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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.07.2005

Auslaufmodell ICH-AG? - E-Interview mit Dr. Andreas Lutz (Teil 1)
Ilka Fleischer

Die CDU/CSU will die ICH-AG abschaffen, denn sie unterstellt den Geförderten, "staatliche Zuschüsse abzugreifen". Was würde das für die Gründerinnenlandschaft bedeuten, fragten wir ExpertInnen...




Falls es im September zu einem Regierungswechsel kommt, steht die ICH-AG vor dem Aus. In ihrem Regierungsprogramm "Deutschlands Chancen nutzen. Arbeit. Wachstum. Sicherheit." kündigt die CDU/CSU an:
"Wir fördern für Arbeitslose den Schritt in die Selbstständigkeit, schaffen aber die Ich-AG ab. Für bereits genehmigte Ich-AG´s gilt Bestandsschutz. Die Ich-AG hat sich als ineffektives Arbeitsmarktinstrument erwiesen. Zu viele Unternehmensgründungen zielen nur darauf ab, staatliche Zuschüsse abzugreifen, statt sich mit Erfolg versprechenden Geschäftsideen am Markt zu etablieren."

Frauen, die den Sprung in die Selbständigkeit bislang stärker gescheut haben als Männer, haben durch die ICH-AG-Förderung in den letzten Jahren Mut gefasst: Über 47,9 Prozent der Ich-AG`s wurden von Frauen gegründet, während 71,4 Prozent der ÜberbrückungsgeldempfängerInnen männlichen Geschlechts sind.

In einer Interviewreihe mit politischen EntscheidungsträgerInnen, WissenschaftlerInnen, GründerInnen, VertreterInnen der Bundesagentur für Arbeit und ExpertInnen aus der Praxis beleuchtet AVIVA-Berlin die möglichen Folgen der ICH-AG-Abschaffung für die Gründerinnenlandschaft in Deutschland.

In unserem ersten Interview steht Dr. Andreas Lutz Rede und Antwort. Er ist Betreiber von www.ueberbrueckungsgeld.de, einer Webseite für Ich-AG-, Überbrückungsgeld- und EinstiegsgeldgründerInnen, die mit einer beachtlichen Informationsfülle aufwartet. Zugleich bietet Herr Dr. Lutz Workshops und Beratungen für GründerInnen an und ist Autor von "Ich-AG und Überbrückungsgeld" sowie des "STERN-Ratgeber Businessplan". Im September erscheint sein "Praxisbuch Networking".


ICH-AG-Gründerin seit September 2003

Karin Huber (39) gehört zur "1. Generation" ICH-AGlerInnen. In Partnerschaft mit dem Übersetzungsbüro Doolittle-Translations gründete Sie eine Internet-Agentur, die Webdesign und Informationsmanagement kombiniert. Sie hätte auch ohne die ICH-AG-Förderung gegründet, wäre am liebsten aber angestellt geblieben.

Warum haben Sie die ICH-AG-Variante - und nicht die Überbrückungsgeld-Förderung - gewählt?
Eigentlich war das keine schwere Entscheidung in meinem Fall: Mein Arbeitslosengeld und demzufolge das Überbrückungsgeld war nicht so hoch. Hohe Anfangskosten entfielen, weil ich bereits über die nötige Ausstattung verfügte. Da ich bereits vor der Gewerbeanmeldung Aufträge akquiriert hatte, konnte ich gerade für das erste Jahr ganz gut kalkulieren, dafür kaum vorhersehen, wie es sich dann weiter entwickeln würde. So hatte die Aussicht auf den stufenweisen Abbau einer - wenn auch sehr niedrigen - Förderung über 3 Jahre hinweg für mich einfach einen "beruhigenderen" Charakter, als eine Planung, bei der nur die ersten 6-12 Monate tatsächlich kalkulierbar waren...

Hätten Sie den Sprung in die Selbstständigkeit auch ohne finanzielle staatliche Förderung gewagt?
Aus der Situation der Arbeitslosigkeit heraus in jedem Fall, vielleicht eher später als früher, lieber wäre mir gewesen, mein früherer Arbeitgeber hätte sich rechtzeitig erholt oder es hätte sich eine andere Anstellung ergeben.

Welche Förderung haben Sie - neben der finanziellen - durch die Bundesagentur für Arbeit in Anspruch genommen? Welche würden Sie sich wünschen bzw. hätten Sie sich gewünscht?
Beim Arbeitsamt in Eberswalde sind um die 20% Arbeitssuchende gemeldet, meiner Erfahrung nach ist neben der finanziellen Förderung von der Agentur für Arbeit nichts Großartiges zu erwarten.
Ich habe einen Existenzgründerkurs besucht, den Erfolg möchte ich stark anzweifeln, ein 2tägiges Seminar überhaupt so zu nennen, halte ich für recht übertrieben. Leider war der Anbieter in meinem Fall auch der einzige Coaching-Partner der mir von der Agentur empfohlen wurde, was ich mir nach meinen Erfahrungen dort lieber erspart habe. Den Coaching-Ansatz halte ich allerdings als sehr wichtig, schade, dass es das Angebot nur für das erste Jahr gibt...
Ilka Fleischer: Der jüngste Global Entrepreneurship Monitor legt nahe, dass der Konjunktur-Pessimismus in Deutschland Firmengründungen bremst. Während Deutschland bei den staatlichen Förderinstrumenten Rang eins erreichte, bildete es bei der Bewertung der Chancen für Neugründungen das Schlusslicht der untersuchten 34 Länder. Die Kluft zwischen objektiver Lage und subjektiver Bewertung sei enorm. (Wie) macht sich diese Stimmung in Ihren Workshops und Beratungen bemerkbar?
Dr. Andreas Lutz: Wer sich durchgerungen hat, sich aktiv zu informieren, Workshops zu besuchen oder Beratung in Anspruch zu nehmen, hat den lähmenden Pessimismus in Deutschland schon ein Stück weit hinter sich gelassen. Es geht dann um ganz praktische Fragen: Habe ich Anspruch auf Förderung? Welche Fallstricke gibt es? Was ist das beste Timing für die Gründung? Wie schreibe ich einen tragfähigen Businessplan?
Leider wird das alles oft viel komplizierter dargestellt als es wirklich ist. Ich möchte mit meinen Büchern und Workshops den Gründern Mut machen und zeigen, wie sie auf direktem Weg gründen und die bestehenden Risiken durch gute Vorbereitung minimieren können.
Angestellte müssen sich klar machen: "Jobsicherheit" ist heute eine Fiktion. Selbständige mit solider Kundenbasis genießen inzwischen mehr Sicherheit als die meisten Angestellten. Wer mit Ich-AG oder Überbrückungsgeld gründet, kann zudem vier Jahre lang in die Arbeitslosigkeit zurückkehren, falls die Gründung scheitert - das gibt zusätzliche Sicherheit und ist für viele ein wichtiger Aspekt der Förderung.

