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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 03.06.2010

Zum Tod von Louise Bourgeois
Marie Heidingsfelder

"I have endeavored during my whole lifetime as a sculptor to turn woman from an object into an active subject". Am 31. Mai 2010 starb die französische Künstlerin und Bildhauerin in New York



Louise Bourgeois
"Eine sehr alte jugendliche Dame, die frei, immer zu Späßen aufgelegt und nicht sehr artig war, hat uns verlassen", schrieb der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand zum Tod der Künstlerin. Der Herzinfarkt riss die "Spinnenfrau" trotz ihrer 98 Jahre mitten aus dem Leben. Einem Leben, dass sie seit dem Mathematik und Beaux-Arts-Studium in Paris der Kunst verschrieben hatte: Sechs Tage pro Woche verbrachte sie trotz oft schlafloser Nächte in ihrem Atelier und war noch Ende April 2010 in Berlin, um ihre Ausstellung Double Sexuszu begleiten.
Außerhalb der Kunstwelt ist sie vor allem durch ihre "Spiders"-Skulpturen bekannt, die in den 1980er Jahren entstanden: Riesige, bedrohlich wirkende Spinnen aus Stahl, die ihren Weg aus dem Atelier in Museen und auf öffentliche Plätze der ganzen Welt antraten. Die größte heißt "Maman", aber was auf den ersten Blick an eine traumatische Mutter-Tochter-Beziehung denken lässt, ist in der Formsprache Bourgois´ eine ganz andere Metapher: Die Spinne verkörperte für sie die Lebenseinstellung, ihrer Mutter, die Weberin war: "I do, I undo, I redo - Dieses Motto, die Fähigkeit, die eigene Umwelt immer wieder zu gestalten, zu zerstören und zu reproduzieren, hat Louise Bourgeois übernommen. Die Mutter war für sie Freundin, Vertraute und Verbündete gegen den Vater, der eine Tochter nicht ernst nahm.

Neben der Auseinandersetzung mit der Kindheit und dem Prozess von Werden und Vergehen geht es Bourgeois immer wieder um Ambivalenzen, Verwandtschaften und Spannungen zwischen weiblich und männlich. Ihre Skulpturen sind eindeutig, in ihrer Ausrichtung aber oft zweideutig sexuell konnotiert: Sie spielte mit Geschlechtsmerkmalen, überdimensionierte, zerlegte, kombinierte und exponierte sie. Geprägt durch die zweite Welle der Frauenbewegung kritisierte sie in ihren Werken die unaggressive Weiblichkeit von Frauen, blieb aber Einzelgängerin. "Mein Feminismus kommt in meinem intensiven Interesse an dem, was Frauen tun, zum Ausdruck. Aber mir hilft es nicht, mich mit Leuten zu Verbünden, es hilft mir wirklich nicht. Was ihr half, war das Schaffen. Gegen Ängste, Traumata und Erinnerungen war ihr die Arbeit zwar kein Heilmittel, aber eine Form der kontrollierten Auseinandersetzung - und Beruhigungsmittel in schlaflosen Nächten. Louise Bourgeois arbeitete mit unterschiedlichsten Materialien: Ihre Skulpturen sind aus Stoff, Marmor, Stahl, Holz, Bronze, Wachs oder auch Latex und bis zu 10 Meter hoch. In ihren Ausstellungen präsentierte sie übergroße Phalli, deformierte Körper, amputierte Glieder und kannibalistische Festmahle - immer mit einem verschmitzten Lächeln, das ihre fast 100 Lebensjahre Lügen strafte.

Trotz ihrer unglaublichen Schaffenskraft und der einzigartigen Formsprache blieb Louise Bourgeois lange im Schatten ihres Mannes, dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie 1938 nach New York ging. Erst mit 68 Jahren erhielt sie ihren ersten Auftrag für eine Skulptur im öffentlichen Raum, drei Jahre später,1982, widmete ihr das Museum of Modern Art in New York eine Retrospektive, mit der sie nach Jahren der Heimlichkeit und Anonymität weltberühmt wurde. Mit ihr starb eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.
Louise Bourgeois hat 1987 selbst die schönsten Worten zu ihrem Leben geschrieben: "Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe."


