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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 04.12.2013

Tülay Ataç im Gespräch mit Marina Chernivsky
Marina Chernivsky

Kennen gelernt haben sie sich über den Beruf und die gemeinsame Organisation eines Kongresses. Das Projekt "Lokale Geschichte(n)" gab den Anstoß zum Austausch über Identität und Erinnerung, ...



... gesellschaftliche Spannungsfelder und Umgang mit kultureller Vielfalt zwischen der Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charité in Berlin und Vorstandsmitglied im Dachverband für transkulturelle Psychiatrie, Tülay Ataç, und der Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und Leiterin des Modellprojekts "Perspektivwechsel", Marina Chernivsky.

Zeit und Raum

"Ich fühle mich mitten im Leben, beruflich habe ich das Gefühl angekommen zu sein. Ich glaube, ich bin nicht mehr auf der Suche. Und ich bewege mich gern in urbanen, kosmopolitischen Räumen und am Wasser. Ich liebe Wasser. Ob Wasser und Urbanität was gemeinsam haben? Ich kann mein Leben nicht erklären, aber ich weiß, dass diese Räume für mich wichtig sind."

Wir treffen uns in einem ruhigen Café, es heißt ´you are welcome´, es befindet sich in einem Haus, das ein Gedenkprojekt beherbergt. Wir treffen uns also in Berlin Mitte, hier lebe ich seit einigen Jahren, ein Viertel wie jedes andere, aber für mich hat es eine tief gehende Bedeutung, das ehemalige Scheunenviertel, ein Erinnerungsort. Unsere Zeit zu zweit ist streng reglementiert. Unsere Kalender sind dicht geplant und ein gemeinsamer Termin scheint fast ein Wunder zu sein. Wir schaffen das trotzdem, Tülay und ich, zwei Stunden Zeit zu haben an diesem Dienstagabend. Wir kennen uns seit einem Jahr, Tülay, Sebastian und ich waren das leitende Organisationsteam einer bundesweiten Konferenz, die in Berlin stattfand. Ich wusste, dass Tülay aus der Türkei stammt, dass sie als Bezugs- und Psychotherapeutin arbeitet und dass sie außerordentlich neugierig ist. Für mehr hatten wir leider keine Zeit, in diesem Vorbereitungsjahr. Aber jetzt ist es soweit.

Tülay



Tülay ist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen, ihre Kindheit hat sie in Bielefeld verbracht. Dort haben ihre Eltern gelebt und gearbeitet. Sie war zwölf Jahre alt, als ihre Familie sich für Berlin entschieden hat. Eine Zeit lang lebte sie in Frankreich, mit Unterbrechungen, wie sie sagt. Berlin war ihr Zentrum, Paris könnte es auch sein, aber Berlin war und blieb ihr emotionales Zuhause.
Ihre Eltern stammen aus Ost-Anatolien, aus zwei Nachbarstädten im Nordosten der Türkei. Ihre Eltern sind Türken, Zaza und Aleviten. Von außen werden Zaza zu den Kurden gerechnet, aber viele Zaza sehen es ganz anders, denn Zaza haben eine eigene Sprache, eigene Bräuche und Traditionen. Tülay sagt, diese Diskrepanz zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung fällt nicht allen auf, nicht alle sind bereit, die vielen Zwischentöne genauer zu unterscheiden, nicht alle teilen diese Ansicht. Sie ist türkeistämmige Zaza und Alevitin. Tülay sagt, in einer sunnitisch geprägten Gesellschaft wird das Alevitentum als nicht zum Islam gehörig empfunden, obwohl es auch im Islam entstanden ist. Es wird zwar darüber debattiert, eine eindeutige Antwort gibt es jedoch nicht. Die Aleviten sind in der Türkei wie die Protestanten in einem katholisch geprägten Umfeld. Dort sind sie Zaza und Aleviten, was sie eindeutig zu einer Minderheit macht. In Deutschland gelten sie als Türken, in der Außenwahrnehmung jedenfalls. Eine doppelte Differenzerfahrung also, einer Konfession, um deren Zuordnung noch heftig debattiert wird und einer türkischen Einwanderungsgeschichte, die Deutschland erst seit kurzem "entdeckt" hat.

