Fathiyeh Naghibzadeh - Vom Unwillen, sich von Haaren verrückt machen zu lassen - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.02.2015

Fathiyeh Naghibzadeh - Vom Unwillen, sich von Haaren verrückt machen zu lassen
Sabrina Goldemann

Die im Iran aufgewachsene Pädagogin Fathiyeh Naghibzadeh hat einen Film über den Kopftuchzwang im Iran gedreht und das "Mideast Freedom Forum Berlin" mitgegründet. Mit ihrer Dialogpartnerin...



... Sabrina Goldemann hat sie über ihr Exil im eigenen Land nach der "Islamischen Revolution" gesprochen – und über ihren eigenen Weg von der Israelfeindlichkeit zur Kritik am Iran.



Sabrina: Warum bist du nach Deutschland gekommen?

Fathiyeh: 1979 hat im Iran eine "Islamische Revolution" stattgefunden. Diese Revolution hat die Gesellschaft vollkommen verändert und die neuen Machthaber haben unsere Hoffnungen auf Freiheit und Gleichheit vollständig zerstört. Ich habe mich daraufhin in der iranischen Gesellschaft sehr fremd gefühlt und bin ins Exil gegangen, wie Millionen meiner Landsleute.

Exil beginnt mit dem Gefühl körperlicher Entfremdung

Sabrina: Was bedeutet für Dich Exil?

Fathiyeh: Wenn man Exil als negativen, abgrenzenden Begriff definiert, würde ich sagen, dass ich mich zum ersten Mal im Iran nach 1979 "im Exil" gefühlt habe. Als ich im "wirklichen" Exil in Deutschland war, habe ich angefangen, über diesen Begriff nachzudenken. Besonders, als ich 2004 mit drei Mitstudentinnen einen Film über iranische Frauen im Exil und das Kopftuch gemacht habe. Exil ist komplexer, als man denkt, denn die Person im Exil muss sich jeden Tag aufs Neue mit dieser Situation auseinandersetzen. Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass mein Exil mit dem körperlichen Unbehagen begann, das ich empfand, als man mich im Iran gezwungen hat, auf der Straße Kopftuch und Tschador zu tragen. Dieses Gefühl körperlicher Entfremdung steht für mich vor allen anderen, daraus resultierenden Gefühlen und Erlebnissen. Als ich verschleiert auf die Straße ging und dort die islamischen Sittenwächter sah, die auf mich wie Fremde von einem anderen Planeten wirkten, begann mein Exil.



Sabrina: Ist Deutschland für dich ein Exil?

Fathiyeh: Jein. Deutschland ist für mich erst einmal Berlin. Berlin ist meine zweite Heimat, manchmal frage ich mich, ob es meine erste – vor Iran – geworden ist. Wenn ich in einer anderen Stadt oder im Ausland bin, sehne ich mich nach meinem Zuhause, und das heißt Berlin. Wenn ich in Berlin an meine Kindheit im Iran denke, dann habe ich Erinnerungen an schöne Erlebnisse, Begegnungen mit Menschen, Feiertage und dann kommt die Sehnsucht nach meiner iranischen Heimat.

Sabrina: Du hast einen Film über das Kopftuch gemacht. Was hältst du von den Debatten über das Kopftuch in Deutschland und Europa?

Fathiyeh: Das meiste finde ich erbärmlich.

Sabrina: Warum?

Fathiyeh: Weil mir die Debatten zeigen, dass die EuropäerInnen überhaupt nicht verstehen wollen, was das Kopftuch für die Islamisten bedeutet. Man redet immer von einem Stück Stoff, als ob es sich um ein Modeaccessoire handeln würde. Ich habe im Iran erlebt, wie wichtig den Islamisten von Anfang an die Zwangsverschleierung zur Etablierung ihres totalitären Systems war. Kopftuch im Iran und die Einführung der Scharia – die Ersetzung des veränderbaren säkularen Rechts durch die ewigen Gottesgesetze – sind für mich Synonyme.

