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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 03.02.2006

Katharina Wackernagel im Interview
Tatjana Zilg

Im Kino ist sie als die neunzehnjährige Joe zu sehen, die entgegen aller Widerstände Boxerin werden möchte. Sie erzählt von den Dreharbeiten und mit hoher Empathie von den inneren Konflikten der Joe



Katharina Wackernagel stammt aus einer Schauspielerfamilie und stand schon seit ihrer frühen Kindheit auf der Theaterbühne. Zwischen 1997 und 1999 begeisterte sie als Tanja in der gleichnamigen ARD-Serie das Fernsehpublikum und wurde für ihre schauspielerische Leistung mit einem "Goldenen Löwen", dem Fernsehpreis für die Beste Seriendarstellerin, bedacht.
Ihre Karriere lief danach weiter sehr erfolgreich mit Rollen in TV-Produktionen wie "Das Wunder von Lengede" (2003), "Die letzte Schlacht" (2004) und "Bettgeflüster & Babyglück" (2004). Seit 2002 spielt Katharina Wackernagel in der Fernsehreihe "Bloch" die Tochter Leonie. Zuletzt vor der Kamera stand sie für die TV-Produktionen "Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei", "Schnee im Sommer", "Ich Narr des Glücks - Das Leben des Heinrich Heine" sowie im Herbst 2005 für "Eine einzige Tablette (AT)", ein historisches Drama unter der Regie von Adolf Winkelmann.
Neben dem Fernsehen eroberte sie auch die große Leinwand. In Sönke Wortmann´s "Das Wunder von Bern" (2003) war sie als Ehefrau des Sportjournalisten Ackermann zu sehen, Joe in die "Die Boxerin" ist ihre erste Kino-Hauptrolle.

AVIVA-Berlin: Der Film spielt in ländlicher Umgebung in der Nähe von Eberswalde. Die Gegend dort ist ein sozialer Brennpunkt, es gibt gerade unter jungen Menschen viel Hoffnungslosigkeit. Sie selbst sind eine erfolgreiche Schauspielerin. Wie haben Sie sich hineingefühlt in diese Welt, die doch wahrscheinlich sehr unterschiedlich ist zu Ihrer eigenen?
Katharina Wackernagel: Als ich das Buch gelesen habe, war mir schnell sehr klar, wie Joe ist und warum sie so ist. Ich konnte mir das so gut vorstellen, dass sich für mich nicht die Frage gestellt hat, ob ich dort vielleicht nicht hineinpasse oder ob ich sie vielleicht nicht spielen könnte. Ich habe gut nachvollziehen können, wie es ist, in dieser Situation aufzuwachsen. Ich war zuvor schon einige Male in Bernau und Eberswalde und als wir dann dort gedreht haben, konnte ich Joe sehr gut verstehen. Etwa, warum sie sagt, es gibt hier nicht so viele Wege, die man sich aussuchen kann, zu gehen. Es kann sehr schwierig sein, an einem solchen Ort zu leben. Wenn man im Aufbruch, auf der Suche ist, kann das eine totale Barriere sein.

AVIVA-Berlin: Welche Eigenschaften haben Sie am Charakter der Joe fasziniert? Sehen Sie sie als Rebellin, die gegen diese Barrieren ankämpfen muss?
Katharina Wackernagel: Ich finde nicht, dass Joe eine Rebellin ist in dem Sinne, dass sie alles anders machen möchte als sie es in ihrer Umgebung erlebt. Sie will eigentlich überall dazugehören - sowohl zu Mandy und den Girlies im Cafe Corso als auch zu den Jungs in ihrem Boxclub. Einerseits will sie trainieren, weil sie fest daran glaubt, dass sie eine gute Boxerin werden kann. Andererseits reicht ihr das nicht, dass sie dort trainieren kann. Sie provoziert die Jungs in erster Linie damit, dass sie dazugehören will. Deshalb wird sie so oft weggestoßen. Sie will allen Leuten zeigen: "Nehmt mich doch so wie ich bin". Das ist aber nicht gefragt. Und das kann ich total gut verstehen. Ich habe das auf einer anderen Ebene kennengelernt, dieses Gefühl von "Ich möchte zwar dazugehören, ich möchte aber nicht den Preis dafür bezahlen, indem ich mich dafür verändern oder mich anpassen muss." Da bin ich selbst schon oft mit angeeckt.

