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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 08.04.2015

Charlotte Salomon – Eine Künstlerin zu Zeiten des Holocausts. Von Rachel Betteridge und Juana Wenning. Ein Beitrag im Rahmen des AVIVA-Recherche- und Dialogprojekts Lokale Geschichte_n
R. Betteridge und J. Wenning

Rachel und Juana gehen in die 10. Klasse der Nelson-Mandela-Schule in Charlottenburg. Sie haben zum Leben der jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon recherchiert, die ganz in der Nähe der Schule...



... gewohnt hat und in Auschwitz ermordet wurde.

Hallo erstmal! Wir sind Rachel und Juana aus der Nelson-Mandela-Schule. Bevor wir auf unser Thema eingehen, wollen wir euch noch ein wenig über uns erzählen.

Juana

Ich bin Juana, 16 Jahre alt, und ich komme aus einer hoch mobilen Familie. Ich bin in Deutschland geboren und habe die ersten Jahre meines Lebens hier verbracht, aber dann wurde mir eine Reise nach Spanien angeboten, und ich war natürlich begeistert.

Doch diese Reise wurde zu einem Umzug, der aber leider nur sieben Monate gedauert hat, denn nach einer Weile hatte meine Mutter Sehnsucht nach ihrer Familie in Argentinien. Daher sind wir wieder umgezogen. In Argentinien hatte ich viel Familie: Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins. Aber das Herz will, was es will, und meine Mutter verliebte sich in einen (kaum zu glauben) deutschen Journalisten. Damit hatte ich einen neuen Stiefbruder und dann nach fünf Jahren auch eine kleine Schwester. Nach sechs Jahren in Argentinien mussten wir mit der neu gegründeten Familie ins Heilige Land ziehen. Israel war schön. Eine sehr schöne Zeit hatte ich dort, und viele nette Leute habe ich auch kennengelernt.

Die verschiedenen Kulturen haben mich teilweise am Anfang etwas geschockt, aber nach einer Weile hatte ich mich daran gewöhnt und konnte gut damit umgehen. Auch Freundschaften und Liebe habe ich bis jetzt dort zurückgelassen. Naja, und jetzt bin ich wieder hier in Deutschland. Natürlich ist es hier auch schön, aber mir fehlen die vielen Kulturen auf einem kleinen Fleck. Neben der Schule mache ich noch "Aerial Silk" (Tuchturnen). Malen und zeichnen mag ich auch gerne.

Rachel

Mein Name ist Rachel und ich bin ebenso 16 Jahre alt. Ich lebe schon mein ganzes Leben in Berlin, jedoch kommt meine Familie zum Teil aus Deutschland, England, Irland und Neuseeland. Große Teile meiner Familie habe ich erst vor ein paar Jahren kennen gelernt, wie zum Beispiel meinen Bruder. Erfahren haben meine Familie und ich erst vor ein paar Jahren, dass ich einen Halbbruder habe, der in Nordirland wohnt. Dieser hat ebenso einen Halbbruder. Also habe ich sozusagen zwei Brüder, Cousins, Tanten und Onkel hinzugewonnen. Mein Bruder ist aber vor etwa drei Jahren mit seiner Freundin nach Neuseeland ausgewandert. Weitere Teile meiner Familie hat meine Familie aus Zufall wieder gefunden. Meine Familie wuchs erneut.

Außerhalb der Schule habe ich früher geturnt, voltigiert, Akrobatik gemacht und bin auf die Artistenschule Berlin gegangen, bis ich meinen Rücken geschädigt habe. Seither ist singen ein großes Hobby von mir, von dem ich hoffe, dass es später nicht nur ein Hobby sein wird.

Das Projekt

Alles fing damit an, dass wir über Sharon gehört haben, was für ein Projekt sie für die Schule hat und was erwartet war. Wir haben dann selbst angefangen, über Charlotte Salomon zu recherchieren und fanden einiges über sie heraus. Da wir ihr Leben so interessant, ausdrucksstark und berührend fanden, haben wir uns entschlossen, unsere MSA-Präsentation über Charlotte Salomon zu halten. Dann kam auch die Projektwoche in unserer Schule, und wir haben uns natürlich für das Projekt zu Charlotte Salomon angemeldet. Die ganze Arbeit fing damit an, dass wir uns selbst gefragt haben, was wir über sie herausfinden wollten und was wir dann auch für unseren MSA verwenden könnten. Bei all den Ereignissen, die Charlotte zugestoßen sind, haben wir uns oft gefragt, wie Menschen sich gegenseitig so brutal und gefühllos behandeln können.