Doppelte Perspektiven, oder das Leben als Minderheit

"In der Türkei fremd im eigenen Land zu sein, in Deutschland als türkische Minderheit wahrgenommen zu werden. Ob damit auch Differenzerfahrungen verbunden sind? Für meine Eltern bedeutete es, sich an ihre Umwelt anpassen zu müssen, Unauffälligkeit als Lösung zu erwägen."


Tülays Eltern, 2009

Tülay sagt, in der Türkei war es damals verpönt, Kurdisch oder Zaza zu sprechen. Groß war der Anpassungsdruck, das Bedürfnis "normal" zu sein, Anerkennung zu bekommen, einen Namen zu erhalten. Nationale Minderheiten konnten in der Türkei bis vor ungefähr zehn Jahren ihre nicht-türkischen Sprachen nicht frei sprechen. Im Privaten konnten ihre Sprachen nicht verboten werden, im öffentlichen Raum waren sie jedoch nicht erlaubt. Aber nicht aus diesem Grund haben sich ihre Eltern, völlig unabhängig voneinander, für Migration entschieden. Sie haben sich in Westdeutschland kennen gelernt. Ihre Auswanderungsgründe waren unterschiedlich, typisch waren ihre Geschichten nicht, nicht so wie immer behauptet wird.

Für Tülay selbst bedeutet ihr Alevitischsein ebenfalls die Erfahrung einer Minorität, aber auch eine Kraft spendende spirituelle Quelle. Sie praktiziert sie nicht, aber sie fühlt es und hat ein tiefes Wissen darüber. Ihre ethnische und konfessionelle Herkunft bedeutet Geborgenheit, emotionales Zuhause, ein dauerhaftes Kohärenzgefühl. Daraus schöpft sie Kraft, ihre kosmopolitischen Räume zu betreten. Selbstachtung und Selbstakzeptanz sind nun einmal entscheidend dafür, ob wir in der Lage sein werden, später auch anderen mit Achtung und Akzeptanz zu begegnen.

Selbstbezeichnung(en)

"Ich bin bei diesen Fragen bereits geschult, weil ich oft gefragt werde, wer ich bin und woher ich komme. Ich habe mir Antwortmuster zurecht gelegt, die nicht zwingend in dieser Form erwartet werden: Ich bin ein Mensch, eine Frau, politisch aufgeklärt und links-liberal denkend. Ich habe mich lange Jahre mit Feminismus, Identität, Migration, Fremdheit beschäftigt. Vielleicht könnte ich mich auch so beschreiben: Ich bin eine aus dem Nahen Osten stammende, türkeistämmige Westeuropäerin, international gereiste Frau, in Berlin lebend."

Tülay gehört zu denen, über die man sagt, sie haben einen Migrationshintergrund. Tülay sagt, sie hat ihn aufgedrückt bekommen. Dieser Begriff ist zwar politisch korrekt intentioniert, aber er beschreibt sie nicht, er pauschalisiert, vereinheitlicht, blendet Diskriminierungserfahrungen aus. Er ist nicht für alle gleich. "Ein Mensch, der eine schwedische Oma hat, würde theoretisch ebenfalls dazu zählen, aber er hat nicht die gleichen Erfahrungen, wie ich sie habe." Denn Schweden liegt nicht im Orient. Und diesen (orientalischen) Hintergrund kann man nie loswerden, er bleibt, auch wenn wir die damit verbundenen Zuschreibungen bewusst ablegen. Man kann in diesem Club gern ein Mitglied werden, aber niemals aus dieser Gemeinschaft austreten. Migration als Rolle? Oder als ein eigentümlicher Begleiter, der immer und überall mitkommt.


