Erna Puterman - Freiwillig bin ich da nicht hingegangen - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Gründerinnenzentrale Finanzkontor_Banner Weiberwirtschaft
Aviva-Berlin > Women + Work
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Infos
   WorldWideWomen
   Wettbewerbe
   Lokale Geschichte_n
   Schalom Aleikum
   Veranstaltungen in Berlin
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.12.2013

Erna Puterman - Freiwillig bin ich da nicht hingegangen
Sükran Topuz

In der Fontanepromenade 15 in Kreuzberg stand das berüchtigte "Zwangsarbeitsamt", von dem aus jüdische Frauen und Männer zur Fabrikarbeit verurteilt wurden. Die Projektkoordinatorin Sükran Topuz...



... hat mit der heute in Los Angeles lebenden Tochter einer dort registrierten Jüdin via Skype gesprochen. Hier erzählt sie ihre eigene Geschichte und die der Überlebenden, Erna Puterman:

Mit fünf Jahren komme ich aus Ostanatolien in eine kleine Stadt in Westdeutschland und wachse hier auf. Um der Enge der Kleinstadt zu entgehen zieht es mich nach dem Abitur zum Studium nach Berlin. Es muss aber Kreuzberg sein, weil es so bunt ist und ich hier am wenigsten auffalle.

In Berlin nehme ich Geschichte stark im öffentlichen Raum wiedergespiegelt wahr. Insbesondere die Stolpersteine bringen mich immer wieder zum Nachdenken. Vor meiner Haustür erinnern zwei Steine an Menschen, die hier gewohnt und gelebt haben. Die Geschichte Deutschlands, die ich bis dahin in der Familie und Schule erfahre, wird so um eine neue Perspektive der Wahrnehmung erweitert.

In diesem Jahr kommt ein weiteres geschichtsträchtiges Gebäude dazu. Die von den Nazis bezeichnete "Dienststelle für Juden" als Teil des Berliner Arbeitsamtes in der Fontanepromenade 15. Eine engagierte Kreuzbergerin, Stella Flatten, entdeckt mit ihrem dreijährigen Sohn das Gebäude, geht dessen Geschichte nach und realisiert nach langer Recherche 2013 das Erinnerungsprojekt "Fontanepromenade 15".

---------------------------------------------

Die jüdische Bevölkerung Berlins, nach der Machtergreifung der Nazis in einem schleichenden Prozess ihrer Rechte und Menschenwürde beraubt, müssen sich ab dem 23. Dezember 1938 an diesem Ort melden und werden in ihnen zugewiesenen Betrieben, überwiegend in Fabriken und später in der Rüstungsindustrie, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Wer nicht als arbeitsfähig gilt, wird zur Deportation freigegeben. Wie viele andere muss sich auch Erna Puterman hier registrieren lassen.



Die Fontanepromenade 15 im Jahr 1949


Erna Puterman kommt am 11. September 1919 als Tochter von Henriette Gersten, geborene Hirschfeld, und Leiser Gersten in Berlin auf die Welt. Ihre Mutter stammt aus dem Kreis Strasburg in Westpreußen, ihr Vater aus Ulanow, Galizien.

Erna lebt mit ihren Eltern und den Geschwistern Betty, Jakob und Friedel in Wedding. Betty, die älteste der Geschwister, besucht ein jüdisches Gymnasium. Betty ist Ernas Vorbild, sie ist sehr intelligent und spricht Englisch, Französisch und Esperanto. Ihr Bruder Jakob ist zeichnerisch sehr begabt und besucht die "Israelitische Taubstummenanstalt" in Weißensee. Friedel ist das Nesthäkchen, für sie näht Erna schöne Kleider. Erna selbst besucht die Volksschule.

