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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 03.03.2005

World Women Work 2005 - Anke Domscheit
AVIVA-Redaktion

Anke Domscheit, Managerin bei Accenture im Bereich Post and Public Services und Vorstandssprecherin des EWMD Berlin-Brandenburg.



AVIVA-Berlin: Das Motto der WWW 2005: "Wandel als Chance". Zwishen Work-Life-Balanceund Netzwerk-├ľkonomie: Herausforderungen und Perspektiven ineine zunehmend globalisierten Lebensumfeld. Wo sehen Sie pers├Ânlich diese Herausforderungen und Perspektiven?

Anke Domscheit: Interessante Frage. Ich gehe mal in die Vergangenheit statt in die Zukunft und da insbesondere in meine pers├Ânliche Biographie: Ich bin ja in der DDR sozialisiert worden und hatte mich seinerzeit aus pers├Ânlichen Pr├Ąferenzen entschieden, "Angewandte Kunst" zu studieren. Das machte ich auch mit gro├čer Begeisterung, studierte Textilkunst, ein Fach, das es so im Westen gar nicht gibt, also Freie Kunst mit textilem Material. Ein au├čerordentlich spannendes Studium, nur ist direkt in meine Diplomphase die Wende gefallen. An sich war das nat├╝rlich ein sehr positiver Umstand, weil Wende ist toll, Freiheit ist toll, Reisen ist toll. Aber mein bis dato geplanter Berufsweg hatte sich damit eigentlich erledigt, weil Kunst im Kapitalismus im allgemeinen kein besonders gutes Ern├Ąhrungsmodell ist und direkt in einer solchen Wende im Osten schon gleich gar nicht. Also Geld f├╝r Kunst, das gab es nicht und so bin ich dann das erste Mal in meinem Leben zu einem Arbeitsamt marschiert, wo man mir sagte, man k├Ânnte mir eine Umschulung zur B├Ąuerin anbieten. Das fand ich eine m├Ą├čig zukunftssichere Perspektive und auch nicht ganz meinen pers├Ânlichen Interessen und Talenten entsprechend. So habe ich dann mein Leben selbst in die Hand genommen und bin, ohne eigentlich zu wissen, was aus mir wird, nach Frankfurt am Main gegangen und arbeitete dort erstmal zwei, drei Jahre bei einem Reiseveranstalter als B├╝rokraft und habe da die Zeit genutzt, um mir zu ├╝berlegen, was jetzt eigentlich aus mir wird. Das war ein extrem eklatanter Wandel in meinem Leben, der durch einen enormen Wandel in der gesamten Gesellschaft um mich herum gepr├Ągt war. Ich studierte dann internationale Betriebswirtschaft mit mehreren Fremdsprachen, war auch ein Jahr im Ausland, in England und habe dann direkt danach mit der Unternehmensberatung einen v├Âllig anderen Zweig begonnen. Ich konservierte aber immer noch Dinge aus meinem alten Studium und kann das importieren. Wir m├╝ssen ja in der Unternehmensberatung immer wieder f├╝r irgendwelche Probleme von irgendwelchen Kunden uns immer neue L├Âsungen ├╝berlegen, obwohl wir teilweise weder die Kunden vorher kannten - jedenfalls nicht von innen - noch die spezifischen Probleme. Bei meinem damaligen Kunststudium haben wir damals systematisch trainiert, wie man kreativ sein kann, Kreativit├Ąt zu f├Ârdern und zu entwickeln. Und ich merke, dass - das Frausein spielt vielleicht auch eine gewisse Rolle - das Kunststudium mir eine gewisse St├Ąrke gibt im Vergleich zu typischen "Nur-BWL-Studenten", ohne das abwerten zu wollen. Ich kann einfach mehr um die Ecke denken und ich glaube, dass das generell dann so ist, wenn Menschen in ihrem Leben nicht sehr gradlinig waren, sondern wenn sie gr├Â├čere Wandel und Knicke in ihrem Leben hatten. Das kommt bei Frauen h├Ąufiger vor als bei M├Ąnnern und gibt ihnen daher eine gewisse St├Ąrke. Allein durch die Biographie sind sie sehr oft dazu gezwungen, v├Âllig andere Perspektiven - Familie ist ja auch eine ganz andere Perspektive - anzunehmen. Ich habe auch ein kleines Kind und weiss, wovon ich rede. Frauen schaffen dann nicht immer den Wiedereinstieg in die gleiche Positionsebene oder in das gleiche Unternehmen, sondern tun dann unter Umst├Ąnden v├Âllig andere Dinge. Ich glaube immer dann gibt es eine ganz besondere Bereicherung f├╝r das Arbeitsumfeld.

AVIVA-Berlin: Und wo sehen Sie die Risiken?