Ein Besuch in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Schöneberg hat uns gezeigt, wie viele Menschen aus Deutschland geflüchtet sind und wie wenige überlebt haben. Nachdem die Projektwoche vorbei war, waren dann Rachel und ich selbst dran, uns etwas genauer mit dem Thema zu befassen. Da Charlotte nicht so bekannt ist und nur selten erwähnt wird, war es sehr schwer, viel über sie herauszufinden. Wir waren bei ihrem Elternhaus und sind auch ihren Schulweg abgelaufen. Ebenso haben wir ihre Universität in der Hardenbergstraße besucht.

Wir haben uns viel mit ihrer Jugend, ihrer Zeit in Frankreich, ihrer Flucht und Deportation beschäftigt. Trotz alldem hat die Recherche über diese starke Frau doll Spaß gemacht. Natürlich gab es leichtere Themen als dieses, aber dafür können wir mit unserem auserwählten Thema anderen mitteilen, wie spannend ihr Leben war.

Charlotte Salomons Leben

Charlotte Salomon, ein ganz besonderes Mädchen, das sich in seiner Einsam- und Nachdenklichkeit in die Kunst flüchtete, erstellte nach der schwierigen Frage, ob sie sich das Leben nehmen sollte, eine Bilderreihe, die ihre berührende Lebensgeschichte erzählt.

Ein junges Mädchen wohnt mit ihrer Familie in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft. Die Tür eines der Häuser in der Wielandstraße öffnet sich und Charlotte und ihre Mutter Franziska Salomon treten heraus. Sie fühlen sich als Jüdinnen sicher, wohl und akzeptiert. Alles scheint friedlich, bis Franziska eines Tages stirbt. "An einer Grippe", erzählte man der damals achtjährigen Charlotte.

Das Leben ging weiter, jedoch zog sich Charlotte immer weiter zurück und ist frühzeitig erwachsen geworden. Ihre Mutter hatte eine unglaublich wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt, denn ihr Vater Albert schenkte ihr nur wenig Aufmerksamkeit, da er mehr auf seine Karriere als Arzt konzentriert war. Charlotte hatte wechselnde Kindermädchen, weil diese nicht mit ihr klar kamen, bis eines Tages das Kindermädchen Hase auftauchte, mit dem sie sich gut verstand. Außerdem führte Hase Charlotte an die Kunst heran, welche in ihrem Leben immer wichtiger werden sollte.

Im Jahre 1930 heiratete Albert Salomon die bekannte Sängerin Paula Lindberg. Charlotte verehrte und beneidete sie gleichermaßen: Sie musste mit Paulas Freunden um Aufmerksamkeit konkurrieren. Paula wurde aber zum Objekt von vielen ihrer Zeichnungen.

Charlotte besuchte die Fürstin-Bismarck-Schule (heute: Sophie-Charlotte-Oberschule), verließ diese jedoch ein Jahr vor dem Abitur nach der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933. Der Grund dafür war sicherlich die Schikanierung der jüdischen Schüler. Charlotte wurde von Mitschülern und Bekannten als "so sehr zurückgezogen" und "wie ein Schatten – da, aber nicht in ihrem Körper" beschrieben. Währenddessen verlor Albert seine Professur an der Berliner Universität und seine Approbation als Arzt. Paula erhielt öffentliches Auftrittsverbot und arbeitete danach im "Jüdischen Kulturbund", eine von Nazis überwachte künstlerische Vereinigung "von Juden für Juden".



Charlotte bewarb sich an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und angewandte Kunst. Im Februar 1936 bekam sie dank des Frontkämpferrechts väterlicherseits beim zweiten Anlauf einen Studienplatz. Sie gewann einen Preis, der ihr aber aberkannt wurde, da kein jüdischer Name erscheinen sollte. Daraufhin brach sie das Studium ab.

Zwar wollte die Familie in ihrer Heimatstadt bei ihren Freunden und Bekannten bleiben, dies änderte sich jedoch nach der Reichspogromnacht im Jahre 1938. Charlotte musste vor ihrem 21. Geburtstag zu ihren Großeltern nach Villefranche, Südfrankreich flüchten. Denn sonst hätte sie einen Pass gebraucht. Ein Besuch bei den Großeltern war der offizielle Anlass. Die Eltern wollten später nachkommen, mussten jedoch in die Niederlande flüchten. Die Großeltern und Charlotte wohnten auf einem Anwesen der Amerikanerin Ottilie Moore, die auch andere Flüchtlinge bei sich aufnahm.

Die Lage in Frankreich spitzte sich zu, auch hier waren sie nicht sicher. Unter zunehmender Angst stürzte sich Charlottes Großmutter aus dem Fenster. Erst jetzt erfuhr Charlotte, dass ihre Mutter nicht an einer Grippe gestorben war, sondern sich ebenso aus dem Fenster gestürzt hatte. Auch erfuhr sie, dass dies nicht die einzigen Fälle in ihrer Familie waren. Diese Vorbelastung und die Prophezeiung des Großvaters, dass sie die nächste sein werde und die immer größer werdende Bedrohung durch die Nazis stellten sie vor die Frage "ob sie sich auch das Leben nehmen oder etwas ganz verrückt-besonderes tun sollte".