Tülay und ihre Geschwister, 1982


Erfahrung der Differenz

"Ich kenne die Zuschreibungen über ´orientalische Frauen´, oder über aus dem Orient stammende Frauen, über Frauen, die aus diesem Grunde nicht für zurechnungsfähig und für nicht selbstbestimmt gehalten werden. Es ist sicherlich nicht immer böse gemeint, teilweise aus Ignoranz oder mangelnder Reflexion, aber auch ohne die "böse" Absicht wird mir meine Individualität und Denkfähigkeit abgesprochen und ich werde auf meine vermeintliche Herkunft und auf die dazugehörigen Zuschreibungen reduziert. Wenn ich solche Erfahrungen mache und diese symbolisch beschreiben soll, dann folgendermaßen: Man versucht mir unbewusst die Rolle einer Frau anzudrehen, die schwach und fremdbestimmt ist, sich nicht wehren kann und vom "Weißen" belehrt oder gar gerettet werden muss. Eine Haltung die hoch paternalistisch ist und eine klare Haltung ausdrückt gegenüber allem, was orientalisch ist."

Eine nett gemeinte Frage kann sehr schnell zum Verhängnis werden, denn nicht die Wortwahl, sondern die Intention, Haltung, die dahinter steht, ist ausgrenzend. Diese Frage verlangt nach einer Entscheidung - entweder, oder. Entweder türkisch, oder deutsch, aber nie vollständig deutsch, und immer noch türkisch. Tülay sagt, sie kennt das, aber ihr Leben war nicht nur dadurch geprägt. Sie weiß, was es bedeutet, wenn Eltern nicht alles erzählen, aus Angst, sie würde sich dadurch anders fühlen, ausgegrenzt sein, sich nicht integrieren können. Sie weiß, was das bedeutet, als Nicht-Deutsche wahrgenommen zu werden, als jemand, der dazu gehört und dennoch immer wieder draußen steht.
Heute hat sie ihre eigene Stimme, sie bestimmt darüber, wie sie wahrgenommen werden will. Sie kann ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.



Tülay in Paris, 2003

Ressourcen

Identitäten der Postmoderne sind komplex, mehrschichtig, sie überlagern sich, aber sie lassen sich auch formen und gestalten. Tülay sagt, sie schöpft ihre Kraft aus ihrer Biographie und ihrem Werdegang. Sie fühlt sich angekommen, kohärent. Sie ist bereichert worden durch ihre Migrationen, Brüche und Wandlungen. Das ist ihre Kontinuität, dauerhaft und dynamisch. Auch ihr "Migrationshintergrund" ist eine Quelle der Inspiration. Ihre Berufe - die Sprachen, die Wissenschaft und die Psychologie -, aber auch der Ehrgeiz helfen ihr.

"Denn all das ist verbunden mit Offenheit gegenüber anderen Menschen, menschlichen Werten und es muss im Einklang mit mir sein. Diese Offenheit und die spirituellen Werte aus meiner Familie sind mein Rückgrat, meine Prägung, die mich hält und stützt."


Tülay Ataç hat Sprachen (Französisch/Anglistik/Turkologie bis zur Zwischenprüfung) und Psychologie in Berlin und Paris studiert, ist Diplompsychologin und Psychotherapeutin (i.A. an der Psychologischen Hochschule Berlin) und arbeitet als Psychologin und Wissenschaftlerin an der Charité in Berlin. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband für transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.), Mitglied der Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung (GTP e.V.) und der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit (DTGPP e.V.). Wissenschaftlich interessiert sie sich für integrative Psychotherapieverfahren, Migration und Psychotherapie, Diversity und Beratung, Konflikt- und Friedensforschung, politische Psychologie, transkulturelle Psychotherapie und Beratung.



Zur Biographin: Marina Chernivsky ist Diplompsychologin und Verhaltenstherapeutin (i.A.). Sie arbeitet als Psychotherapeutin, Dozentin, Supervisorin und leitet das Modellprojekt "Perspektivwechsel" der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das seit 2006 im Freistaat Thüringen umgesetzt wird. Sie ist Vorstandsmitglied im Dachverband für transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (DTPPP e.V.) und Mitglied im Präsidium der Deutschen Soccer Liga e.V.

© Copyright Foto von Marina Chernivsky: Sharon Adler




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Women + Work Beitrag vom 04.12.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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