Louise Bourgeois, Fragile Goddess, 2002, Stoff, 31,7 x 12,7 x 15,2 cm, Privatsammlung, Courtesy Barbara Gross Galerie, München,Foto: Christopher Burke
© VG-Bildkunst, Bonn 2010



Die aktuelle Ausstellung "Double Sexus: Louise Bourgeoise und Hans Bellmer" in Berlin
Die sexuell aufgeladenen Werke von Hans Bellmer (1902 - 1975) und Louise Bourgeois (1911-2010) weisen bemerkenswerte Parallelen auf, obwohl sich die Künstlerin und der Künstler nie begegneten: Verformte Körper, fehlende oder verdoppelte Gliedmaßen, männliche und weibliche Geschlechtsformen aus ihrem Körperzusammenhang gelöst und miteinander verschmolzen.
Die Ausstellung "Bellmer-Bourgeois. Double Sexus" setzt erstmals über 70 skulpturale, zeichnerische und fotographische Arbeiten des Künstlers und der Künstlerin in Dialog zueinander. In fünf Sektionen wird der weibliche Künstlerblick auf den menschlichen Körper dem männlichen gegenübergestellt. Im Fokus stehen traditionellen Geschlechterrollen, Sexualität und der surrealistische Umgang mit ihr.
Die Ausstellung war bis zum 15. August 2010 im Museum Bergguen in Berlin-Charlottenburg zu sehen.

Der Katalog
Anlässlich den Ausstellungen in Berlin und Den Haag erschien im Distanz-Verlag ein Bildband zu den präsentierten Werken von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Schon auf den ersten Blick ist der Katalog ... schön. Sowohl äußerlich, als auch innerlich. Er ist schwer, in helles Leinen gebunden, mit metallic-rosafarbener Schrift und einem ebenso farbigen Lesebändchen. Wie bereits die Ausstellung ist er in sich sehr sorgfältig gestaltet und konstruiert: Die Bilder der Skulpturen sind großformatig abgedruckt und weder am Papier, noch am Fotografen wurde gespart. Dazu bietet der Katalog ein Vorwort, einen Epilog, die Biografien der KünstlerIn und eine Auflistung der Werke. Die fünf Sektionen der Ausstellung: "Puppe und Prothese", Verdopplungen und Verbindungen", "Forme - Informe", "Diana von Ephesus" und "Geschichte des Auges" werden in Begleit-Texten aufgegriffen. Sie beschreiben und erklären nicht nur einzelne Werke, sondern beleuchten auch den theoretischen Kontext und den Hintergrund von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Was neben diesem hohen Standard aber besonders positiv auffällt, sind die Prosatexte von Elfriede Jelinek und Henry Miller, die sich mit ihrer bewusst provozierenden Schilderung von Sexualität einem als verlogen und falsch empfundenen bürgerlichen Wertesystem entgegensetzen. Der Dialog zwischen Bourgeois und Bellmer wird auf diese Weise mit literarischen Einflüssen gekreuzt und öffnet neue Bedeutungshorizonte und Denkperspektiven.
Der Katalog "Double Sexus" ist mehr als ein bloßes "Begleitheft" zur Ausstellung, sondern weist über deren Rahmen hinaus. Die großen Themen Sexualität, Geschlechterrollen, Hybridität und Macht werden erklärt, geöffnet und weiter gedacht - und: Er ist schön.


Double Sexus. Hans Bellmer, Louise Bourgeois
Herausgegeben von Silke Krohn und Udo Kittelmann
Sprache: Deutsch und Englisch
Distanz Verlag, erschienen im April 2010
Leinengebunden mit Lesebändchen, 160 Seiten
ISBN-13: 978-3899554038
39,90 Euro

Weitere Informationen zum Katalog finden Sie unter www.distanz.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin: So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase von Hanna Gagel

Ein Portrait von Louise Bourgeoise finden Sie unter:
www.emma.de

Women + Work Beitrag vom 03.06.2010 Marie Heidingsfelder 

   




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