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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2016 - Beitrag vom 30.09.2002

Thea Dorn
Sharon Adler

Thea Dorn, 32, Philosophin und Autorin blutrünstiger Kriminalromane, modern-schnoddriger Erzählungen, dramatischer Theaterstücke, sarkastischer Kurzgeschichten und intelligenter Kolumnen



AVIVA-BERLIN traf die Autorin von Ultima Ratio, Die Hirnkönigin (Deutscher Krimipreis 2000), Berliner Aufklärung (Raymond-Chandler-Preis 1995), Berlin noir, Ringkampf, Marleni und Bombsong in einem Café in Schöneberg. Die moderne Apokalypse wird am 14.10.2002 in der Schaubühne gezeigt.


AVIVA-BERLIN: Als ich Ihre Bücher gelesen habe, ist mir ja manchmal regelrecht schlecht geworden....
Thea Dorn: ...Das ist auch so beabsichtigt. Es gibt auch Leute, denen nicht schlecht wurde, aber es darf einem schlecht werden.

AVIVA-BERLIN: Wir haben innerhalb kürzester Zeit für unsere Recherche Ihr ganzes Werk gesichtet und gesehen, dass es wahnsinnig umfangreich ist. Sind Sie ein Arbeitstier? Ein Schwamm, der alles aufsaugt, in einen neuen Kontext stellt und zu Papier bringt?
Thea Dorn: Nein, ein Schwamm hoffe ich nicht zu sein. Ein Arbeitstier vielleicht. Aber ich schreibe immer in Schüben. Es gibt dann auch wieder die stillen Phasen, in denen ich unterirdisch arbeite. Ich tippe an einem Roman im Schnitt ein Jahr lang. Ich sitze auch gerade wieder an einem neuen... Ich schreibe jetzt seit neun Jahren, da kommt schon einiges zusammen. Bei mir muss sich erst bis zu einem bestimmten Punkt etwas aufstauen. Ich reagiere auf Dinge, das ist mein Verständnis von Literatur. Ich gehe mit wachen Augen durch die Welt und beobachtete. Beobachten ist die feinste Tugend des Autors.

AVIVA-BERLIN: Erde, Wasser, Feuer, Luft - seit den Anfängen der Philosophie gelten diese vier Begriffe als Urprinzipien der Welt, als die vier Elemente, aus denen jedes Sein besteht. Welches ist Ihr Element?
Thea Dorn: Ich halte mich unheimlich gerne im Wasser auf. Ich war gerade für vier Wochen in Amerika. Drüben ist meine absolute Lieblingswanderung: Man läuft 25 km zu Fuß durch einen Fluss. Ich habe auch als Kind schon am liebsten den ganzen Tag in irgendeinem kalten Gebirgsbach verbracht, meine Eltern kriegten dann immer die Krise: "Kind, komm raus!" Ich fahre viel lieber ans Meer als in die Berge. Zum Schreiben ziehe ich mich ab und zu mal an einen See oder auf eine Insel zurück.

AVIVA-BERLIN: Was ist Ihr Motor?
Thea Dorn: Das ist ganz schwer zu sagen, ob das einer allein ist. Ein wichtiger Antrieb ist auf jeden Fall eine bestimmte Wut.

AVIVA-BERLIN: Wut auf was?
Thea Dorn: Auf die unterschiedlichsten Dinge. Ich gehöre sicherlich nicht zu den Autoren, die schreiben, um des Herrgotts Schöpfung zu preisen - falls das heutzutage überhaupt noch wer tut. Ich gehöre sicherlich eher zu denen, die darüber schreiben, was ihnen in der Welt alles auffällt, was um sie herum passiert.

AVIVA-BERLIN: Wie fühlt es sich an, "auf dieser Welt ein Mädchen zu sein"?
Thea Dorn: (lacht) Es ist häufig anstrengend, trotzdem würde ich im Augenblick nicht tauschen wollen, wenn ich es mir noch mal aussuchen könnte. Ich würde schon sagen, dass die Nachteile die Vorteile überwiegen. Durch mein Lebenskonzept werde ich mit Widerständen und Dreistigkeiten konfrontiert, die die Kollegen, glaube ich, nicht kennen. Das ist halt so. Aber das soll mich nicht davon abhalten, das zu tun, was ein Mädchen auf dieser Welt erwartet. Im nächsten Leben wär"s spannend, mal auf die andere Seite zu kommen.