Anke Domscheit: Die Risiken sind, dass man seine Komfortzone verlassen muss. Komfortzone definiert als die Zone, in der ich mich auskenne, kompetent bin, mich bew├Ąhrt habe, meine Beziehungen und Kontakte habe. In dem Moment, in dem ich einen anderen Bereich betrete, habe ich das erstmal nicht. Ich kenne keinen, ich kann eigentlich nichts, denke ich in dem Moment und muss dann lernen, wie ich die F├Ąhigkeiten aus dem anderen Bereich in den neuen ├╝berf├╝hre, dort auch nutze und gleichzeitig meine F├Ąhigkeiten entwickle. Das ist die sogenannte Risikozone und die hat den Charme, dass sich, wenn ich dort erstmal drin bin - eigentlich egal, wie erfolgreich ich war - meine Komfortzone erweitert, dass ich also mehr Spielr├Ąume und mehr Breite habe in Bereichen, in denen ich mich gut f├╝hle und wo ich kompetent auftreten kann.

AVIVA-Berlin: Wie bewerten Sie die Podiumsfrage 2 - Gleichstellung auch ohne Quote und Gesetz? Sie wurde ja sehr kontrovers zwischen Podium und Auditorium diskutiert.

Anke Domscheit: Ich pers├Ânlich bin pro Gesetz, weil ich der Meinung bin, ohne Gesetz, nur freiwillig, wird sich nicht viel ├Ąndern. Ich bin aber inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass - ich lasse mich sehr gern positiv ├╝berraschen - es unrealistisch ist, auf ein Gesetz zu warten. Deswegen versuche ich, seit es diese freiwillige Vereinbarung gibt, ├╝ber dieses sehr unvollkommene Vehikel freiwillige Vereinbarung, das ich bis jetzt f├╝r komplett nicht erfolgreich halte, herauszufinden, wie man das zu einem funktionierenden Vehikel machen kann. Das war der Punkt, den ich hier auch angesprochen habe, dass man irgendwie die Unternehmen, von denen gerade viele der gro├čen der Meinung sind, sie wollen tats├Ąchlich etwas ver├Ąndern, sie wollen mehr Frauen in F├╝hrungspositionen, mehr Frauen in technischen Berufen, dazu bringen muss, sich auch an Zahlen zu binden, freiwillige Ziele zu vereinbaren, die man dann auch wirklich Zielvereinbarungen nennen kann. So was wuschiges wie diese freiwillige Vereinbarung, in der keine einzige Zahl enthalten ist - weder eine Ausgangszahl noch eine Zielzahl - das kann es nicht sein und das f├╝hrt uns auch nicht ans Ziel.

AVIVA-Berlin: Was tun Sie in Ihrem Unternehmen f├╝r den Bereich Frauenf├Ârderung

Anke Domscheit: Ich pers├Ânlich bin in der women┬┤s Initiative von Accenture sehr aktiv. Accenture ist auch Corporate Member des EWMD, des European women┬┤s Management Development International Network. Ich manage diese Corporate Membership, das hei├čt, ich nehme an den Corporate Member Meetings teil. Diese finden zweimal j├Ąhrlich statt. Dort tauschen wir uns mit anderen Unternehmen, die auch Corporate Member sind, aus, insbesondere im Bereich Best Practice. Au├čerdem besch├Ąftige ich mich schon sehr lange mit dem Thema "Frauen in F├╝hrungspositionen und gl├Ąserne Decken" und habe da auch schon verschiedene Workshops entwickelt, die insbesondere Frauen in F├╝hrungspositionen helfen, zumindest zum Teil diese gl├Ąsernen Decken zu durchbrechen. Im Rahmen dessen, was eine Frau beeinflussen kann, versuche ich ihnen Werkzeug und Ideen an die Hand zu geben. Diese Workshops habe ich bei Accenture schon in Deutschland, ├ľsterreich und der Schweiz an verschiedenen Standorten gehalten. Ich habe auch im Rahmen der women┬┤s Initiative bei uns interne Networking Events organisiert. Zu denen habe ich externe Referenten hereingeholt und dazu auch immer eine Gesch├Ąftsf├╝hrerin von Accenture. Denn weibliche Gesch├Ąftsf├╝hrerinnen gibt es bei uns auch nicht so viele wie wir wollen, so dass eine Frau in einer mittleren F├╝hrungsposition nicht oft eine Chance hat, eine Gesch├Ąftsf├╝hrerin - wie z.B. Susanne Kl├Â├č - zu treffen. Diese Networking Events sind kleine Kreise von vielleicht zwanzig Frauen. Im Anschlu├č an die Referentenvortr├Ąge oder Workshops k├Ânnen die Frauen sich dann eben auch mit der Gesch├Ąftsf├╝hrerin unterhalten, auch als role model und Fragen kl├Ąren, wie: wie hast du das denn gemacht, wie hast du das mit Kindern geschafft? Das hilft den Frauen sehr und da gibt es auch ein sehr positives Feedback. Das sind so kleine Graswurzel-Aktivit├Ąten, aber auf die kommt es an.

AVIVA-Berlin: Wie beurteilen Sie den Trend bez├╝glich der Debatte um Work-Life-Balance, die in Deutschland zunehmend auf die Work-Family-Debatte reduziert wurde?