AVIVA-Berlin: Joe reagiert in vielen Szenen schnell sehr aggressiv. Fiel Ihnen das anfangs schwer?
Katharina Wackernagel: Joe reagiert zwar aggressiv in dem Sinne, dass sie bereit ist, einen Schreibtisch umzuwerfen oder einen Sprudelkasten nach einer Frau zu werfen. Das sind jedoch alles Momente, in denen sie sehr hilflos ist. Ich denke, es erzählt viel über einen Menschen, wie er sich verhält, wenn er in die Enge getrieben wird. In ihrem Zuhause hat sie niemanden, mit dem sie reden kann. Die gleichaltrigen Mädchen wollen nichts mit ihr zu tun haben, mit ihrer Mutter kann sie auch nicht reden. Wenn jemand nie gelernt hat zu reden und sich ungerecht behandelt fühlt, kann es eine normale Reaktion sein, den anderen wegzuschubsen. Wenn man sich nicht anders ausdrücken kann, bleibt einen nichts anderes übrig, als zuzuschlagen oder den Schreibtisch umzuwerfen, um eine Distanz aufzubauen. Es geschieht aus einer Unsicherheit und einer Angst heraus.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie sich auf die Boxszenen vorbereitet? Haben Sie sich auch Kämpfe angeschaut, sich mit Profi-Frauenboxerinnen getroffen?
Katharina Wackernagel: Ich habe insgesamt fünf Monate trainiert für den Film, aber nicht in einem Frauenboxclub. Nur ganz am Anfang habe ich in Kreuzberg einen Wochenend-Workshop gemacht, das war aber gerade zu Beginn nicht so einfach für mich. Ich hatte dann einen eigenen Trainer, mit dem ich dann vier- bis fünfmal die Woche zwei oder drei Stunden am Tag trainiert habe. Zum Ende habe ich einen Monat mit Thurid Doß trainiert, der Boxerin, gegen die ich im Film in einem ersten großen Wettkampf antrete. Während dieser Zeit habe ich Kämpfe im Fernsehen angesehen, aber nur unter dem Aspekt, zu beobachten, wie die Boxer sich bewegen. Ich bin dadurch nicht zu einer leidenschaftlichen Zuschauerin des Boxsports geworden.

AVIVA-Berlin: Joe ist ihre Frauen-Freundschaft mit Stella außerordentlich wichtig. Ziehen Sie auch eher wenige, aber sehr intensive Freundschaften vor oder sind Sie eher ein Cliquenmensch?
Katharina Wackernagel: Cliquen habe ich nie gehabt, aber ich habe ziemlich viele Freunde. Ich habe in der Schulzeit auch nie eine Phase gehabt, in der ich immer mit einer Gruppe von Jungs oder Mädels abgehangen habe. Ich hatte immer eine sehr enge, dichte Verbindung zu einer Freundin oder einen Freund. Das funktioniert meistens nicht in einer Gruppe. Ich hätte schon größere Schwierigkeiten, alle meine Freunde zusammenzurufen in dem Sinne "Ihr seid alle meine Freunde, also versteht euch jetzt auch untereinander". Da wäre ich die ganze Zeit hin- und hergerissen, wäre besorgt, ob sich alle gut verstehen.
Die Freundschaft, die Jo und Stella miteinander haben, ist noch einmal etwas spezielleres. Sie zerfällt in zwei Seiten: Wer braucht wen für sich? Ich finde, im Film wird sehr gut dargestellt, dass es in Frauenfreundschaften oft eine gibt, die stärker ist, die vorprescht, die Halt anbietet. Manche Frauen suchen in einer Freundin jemand, wo sie die Stärkere sein können. Eigentlich bin ich aber froh, solche Freundschaften selbst nicht zu haben.