AVIVA-BERLIN: In Ihren Romanen stehen die Frauen im Vordergrund Sind Frauen die interessanteren Wesen?
Thea Dorn: Ich finde Frauen spannender, die es wagen, einen wie auch immer besonderen Weg zu gehen. Mich interessieren die weiblichen Problemlagen oder wie Frauen mit Problemen umgehen einfach mehr. Gesellschaftlichen Mainstream gibt es auch in meiner Generation. Das Buch "Generation Ally", empfinde ich als sehr verkehrten Lebensweg. Die Serie gucke ich mal ganz gerne, meistens nervt sie mich. Sie zeigt das, was in dem Buch als Zustand der um 1970 herum Geborenen gilt und so verkauft wird. Deren Konflikte und Alternativen im Leben. Das finde ich viel zu eng geschrieben.
Die Essenz des Buchs ist, dass man ab einem bestimmten Alter ein Problem mit seinem Alter bekommen soll, dass man vor der Frage steht: Familie oder nicht? Die angebliche Unweigerlichkeit dieser Frage ist massiv gesellschaftsgemacht. Es wird einem nahegelegt, ein braveres Leben zu führen. Die Probleme stellen sich erst ein, wenn ich Frauenzeitschriften aufschlage. Es sind immer andere Frauen, die uns einreden wollen, man sollte mal zum Liften gehen. Dass Frauen so sind, hat sicherlich gesamtgesellschaftliche Gründe, aber da gehe ich mit dem Feminismus nicht mehr d´accord.
Mein Leben ist anstrengend, aber so viel Mark in den Knochen muss man schon haben. Es gibt ja andere Lebensformeln - es gibt Frauen, die komplett anders leben. Es ist ja nicht so, dass es nicht geht. Es ist die Eigenverantwortung jeder einzelnen zu sagen: "Das mache ich." Ich habe gerade einen Tatort geschrieben (wird Ende Mai 2003 gesendet) und darin geht es um eine scheinbar ganz normale Frau mit drei Kindern, dann werden die Abgründe peu á peu klar...

AVIVA-BERLIN: Das ist doch auch eine ganz andere Art des Arbeitens, oder?
Thea Dorn: Auf jeden Fall. Von der Art des Arbeitens ist das so viel miteinander zu tun wie Diskuswerfen mit Turmspringen. Wenn man Romane oder Erzählungen schreibt, ist das Hauptmedium die Sprache. Für´s Drehbuch muss ich jetzt visuell arbeiten. Die Dynamik der Geschichte, das Erzähltempo ist viel schneller. Man beschreibt Atmosphären nicht über Sprache, der Fokus liegt auf dem Bild. Es interessiert am Schluss keinen, wie meine Regieanweisungen aussehen.
Man lernt wahnsinnig viel über die Struktur von Geschichten. Wenn man narrativ Geschichten erzählt und schreibt, ist das eine gute Schule. In einem Roman kann man über leichte Handlungsunplausibilitäten immer irgendwie "drüberpfuschen". Im Drehbuch geht da gar nichts, es ist viel gnadenloser. Da merkt man wirklich jeden Schwachpunkt.

AVIVA-BERLIN: Können Sie uns jetzt schon verraten, wer da mitmacht?
Thea Dorn: Ja, die Regie macht Vanessa Jopp. Sie hat bisher zwei Kinofilme gemacht, das ist ihr erster Krimi. Die weibliche Hauptrolle wird Judith Engel spielen. Sie ist eine wunderbare Theaterschauspielerin, letztes Jahr war sie Schauspielerin des Jahres. Und sie hat am Theater sehr viel gemacht. Die Kommissarin ist Inga Lürsen. Von der Besetzung und von der Regie her finde ich es super, und bin gespannt darauf. Könnte ein spannender Film werden. "Solveigs Lied" wird er heißen.

AVIVA-BERLIN: Wenn Sie selber Schauspielerin wären - welche historische Rolle würden Sie am liebsten verkörpern?
Thea Dorn: Jeanne D`Arc vielleicht...

AVIVA-BERLIN: Wie entstand die Idee zu der fiktiven Begegnung von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl in "Marleni"?
Thea Dorn: Ich bin ein großer Stummfilmkino-Fan und habe wahnsinnig viele Marlene Dietrich Filme gesehen. Dann habe ich zum ersten Mal einen Film der Riefenstahl gesehen. Einer meiner Freunde schenkte mir die Memoiren von ihr und sagte: Hier lies das mal richtig, dann erkennst du erst, wie furchtbar diese Frau wirklich ist. Ich habe ihre Memoiren mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Faszination gelesen. Auf der einen Hälfte vom Nachttisch lagen die Bücher von Marlene Dietrich und auf der anderen die von Leni Riefenstahl. Das erzählte soviel über deutsche Frauengeschichte...