Geschichte wird gemacht – Ein verändertes Bild von Israel

Sabrina: Du warst in Israel. Welches Bild hast du vorher von Israel und von JüdInnen gehabt?

Fathiyeh: Mein Bild von Israel war immer ein sehr politisch geprägtes. Als ich in den 80er Jahren mein Land verließ, gab es kein Internet und ich hörte immer die ausländischen Kurzwellensender in persischer Sprache, vor allem Radio Israel. Es gab und gibt keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Islamischen Republik und Israel. Und deshalb gibt es in Radio Israel auch nicht die politischen Rücksichtnahmen wie bei anderen westlichen Sendern, wie z.B. BBC. Das hat Radio Israel als Quelle interessant gemacht, da wir möglichst ungefilterte Informationen über die Situation im Iran bekommen wollten. Dadurch bekam ich auch Nachrichten aus Israel mit und nahm wahr, dass Israel eine Demokratie ist.

Trotzdem war ich am Anfang sehr an der Seite der PalästinenserInnen, was deren Konflikt mit Israel betrifft. Mit der Zeit fragte ich mich aber, warum das iranische Regime die PalästinenserInnen so massiv unterstützte, vor allem aber, warum mir nie ein Wort palästinensischer Kritik gegen Khomeini oder der Solidarität für iranische politische Gefangene bekannt wurde, von denen viele propalästinensisch waren.



Sabrina: Was hast du von den PalästinenserInnen erwartet?

Fathiyeh: Vorweg muss ich von meinem damaligen Geschichtsbild von Israel sprechen: Ich dachte damals, dass die PalästinenserInnen friedlich in ihrem eigenen Staat lebten, bis die ZionistInnen kamen, Stück für Stück ihr Land aufkauften und sie dann vertrieben. Das Wort "Zionist" war im Iran ein Synonym für "Faschist".

Von den PalästinenserInnen erwartete ich, dass sie diejenigen propalästinensischen IranerInnen unterstützen würden, die jetzt vom Khomeini-Regime verfolgt wurden. Was nicht der Fall war.

Sabrina: Warum bist du dann 2008 nach Israel gefahren?

Fathiyeh: Wie ich oben erwähnte, hatte ich mit anderen einen Film mit dem Titel "Kopftuch als System – oder machen Haare verrückt" gemacht. Man hat mich nach Jerusalem und Tel Aviv eingeladen, um diesen Film dort zu zeigen.

Sabrina: Was für ein Gefühl war das, in Israel zu sein?

Fathiyeh: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war zunächst sehr verunsichert und gleichzeitig wütend. Ich sah mich als Exilantin aus einem Land, von dem eine Vernichtungsdrohung gegen Israel ausgeht. Ein Chaos an Emotionen stieg in mir hoch. Obwohl ich sehr freundlich behandelt wurde, lösten meine Begegnungen sowohl mit Israelis, als auch mit PalästinenserInnen Gefühle der Wut aus. Gleichzeitig spürte ich, dass diese Wut unberechtigt war, was mich erst recht verunsicherte.

Antisemitismus als Suchtmittel

Sabrina: Kannst du erklären, warum du wütend gewesen bist?

Fathiyeh: Ich will mit einem Erlebnis nach meiner Rückkehr nach Berlin antworten. Eine deutsche Freundin fragte mich, ob es Antisemitismus in meiner Familie gegeben habe. Ich antworte spontan, dass ich so etwas niemals gekannt hätte. Im selben Moment erinnerte ich aber, wie meine Großmutter mir als Kind mit folgender Drohung Angst machte: Wenn ich keinen Mittagsschlaf machen wolle, würde sie mich der alten Frau in der Nachbarschaft übergeben, die Jüdin sei und Kinder in den Topf werfe und koche. Ich glaube, dass diese verdrängte Geschichte in mir weiterarbeitete und mir das Gefühl gab, JüdInnen könnten niemals unschuldig seien. Als ich mir langsam über diese Gefühle bewusst wurde, hat mich das von meiner oberflächlichen Beschäftigung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zur Beschäftigung mit Antisemitismus und Antizionismus gebracht.