AVIVA-Berlin: Müssen Frauen in sozial benachteiligter Position sich auch im übertragenen Sinne durchboxen?
Katharina Wackernagel: Ich glaube schon daran, dass Frauen oft gezwungen sind, einen anderen Weg zu gehen, dass sie analytischer und vielschichtiger sein müssen. Bei Männern wird es akzeptiert, dass sie immer geradlinig und zielstrebig sind, von einer Frau wird oft erwartet, viele Sachen gleichzeitig zu tun. Inzwischen ist es zwar akzeptiert, dass eine Frau Karriere macht, aber sobald sie Kinder hat, ist sie diejenige, die nach der Betreuung der Kinder befragt wird. Die Frau wird viel schneller als Mutter in Frage gestellt, wenn sie gleichzeitig ihre Karriere vorantreiben möchte. Zum Beispiel würde ein Politiker in einem Interview nie nach seinen kleinen Kindern gefragt werden, Frauen müssen sich da jedoch oft rechtfertigen. Durchboxen ist vielleicht etwas grob gesagt, aber dennoch müssen Frauen viel mehr an ihrer Deckung und ihrer Verteidigung arbeiten.

AVIVA-Berlin: Welche Szene gefällt Ihnen persönlich am besten in dem Film?
Katharina Wackernagel: Ich mag die Szene mit Stella am Strand total gerne, diese Autofahrt dahin. Aber ich mag auch die Szene mit Mario an der Würstchenbude sehr. Und den Kampf. Es gibt viele Szenen, von denen ich finde, dass sie sehr gelungen sind.

AVIVA-Berlin: Im Bezug auf Mario ist mir aufgefallen, dass Joe´s Beziehung mit ihm im Mittelteil sehr präsent ist. Sie scheint zu glauben, er hätte kein Verständnis für ihr Boxtraining. Dann gibt es einen Schnitt, sie trennt sich von ihm und er ist auch völlig aus dem Film draußen.
Katharina Wackernagel: Sie hört nicht wegen Mario mit dem Boxen auf. Sie hört auf, weil Stella sie verlässt. Ich glaube, das ist ausschlaggebend dafür, dass sie mit nichts mehr richtig klarkommt. Sie merkt zwar einerseits, dass sie sich nach einem Zuhause sehnt, und fängt nach dem Einzug bei Mario sofort an, dort Hausfrau zu spielen. Aber dann merkt sie, dass sie das überhaupt nicht kann. Es gibt bei ihr jedoch nur ein Entweder/Oder, sie kann Mario ihre Gefühle nicht verständlich mitteilen. Erst ist der Typ plötzlich da, es gibt nur noch ihn für sie. Dann ist sie völlig geschockt, als Stella kommt und sagt: "Ich bin nur für dich wichtig, wenn es dir schlecht geht und du jemanden zum reden brauchst, das will ich nicht mehr". Joe weiß nicht mehr weiter und vergrault aus ihrem eigenen Frust heraus Mario. Das Gespräch am Küchentisch in seiner Wohnung, wo die Beziehung in die Brüche geht, ist letztendlich ein Kampf. Zwei Leute sitzen sich gegenüber und reden darüber, ob sie sich lieben, aber keiner traut sich, etwas darüber zu sagen.

AVIVA-Berlin: Der Film ist der Abschlussfilm der Regisseurin Catharina Deus. Sie konnte mit dem Projekt ein etabliertes Team von SchauspielerInnen gewinnen, obwohl die Gage gering war. Gibt es denn zu wenig gute Drehbücher, die so schnell überzeugen? Was war Ihre Motivation, die Rolle anzunehmen?
Katharina Wackernagel: Ich glaube schon, dass es viele gute Bücher gibt, aber es gibt ebenso viele gute SchauspielerInnen. Zudem hat man einfach Lust, auch mal etwas anderes zu machen. Unabhängig vom Budget gesehen ist es so, dass Catharina Deus mit "Der Boxerin" ihren Abschlussfilm gemacht und sich sehr lange gemeinsam mit der Drehbuchautorin Martina Klein auf den Film vorbereitet hat. Es ist ein tolles Gefühl mit einer Regisseurin zusammenzuarbeiten, die soviel Energie in ihr Projekt hineingibt. Sie weiß alles über die Figuren, ihre Motivation, sie ist bei der Entstehungsgeschichte des Buches dabei gewesen. Obwohl die Gage, die ich bekam, relativ gering war, ist es für mich insofern ein Luxusprojekt gewesen, indem ich sagen konnte, ich nehme mir fünf Monate Zeit nur für das Boxtraining. Ich hatte immer die Möglichkeit, mich mit der Regisseurin zu treffen, mit ihr zu reden. Ich wurde auch in die Castings der anderen SchauspielerInnen einbezogen.

