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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 06.03.2005

Lachen und weinen gleichzeitig
Margit Lesemann

Sie sieht sich selbst als einen glücklichen Menschen: Die Berliner Schriftstellerin Inka Bach über ihren Roman "Glücksmarie", über den Berufsstand der MedizinerInnen und das Kribbeln beim Lesen.



Margit Lesemann: Frau Bach, in "Glücksmarie" erzählen Sie die Entwicklung von Marie, einem kleinen Mädchen, das nach dem Unfalltod seiner Eltern bei Onkel und Tante in der DDR aufwächst. Was Sie beschreiben, ist nicht gerade eine heile Welt. Maries Stiefvater ist ein brutaler "Macho", der seine Frau und seine Stieftochter immer wieder schlägt. Wieso dann der Titel "Glücksmarie"?
Inka Bach: Wer die Hölle erlebt hat, kann den Himmel besonders schätzen. Ich bin überzeugt, auch jemand, der so viel Leid erlebt hat wie Marie, kann glücklich werden.

Margit Lesemann: Inka Bach: Das Buch soll eine Ermutigung sein. Ganz bewusst habe ich den Roman sprachlich so reduziert, dass der Leser die Grausamkeiten aushalten kann. Die Härte der Sprache macht das Leid erträglich. Die Härte der Sprache ist auch Widerstand. Marie hat ein Talent zum Glücklichsein. Dafür muss sie sich aber erst befreien.

Margit Lesemann: Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Roman?
Inka Bach: Ich hatte schon lange vor, diesen Roman zu schreiben. Als ich 1998 Stadtschreiberin in Rheinsberg war, habe ich mich in meinem "Rheinsberger Tagebuch" mit dem Thema Rechtsextremismus befasst. Damals hörte ich sehr oft, dass die DDR kuschelig gewesen sei. Es habe zwar ein autoritärer, totalitärer Staat geherrscht, doch die Gesellschaft sei sozial gewesen. Ich wollte zeigen, dass das so nicht stimmt.
Das war ein Grund. Zum Zweiten brannte mir das Thema Gewalt in der Familie auf den Nägeln. Es ist ein Tabu-Thema, und ich fand es literarisch reizvoll zu zeigen, wie eine Familie, in der alles wunderschön aussieht, die Fassade aufrecht hält. Die Stiefeltern machen Karriere. Schönheit, Reichtum, Wohlanständigkeit werden nach außen gezeigt, während innen die Hölle herrscht - versteckt hinter Mauern des Schweigens.
Politik und Familie hängen im Übrigen eng zusammen. Je drückender die politischen Verhältnisse werden, desto gewalttätiger wird ja der Stiefvater.

Margit Lesemann: Herbert, Maries Stiefvater, ist ein angesehener Gynäkologe, ihre Stiefmutter Augenärztin. Hängt Gewalt in der Familie demnach nicht von der sozialen Schicht ab?
Inka Bach: Nein. Soziologen bestätigen das. Und man weiß auch, dass unter diktatorischen Verhältnissen Gewalt in der Familie weniger sanktioniert ist.
Ärzte - werden häufig als ideale Gestalten gesehen - früher in Groschenromanen, heute in Arztserien. Diese Hochachtung des Berufsstandes hat aber relativ wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus und in der DDR ist noch viel zu wenig aufgearbeitet. Das ist immer noch ein Tabu.
Dass Herbert Gynäkologe ist, hat eine besondere Brisanz für die Frauenverachtung, die in dem Buch beschrieben wird, die Frauenverachtung der Medizin, der Geburtshilfe und Frauenheilkunde in der DDR. Auch Wissenschaftler wie Alexander und Margarete Mitscherlich haben sich gefragt: Warum waren gerade Ärzte unter diktatorischen Verhältnissen so grausam, Ärzte, die doch angetreten sind zu heilen? Das hängt wohl mit einer Abspaltung innerhalb des Berufs, mit Karriere und dem Berufsbild der "Halbgötter in Weiß" zusammen.

Margit Lesemann: Sie machen es den Lesern nicht leicht. Auch eine Frau - Maries Stiefmutter - macht sich schuldig. Auch sie schlägt Marie. Sie ist zugleich Opfer und Täter.
Inka Bach: Ja, die Stiefmutter wird ihrer Verantwortung nicht gerecht. Sie ist keine Unterstützung für das Kind, sie verrät es. Sie trägt die volle Verantwortung für ihr Handeln. Mit "Glücksmarie" wollte ich auch gegen den weiblichen Masochismus anschreiben. Es ging mir nicht wie bei Ingeborg Bachmann um die Chiffrierung von Gewalt. Die Thematik, die Verletzungen sind ähnlich, aber die Haltung ist eine andere. In "Glücksmarie" werden die Täter ganz klar benannt.

