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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 13.06.2012

Zur Erinnerung an Hilde Radusch. Führung am 2. August 2012
Dana Strohscheer

"Nicht Opfer, sondern immer Kämpferin" - diese Gedichtzeilen der Berlinerin waren auch ihr Lebensmotto. Um auf den Lebensweg dieser unangepassten und selbstbewussten Frau aufmerksam zu machen...



... setzt sich das Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, Miss Marples Schwestern, seit fünf Jahren für einen eigenen Erinnerungsort für die 1994 verstorbene Aktivistin, Autorin und Feministin ein.

Was ursprünglich mit der Idee eines Stolpersteins begann, mündet nun in drei Gedenktafeln, die durch Spenden von privaten UnterstützerInnen und Zuschüsse der Bezirksverordnetenversammlung Berlin Schöneberg realisiert wurden. Da die Pflege der Tafeln auch nach der Einweihung Geld kosten wird, sind finanzielle Zuwendungen an die Initiatorinnen weiterhin willkommen.

Politisch aktiv und offen frauenliebend in der Weimarer Republik

Hilde Radusch, geboren am 06. November 1903 in der Nähe Szczecins und aufgewachsen in Weimar, ist früh eigenständig und willensstark. Im Alter von achtzehn Jahren entzieht sie sich einer standesgemäßen Ehe, indem sie allein nach Berlin geht und am Pestalozzi-Fröbel-Haus eine Ausbildung zur Hortnerin beginnt. In der neuen Stadt kommt die junge Frau schnell in Kontakt mit der kommunistischen ArbeiterInnenbewegung. Sie wird Mitglied der KPD. Zusammen mit anderen Frauen initiiert Radusch 1925 den Roten Frauen- und Mädchenbund. Ab 1923 arbeitet sie als Telefonistin bei der Post. Dort lernt sie ihre erste Freundin Maria kennen und zieht mit ihr zusammen. Nebenher ist sie politisch aktiv, schreibt Artikel für die Frauenwacht und spricht auf Veranstaltungen.

Die junge Frau wird von ihren Kolleginnen zur Betriebsrätin gewählt. Im Alter von 26 Jahren nominiert die KPD sie für die Berliner Stadtverordnetenversammlung, der sie von 1929 bis 1932 angehört. Auf Grund ihrer offen gelebten lesbischen Beziehung wird sie anschließend nicht wieder aufgestellt. Bereits 1930 entließ die Post sie wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten.

Verhaftung und persönliche Konsequenzen

Mit den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten wird es schwer für sie, politisch zu arbeiten. Als bekennende Linke muss sie 1933 mehrere Monate in "Schutzhaft" verbringen. Kurz vor ihrer Verhaftung war sie bei ihrer Freundin ausgezogen, um diese vor Verfolgung und Berufsverbot zu schützen. Im Gespräch mit der Historikerin und Autorin Claudia Schoppmann erinnerte sich Radusch: "Aus unserer Verbindung konnte dann nichts mehr werden, denn Maria hasste plötzlich die Kommunisten" Über ihre Verhaftung sagt sie: "In gewisser Weise kamen wir uns als Helden vor, weil wir durch die Haft von den Nazis als politische Gegner ´anerkannt´ wurden."

Illegalität und Neuanfang

Nach ihrer Entlassung wird sie von der Gestapo weiterhin überwacht. 1939 lernt sie ihre neue Freundin Else "Eddy" Klopsch kennen. Radusch über ihre Beziehung: "Damals waren alle so treu wie noch nie - das lesbische Leben spielte sich praktisch nur in der Partnerschaft ab." Auch die Angst vor Spitzeln und Verfolgung tragen dazu bei. 1941 eröffnen die beiden Frauen in der Lothringer Straße einen privaten Mittagstisch, ein Restaurant ohne Getränkeausschank. Radusch darf offiziell nicht dort arbeiten. Sie kümmert sich um die Lebensmittelbeschaffung. Im Kleinen leisten die Frauen Widerstand - vor das obligatorische "Für Juden verboten"-Schild stellen sie im Fenster die Speisekarte. Darüber hinaus kümmern sie sich um Frauen, die aus Zuchthäusern zu ihnen kommen und organisieren illegale Unterschlupfmöglichkeiten.

Durch eine Warnung aus dem Freundinnenkreis können sich beide 1944 einer drohenden Verhaftung entziehen. Gemeinsam tauchen sie in Prieros unter, einem kleinen Ort bei Königswusterhausen. Vom Hunger gezeichnet erleben die beiden Frauen die Befreiung Berlins.

