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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.06.2010

Zum Tod von Louise Bourgeois. Verlosung
Marie Heidingsfelder

"I have endeavored during my whole lifetime as a sculptor to turn woman from an object into an active subject". AVIVA-Berlin verlost einen Ausstellungskatalog



...Am 31. Mai 2010 starb die franz├Âsische K├╝nstlerin und Bildhauerin in New York.

Louise Bourgeois
"Eine sehr alte jugendliche Dame, die frei, immer zu Sp├Ą├čen aufgelegt und nicht sehr artig war, hat uns verlassen", schrieb der franz├Âsische Kulturminister Fr├ęd├ęric Mitterrand zum Tod der K├╝nstlerin. Der Herzinfarkt riss die "Spinnenfrau" trotz ihrer 98 Jahre mitten aus dem Leben. Einem Leben, dass sie seit dem Mathematik und Beaux-Arts-Studium in Paris der Kunst verschrieben hatte: Sechs Tage pro Woche verbrachte sie trotz oft schlafloser N├Ąchte in ihrem Atelier und war noch Ende April 2010 in Berlin um ihre Ausstellung Double Sexuszu begleiten.
Au├čerhalb der Kunstwelt ist sie vor allem durch ihre "Spiders"-Skulpturen bekannt, die in den 80er Jahren entstanden: Riesige, bedrohlich wirkende Spinnen aus Stahl, die ihren Weg aus dem Atelier in Museen und auf ├Âffentliche Pl├Ątze der ganzen Welt antraten. Die gr├Â├čte hei├čt "Maman", aber was auf den ersten Blick an eine traumatische Mutter-Tochter-Beziehung denken l├Ąsst, ist in der Formsprache Bourgois┬┤ eine ganz andere Metapher: Die Spinne verk├Ârperte f├╝r sie die Lebenseinstellung, ihrer Mutter, die Weberin war: "I do, I undo, I redo - Dieses Motto, die F├Ąhigkeit die eigene Umwelt immer wieder zu gestalten, zu zerst├Âren und zu reproduzieren, hat Louise Bourgeois ├╝bernommen. Die Mutter war f├╝r sie Freundin, Vertraute und Verb├╝ndete gegen den Vater, der eine Tochter nicht ernst nahm.

Neben der Auseinandersetzung mit der Kindheit und dem Prozess von Werden und Vergehen geht es Bourgeois immer wieder um Ambivalenzen, Verwandtschaften und Spannungen zwischen weiblich und m├Ąnnlich. Ihre Skulpturen sind eindeutig, in ihrer Ausrichtung aber oft zweideutig sexuell konnotiert: Sie spielte mit Geschlechtsmerkmalen, ├╝berdimensionierte, zerlegte, kombinierte und exponierte sie. Gepr├Ągt durch die zweite Welle der Frauenbewegung kritisierte sie in ihren Werken die unaggressive Weiblichkeit von Frauen, blieb aber Einzelg├Ąngerin. "Mein Feminismus kommt in meinem intensiven Interesse an dem, was Frauen tun, zum Ausdruck. Aber mir hilft es nicht, mich mit Leuten zu Verb├╝nden, es hilft mir wirklich nicht. Was ihr half, war das Schaffen. Gegen ├ängste, Traumata und Erinnerungen war ihr die Arbeit zwar kein Heilmittel, aber eine Form der kontrollierten Auseinandersetzung - und Beruhigungsmittel in schlaflosen N├Ąchten. Louise Bourgeois arbeitete mit unterschiedlichsten Materialien: Ihre Skulpturen sind aus Stoff, Marmor, Stahl, Holz, Bronze, Wachs oder auch Latex und bis zu 10 Meter hoch. In ihren Ausstellungen pr├Ąsentierte sie ├╝bergro├če Phalli, deformierte K├Ârper, amputierte Glieder und kannibalistische Festmahle - immer mit einem verschmitzten L├Ącheln, das ihre fast 100 Lebensjahre L├╝gen strafte.

Trotz ihrer unglaublichen Schaffenskraft und der einzigartigen Formsprache blieb Louise Bourgeois lange im Schatten ihres Mannes, dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie 1938 nach New York ging. Erst mit 68 Jahren erhielt sie ihren ersten Auftrag f├╝r eine Skulptur im ├Âffentlichen Raum, drei Jahre sp├Ąter,1982, widmete ihr das Museum of Modern Art in New York eine Retrospektive, mit der sie nach Jahren der Heimlichkeit und Anonymit├Ąt weltber├╝hmt wurde. Mit ihr starb eine der bedeutendsten K├╝nstlerinnen der Gegenwart.
Louise Bourgeois hat 1987 selbst die sch├Ânsten Worten zu ihrem Leben geschrieben: "Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe."