Warum war mit die Idee der Gegenüberstellung und Verknüpfung nicht schon eher gekommen? Dieses Wechselspiel fand ich beim Arbeiten auch am spannendsten. Wenn man nach der Aufführung sagt: "Jetzt weiß ich ja gar nicht mehr richtig, was ich von welcher halten soll", dann habe ich mein Ziel ist erreicht.
Auch: In den einzelnen Punkten zu überlegen, welche Arten von Emanzipation waren das, wie haben die beiden jeweils die Waffe Frau eingesetzt oder auch nicht. Wie ist es zu erklären, dass die politisch viel Naivere, Dümmere, Verleugnendere, also Leni, letzten Endes mit ihren Entscheidungen, mit ihrem Bild von Weiblichkeit viel fortschrittlicher war? Das ist ja ein Widerspruch in sich, der diese Figur entscheidend erklärt.
Man weiß nicht genau, wie man damit umgehen soll, dass sie in vielen Dingen wirklich wahnsinnig modern und bewundernswert fortschrittlich war, sowohl in dem, was sie ästhetisch gemacht hat, als auch in dem Lebensweg, den sie gewählt hat. Aber in der Frage der politischen Entscheidung sich so brachial naiv gibt, dass man natürlich verstehen kann, warum es die Wut auf sie gibt. Es ist immer noch ein massiver Streitgrund, dass Frau Riefenstahl eben nicht Herr Riefenstahl ist.

Ein Kritiker hat die Memoiren von Speer und von Riefenstahl rezensiert: Speer, der nun wirklich eine fragliche Rolle gespielt hat, wird nachgesagt, dass seine Memoiren ein wichtiges Zeitzeugnis sind und die von Riefenstahl erklärte man für die dummen Plaudereien einer Schlampe. Speer war wenigstens klug genug - ob man ihm das nun glaubt oder nicht - irgendwann zu sagen, dass er einen historischen Fehler gemacht hat. Das hat sie ja nie gesagt. Dass sie sich dem Hitlerregime angeschlossen hat, war der Preis für ihre künstlerische Emanzipation. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen, um das machen zu können, was sie machen will.
Es ist klar, dass man ihr das vorwerfen kann und muss. Aber meiner Meinung nach ist das kein Argument dagegen, sich mit dieser Frau ernsthaft auseinander zu setzen und das Argument, eine Mitläuferin könne nicht gleichzeitig eine Künstlerin sein, ist auch nicht tragend. Es gibt keine wirkliche Auseinandersetzung mit dieser gespaltenen Person, nicht im Feuilleton noch sonst wo.

AVIVA-BERLIN: Thea Dorn ist ja ein Pseudonym für Theodor W. Adorno. Warum gerade er?
Thea Dorn: Tja, das ist eine schwierige Geschichte. Ich hatte gerade angefangen, in Wien zu studieren. Da ich aus Frankfurt kam, setzte man voraus, dass ich Adorno gelesen hatte und Referate über ihn halten konnte. Da habe ich angefangen, mich mehr mit ihm zu beschäftigen. Die Idee mit dem Namen entstand in einer Kneipe: Wir suchten einen markigen Namen. Meine Lektorin sagte am Anfang, Thea sei ein "Tantenname".

AVIVA-BERLIN: Sind Sie mit sich selbst im Reinen?
Thea Dorn: Ich glaube, wenn man das nicht ist, hört man auf zu schreiben. Aber ich glaube auch, wenn man mit wirklich allem in einem harmonischen Verhältnis lebt, fehlt wiederum auch die Antriebskraft. Das ist ein angenehmer Aspekt am Älterwerden. Über die Jahre macht man Dinge nicht mehr, die man früher für nötig empfand. Ich möchte nicht noch mal zwanzig sein, ich bin froh, dass ich es hinter mir habe.

AVIVA-BERLIN: Deutschland vor der Wahl: Was würden Sie sich wünschen? Ihre Lieblingsreform? (Anm. d. Red. Wir führten das Interview am 20.09.2002)
Thea Dorn: Ich wünsche mir, dass genau die Regierung, die wir hatten, weiter regiert. Von der Idee der großen Koalition bin ich kein Fan. Stoiber in Berlin wäre wohl das Schlimmste, was passieren könnte.

Women + Work Beitrag vom 30.09.2002 Sharon Adler 

   




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