Nachdem Charlotte und ihr Großvater in das Lager "Gurs" gebracht worden waren, ein Lager, vollgestopft mit Menschen, aber wegen des Alters des Großvaters wieder entlassen worden waren, entschied sie sich für das "Verrückt-Besondere". Wegen der immer schlechter werdenden Beziehung zu ihrem Großvater mietete sie nach der Rückkehr ein Hotelzimmer in St. Jean Cap Ferrat. In den Jahren zwischen 1940-1942 entstand dort das autobiographische Werk "Leben? Oder Theater", bestehend aus etwa 800 Gouachen (gemalt hat sie jedoch 1325). Vermutlich war das Malen für sie eine Art Therapie, um die traumatisierenden Erlebnisse verarbeiten zu können. Ihr Werk übergab sie mit den Worten "Das ist mein Leben" an einen Arzt. Dieser sollte es später den Eltern übergeben, die es dem Jüdischen Museum Amsterdam zur Verfügung stellten.

Nach dem Tod ihres Großvaters zog Charlotte zurück nach Villefranche und heiratete am 17. Juni 1943 den Österreicher Alexander Nagler. Vermutlich durch einen Verrat wurden sie am 24. September nach Drancy, und am 10. Oktober weiter nach Auschwitz deportiert. Weil Charlotte im fünften Monat schwanger war, wurde sie mit großer Wahrscheinlichkeit sofort ermordet. Alexander Nagler ist auf der Todesliste vom 1. Januar eingetragen.

Charlotte Salomon hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient! Vielleicht trägt das Projekt ja dazu bei, dass sie und ihre Werke bekannter werden.



Dieser Beitrag entstand im Rahmen des AVIVA-Recherche- und Dialogprojekts "Lokale Geschichte_n"

Weitere Informationen über Charlotte Salomon gibt es unter:

Jewish Womens´ Archive

Jüdisches Museum Berlin

Gedenken an Charlotte Salomon in Yad Vashem

Der Nachlass von Charlotte Salomon befindet sich im Joods Historisch Museum Amsterdam, Charlotte Salomon Foundation

www.kunstaspekte.de/charlotte-salomon/

FemBio Frauen-Biographieforschung e.V.

Werke von Charlotte Salomon

Ein Tagebuch in Bildern 1917–1943. Vorwort von Paul Tillich. Einleitung von Emil Straus. Rowohlt, Reinbek 1963

Leben oder Theater? Ein autobiographisches Singspiel in 769 Bildern. Mit einer Einleitung von Judith Herzberg. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1981

Bücher über Charlotte Salomon

Mary Felstiner: To Paint Her Life: Charlotte Salomon in the Nazi Era. New York: 1994, Berkeley: 1997

Christine Fischer-Defoy (Hrsg.): Charlotte Salomon. Leben oder Theater. Das Lebensbild einer jüdischen Malerin aus Berlin 1917–1943. Arsenal, Berlin 1986

Hildegard Reinhardt: Charlotte Salomon. Malerin. In: Jutta Duck & Marina Sassenberg (Hrsg): Jüdische Frauen im 19. und 20 Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 1993

Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon. 1917–1943. Bilder eines Lebens. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2001

Georg Stefan Troller: Charlotte Salomon. S. 243 in Ihr Unvergeßlichen. 22 starke Begegnungen. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006

Edward van Voolen (Hrsg.): Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater? Prestel, München [u.a.] 2004

Filme über Charlotte Salomon

Frans Weisz, Judith Herzberg (1984): Charlotte. Originaltitel: Based on the life and work of Charlotte Salomon, BRD. Spielfilm, 95 min.

Frans Weisz (2012): Life? Or Theatre? www.youtube.com

Yael Loten: Death and the Maiden, Israel 2014 (Dokumentarfilm)

Richard Dindo, Esther Hoffenberg (1992): C´est toute ma vie

Rainer Hagen, Hannelore Schäfer (1987): "Heben Sie es gut auf, es ist mein Leben". Das Album der Charlotte Salomon. TV-Videoaufnahme. Hamburg: NDR (Die eigene Geschichte).




"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wurde gefördert durch:






Copyright Text: Rachel Betteridge und Juana Wenning
Copyright Foto von Rachel Betteridge und Juana Wenning im Studio: Sharon Adler
Copyright Foto Sophie-Charlotte-Gymnasium und Stolperstein in der Wielandstraße 15: Sharon Adler




Women + Work Beitrag vom 08.04.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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