Louise Bourgeois, Fragile Goddess, 2002, Stoff, 31,7 x 12,7 x 15,2 cm, Privatsammlung, Courtesy Barbara Gross Galerie, M├╝nchen,Foto: Christopher Burke
┬ę VG-Bildkunst, Bonn 2010



Die aktuelle Ausstellung "Double Sexus: Louise Bourgeoise und Hans Bellmer" in Berlin
Die sexuell aufgeladenen Werke von Hans Bellmer (1902 - 1975) und Louise Bourgeois (1911-2010) weisen bemerkenswerte Parallelen auf, obwohl sich die K├╝nstlerin und der K├╝nstler nie begegneten: Verformte K├Ârper, fehlende oder verdoppelte Gliedma├čen, m├Ąnnliche und weibliche Geschlechtsformen aus ihrem K├Ârperzusammenhang gel├Âst und miteinander verschmolzen.
Die Ausstellung "Bellmer-Bourgeois. Double Sexus" setzt erstmals ├╝ber 70 skulpturale, zeichnerische und fotographische Arbeiten des K├╝nstlers und der K├╝nstlerin in Dialog zueinander. In f├╝nf Sektionen wird der weibliche K├╝nstlerblick auf den menschlichen K├Ârper dem m├Ąnnlichen gegen├╝bergestellt. Im Fokus stehen traditionellen Geschlechterrollen, Sexualit├Ąt und der surrealistische Umgang mit ihr.
Die Ausstellung ist noch bis zum 15. August 2010 im Museum Bergguen in Berlin-Charlottenburg, weitere Infos finden sie in unserem Veranstaltungskalender

Der Katalog
Anl├Ąsslich den Ausstellungen in Berlin und Den Haag erschien im Distanz-Verlag ein Bildband zu den pr├Ąsentierten Werken von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Schon auf den ersten Blick ist der Katalog ... sch├Ân. Sowohl ├Ąu├čerlich, als auch innerlich. Er ist schwer, in helles Leinen gebunden, mit metallic-rosafarbener Schrift und einem ebenso farbigen Leseb├Ąndchen. Wie bereits die Ausstellung ist er in sich sehr sorgf├Ąltig gestaltet und konstruiert: Die Bilder der Skulpturen sind gro├čformatig abgedruckt und weder am Papier, noch am Fotografen wurde gespart. Dazu bietet der Katalog ein Vorwort, einen Epilog, die Biografien der K├╝nstlerIn und eine Auflistung der Werke. Die f├╝nf Sektionen der Ausstellung: "Puppe und Prothese", Verdopplungen und Verbindungen", "Forme - Informe", "Diana von Ephesus" und "Geschichte des Auges" werden in Begleit-Texten aufgegriffen. Sie beschreiben und erkl├Ąren nicht nur einzelne Werke, sondern beleuchten auch den theoretischen Kontext und den Hintergrund von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Was neben diesem hohen Standard aber besonders positiv auff├Ąllt, sind die Prosatexte von Elfriede Jelinek und Henry Miller, die sich mit ihrer bewusst provozierenden Schilderung von Sexualit├Ąt einem als verlogen und falsch empfundenen b├╝rgerlichen Wertesystem entgegensetzen. Der Dialog zwischen Bourgeois und Bellmer wird auf diese Weise mit literarischen Einfl├╝ssen gekreuzt und ├Âffnet neue Bedeutungshorizonte und Denkperspektiven.
Der Katalog "Double Sexus" ist mehr als ein blo├čes "Begleitheft" zur Ausstellung, sondern weist ├╝ber deren Rahmen hinaus. Die gro├čen Themen Sexualit├Ąt, Geschlechterrollen, Hybridit├Ąt und Macht werden erkl├Ąrt, ge├Âffnet und weiter gedacht - und: Er ist sch├Ân.


Double Sexus. Hans Bellmer, Louise Bourgeois
Herausgegeben von Silke Krohn und Udo Kittelmann
Sprache: Deutsch und Englisch
Distanz Verlag, erschienen im April 2010
Leinengebunden mit Leseb├Ąndchen, 160 Seiten
ISBN-13: 978-3899554038
39,90 Euro


AVIVA-Berlin verlost einen Ausstellungskatalog des Distanz-Verlags. Bitte nennen Sie uns den Vornamen der Mutter von Louise Bourgeois und senden bis zum 18.07.2010 eine Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de




Weitere Informationen zum Katalog finden Sie unter www.distanz.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin: So viel Energie. K├╝nstlerinnen in der dritten Lebensphase von Hanna Gagel

Ein Portrait von Louise Bourgeoise finden Sie unter:
www.emma.de


Women + Work Beitrag vom 18.06.2010 Marie Heidingsfelder 

   




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