Anke Domscheit: Meine gro├če Hoffnung ist, dass die M├Ąnner da mehr einfordern. Nicht nur zum Thema Familie, was sie auch zunehmend tun, aber insbesondere auch zum Thema Freizeit im Allgemeinen. In dem Moment, wo ich das Thema Familie f├╝r die, die w├Ąhlen, keine Kinder haben zu wollen, ausklammere, ist das Thema Freizeit das, was reingeht, wenn wir von Work-Life-Balance sprechen. Ich finde es komplett asozial - gerade in F├╝hrungspositionen - 16 Stunden am Tag arbeiten zu m├╝ssen. Das ist f├╝r Frauen krank und das ist f├╝r M├Ąnner genauso krank. Das ist asozial, es ist "menschensch├Ądlich", es ist ungesund und es f├╝hrt dazu, dass inzwischen auch bei Frauen Herzinfarkt die Todesursache Nr. 1 ist. Das ist nicht erstrebenswert, nicht w├╝nschenswert und f├╝r die Gesellschaft insgesamt bl├Âd. Das hei├čt, wenn wir erreichen, die Diskussion Work-Life-Balance zu erweitern von Familie auf Freizeit und damit die Arbeitskraft regenerieren, die Leistung wieder hochbringen - keiner ist 16 Stunden am Tag effizient, das gibt es ├╝berhaupt nicht - dann w├Ąre das f├╝r alle besser.

AVIVA-Berlin: Warum sind Sie hier? Welche Erwartungen haben Sie?

Anke Domscheit: Role Model sehen und h├Âren. Zum einen die auf dem Podium sehen und h├Âren und da Anregungen, auch aus anderen L├Ąndern bekommen. Die habe ich zum gr├Â├čten Teil auch bekommen, nicht in jedem Fall, das war aber auch nicht zu erwarten. Ein ganz wichtiger weiterer Punkt f├╝r mich ist, dass ich auch von denen, die im Auditorium sind, m├Âglichst viele kennenlerne. Ich bin ja Netzwerkerin aus Leidenschaft. Ich m├Âchte hier also viel herumnetzwerken und auch mal jemanden aus meinem Netzwerk rechter Hand mit jemandem aus dem Netzwerk linker Hand miteinander verkn├╝pfen, wie in diesem Fall geschehen. Ich bin aber auch im Bereich Business Development f├╝r Accenture t├Ątig und hoffe, auch da den einen oder anderen f├╝r das Business nutzbaren Kontakt zu kn├╝pfen, also ├╝ber das private Interesse heraus.

AVIVA-Berlin: Was w├╝rden Sie sich f├╝r die WWW 2006 w├╝nschen, was m├Âchten Sie diskutiert wissen?

Anke Domscheit: Das Thema Kinderbetreuung jedenfalls nicht mehr. Ich h├Ątte gerne noch mehr Best Practice, gerne auch mal aus dem Inland, gerne m├Âchte ich auch das Thema Top-Frauen in Top-F├╝hrungspositionen - so hoch wie m├Âglich und so einflu├čreich wie m├Âglich - weiter fortgesetzt wissen. Von denen m├Âchte ich Lebensgeschichten h├Âren, also nicht immer nur einen Vortrag zu einem bestimmten Thema, wie Leadership oder Demographie, sondern einfach mal eine Biographie. Das erlebte ich bei einer anderen Konferenz und fand es gro├čartig. Da hat eine Frau, ganz oben Top-F├╝hrungsposition sitzend, einfach nur eine halbe Stunde lang erz├Ąhlt, wie aus ihr als Abiturientin diese Person geworden ist. Das hat mir so viel gegeben und ich h├Ârte von vielen anderen Frauen in der Pause danach auch ein ├Ąu├čerst positives Feedback. Das sind solche Sachen, die man auf sich selbst beziehen kann und sich vorstellen kann, wie bei so einer "normalen" Person Schritt f├╝r Schritt diese oder jene Ver├Ąnderung eintritt und sie dann tats├Ąchlich da oben ankommt. Das ist eigentlich das, was man auch als Einzelperson lernen m├Âchte, wenn man jetzt nicht eine Best Practice f├╝r eine Firma im Bereich Human Resources sucht, sondern einfach f├╝r sich selbst: Wie komme ich konkret von A nach B?

AVIVA-Berlin: Was nehmen Sie mit? Ihr Fazit?

Anke Domscheit: Mich hat Irene Natividad in einem Punkt best├Ątigt, und das war ihre extreme Betonung des Business Case. Diesen Punkt kommuniziere ich zwar auch schon, aber nicht mit diesem Schwerpunkt, der Argumentation mit Zahlen. Das werde ich in Zukunft tun, ab gestern. Ich bin ja ohnehin ein Zahlenmensch und mein Lieblingsmotto ist: You get what you measure. Also was das Measuring f├╝r Shareholder Value bedeutet, f├╝r Innovationsraten, was Frauenanteile - vor allem in F├╝hrungspositionen - bedeuten f├╝r Nachhaltigkeit, f├╝r Marktanteile, f├╝r das richtige Zugehen auf Kunden bedeuten. Denn nur damit kann man Vorstandsetagen erreichen. Etwas anderes verstehen die nicht.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r┬┤s Interview.

Women + Work Beitrag vom 03.03.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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