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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2014:

Interview mit Regisseurin Katharina Klewinghaus
Stefanie Denkert

Die Regisseurin spricht über ihren Debutfilm "Science of Horror", in dem sie das Horrorgenre aus Sicht der feministischen Filmkritik dokumentiert, über Final Girls, den Phallus und Frauenbewusstsein



AVIVA-Berlin: Gratulation zu Ihrer Dokumentation "Science of Horror – Wenn der Penis zur Kettensäge wird". Wie würden Sie selbst Ihren Film beschreiben?
Katharina Klewinghaus: Das Horror Genre wird anhand von primär vier Themen analysiert: Der Begriff der Katharsis, die Zensur, Sexualität und Gewalt, d.h. die Parallele zur Pornographie und die feministische Filmanalyse zu diesem Genre bzw. Geschlechterverhältnisse im Horrorfilm. Die Interviewstatements der FilmemacherInnen und TheoretikerInnen werden zu einem Diskurs montiert, der ein vielfältiges Bild zu diesem ebenso vielfältigen und ewig ambivalenten Genre zeigen soll. Es ist fast unmöglich zum Horror nur eine einzige These aufzustellen und das arbeitet "Science of Horror" heraus.

AVIVA-Berlin: Was passiert denn, wie es im Originalzitat von Judith Halberstam heißt: "If the chainsaw is a penis"?
Katharina Klewinghaus: Die Kettensäge im Horror ist ein phallisches Instrument einer oft männlich impotenten Figur. In der geschichtlichen Entwicklung des Genre gab es spätestens seit den 70ern mit der Erscheinung des Slasherfilms, das Mädchen, das als einzige am Ende überlebt, das sogenannte ´Final Girl´. Dieses Mädchen wurde zunehmend stärker, so dass sie am Ende auch selber die Kettensäge in der Hand hält. Was passiert in diesem Moment: Sie erhält die phallische Macht. Da in der sozialen Hierarchie der Penis immer noch für Macht steht, wird dieses Machtverhältnis an das Mädchen weitergegeben. Das zeigt auch, dass der Phallus überbewertet und austauschbar ist. Es ist nicht der Körper, der die Hierarchie festlegt, es ist die Hierarchie die den Körper mit Bedeutung besetzt.

AVIVA-Berlin: Wer ist denn Ihr liebstes ´Final Girl´?
Katharina Klewinghaus: Die sind eigentlich alle toll, auch außerhalb des anglophonen Kontexts. Im Moment würde ich jedoch sagen Sigourney Weaver in "Alien". Diese Stelle aus dem ersten "Alien"-Film, in der sie zu Protokoll gibt: "This is Ripley, last survivor of the ship, signing off". Tolle Szene, tolle Frau, toller Film!

AVIVA-Berlin: Wie konnten Sie die ´Creme de la Creme´ des Horrorfilms, u.a. Wes Craven und John Carpenter, sowie die Koryphäen der feministischen Filmkritik, wie Carol Clover und Judith Halberstam, als InterviewpartnerInnen für Ihren Film gewinnen?
Katharina Klewinghaus: Es ist einerseits immer die langwierigste Arbeit Persönlichkeiten mit Bekanntheitsgrad für ein Projekt zu gewinnen. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass ich spüren konnte, wie ein Bedürfnis besteht über dieses Thema ernsthaft und reflektiert zu sprechen. Auf die Theoretikerinnen bezogen merkte ich schnell, dass durch den Fokus, den ich verfolgte, direkt Interesse da war. Eine von ihnen hatte schon die Erfahrung gemacht, als die einzige Frauenstimme herzuhalten zu müssen, nach dem Motto "es muss auch mal eine Frau was dazu sagen". Diese Geschichten wurden mir erzählt und das erklärt auch, weshalb ich sehr viel Offenheit und Enthusiasmus erfahren habe. Ich hoffe, die ProtagonistInnen sind mit dem Resultat zufrieden.

AVIVA-Berlin: Sie haben mit "Science of Horror", als erste Dokumentation über das Horrorgenre aus Sicht der feministischen Filmkritik Mut bewiesen, denn mit dem bösen F-Wort (Feminismus) kann man leicht in eine Ecke gestellt werden, in die man gar nicht rein möchte und zum anderen sind Feminismus-Themen selten lukrativ. Wie sind Sie darauf gekommen, die Dokumentation zu machen? Und haben Sie selbst ein Frauenbewusstsein?
Katharina Klewinghaus: Für mich war eigentlich sehr schnell klar, dass eine weitere Dokumentation über Horror in die Richtung von Sexualität und "gender" gehen musste, denn das war ein Aspekt, der unter diesem Fokus filmisch noch nicht verarbeitet wurde. Trotzdem sollte die Dramaturgie sich nicht alleine darauf konzentrieren, sondern auch andere Aspekte wie z.B. die Zensur miteinbeziehen. So arbeitet sich die Dramaturgie dann Stück für Stück vor. Und ja, ich habe ein Frauenbewusstsein. In den Filmen, die ich zuvor gemacht habe, ist das immer mit eingeflossen und das wird es auch in Zukunft auf die eine oder andere Weise. Als ich mit meinem ersten Studium der Filmwissenschaft begann, war ich auf der Suche nach starken Frauenfiguren im Film. Einer meiner ersten Essays setzte sich mit der Filmemacherin Maya Deren auseinander, mit der Überschrift "Nascent Feminism" (Werdender Feminismus).