"Ohne euch, meine Feinde, wäre ich nie gewachsen. Habt Dank."

Radusch beteiligt sich am Wiederaufbau und betreut die Hilfsstelle "Opfer des Faschismus". Durch ihre politische Vergangenheit kommt sie immer wieder in Konflikt mit der russischen Besatzungsmacht und den neuen KPD-PolitikerInnen. Sie beschließt, aus der Partei auszutreten. Als Gegenreaktion wird sie von Seiten der Parteileitung im Januar 1946 aus der Partei ausgeschlossen - Grund hierfür ist ihre Beziehung zu einer Frau. Zudem wird sie 1946 entlassen: "Es war wirklich das Ende aller Illusionen (...) ein Stück Lebenstraum war zerbrochen" erinnert sie sich.
Es folgt ein jahrelanger Kampf um eine kleine Rente. Eddy eröffnet in Berlin einen Trödelladen und hält beide Frauen über Wasser. 1960 stirbt Raduschs Lebensgefährtin an Krebs. Ein herber Verlust für die tapfere Frau.

Feministin und Zeitzeugin

Mit dem Erstarken der Frauenbewegung in den 1970er Jahren engagiert sich die ehemalige Aktivistin wieder. Neben Gertrude Sandmann gehört sie zu den Mitbegründerinnen von "L 74", der ersten Gruppe älterer lesbischer Berlinerinnen. Sie tritt bei zahlreichen Veranstaltungen als Zeitzeugin auf und gilt als Mittlerin zwischen den Generationen. Zugleich verfasst sie Prosatexte und Lyrik. Ihr Resümeé: "Was die Feministinnen bringen, ist ganz einfach die Ablösung, um den Staffellauf, um das Frauenrecht mit neuer Kraft zu beginnen. Und dass vieles im Argen liegt, was die Alten nicht gesehen hatten, das wurde durch die Demonstrationen (...) der Jungen offensichtlich."
Am 2. August 1994 stirbt Hilde Radusch in Berlin und wird, ebenso wie die Frauenrechtlerin und Publizistin Hedwig Dohm auf dem Matthäuskirchhof in Berlin-Schöneberg beigesetzt.

Um diese wichtige Berliner Biographie aus der Vergessenheit zu holen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen und einen "anderen Blick" auf die Vergangenheit zu erreichen, soll öffentlich an Hilde Radusch erinnert werden. Während der öffentlichen Diskussion um das Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen bekamen die Initiatorinnen von Miss Marples Schwestern den Eindruck, dass Frauen wieder einmal aus der öffentlichen Erinnerungskultur ausgeschlossen werden sollten. Nach fünfjähriger Überzeugungsarbeit, Intervenieren auf Bezirksebene und öffentlicher Bewusstmachung dieser Problematik wurde dieser selbstständigen Denkerin und Aktivistin ein eigener Ort gewidmet. Die Einweihung fand am Freitag, den 22. Juni 2012 um 17 Uhr gegenüber ihrem letzten Wohnort, an der Kreuzung Eisenacher- Ecke Winterfeldtstraße statt.

Führung zum Todestag von Hilde Radusch am 2. August 2012:
"Stationen eines unangepassten Lesbenlebens" Eine Spurensuche mit Miss Marples Schwestern.
Treff: 17 Uhr, U7 Eisenacher Straße, Ausgang: Schwäbische Straße.
Beitrag: Spende.
Weitere Infos: Tel. 030-626 16 51

Initiatorinnen und Ansprechpartnerinnen:

Miss Marples Schwestern - Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort

Annette Kittel
Pfarrer-Kneipp-Steige 1, 91356 Kirchehrenbach
E-mail:miss-marples-schwestern@web.de
www.miss-marples.net

Frauentouren
Claudia v. Gélieu
Friederike-Nadig-Straße 11, 12355 Berlin
Telefon 030 - 626 16 51
E-mail: frauentouren@t-online.de
www.Frauentouren.de

Bankverbindung für Spenden
Erinnerungstafel Hilde Radusch - Ilona Scheidle
Sparkasse Rhein-Neckar-Nord, BLZ 670 505 05, Konto Nr. - 388 13 650

Weitere Informationen

www.miss-marples.net

www.lesbengeschichte.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Anna Havemann - Gertrude Sandmann. Künstlerin und Frauenrechtlerin

Keine Tochter aus gutem Hause – Johanna Elberskirchen. 1864-1943

(Quellen: Miss Marples Schwestern, Lesbengeschichte.de, Denktafeln.de)

Women + Work Beitrag vom 13.06.2012 Dana Strohscheer 

   




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