Sabrina: Wie hat diese Auseinandersetzung konkret ausgesehen?

Fathiyeh: Ich vergleiche Antisemitismus mit einer schweren Suchtkrankheit – anscheinend bedürfen viele in islamischen, aber auch in christlichen Gesellschaften sozialisierte Menschen dieses Suchtmittels. Und wenn man beginnt, sich dieser "Abhängigkeit" bewusst zu werden, ist die Auseinandersetzung damit und der Kampf dagegen ein lebenslanger Prozess. Es ist mir z.B. in meinen Freundschaften sehr wichtig zu wissen, dass die jeweilige Person nicht antisemitisch denkt.

Sabrina: Wie siehst Du Antisemitismus und die Auseinandersetzung damit in der deutschen Gesellschaft?

Fathiyeh: Bei jedem Konflikt zwischen Israel und den PalästinenserInnen nehme ich wahr, dass die PalästinenserInnen hier als totale Opfer dargestellt werden. Das ist zentral für das entpolitisierte, antisemitische Bild von den Israelis als absoluten TäterInnen. Ich nenne als Beispiel Günter Grass, für den Israel den Weltfrieden bedroht, während er Ahmadinejad einen "Maulhelden" genannt hat – als wäre er enttäuscht von ihm.

Sabrina: Wie engagierst Du dich als politischer Mensch in Deutschland gegen Antisemitismus und Islamismus?

Fathiyeh: Für mich ist heute als iranische Exilantin klar, welche antisemitische Bedrohung vom iranischen Regime ausgeht und dass die Macht dieses Regimes über die Menschen im Iran und im Nahen Osten ohne diesen Antisemitismus nicht denkbar wäre. Ich habe deshalb mit deutschen FreundInnen, die dies genauso sehen, vor sechs Jahren das "Mideast Freedom Forum Berlin" und die Koalition "Stop the Bomb" gegen das iranische Nuklearprogramm und für die Unterstützung der demokratischen iranischen Opposition gegründet.
Fathiyeh Naghibzadeh ist Co-Regisseurin des Films "Kopftuch als System – Machen Haare verrückt?" von 2004, den sie im Februar 2008 auch in Tel Aviv und Jerusalem präsentierte. Sie referiert und publiziert unter anderem zum Geschlechterverhältnis im Islam, zu Antisemitismus und Antizionismus und zur Erfahrung des Exils und ist Gründungsmitglied des Mideast Freedom Forum Berlin.

Drei ausgewählte Veröffentlichungen von Fathiyeh Naghibzadeh:

The peace train (mit Andreas Benl) Jerusalem Post 16.04.2012

Freiheit ist keine Metapher. Seit der Einführung der Zwangsverschleierung im Jahr 1979 gehört die Unterdrückung der Frauen zum ideologischen Kern der Islamischen Republik. Jungle World 26/2009

Die göttliche Mission der Frau. Zu Geschichte und Struktur des Geschlechterverhältnisses im Gottesstaat Iran: Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer. Wien 2008

Das Interview, das Fathiyeh Naghibzadeh mit Sabrina Goldemann geführt hat, finden Sie auf AVIVA-Berlin>Lokale Geschichte_n



Dieser Beitrag wurde von den Autorinnen am 14. April 2015 im Rathaus Charlottenburg in Anwesenheit von Senatorin Dilek Kolat und der Gleichstellungsbeauftragten Carolina Böhm präsentiert.

Außerdem lasen weiteren Teilnehmerinnen des AVIVA-Projekts "Lokale Geschichte(n)" und die Initiatorinnen Sharon Adler und Claire Horst stellten das projekt vor.



"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wird gefördert durch:



Copyright Fotos von Fathiyeh Naghibzadeh und Sabrina Goldemann: Sharon Adler






Women + Work Beitrag vom 17.02.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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