Margit Lesemann: Die Entwicklung Maries ist auch sprachlich zu spüren. Sie lernt ganz allmählich zu widerstehen.
Inka Bach: Anfangs denkt Marie, dass das, was sie erlebt, völlig normal ist. Erst durch Berührungen mit der Außenwelt, durch Begegnungen mit den geliebten Großeltern, mit Lehrern und Freunden, stellt sie ihr Zuhause immer mehr in Frage.

Margit Lesemann: Als Maries Stiefeltern in den Westen fliehen, möchte Marie am liebsten in der DDR bleiben. Ein Leben ohne den Stiefvater - das bedeutet für sie Freiheit. Sie muss mit nach Westberlin, aber sie befreit sich dennoch auch emotional.
Inka Bach: Es ist eine absurde Drehung, dass es ausgerechnet ihr Peiniger ist, der Marie in die Freiheit führt. Durch die Flucht aus der DDR kann Marie nämlich auch aus ihrer Familie fliehen. Sie will Freiheit konkret verstanden wissen und fordert Freiheit auch für sich persönlich ein. In West-Berlin sucht sie sich eine Ersatzfamilie, bei der sie lebt.

Margit Lesemann: Marie ist nun fast erwachsen und der Leser ahnt, dieses Mädchen wird seinen Weg gehen. Doch wie es mit der beschädigten Kindheit fertig wird, erfährt er nicht. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?
Inka Bach: "Ich weine und lache gleichzeitig und kann nicht mehr aufhören." Der letzte Satz des Buches deutet an, was noch auf Marie zukommt. Nicht nur das Herausfinden aus ihrer Todessehnsucht, den Suizidgedanken und der Depression, sondern auch Hysterie. Ein schwerer Weg liegt vor ihr.

Margit Lesemann: Sie beschreiben eine Welt, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man solche familiären Verhältnisse nicht von innen kennt. Haben Sie mit misshandelten Frauen gesprochen?
Inka Bach: Ja, ich habe im Vorfeld mit betroffenen Frauen gesprochen und merke auch jetzt, seit das Buch erschienen ist, wie viele Frauen - und übrigens auch Männer - in ihrer Kindheit von dem gleichen Schicksal wie Marie betroffen waren. Oft höre ich von den Lesern den Satz: Das ist auch meine Geschichte.

Margit Lesemann: Sind die Betroffenen froh, dass Sie ihnen eine Stimme gegeben haben?
Inka Bach: Das ist unterschiedlich. Die einen sind froh, andere wehren ab.

Margit Lesemann: Was bedeutet Kindheit für Sie persönlich?
Inka Bach: Staunen.

Margit Lesemann: Sie selbst sind 1972 als 16-Jährige aus der DDR nach West-Berlin gekommen. An was von dem Land erinnern sie sich noch heute?
Inka Bach: Das vorherrschende Gefühl ist Angst. Angst ist die Schmiere der Diktatur.

Margit Lesemann: Marie ist glücklich, wenn sie in ihren Büchern die Welt um sich vergessen kann. Haben auch Sie als Kind viel gelesen?
Inka Bach: Ja, russische Autoren haben mich fasziniert und philosophische Texte ... alles mögliche.
Schon mit elf Jahren wollte ich Schriftstellerin werden. Das Lesen hat mich so glücklich gemacht, dass ich gedacht habe, wenn ich erwachsen bin, dann möchte ich auch den anderen Glück vermitteln. Das geht mir auch heute noch so. Wenn ich ein schönes Buch lese, dann kribbelt´s, dann möchte ich schreiben.

Margit Lesemann: Was bedeutet Schreiben für Sie?
Inka Bach: Schreiben ist Mühsal, aber es gibt auch glückliche Momente, dann, wenn´s fließt. Und Schreiben ist für mich auch Broterwerb.

Margit Lesemann: Haben Sie literarische Vorbilder?
Inka Bach: Ja, die habe ich immer. Manche verabschiede ich im Laufe der Zeit, manche kommen neu hinzu.

Margit Lesemann: Zum Beispiel?
Inka Bach: Bei "Glücksmarie" waren es vor allem französische Autoren, die mich stark beflügelt haben. Christiane Rochefort zum Beispiel, die "Mutter" der Absage an den Masochismus. Sie ist eine Autorin, die sich vehement auflehnt. "Das Geheimnis des Glücks ist Widerstand", diesen Satz von ihr zitiere ich im Buch. Ein weiteres Beispiel ist Christine Angot, die Autorin des Erfolgsromans "Inzest". Auch sie formuliert Widerstand. Stark beeinflusst hat mich auch James Ellroy mit seinem Roman über den Mord an seiner Mutter.

Margit Lesemann: Was ist außer dem Schreiben wichtig für Sie?
Inka Bach: La Dolce Vita …



Inka Bach
Glücksmarie

Transit Buchverlag, Berlin August 2004.
188 Seiten, gebunden
16,80 Euro200466066875

Women + Work Beitrag vom 06.03.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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