AVIVA-Berlin: Joe in "Die Boxerin" ist Ihre erste große Hauptrolle auf der Kinoleinwand. Worin sehen Sie die wesentlichen Unterschiede zwischen TV-Produktionen und Kinofilmen?
Katharina Wackernagel: Das ist mir nicht so wichtig, für mein Spiel ist es unwesentlich, ob mit einer 16-mm oder einer 35-mm Kamera gedreht wird. Es gibt Produktionen, die mich persönlich mehr interessieren, andere, die mich vom Thema her nicht so ansprechen, wo ich mich dann aber an der Figur orientiere. Es geht mir immer darum, ob eine Geschichte für mich interessant ist und ob eine Rolle so angelegt ist, dass ich Lust habe, mich mit ihr auseinander zusetzen. Ich würde auch nicht sagen, mich interessiert ein Genre mehr als das andere. Für mich geht es darum, die Menschen und das, was ihnen passiert, glaubwürdig darzustellen, ob es nun humorvoll, komisch oder traurig ist.
Grundsätzliche Unterschiede zwischen TV und Kino sehe ich da nicht. Trotzdem gibt es vom Drehablauf Unterschiede. Ich würde jetzt aus dem Grund keine Serie mehr machen wollen, weil ich einfach das Konzept einer Serie, sehr viel drehen zu müssen und Figuren so anzulegen, dass sie in alle Richtungen dehnbar sind, schon gut kenne und nicht unbedingt Lust hätte, noch einmal 39 Folgen lang eine Figur zu spielen.

AVIVA-Berlin: Ihre beiden Kurzfilme "Think Positive!" und "Think Positive! Redux!", bei denen Sie Regie führten, wurden gleich mit Preisen ausgezeichnet. Möchten Sie sich später einmal mehr zu Regie hinentwickeln?
Katharina Wackernagel: Das ist derselbe Film, wir hatten ihn noch einmal bearbeitet. Mein Schwerpunkt ist auf jeden Fall Schauspiel, aber ich möchte auch wieder Regie machen. Mein Bruder Jonas Grosch, mit dem ich zusammenlebe, ist Drehbuchautor. Er hat viele der Drehbücher geschrieben, die wir zusammen umgesetzt haben. Bei den meisten habe ich nur gespielt, bei einen habe ich auch Regie geführt. Er hat einen langen Film geschrieben, den ich sehr schön finde und den ich gerne einmal machen würde. Aber das ist jetzt noch nicht konkret. Filme, die man selber umsetzen möchte - das dauert immer ziemlich lange, bis es wirklich geht, einfach auch des Geldes wegen. Aber grundsätzliches Interesse ist da.

AVIVA-Berlin: Was ist denn das Thema des Drehbuches?
Katharina Wackernagel: Es ist ein Road-Movie, eine Geschichte von zwei Frauen, die durch Schweden fahren.

AVIVA-Berlin: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Katharina Wackernagel: Mein Werdegang hat mit der Serie "Tanja" begonnen. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich mich von der Serie wegentwickeln konnte, bis mir vielschichtigere Figuren angeboten wurden. Seit drei, vier Jahren habe ich mich dann in den verschiedensten Bereichen gut etabliert. Rollen in den verschiedensten Genres, mit unterschiedlichen Charakteren wurden mir angeboten. Die letzten zwei Jahre habe ich sehr viel gearbeitet, was ich sehr genossen habe. Was ich auch toll fand, war, dass es ganz unterschiedliche Frauenrollen waren. Ich hoffe, dass das so weitergeht und dass ich die Möglichkeit habe, noch viel auszuprobieren.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview!

Lesen Sie auch die Filmrezension zum Film "Die Boxerin".

Women + Work Beitrag vom 03.02.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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