Ilka Fleischer: Rund 1,07 Millionen der insgesamt 3,74 Millionen Selbständigen in Deutschland sind Frauen. Zwischen 1993 und 2003 ist die Zahl der Unternehmerinnen um 28,9 Prozent angestiegen, während der Anteil der selbständigen Männer nur um 14,1 Prozent wuchs. Trotz des deutlichen Zuwachses ist die Selbständigenquote bei Frauen mit 6,6 Prozent nur halb so hoch wie die der Männer und im internationalen Vergleich am niedrigsten. Worauf führen Sie das im wesentlichen zurück?
Dr. Andreas Lutz: Der konventionelle Weg in die Selbständigkeit ist es, Berufserfahrung zu sammeln, Startkapital zu sparen und dann zu gründen. Vielen Frauen steht dieser klassische Weg nicht offen. Sie unterbrechen familienbedingt ihre Karriere und sind anschließend aus beruflichen Netzwerken herausgerissen, konnten kein Eigenkapital aufbauen, sind häufig finanziell von ihren Männern abhängig und müssen weiterhin den Hauptteil der Familienarbeit leisten.
Der Wiedereinstieg ins Berufsleben wird gerade in Deutschland auch dadurch erschwert, dass die Betreuungsangebote für Kinder völlig unzureichend sind und an der beruflichen Realität vorbeigehen. Nicht selten müssen attraktive Jobs abgelehnt werden, weil keine Tagesmutter verfügbar ist. Das sieht in anderen Ländern - zum Beispiel in Frankreich! - ganz anders aus.
Für Frauen ist die Selbständigkeit oft der einzige Weg, Familienarbeit und Beruf vereinbaren zu können. Von daher sollte die Förderung der Selbständigkeit bei Frauen ein besonderes politisches Anliegen sein.

Ilka Fleischer: Auf Ihrer Website prognostizieren Sie, dass im Jahre 2005 ca. 90.000 Gründer/innen mit ICH-AG Förderung ausscheiden werden. Die hohe Abbrecherquote von über 50% bei der ICH-AG in Relation zu ca. 30% bei den Überbrückungsgeld-Geförderten führen Sie vor allem auf die geringeren Auflagen für die Vorbereitung der ICH-AG-Gründer/innen zurück. Im Hinblick auf unterschiedliche Gründungsmentalitäten von Frauen und Männern wird betont, dass sich Frauen grundsätzlich besser vorbereiten und dezidiertere Konzepte entwickeln als Männer. Haben Sie vor diesem Hintergrund auch eine geschlechtsspezifische Prognose entwickelt?
Dr. Andreas Lutz: Leider stellt die Bundesagentur in Hinblick auf die Existenzgründungsförderung keine geschlechtsspezifischen Daten zur Verfügung, so dass wir den Effekt besserer Vorbereitung bei Frauen nicht empirisch nachweisen können.
Ich halte es aber für plausibel, dass Frauen eine signifikant höhere Erfolgsquote aufweisen. Neben der Erstellung eines soliden Businessplans spielt dabei auch eine wichtige Rolle, dass Frauen sich zunehmend untereinander vernetzen und sich so von den männerdominierten klassischen Netzwerken ein Stück weit unabhängig machen. Der Aufbau eines persönlichen Unterstützungsnetzwerks ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor.



Ilka Fleischer: 59,1 Prozent der Gründerinnen geben an, ohne Fördermittel nicht gegründet zu haben. Die Entscheidung zwischen ICH-AG- und Überbrückungsgeldförderung hängt dabei vor allem von der Höhe des Arbeitslosengeldes ab. Die Überbrückungsgeldförderung lohnt sich in der Regel nur bei einem relativ hohen Arbeitslosengeld. Da Frauen im Durchschnitt ein rund 29 Prozent niedrigeres Arbeitslosengeld erhalten, gibt es für viele keine lange Qual der Wahl: Fast jede zweite ICH-AG wird von einer Frau gegründet, während bei den Überbrückungsgeldempfängern Männer mit 71,4 Prozent klar dominieren. Die CDU hat angekündigt, im Falle der Regierungsübernahme die ICH-AG zu streichen. Läuft die für Frauen in Deutschland ohnehin seichtere Gründungswelle dadurch Gefahr zu verebben?


Hier geht´s zum 2. Teil des E-Interviews...

Women + Work Beitrag vom 14.07.2005 Ilka Fleischer 

   




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