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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.03.2005

World Women Work 2005 - Professor Dr. Dagmar Schipanski
AVIVA-Redaktion

Interview mit Professor Dr. Dagmar Schipanski, Präsidentin des Thüringer Landtags und Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.



AVIVA-Berlin: Das Motto der WWW 2005: "Wandel als Chance". Zwischen Work-Life-Balance und Netzwerk-Ökonomie: Herausforderungen und Perspektiven in einem zunehmend globalisierten Lebensumfeld. Wo sehen Sie persönlich diese Herausforderungen und Perspektiven?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Die vernetzte Gesellschaft bietet Frauen enorme berufliche Chancen. Zum einen natürlich, weil Erfolg im Job ja schon längst nicht mehr an Muskelkraft gekoppelt ist. Es kommt auf den Kopf an. Und hier steht Frau ja bestens da - nach Untersuchungen ja inzwischen sogar besser als Männer, was die Ausbildung angeht. Und zum anderen, weil die geforderte Kopf-Arbeit zunehmend weniger an einen bestimmten Ort gekoppelt ist. Vor allem Mütter, und ich hoffe, dass wir davon bald wieder mehr bekommen werden, können verstärkt arbeiten, wann und wo sie wollen. Das schafft Freiräume, um Karriere und Kinder in Einklang zu bringen. Eine Herausforderung, die ich sehe: Frauen müssen das Mehr an PS, wie ich das mal salopp nennen möchte, auch auf die Straße bringen. Wir sind nach weit entfernt von einer angemessenen Repräsentanz in den Führungsetagen von Wirtschaft und Wissenschaft.

AVIVA-Berlin: Wo sind die Risiken?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Es gibt zahlreiche Risiken in diesem Veränderungsprozess. Wenn wir zum Beispiel nicht ausreichend dafür sorgen, dass Familie und Beruf durch angemessene staatliche Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen sind, werden gut ausgebildete Menschen auf Nachwuchs tendenziell eher verzichten, weil sie ihre Karrieren nicht opfern wollen - und umgekehrt! Ein weiteres Risiko sehe ich darin, wenn sich Frauen in ihrem berechtigten Wunsch nach einer ihren Möglichkeiten angemessenen Karriere in Konfrontation zur Männerwelt begeben. Das könnte den Trend, dass Männer Männer fördern, eher verstärken und wäre kontraproduktiv. Stattdessen sollten Frauen Ihre Stärken ausspielen - zum Beispiel Schlüsselqualifikationen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit - um gemeinsam mit Männern zu einem besseren Gesamtergebnis zu kommen. Die Wirtschaft hat erkannt, welch große Chance darin liegt. Das weist eine neue repräsentative Unternehmensumfrage der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) nach. 63 Prozent der befragten Unternehmen glauben, dass Frauen durch ihre besonderen Qualifikationen für mehr Effizienz und Produktivität sorgen können. Das stimmt mich zuversichtlich, dass Frauen in zehn Jahren beruflich deutlich weiter vorn sein werden als heute.
Aber zurück zu den Risiken, nach denen Sie gefragt hatten: Wir dürfen als Frauen nicht erwarten, dass überzogene Antidiskriminierungsgesetze, wie sie derzeit in der politischen Planung sind, für mehr weibliche Präsenz in der Wirtschaft sorgen kann. Das Gegenteil wird der Fall sein: Viele Unternehmen werden Bewerberinnen erst gar nicht in die engere Auswahl kommen lassen, um dem Risiko späterer Schadenersatzklagen abgelehnter weiblicher Bewerber zu entgehen. Gesetzliche Strafandrohung wird uns hier sicher nicht weiterbringen.

AVIVA-Berlin: Wie beurteilen Sie den Trend bezügl. der Debatte um Work-Life-Balance, die in Deutschland zunehmend auf die Work-Family-Debatte reduziert wurde?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich bin selbst Mutter von drei Kindern - und Sie können mir glauben: Ich würde im Nachhinein weder auf sie noch auf meine wissenschaftliche Karriere in der Festkörperelektronik verzichten wollen. Insofern ist die Work-Family-Debatte für mich ein sehr wichtiges Thema. Mutter sein zu können und gleichzeitig Erfüllung auch im Beruf zu haben, das ist für mich ein zentraler Aspekt auch der Work-Life-Balance, wie Sie es nennen. Unzweifelhaft ist die Herstellung von Rahmenbedingungen, unter denen Menschen gleichzeitig leben, arbeiten und Familienglück erleben können, ein zentrales Thema, das wir lösen müssen. Länder wie Frankreich und auch Schweden sind uns da weit voraus.
Natürlich lässt sich das Leben nicht allein auf Familie reduzieren. Wer sich anders verwirklichen möchte, der soll das tun. Die besseren Betreuungsmöglichkeiten für Kinder kommen auch den vielen Frauen zugute, die alleinerziehend sind und sich gleichzeitig beruflich verwirklichen möchten.

