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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 22.11.2013

20 Jahre feministische Literatur - Happy Birthday, Krug & Schadenberg
Silke Buttgereit

Orlanda, Daphne, Neue Kritik, Frauenoffensive, Argument, Querverlag, AvivA – die Namen linksfeministisch bewegter Verlage in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sprachen entweder die...



... Sprache klarer Programmatik oder sie versuchten sich in Poesie.

Und dann kam 1993 der Verlag Krug & Schadenberg – stocknüchtern wie eine Anwaltspraxis, staubtrocken wie ein Steuerberatungsbüro und furchteinflößend wie ein Inkassounternehmen: Krug & Schadenberg. Der Verlag für lesbische Literatur.

Andrea Krug brachte die Verlagserfahrung mit ins Geschäft, sie hatte zuvor lange beim Argument Verlag und später bei dem Berliner Frauenverlag Orlanda als Lektorin gearbeitet. Dagmar Schadenberg war bis dahin erfolgreiche Grafikdesignerin in einer Frankfurter Werbeagentur gewesen. Beide, damals ein Liebespaar, traten an um endlich die schönen Bücher zu machen, die sie in ihren Karrieren bis dato nicht machen durften und schufen damit ihre eigene Programmatik: Mach nur Bücher, die du selbst gerne lesen möchtest und mach sie schön.

Das Programm startete im Herbst 1993 mit einem einzigen Titel: "Susies Sexperts Sexwelt für Lesben". Ich war damals Redakteurin der Zeitschrift BLAU – ein Berliner Low-Budget-Magazin für Lesben und andere Frauen – und war genauso wie die gesamte Redaktion begeistert. Mitten hinein in die Diskussion über Political Correctness und die kategorisch ablehnende Haltung der damaligen politischen Frauenszene zur Pornographie wagt es ein Verlag, diesen Titel zu veröffentlichen, der nach allen Seiten hin Skandalpotenzial hatte. Endlich gab es Dildos, Gleitgel, Lust auf Penetration, Lackleder, Fesseln und mehr nicht nur hinter vorgehaltener Hand oder bei subversiven Veranstaltungen, sondern zwischen zwei Buchdeckeln in einem aufwendig und erstaunlich bibliophil ausgestatteten Hardcover-Bändchen.

In den nächsten Jahren folgten Romane und Sachbücher. Der Verlag importierte den anspruchsvollen Unterhaltungsroman für Lesben zunächst aus den USA – ein bis dahin im deutschsprachigen Raum kaum bekanntes Genre. Nach und nach baute der Verlag auch deutsche Autorinnen auf und schuf eine Sachbuchreihe, die sich mit Themen wie Mütter und Väter von Lesben, Wechseljahre, Lesben mit spätem Coming-Out auch an ein interessiertes nicht-lesbisches Publikum wandte.

Um das Jahr 2000 habe ich Krug & Schadenberg bei einem gemeinsamen Abendessen vorgeschlagen, ein Buch über das Thema Lesben und ihre Ex-Geliebten zu machen. Andrea und Dagmar winkten ab: Wen soll das schon interessieren? Drei Jahre später hatte sich das Liebespaar Krug und Schadenberg getrennt und verabredete sich wieder mit mir zum Essen. Inzwischen interessierte sich der Verlag sehr für das Buch. Ein Jahr später erschien es unter dem Titel "Auf ewig war ich Dein – Lesben und ihre Ex-Geliebten". Die meisten Kleinstverlage überleben solche privaten Brüche nicht – Krug & Schadenberg jedoch hat aus dem Bruch kein Drama, sondern ein Sachbuch gemacht.

Hut ab vor so viel Professionalität. Hut ab vor einer tollen Lektorin, Andrea, die Texte so zu lektorieren vermag, dass die Autorin ihre ganz eigene Schreibe nach dem Lektorat besser umgesetzt wiederfindet als davor. Hut ab vor einer Grafikerin, Dagmar, die allen Billigtendenzen zum Trotz immer noch darauf besteht, sinnliche, wertige und schöne Bücher zu machen. Hut ab vor zwei Programmmacherinnen, die immer wieder aufs Neue einen riesigen Spagat schaffen ohne ihre eigenen Ansprüche zu verleugnen.

Wir haben uns auch gestritten. Darüber, wie der Verlag den Roman "Stone Butch Blues" von Leslie Feinberg endlich ins Deutsche übersetzen, ihm dann aber den weichgespült bescheuerten Titel "Träume in den erwachenden Morgen" geben kann? Wie man überhaupt neben einem solchen Meilenstein-Titel der Queer-Bewegung eine so seichte Reihe wie die Linda-Romane von Manuela Kuck, die ich einst mit großer Leidenschaft in einer Rezension verrissen habe, veröffentlichen kann?

Krug & Schadenberg konnte. Und kann immer noch. Kann Kitsch neben toller Literatur machen, kann schlüpfrige Romänchen neben spannenden Sachbüchern machen und hat das Genre der Themenporträtbücher wenn nicht erfundenen, so doch zur hohen Kunst ausgebaut.

Möglich ist das, weil Krug & Schadenberg ihre eigene Programmatik pragmatsch in einer doppelten Strategie umsetzen. Krug & Schadenberg ist der Verlag für lesbische Literatur, also macht der Verlag die Bücher, die Lesben gerne lesen. Und Krug & Schadenberg macht aber auch die Bücher, die Andrea Krug und Dagmar Schadenberg gerne machen möchten. Dabei gibt es im Programm einige Bücher, die nur einen dieser beiden Ansprüche umsetzen. Welche das sind, ist das bestgehütete Betriebsgeheimnis der Verlagswelt. Und das Erfolgsgeheimnis des Verlags. Krug & Schadenberg ist der Verlag für lesbische Literatur. Darauf ist Verlass und damit ist das Verlagsprogramm auch ein Spiegel lesbischer Kultur und lesbischen Lebens und deren Wandel in den letzten 20 Jahren.

Herzlichen Glückwunsch zum 20. Geburtstag und viel Erfolg für die nächsten 20 Jahre!




… und sollte dieser Glückwunschtext an der einen oder anderen Stelle holpern, so liegt es nur daran, dass meine Lieblingslektorin Andrea Krug ihn nicht lektoriert hat.

Silke Buttgereit


Silke Buttgereit ist Autorin des Krug & Schadenberg-Titels "Auf ewig war ich dein. Lesben und ihre Ex-Geliebten" und lebt meist in Berlin. Als "die webagentin" arbeitet und bloggt sie rund um die Themen Social Media, Online-Reputation und Weiterbildung. Als Taiji-Lehrerin schafft sie sich und anderen analogen Ausgleich zum Online-Leben.


Verlag Krug & Schadenberg
Andrea Krug und Dagmar Schadenberg
gegründet 1993
Etwa 70 lieferbare Titel

Seit 2013 werden vergriffene Titel als E-Books nachproduziert (erhältlich im verlagseigenen E-Bookshop unter: krugschadenberg.e-bookshelf.de sowie allen üblichen Plattformen)

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.krugschadenberg.de

und auf der Facebook-Seite

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Silke Buttgereit - Auf ewig war ich Dein



Women + Work Beitrag vom 22.11.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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