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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 18.12.2006

Frauen in der Automobilbranche
Nicola Schuldt-Baumgart

Frauen fahren Autos, Frauen kaufen Autos, doch auf der anderen Seite des Marktes, dort wo Autos gebaut, verkauft und repariert werden, gibt es nur wenige Frauen.



Dabei wäre die Geschichte des Automobils ohne die couragierten Taten von Frauen heute eine andere.

Die Automobilbranche - (K)ein Ort f√ľr Frauen?
Noch nie gab es so viele Autos, und noch nie waren so viele Frauen "automobil" wie heute. Rund 46 Millionen PKWs fuhren 2005 auf deutschen Stra√üen. Fast jeder dritte geh√∂rt einer Frau. In den n√§chsten zwei Jahrzehnten Jahren wird diese Quote auf 50 Prozent anwachsen. "Frauen sind selbstbewusste Autofahrerinnen geworden", sagt Prof. Doris Kortus-Schultes, Leiterin des Kompetenzzentrums Frau und Auto an der Hochschule Niederrhein in M√∂nchengladbach. Tats√§chlich, etwas hat sich ge√§ndert, wenn Frauenmagazine neben Beauty, Lifestyle und Fashion auch √ľber Autos schreiben, und die Emiglia Romana f√ľr so manche Autofahrerin nicht mehr ein Synonym ist f√ľr Italiensehnsucht, sondern ein Ort automobiler Tr√§ume, von Lamborghini bis Ferrari. F√ľr diese Frauen ist nebens√§chlich, wo im Auto der Schminkspiegel sitzt. Sie sch√§tzen PS und sch√∂nes Design.

"In den letzten Jahren hat bei den Autok√§uferinnen eine Polarisierung statt gefunden", erkl√§rt Kortus-Schultes. Zwar tendieren noch immer viele Frauen zu den niedrigeren PS-Klassen. Sie nutzen das Auto als Transportmittel auf kurzen Strecken und interessieren sich vor allem f√ľr die Gr√∂√üe des Kofferraums oder die Verstellbarkeit der Sitze. W√§hrend elektronische Features, die bei M√§nnern kindliche Begeisterungsst√ľrme hervorrufen, ihnen h√∂chstens ein Achselzucken wert sind. "Es gibt aber zunehmend Autofahrerinnen, die gro√üe und schnelle Fahrzeuge bevorzugen, wie den Z3 Roadster von BMW", so die Wissenschaftlerin. Es sind gut verdienende, hoch qualifizierte Frauen zwischen 30 und 40, die diese Autos kaufen. F√ľr sie sind Autos nicht l√§nger "mobile Basislager", sondern geliebte Accessoires, wie die Portraits von Frauen und ihren Autos in Sharon Adlers Buch "Damenwahl" zeigen. Aber - und das ist der gro√üe Unterschied zu M√§nnern, "Frauen pflegen selten narzisstisch gepr√§gte Beziehungen zu ihrem Auto", betont Kortus-Schultes. Autoindustrie und Handel reagieren allerdings nur langsam auf diese Ver√§nderungen. "Vielleicht auch deshalb, weil das Auto in Deutschland seit Generationen ein M√§nnerprodukt ist."

Bereits 1904 warben die Bielefelder D√ľrkopp-Werke in der "M√ľnchner Illustrierten Wochenschrift Jugend" mit einer nackten Frau f√ľr ihre Automobile. Das hat sich inzwischen ge√§ndert. Nur wenige Anzeigen und Werbefilme setzen noch offensiv auf das Argument "Sex sells". Aber die Frau als selbstbewusste Kundin sucht man in der Automobilwerbung oft vergeblich. Kein Wunder also, dass Kundinnen beim Autokauf, in der Werkstatt oder beim Tanken, h√§ufig dem Klischee begegnen, von Frauen und Autos als zwei unvereinbaren Welten. "W√§hrend K√§ufer und H√§ndler das Verkaufsgespr√§ch wie ein Ping-Pong-Spiel f√ľhren und sich Fragen und Antworten zu technischen Details, Innenraumausstattung und Fahreigenschaften gekonnt zuspielen, argumentiert die Autok√§uferin aus ihrer Lebenssituation heraus", sagt Kortus-Schultes. Die Kundin erkl√§rt, wozu sie das Auto braucht und erwartet entsprechende Empfehlungen vom Verk√§ufer. Das geht meistens schief, denn hier wie auf der Stra√üe gilt noch allzu oft das "m√§nnliche Prinzip", schreiben die Verfasser der aktuellen Mobilit√§tsstudie von Aral.