Die Kinder wachsen in einem orthodoxen Elternhaus auf. Es wird koscher gekocht, die jüdischen Feiertage eingehalten und die fußläufig erreichbare Synagoge "Beth Zion" in der Brunnenstraße 20 regelmäßig besucht. Der Schabbat wird meistens mit den Großeltern begangen. Die von den Eltern geführte Eier- und Lebensmittelhandlung bleibt "Feiertagshalber geschlossen". Die Beziehung zu den "christlichen" Nachbar_innen ist gut, zu einigen der Frauen sagt Erna Tante. Im Hof, auf der Straße oder im Humboldthain spielen jüdische und nichtjüdische Kinder zusammen. Der Vater, Leiser Gersten, stirbt 1928.

Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr erlebt Erna das "Jüdisch-Sein" als Normalität. Doch die Machtergreifung der Nazis setzt dem ein grausames Ende. Das Straßenbild ändert sich. Die Häuserwände sind beschmiert mit Sprüchen, wie "Juden haut ab nach Palästina". Vor den jüdischen Geschäften schikanieren SA-Leute die Menschen und rufen zum Boykott auf. Läden werden geplündert und Menschen, die sich dagegen wehren, geschlagen und gefoltert.

Ernas Mutter muss bald den Laden schließen, weil sie nicht mehr beliefert wird.
Von ihren Klassenkameradinnen wird Erna, die einzige Jüdin in der Klasse, angefeindet. 1935 treten die "Nürnberger Rassengesetze" in Kraft und Erna muss die Schule verlassen. Sie darf keinen Lehrberuf ergreifen. Auch die kleine Friedel muss zunächst von der Volkschule in die jüdische Schule wechseln, bis sie dann gar keine Schule mehr besuchen darf. Zu dem Zeitpunkt ist Friedel elf Jahre alt.



Eine der zwei Bänke vor der Fontanepromenade 15, die 2013 im Gedenken an die Shoah gelb gestrichen und mit dem Vermerk "Nur für Juden" versehen wurden


Betty, inzwischen verheiratet und Mutter eines zehn Monate alten Babys, ihr Name ist Eveline, folgt ihrem Ehemann, der aufgrund seines polnisch-jüdischen Hintergrundes 1938 nach Polen abgeschoben wird, nach Warschau. Elias Grübl ist in Leipzig geboren und war noch nie zuvor in seinem Leben in Polen. Erna sieht sie nie wieder.

Friedel, die Erna erst nach achtzehn Jahren wieder begegnen wird, hat das Glück, 1939, im Alter von dreizehn Jahren, mit der Kinder-Alijah nach Palästina auszuwandern. Der Zug nach Italien fährt vom Anhalter-Bahnhof ab, die Familie darf nicht bis zur Abfahrt des Zuges bleiben, da Ausgehverbot für Juden herrscht.

Jakob hält sich als Grafiker über Wasser, Erna findet eine Arbeitsstelle als einfache Näherin. Hier lernt sie Frieda Adam kennen, von der sie später sagen wird, dass sie ihr das Leben gerettet hat. Es gibt viele Situationen, in denen sich Frieda positioniert. Mittlerweile müssen jüdische Frauen den Zusatznamen "Sara" und jüdische Männer den Zusatznamen "Israel" führen. Eine Kollegin fühlt sich dadurch gestärkt und ruft Erna "Sara". Frieda ermahnt die Kollegin, Erna weiterhin mit ihrem richtigen Namen anzusprechen. Auf der Straße besteht Frieda darauf, neben ihren Kolleginnen zu laufen, die den gelben Stern tragen müssen.

Erna muss kurz vor Kriegsausbruch die Stelle verlassen und sich beim Zwangsarbeitsamt in der Fontanepromenade melden. Sie wird zur Zwangsarbeit bei Siemens verpflichtet. Eine Wiedergutmachung dafür bleibt ihr verwehrt und Erna wird weiterhin beteuern müssen, "Die sagen zwar, sie haben keine Zwangsarbeiter beschäftigt, aber freiwillig bin ich da nicht hingegangen" *

1942 wird Henriette Gersten ins Sammellager in die Große Hamburger Straße gebracht und später in Auschwitz ermordet. Über einen Bekannten schickt die Mutter ihre letzte Botschaft an Erna: Sie ´soll versuchen auf ihren Bruder aufzupassen und ihr ist es wohler, wenn sie draußen sind wie drinnen. Sie sollen sich um Gottes willen nicht freiwillig melden´.*

Als dann Jakob und Erna abgeholt werden sollen, tauchen sie unter. Erna findet Zuflucht bei Frieda Adam. Über zwei Jahre muss Erna für ihren Bruder und sich verschiedene Verstecke organisieren. Es folgt eine Zeit der ständigen Angst, Ort- und Identitätswechsel, Hunger… Die einzige Konstante in der Zeit ist Frieda Adam.

