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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.05.2013

Zum Tod der Lyrikerin Sarah Kirsch am 5. Mai 2013
Sabine Reichelt

In ihren Gedichten schreibt sie von Schwänen, Pfingstrosen und Nebelfeldern, malt mit Metaphern mentale Bilder. Nach der Biermann-Ausbürgerung siedelt sie selbst in die BRD über und verfasst vor ...



... Deich- und Moorkulisse weiterhin Texte von großer poetischer Kraft und Schönheit.

Die anderen Klassen lasen alle Wolf Biermann. Wir nicht. Die Deutschlehrerin war der festen Überzeugung, es gäbe lyrisch Schöneres als seine teilweise derb-sexuellen Verse. So kamen wir zu Sarah Kirsch. An ausgewählten Gedichten spürten wir dem Klang ihrer Lyrik nach. Wir lösten ihre Metaphern auf und erkundeten, wie sich durch Zeilensprünge immer neue Sinnzusammenhänge ergeben, wie sich der Rezipientin schon mit dem nächsten Vers eine ganz neue Lesart erschließen kann. Dilettantisch versuchten wir uns schließlich an eigenen Nachdichtungen ihres "Lamento". Ein chaotischer Garten, der sich einfach nicht bändigen lässt, wächst der Gärtnerin hier buchstäblich "über den Kopf".

Obwohl sich Sarah Kirsch 2005 im Interview mit der ZEIT, dagegen wehrt, als Naturlyrikerin bezeichnet zu werden, besteht doch kein Zweifel daran, dass Natur eines ihrer prominentesten Themen ist. Ausgehend von der Beobachtung eines Tieres, einer Landschaft oder des Himmels schreibt die Dichterin von den Seelenzuständen des lyrischen Ich. Den Entstehungsprozess ihrer Texte beschreibt sie für die ZEIT so: "Es sind optische Eindrücke, die bei mir etwas auslösen. Ich sehe etwas und will haargenau bedenken können, wie es aussah. Wie der Eindruck war. Was ich empfunden habe. Wie der Klang des Windes war. Wie diese Farbe. Es gibt eigentlich immer nur eine richtige Lösung, wie im Kreuzworträtsel, der muss ich so nah wie möglich kommen. Das kann mich tagelang beschäftigen, das ist eine Sucht."

Ihre optischen Eindrücke erhält die Schriftstellerin seit 1983 aus Tielenhemme in Schleswig-Holstein, einer kleinen Gemeinde zwischen Deichen und Mooren. "(...) Für eine wunderschöne Landschaft, am liebsten im Norden" lässt Sarah Kirsch alles stehen und liegen, wie sie MDR FIGARO 2003 sagt. Geboren wird sie allerdings – 1935 als Ingrid Bernstein – in Mitteldeutschland, im Harz. Bereits dort sieht sie auch die Ursprünge ihrer Dichterinnenberufung: "Ich hatte als Kind im Krieg wenig Spielzeug. Aber meine Mutter hatte eine riesige Knopfsammlung. Da gab es die schönsten Perlmuttknöpfe, ach, das waren Wahnsinnsknöpfe, damit habe ich gespielt. In dieser Sammlung gab es einen Dichterknopf, die Löcher waren die Augen. So hat das angefangen," erfährt die ZEIT-Leserin von ihr.

Einer abgebrochenen Lehre zur Forstarbeiterin folgt ein Biologiestudium in Halle. Sie lernt den Lyriker Rainer Kirsch kennen und heiratet ihn 1960. Im selben Jahr vervollständigt die junge Frau ihren Künstlerinnennamen mit dem Vornamen Sarah. Sie will sich dadurch symbolisch gegen die antisemitische Haltung ihres Vaters zur Wehr setzen. In Leipzig schließt sie ein Studium am Literaturinstitut an und veröffentlicht 1965 gemeinsam mit ihrem Mann den Gedichtband "Gespräch mit dem Saurier", für den beide mit der Erich-Weinert-Medaille gekrönt werden.

Nach dem Erscheinen ihres ersten eigenen Gedichtbands "Landaufenthalt" – bereits das titelgebende Gedicht ist voll praller Natur, gierigen Frühlings und fauliger Obstbäume – und der Trennung von Rainer zieht die Autorin nach Ost-Berlin und wird dort Mutter eines Sohnes. 1973 und 1974 werden die Lyriksammlung "Zaubersprüche" und "Die Pantherfrau. Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder" verlegt. In letztgenanntem Werk kommen fünf reale Frauen zu Wort – unter ihnen eine furchtlose Raubtierdompteurin, der vor einem Leben als Hausfrau deutlich mehr graut als vor ihren Raubkatzen – und äußern sich zu ihrer Lebensrealität in der DDR, ähnlich wie in Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne", drei Jahre später.

1976 wird Wolf Biermann ausgebürgert. Prominente ostdeutsche Künstler_innen, unter ihnen an erster Stelle Sarah Kirsch, aber auch Christa Wolf, Jurek Becker oder Stefan Heym, formulieren in einem offenen Brief an die Führung der SED ihren Protest. Leider vergebens. Kirsch wird in der Folge aus der SED und dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und zieht, ihrer Existenzgrundlage beraubt, nach West-Berlin.

Im Laufe der Jahre etabliert sie sich zur vielleicht besten deutschen Lyrikerin der Gegenwart. Sie erhält zahlreiche Preise und Auszeichnung, unter ihnen der Österreichischen Staatspreises für Literatur (1981), der Friedrich-Hölderlin-Preis (1984), der Peter-Huchel-Preis (1993), der Droste-Hülshoff-Preis (1997) und nicht zuletzt der Georg-Büchner-Preis (1996), die bedeutendste deutsche Auszeichnung für Literat_innen.

In den letzten Jahren erscheinen neben Lyrik auch Prosatexte, kleine Notizbuch- oder Tagebucheinträge, die Titel wie "Regenkatze" und "Märzveilchen" tragen und in denen Sarah Kirsch von ihrem Leben auf dem Land berichtet, von Regenwetter, Telefonaten mit Freund_innen und sturmbedingten Stromausfällen, Literatur, in der sie das aktuelle Fernsehprogramm ebenso kommentiert wie die politische Lage. Dabei geht die Autorin manchmal kalauernd vor, oft aber auch feinsinnig-poetisch. Als Bücher der Entschleunigung, "Bücher, die sich richten gegen diese Gegenwartsbesessenheit" beschreibt sie Iris Radisch, Literaturkritikerin bei der ZEIT.

Die Lyrikerin selbst in der großen Wochenzeitung: "(...) meine täglichen Notizen sind eigentlich immer dasselbe, aber es kommt immer zu anderen Wendungen. Das ist wie das Leben, es ist dasselbe und ist doch nicht dasselbe. Man muss dazu ganz demütig und ganz einfach sein." Sarah Kirsch starb am 5. Mai 2013.

Weitere Informationen und Quellen:

Tabellarische Biographie (Haus der Geschichte): www.hdg.de

Der offene Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns (1976): www.hdg.de

Ausgewählte Gedichte auf der Website der Uni Düsseldorf: www.phil-fak.uni-duesseldorf.de

Sarah Kirsch liest ihr Gedicht "Wintermusik": www.3sat.de

Interview mit der ZEIT (2005): www.zeit.de

Fragen von MDR FIGARO an Sarah Kirsch (2003): www.mdr.de

"Bevor ich stürze, bin ich weiter. Ein Besuch bei Sarah Kirsch" (2006): www.dradio.de

Iris Radischs Lesetipp "Märzveilchen": www.zeit.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Women + Work Beitrag vom 29.05.2013 Sabine Reichelt 

   




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