Die Designerin Sybs Bauer erkl√§rt, warum das so ist: "√úber die Automarke findet gerade bei M√§nnern eine starke Identifikation statt, sie ist Imagetr√§ger f√ľr die eigene Pers√∂nlichkeit und Symbol f√ľr Freiheit und Abenteuer." Bauer spielte urspr√ľnglich mit dem Gedanken, Autodesignerin zu werden. "Dass daraus nicht wurde, lag sicherlich auch daran, dass Designerinnen in der Autoindustrie damals wie heute noch immer gegen Windm√ľhlen k√§mpfen und irgendwann entnervt aufgeben." Bestenfalls im Interior Design findet man sie, zust√§ndig f√ľr Armaturen und Stoffe. Das Au√üendesign aber, wo es um das Image der Marke geht, sei noch immer eine M√§nnerdom√§ne, so Sybs Bauer. Dabei w√§re die Geschichte des Automobils ohne das couragierte Handeln von Frauen sicherlich anders verlaufen.

Als Bertha Benz in den Morgenstunden des 5. August 1888 mit ihren beiden Söhnen klammheimlich den patentierten Motorwagen ihres Mannes aus der Werkstatt holte, startete sie zu einer Premiere: Sie absolvierte die erste Fernfahrt der gerade zwei Jahre alten Automobilgeschichte und verhalf so der bis dahin zögerlich verlaufenden Entwicklung des Autos zum entscheidenden Durchbruch.

Fast vierzig Jahre später, das Auto wird mittlerweile am Fließband produziert, bricht die 26-jährige Clärenore Stinnes im Mai 1927 zusammen mit dem Kameramann Carl-Axel Södermann zu einer Aufsehen erregenden Reise auf. Binnen zwei Jahren fahren sie mit einem Standard 6 der Firma Adler um die Welt. Stinnes Mission: Sie will "den Namen Stinnes um die Welt tragen, und Deutschlands Industriemacht mit den Mitteln des Automobilsports präsentieren". In den USA, damals Auto-Nation Nr. 1, gerät ihre Fahrt schließlich zum Siegeszug: Henry Ford empfängt sie, genauso wie Präsident Herbert C. Hoover.

Auch heute ist man beim Thema "Frauen und Auto" in anderen Staaten einen Schritt weiter. Skandinavische Autobauer etwa, verfahren nach der Devise: "Je besser unsere Mitarbeiterstruktur die Vielfalt unserer Kunden wieder spiegelt, desto besser sind wir." Kein Wunder also, dass Volvo vor zwei Jahren ein Auto von einem rein weiblichen Entwicklungsteam konzipieren lie√ü und mit dem Prototyp von "YCC" (Your Concept Car) die √Ėffentlichkeit √ľberraschte. Aber wartet der Markt tats√§chlich auf ein "Frauenauto"? Die M√ľnchner Autobauer sind da ganz anderer Meinung, wie der BMW-Vorstand Michael Ganal in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erkl√§rte: "Nichts ist schlimmer als ein Frauenauto."

Inzwischen sucht die Autoindustrie h√§nderingend nach Ingenieurinnen und Designerinnen. Aber der Nachwuchs fehlt. "Wir w√ľrden gerne mehr Designerinnen ausbilden", sagt Lutz F√ľgener. Er lehrt Automobil-Design an der FH Pforzheim. "Aber bei Frauen ist die Hemmschwelle, sich mit dem Thema Auto zu besch√§ftigen, noch immer hoch." M√§nner, so die Erfahrung des Automobilexperten, sind entscheidend durch die fr√ľhkindliche Matchbox-Phase gepr√§gt: "Jungen setzen sich seit dem Sandkasten mit dem Thema auseinander. Viele Studenten haben daher, wenn sie bei uns beginnen, Autos im sprichw√∂rtlichen Sinne‚Äöbegriffen." Das sei bei der Arbeit am Entwurf zun√§chst von Vorteil, so der Designexperte.

Im Autohandel werden Frauen als Unternehmerinnen und Arbeitgeberinnen mittlerweile ernst genommen, wie der Women¬īs Award, eine etablierte Auszeichnungen der Automobilbranche, zeigt. Mit dem Preis zeichnen das Branchenjournal "kfz-betrieb" und der Mineral√∂lkonzern Shell Unternehmerinnen im Automobilhandel aus. In diesem Jahr erhielt Stephanie von Ahsen, Gesch√§ftsf√ľhrerin der Bremer Autohaus-Brandt-Gruppe die Auszeichnung. Sie √ľberzeugte "vor allem dadurch, dass sie der Mitarbeitermotivation sowie der Aus- und Weiterbildung in ihrem Unternehmen einen besonders hohen Stellenwert einr√§umt", hei√üt es in der Laudatio. Mit dem Junior Award wurde Christine Niemann als beste Nachwuchskraft im Automobilhandel ausgezeichnet. Die 34-J√§hrige war innerhalb von nur vier Jahren von der Sachbearbeiterin im Marketing zur Gesch√§ftsleiterin eines Autohauses der Hamburger Raffay-Gruppe aufgestiegen!

Dieser Text erschien in leicht abgewandelter Form in der Existenzielle in der Ausgabe 4/06. Die Autorin Nicola Schuldt-Baumgart ist Wirtschaftsjournalistin in Marburg

Women + Work Beitrag vom 18.12.2006 AVIVA-Redaktion 

   




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