Frieda Adam hat drei kleine Kinder, ihr Ehemann ist einfacher Soldat. Frieda kommt aus einer Arbeiterfamilie. Die Familie ist den Nazis gegenüber kritisch eingestellt. Friedas Vater muss eine zweieinhalbjährige Haftstrafe absitzen, weil er für die Ehefrauen der aufgrund ihrer politischen Einstellung verhafteten Kollegen finanzielle Hilfen sammelt.

Als Friedas Ehemann herausfindet, dass sie Erna bei sich versteckt, erpresst er sie. Erna muss ein neues Versteck suchen. Doch die Frauen bleiben dennoch in Kontakt und soweit es geht unterstützt Frieda Erna weiterhin.

Erna erlebt das Kriegsende in Weißensee, Jakob in Charlottenburg.
1952 zieht Erna mit ihrer Tochter Jeanette und ihrem Ehemann nach Westberlin. Frieda bleibt im Osten. Nun unterstützt Erna soweit sie kann Frieda. Jeanette bewirkt, dass Frieda als "Gerechte unter den Völkern" geehrt wird und Erna erkämpft für sie das Bundesverdienstkreuz.

Jeanette wandert nach Beendigung der Schule zu ihrer Tante Friedel in die USA aus und ist bis heute mit Friedas Enkeltochter sehr gut befreundet.

---------------------------------------------

Kurz bevor ich den Artikel beende, fragt mich mein Sohn, worum es sich dabei handelt und ich erzähle ihm Ernas Geschichte. Es ist mir wichtig, ich will es ihm nicht verschweigen und ich möchte ihm ein Beispiel geben, wie ein Mensch sich für seine Mitmenschen einsetzen kann, denen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung wiederfahren.

Bei meiner Arbeit als Koordinatorin im Projekt Stadtteilmütter in Kreuzberg in Trägerschaft des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte habe ich viele intensive Gespräche mit Stadtteilmüttern nach unseren Seminaren zum Nationalsozialismus, die wir in Kooperation mit Aktion Sühnezeichen Friedensdiensten gemacht haben, geführt. In den Gesprächen erfahre ich immer wieder, dass die Beschäftigung mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auch für Menschen, die in der neueren Zeit nach Deutschland eingewandert sind, sehr wichtig ist.

Mich freut es sehr, dass ab Dezember 2013 das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte in Kooperation mit Stella Flatten und anderen Initiativen eine Veranstaltungsreihe in der Fontanepromenade 15 als "Ort der Erinnerung und des aktiven Gedenkens" durchführen wird.




Sükran Topuz, geboren 1972 in Tunceli (Türkei). Migration nach Deutschland mit fünf Jahren. Wahlheimat Berlin. Identitäten viele, gefühlte und zugeschriebene. Vom Elternhaus mitgenommene Werte: Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit.



* Zitate aus: Visual History Archive der USC Shoah Foundation, 1996


© Foto der Fontanepromenade im Jahr 1949: Stella Flatten
© Foto der gelben Bank in der Fontanepromenade, 2013: Madeleine Jeschke
© Foto von Sükran Topuz: Sharon Adler

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.flattenflatten.com

"Fontanepromenade 15" deutscher Trailer des Films auf vimeo

Visual History Archive der USC Shoah Foundation an der Freien Universität Berlin

Stadtteilmütter und Stadtteilväter Kreuzberg

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ort des Erinnerns - Das Berliner Zwangsarbeitsamt für Juden von 1938 - 1945



Gefördert durch



Kooperationspartner



Agentur für Arbeit Berlin-Brandenburg










Women + Work Beitrag vom 04.12.2013 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken