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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2016 - Beitrag vom 25.01.2006

Interview mit Buket Alakus
Christiane M├╝ller

In ihrem bewegenden zweiten Spielfilm "Eine andere Liga" erz├Ąhlt die Regisseurin, wie eine junge Sportlerin mit einer Brustamputation fertig wird und gleichzeitig ihre erste Liebe erlebt.



Buket Alakus wurde 1971 in Istanbul geboren und wuchs in Hamburg auf. Nach ihrer Ausbildung als Kommunikationswirtin an der Berliner Hochschule f├╝r Bildende K├╝nste begann sie 1996 das Aufbaustudium Filmregie an der Uni Hamburg. Alakus┬┤ erster Spielfilm, das Drama "Anam", kam Anfang 2002 in die Kinos und wurde auf diversen nationalen und internationalen Festivals gezeigt. Der Film erhielt zahlreiche Preise. "Eine andere Liga" ist ihr zweiter abendf├╝llender Spielfilm ├╝ber eine vom Brustkrebs genesende junge Frau t├╝rkischer Abstammung.

AVIVA-Berlin: Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Film gekommen?
Buket Alakus: Ich bin auf diese Story gesto├čen, als ich beim Zahnarzt sa├č und diese Frauenzeitschriften las. Da war ein Artikel, der sich in mein Herz geschlichen hat. Es ging darum, dass man ├╝ber Geheimnisse sprach, und da war dieses 18j├Ąhrige M├Ądchen, das den Brustkrebs ├╝berlebt hatte. Sie wusste nicht, wann sie dem Mann, mit dem sie am Anfang einer Beziehung stand, erz├Ąhlen sollte, dass bei ihr etwas nicht vollkommen ist. Ich sah dann eine Seite weiter diese Annoncen, die Werbung machen f├╝r Brustaufbau und Nasenkorrekturen. Das hat mir keine Ruhe gelassen. Ich dachte: In was f├╝r einer komischen Welt leben wir eigentlich?! Auf der einen Seite gibt es Frauen, die um ihr Leben k├Ąmpfen und dann gibt es Frauen, denen man sagt, du musst deine Lippen aufspritzen wie Reifen und du musst Br├╝ste haben, die fast platzen. Ich musste einfach darauf reagieren und ich wollte die Geschichte von diesem M├Ądchen erz├Ąhlen. Dabei geht es nicht so sehr um den Brustkrebs selber, sondern um das Danach. Was passiert mit dem Alltag, wenn du es ├╝berlebt hast? Wenn du keinen Aufbau gemacht hast und einfach froh bist, dass du leben darfst.

AVIVA-Berlin: Ist das auch die Hauptaussage Ihres Films?
Buket Alakus: Die Hauptaussage ist: Gib dem Leben immer wieder eine Chance! Auch wenn┬┤s tragisch kommt. Und es ist ja schon eine tragische Situation: Hayat lebt mit ihrem Vater, der an der Vergangenheit und sehr an der verstorbenen Mutter h├Ąngt und nicht loslassen kann. "Hayat" bedeutet in meiner Sprache ├╝brigens auch "Leben".

AVIVA-Berlin: Warum haben Sie sich daf├╝r entschieden, dass Ihre Hauptfigur Hayat halb t├╝rkischer Abstammung ist? War das wichtig f├╝r die Handlung?
Buket Alakus: Ja, ich erz├Ąhle von einem M├Ądchen, das noch beim Vater lebt. Deutsche Jugendliche denken ja mit 17 schon ans Ausziehen, an die eigene Wohnung. Bei t├╝rkischen Familien ist die Bedeutung der Familie noch h├Âher als der eigene pers├Ânliche Wille, und man opfert sich gerne auf. Ich wollte Hayat auch was T├╝rkisches geben, weil deutsche M├Ądchen doch etwas offener sind, was Sexualit├Ąt betrifft. Hayat sollte ein bisschen verklemmter sein. Wir hatten da ganz viele Diskussionen mit Karoline Herfurth, die sagte: Also, ich bin doch viel lockerer in meiner Sexualit├Ąt. Ich wollte aber von einem M├Ądchen erz├Ąhlen, das aus einer anderen Kultur kommt.

AVIVA-Berlin: Ihr Film ist ergreifend und viele ZuschauerInnen brauchen bestimmt ein Taschentuch. Haben Sie die komischen Szenen verwendet, damit es nicht ganz so traurig wird?
Buket Alakus: Ja, denn so ist das Leben. Es ist legitim zu lachen, das ist ganz wichtig. Gerade Schwerkranke haben einen eigenen Humor, um das zu bew├Ąltigen, um ├╝berleben zu k├Ânnen. Und Lachen ist ein wichtiges Heilmittel. Karoline und mir ist es allerdings manchmal sehr schwer gefallen zu lachen, als wir unsere Nachforschungen gemacht haben. Das war nicht leicht.

AVIVA-Berlin: Welche Nachforschungen haben Sie gemacht?
Buket Alakus: Ein Mediziner vom Krebsforschungszentrum in Eppendorf hat uns beraten. Die haben dort ein Zentrum, wo Frauen, die Brustkrebs haben, Informationen bekommen und sich treffen k├Ânnen. Es war f├╝r uns schon erschreckend, Bilder zu diesem Thema zu sehen. Ich musste sie mit meiner Maskenbildnerin ja anschauen.

AVIVA-Berlin: Warum haben Sie sich bei der Besetzung der Hauptrollen f├╝r Karoline Herfurth und Ken Duken entschieden?
Buket Alakus: Ich habe beim Casting f├╝r die Rolle der "Hayat" nat├╝rlich besonders darauf geachtet, wie es bei den Schauspielerinnen mit der deutsch-t├╝rkischen Seite ist. Da war erstmal keine, die mich extrem ├╝berzeugt hat. Was ich gesucht habe war auch Kampfgeist und ein bisschen Melancholie. Sie musste auch jung sein und bereit sein, ihre Brust zu zeigen. Karoline hat mich am besten ├╝berzeugt mit ihrer schauspielerischen F├Ąhigkeit. Man muss auch einen "Draht" zu jemandem haben, und den hatte ich zu ihr. Man kann den tollsten Schauspieler der Welt haben, aber man muss den Draht zu ihm haben, sonst kann man mit ihm keine hohen Berge erklimmen - auf der Strecke schmerzt es dann irgendwann.
Ken hatte ich schon in anderen Filmen gesehen und war schon sein Fan, weil ich finde, dass er sehr gut in diese Rollen passt. Es hat sehr viel Spa├č gemacht, weil ich sonst sehr viele Frauen hatte, die ich gef├╝hrt habe. Mit M├Ąnnern war das f├╝r mich das erste Mal.

AVIVA-Berlin: Haben Sie sich auch f├╝r Ken entschieden, weil er ein Frauenschwarm ist?
Buket Alakus: Nein. Ich habe mir vorgestellt: Wenn ich so etwas h├Ątte (eine Brust amputiert. Anm. der Red.) und mein Gegen├╝ber ein Mann ist, der auch Defizite hat, dann ist es f├╝r mich leichter, ihm zu offenbaren, dass ich auch einen Makel habe. Aber wenn vor mir ein Mann steht, der einfach verdammt gut aussieht, dann hab ich noch mehr Schmerzen, noch mehr ├ängste. Dem w├╝rde ich mich doch niemals sofort offenbaren. Mir ging es um den Selbstwerterhalt als Frau, weil ich selber wei├č, wie ich ticke. Da geht es ums Ausziehen. Wer zieht sich schon gerne vor einem Mann aus, der verdammt gut aussieht? Das ist noch schwerer.

AVIVA-Berlin: Die Hayat im Film spielt Fu├čball und wirkt recht burschikos...
Buket Alakus: Ja, so sollte sie sein. Ich wollte ein M├Ądchen, dass noch nicht so viel ├╝ber ihre Weiblichkeit wei├č und sich auf dem Bolzplatz dreckig macht. Und wenn man noch ein bisschen tiefer bohrt: Sie ist Goldschmiedin. F├╝r mich ist das wichtig, weil sie f├╝r mich eine Art Amazone ist. Amazonen waren in der Mythologie damals Goldschmiedinnen, die haben Sport getrieben... die Legende sagt ja sogar, sie haben sich selbst eine Brust abgeschnitten, weil sich die ganze Kraft f├╝rs Bogenschie├čen in einem Arm sammeln sollte. Faszinierend! F├╝r mich ist "Hayat" wie eine letzte Kriegerin.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie auch unsere Filmkritik zu "Eine andere Liga".


Women + Work Beitrag vom 25.01.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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