AVIVA-Berlin: Warum sind Sie hier? Welche Erwartungen haben Sie?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich habe an diesem Podium teilgenommen, um auf drei Dinge hinzuweisen: Zum einen, dass die Verwirklichung der Gleichstellung von Frau und Mann ein wichtiger Schlüssel für eine gute Zukunft unserer Gesellschaft ist. Insofern geht es hier um sehr viel mehr als Quotierungen oder neue Gesetze. Zum zweiten, und das sage ich aus der Sicht eines der neuen Länder sehr selbstbewusst, bei der Kinderbetreuung müssen die alten Länder im Vergleich zu uns noch aufholen. Und schließlich drittens, wollte ich dazu beitragen, das Thema einmal aus einer offensiven Perspektive zu beleuchten. Die Ergebnisse der neuen INSM-Unternehmens-Umfrage kamen genau zum richtigen Zeitpunkt, und ich habe gerne diese Konferenz genutzt, die Öffentlichkeit hierüber zu informieren. Für mich ist daran vor allem wichtig, dass Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft zunehmend als ökonomische Notwendigkeit begriffen wird. Das Thema ist damit aus der Mitleidsecke heraus. Ich bin auch hier, weil ich mit helfen will, weibliche Netzwerke zu stärken und auch durch mein eigenes Beispiel weibliches Selbstbewusstsein zu stärken. Dieser Austausch unter Gleichgesinnten und -betroffenen ist wichtig, damit Frauen stärker nach vorn kommen.

AVIVA-Berlin: Welche Topics und Workshops interessieren Sie hier am stärksten?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich habe leider nur einen begrenzten Ausschnitt des Kongresses verfolgen können. Sehr beeindruckend fand ich insgesamt die starke Beteiligung weiblicher Führungskräfte an diesem Kongress. Das zeigt, dass der wichtige Aspekt der Netzwerkbildung unter Frauen in Gang kommt.

AVIVA-Berlin: Was tun Sie in Ihrem Unternehmen/Ressort für den Bereich Frauenförderung?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Der Thüringer Landtag ist das einzige Parlament in Deutschland mit einem rein weiblich besetzten Vorstand - das ist doch schon mal etwas. Das Herzstück der Verwaltung meines Hauses, die Parlaments- und wissenschaftliche Abteilung, wird von einer Frau geführt. Aber selbstverständlich ist die Repräsentanz von Frauen auf den anderen Führungsebenen noch ausbaufähig.

AVIVA-Berlin: Wie bewerten Sie die Podiumsfrage 2 - Gleichstellung auch ohne Quote und Gesetz?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Wie ich schon ausgeführt habe, halte ich nichts von weiteren gesetzlichen Zwängen in der freien Wirtschaft. Das bringt nur Brot für Anwälte, nicht aber die Frauen ins Brot. In Bereichen des öffentlichen Lebens kann ich mir dagegen für eine gewisse Zeit eine Quote vorstellen. Dies sollte aber auf diesen Bereich beschränkt und ausdrücklich befristet sein.

AVIVA-Berlin: Würden Ihnen bei Ihrer Arbeit in Ihrem Unternehmen gesetzliche Richtlinien hinsichtlich der Gleichstellung helfen?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Bezogen auf meine persönliche Arbeit? Nein. Auch deshalb lehne ich das geplante Antidiskriminierungsgesetz der Bundesregierung ab. Pikanterweise sehen das weite Teile der SPD auch so. Man kann - und sollte - gar nicht erst versuchen, alles gesetzlich zu regeln. Worauf es ankommt, ist ein Bewusstseinswandel. Die jetzt von der INSM-Umfrage belegten harten ökonomischen Fakten sind diesem Wandel sicher förderlich.

AVIVA-Berlin: Wie oder Wo sehen Sie die Zukunft von world women work?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Ich glaube schon, dass Frauen in zehn Jahren deutlich präsenter in guten beruflichen Positionen sind. Zum einen arbeitet in den Industrienationen die Demographie für uns, weil fehlender Nachwuchs eine verstärkte Nachfrage nach weiblichen Fachkräften bringen wird. Zum anderen werden Frauen mit besserer Ausbildung automatisch selbstbewusster.

AVIVA-Berlin: Was würden Sie sich für die WWW 2006 wünschen, was möchten Sie diskutiert wissen?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Mein persönliches Interesse gilt diesen Themen: Wie verstärken wir weibliche Präsenz in der Wissenschaft? Wie gewinnen wir Frauen dafür, stärker in die Naturwissenschaften zu gehen? Und wie schaffen wir politische Mehrheiten für echte Fortschritte auf dem Feld der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

AVIVA-Berlin: Was nehmen Sie mit? Ihr Fazit?

Prof. Dr. Dagmar Schipanski: Frauen müssen Frauen fördern, weil Männer das unter sich auch tun. Konfrontation zwischen den Geschlechtern wäre aber sicher der falsche Weg. Gemeinsam müssen wir zu einem besseren Ganzen kommen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für´s Interview

Women + Work Beitrag vom 10.03.2005 AVIVA-Redaktion 

   




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