis Wachheit, ihren Verstand.

Ihre Mutter lebt in Portugal, Sie haben Wohnsitze in Berlin, München, Tel Aviv. Geboren wurden Sie im westfälischen Detmold. Gibt es Erinnerungen?

Wenig, dachte ich. Ich war vier Jahre alt, als wir wegzogen. Aber ich muss mich korrigieren. Vor einiger Zeit hatte ich eine Lesung in der dortigen Musikschule, ging anschließend mit Oliver in die Emilienstraße 13. Dort haben wir gewohnt. Auch die kleine Stelle am Fluss, wo ich als Kind gespielt habe, entdeckte ich. Es hat mich berührt. Genau wie das unerwartete Treffen mit der Schauspielerin Sandra Nettelbeck. Sie ist die Tochter des damaligen Kritikerpapstes Uwe Nettelbeck. Er hat mich in Hamburg für die Schauspielerei entdeckt. Ich habe ihm viel zu verdanken. Das Gespräch mit Sandra war eine kleine Reise in die Vergangenheit.

Noch drei Fragen mit der Bitte um kurze Antworten. Haben Sie ein altes Lieblingsstück im Kleiderschrank, an dem Ihr Herz hängt?

Ein Ossi Clark Pythonmantel aus meiner wilden Zeit, den 70er Jahren.

Was verabscheuen Sie?

Dummheit. Nicht die Dummheit, etwas nicht gelernt zu haben, sondern die dumpfe, die gefährliche Dummheit. Sie macht mir Angst. Genau wie der Tod. Ich bedauere die Endlichkeit unseres Seins. Je älter man wird, desto bewußter wird es mir.

Was macht Sie glücklich?

Meine Familie, Kochen für Freunde. Ich bin nämlich eine ausgezeichnete Köchin. (schmunzelt)Und es macht mich glücklich, manchmal ganz allein sein zu können. Nicht einsam sondern allein. Bei mir selbst sein, das ist schön.

Verraten Sie uns Ihre nächsten Pläne?

Ich gehe einige Wochen nach Israel, drehe für das ZDF eine 2-teilige Dokumentation über das Land und seine Menschen. Damit erfüllt sich ein Herzenswunsch, den ich auch Simon Peres, der mich beim Vorhaben dieses Projektes unterstützt hat, zu verdanken habe.


Women + Work Beitrag vom 09.07.2003 AVIVA-Redaktion 

   




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