AVIVA-Berlin: In den 1990ern schien es ein neues Hoch von Horrorfilmen und –serien zu geben, die es auch in den Mainstream geschafft haben. Das Besondere an dem neuen Horror war, u.a. der Humor, das Spiel mit Geschlechterrollen und auch mit den Charakteristika des Genres, z.B. in "Buffy" und "Scream 1-3". Kann man diese Entwicklung auf die Veröffentlichungen der feministischen Filmkritik aus jener Zeit zurückführen?
Katharina Klewinghaus: Absolut. Die 90er sind die Zeit der Postmoderne, also der Parodie und Selbstreflektion. Carol Clover arbeitete 1992 die Formel, die im Horrorfilm arbeitet, in ihrem Buch "Men, Women and Chainsaws" heraus. 1992 erschien "Buffy the Vampire Slayer" und 1996 "Scream", die ganz bewusst mit dieser Formel spielen. 1998 erschien "Bride of Chucky", den Judith Halberstam ein paar Jahre später so wunderbar analysiert hat, und die Carol Clovers Arbeit sozusagen weitergedacht hat in ihrem Buch "Skin Shows" von 1995. "Science of Horror" verdeutlicht (weitestgehend im Subtext) wie Filmtheorie und Praxis aufeinander reagieren und sich beeinflussen. Es besteht zwar oft eine Kluft zwischen beiden Disziplinen, aber sie brauchen sich auch gegenseitig. Das Spielerische und Groteske der Postmoderne ist nun aber abgelöst worden von einer Art Rückkehr zur "Ernsthaftigkeit" im sogenannten ´Torture Porn´-Film (z.B. "Hostel"). Mitunter könnte man behaupten, dass der ´Torture Porn´ sozusagen der Sprössling des Slasherfilms ist. Aber das ist eine andere Geschichte, die in "Science of Horror" teilweise mit einfließt.

Copyright: Henrik Jordan
AVIVA-Berlin: Wie sind Sie zum Filmemachen gekommen? Wollten Sie schon immer Regisseurin werden, wenn Sie ´groß´ sind?
Katharina Klewinghaus: Film begleitet mich wirklich schon lange, obwohl ich auch viele Jahre mein Augenmerk auf den Tanz setzte. Dass ich die Richtung Film wirklich einschlagen würde, zeigte sich in den Jahren der Oberstufe.

AVIVA-Berlin: Viele FilmemacherInnen sind sowohl als RegisseurInnen, SchauspielerInnen und ProduzentInnen etc. aktiv – Sie sind ebenfalls in den verschiedenen Bereichen unterwegs...
Katharina Klewinghaus: Man kann alle Künste, sei es Film, Musik, Malerei, als einen verkörperten Denkprozess betrachten. Am Ende läuft das alles zusammen. Das Handwerk ist ein anderes, aber was dahinter steckt ist eigentlich das Gleiche. Ich glaube aber auch, dass es sich hier nicht nur um einen verkörperten Denkprozess handelt, denn die Künste gehen über das Denken hinaus. Davon abgesehen macht es Spaß und es ist hilfreich, die Seiten zu wechseln, um z.B. zu erfahren, wie es sich anfühlt vor der Kamera zu stehen.

AVIVA-Berlin: Wie kommt es, dass Sie in England studiert haben? Ist dort die Ausbildung besser im Bereich Film?
Katharina Klewinghaus: Es gibt wunderbare Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Filmwissenschaft und Praxis in Deutschland. Dennoch ist unter anderem die Filmwissenschaft viel etablierter im englischsprachigen Raum. So habe ich zuerst Film Studies in London studiert und dann meinen weiteren Abschluss im Bereich Regie/Produktion in Bournemouth absolviert. Ich wollte aber auch ganz einfach ins Ausland. Jetzt bin ich seit 3 Jahren in Berlin und es war die richtige Entscheidung hierher zu kommen.

AVIVA-Berlin: Was ist Ihr Lieblingsfilm als Zuschauerin, welcher als Regisseurin?
Katharina Klewinghaus: Also ich bin einerseits, wie viele, von dem "Autorenkino" beeinflusst und liebe das Genrekino genauso wie den Dokumentarfilm. Was das "Autorenkino" betrifft, so entdecke ich gerade Béla Tarr. Beim Genrekino habe ich einige Favoriten, von no-budget bis big-budget, von Horror, Film Noir bis Science Fiction. Beim Dokumentarfilm weiß ich Filme wie "Sans Soleil" und "Shoah" sehr zu schätzen, aber auch "Full Metal Village", den ich gerade erst gesehen habe, fand ich sehr gut. Ich kann mich einfach nicht für einen Film entscheiden.

AVIVA-Berlin: Arbeiten Sie an neuen Projekten?
Katharina Klewinghaus: Ich habe zwei Projekte im Kopf, ein dokumentarisches, aber auch Stoff für eine fiktionale Geschichte.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit "Science of Horror" und für Ihre zukünftigen Projekte!

Katharina Klewinghaus, 1976 in Solingen geboren, studierte Film Studies und Business Management an der Middlesex University, London. Danach erreichte sie ihren Master of Arts an der Bournemouth Media School in England. Seit 2005 ist sie als Filmemacherin, Drehbuchautorin und Schauspielerin beruflich aktiv und lebt in Berlin. "Science Of Horror" ist ihr erster Langfilm.

Weitere Infos zu Katharina Klewinghaus und Kontakt unter:
www.katharina-klewinghaus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:
Rezension von "Science of Horror"

Women + Work > Leading Ladies erstellt: 08.08.2008

   




 
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