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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 21.08.2008

Julia Jentsch im Interview
Christiane Krämer

Julia Jentsch spielt Frauen, die aus der Rolle fallen: im neuen Film des tschechischen Regisseurs JirĂ­ Menzel ist sie als Sudetendeutsche Nationalsozialistin auf der Kinoleinwand zu sehen.



Julia Jentsch hat 2005 fĂĽr ihre Darstellung der Sophie Scholl bei der Berlinale den Silbernen Bären erhalten. Nun ist sie in "Ich habe den englischen König bedient" im Kino zu sehen – allerdings im krassen Kontrast zur engagierten Nazigegnerin. In der grotesken Rolle der jungen Sudetendeutschen LĂ­za stellt sie eine Mitläuferin und FĂĽhrerverehrerin im TrachtenkostĂĽm in ebenso selbstverständlicher wie verstörender Weise dar. AVIVA-Berlin sprach mit ihr ĂĽber ihre Rolle und die Zusammenarbeit mit Starregisseur JiřĂ­ Menzel.

AVIVA-Berlin: Frau Jentsch, Sie haben bei dem Angebot des Regisseurs JiřĂ­ Menzel fĂĽr die Rolle der Sudetendeutschen Nationalsozialistin LĂ­za gezögert, warum?
Julia Jentsch: Ich habe kurz gezögert, weil ich mir überlegen musste, ob ich eine deutsche Hitleranhängerin spielen und mich damit beschäftigen möchte. Da aber die Rolle über ihre ideologische Motivation hinaus als lustig, und Líza von ihrem Charakter als begeisterte kleine Person beschrieben war, begann mich dieser Widerspruch zu interessieren. Dann bemerkte ich, dass gerade durch diesen Witz und die Überzogenheit ihrer Rolle ihre Aussagen noch böser und unerträglicher wurden. Das fand ich spannend als Mittel im Film, die Geschichte zu erzählen.

AVIVA-Berlin: War es auch eine Herausforderung für Sie, sich nach der Rolle der Widerstandskämpferin "Sophie Scholl" im Kontrast eine nazideutsche "Mitläuferin" zu spielen?
Julia Jentsch: Ich suche nach etwas Neuem und nach der Abwechslung. Ich muss spĂĽren, mit welcher Haltung der Regisseur arbeitet. Gerade bei einem politischen Thema ist es wichtig, dass ich mir darĂĽber im Klaren bin und dahinter stehen kann. Es war ein ĂĽberraschendes Angebot aus Tschechien und das genaue Gegenteil der "Sophie Scholl", die "andere Seite" und das war seltsam.
Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich keine Herangehensweise gefunden hätte. Dazu muss man die Wichtigkeit dieser Rolle in der gesamten Geschichte verstehen: Líza verkörpert in ihrer überzogen fanatischen Darstellung die Masse, die Mehrheit der Menschen, die versucht haben, den Schrecken auszublenden, oder die selbst verblendet waren, die begeistert gefolgt sind, oder Mitläufer waren.

Das Spannende an der Rolle auch im Nachdenken über Sophie Scholl war, dass Sophie Scholl erst ja auch sehr eingenommen war, von dieser Propaganda, selbst in die Hitlerjugend eingetreten ist und ein "Führerbild" in ihrem Zimmer hängen hatte. Entgegengesetzt zur Figur der Líza hat sie dann aber durch ihre Kritikfähigkeit, ihre Erziehung und ihre charakterliche Stärke erkannt, dass es um Gleichschaltung geht, der man sich entgegenstellen muss.

AVIVA-Berlin: JiřĂ­ Menzels Beschreibung der Figur der LĂ­za wird in einem Interview mit "Opfer der Gehirnwäsche" ĂĽbersetzt, ist das nicht sehr grenzwertig?
Julia Jentsch: Ich wäre nicht darauf gekommen, diesen Begriff auf sie anzuwenden. Ich vermute, er will er damit sagen, sie sei nicht einfach nur eine schlimme Person, sondern von einer Ideologie infiltriert worden. Das redet er aber nicht schön, sondern zeigt, wie schwer es zu beurteilen ist, wer gut und wer schlecht ist. So erzählt er über sein eigenes Volk zwar mit einer gewissen Wärme und diesem speziellen tschechischen Humor, kritisiert aber zugleich dessen Passivität und wie schnell es sich dem politischen System untergeordnet oder mitgemacht hat.
Ein großer Teil der Menschen damals war so widersprüchlich, und das ist so schwer zu akzeptieren. Die waren Familienväter und Mütter und gleichzeitig hat der eine oder andere am Vormittag Juden erschossen. Unerträglich finde ich das, aber es ist so.

AVIVA-Berlin: Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Rolle der Líza entwickelt?
Julia Jentsch: Vor allem die Arbeitsweise war für mich neu, diese sehr genaue Vorstellung die der Regisseur hatte, was auch mit der Komödie zu tun hat. Es mussten genaue Blicke oder Positionen sein, damit eine bestimmte Wirkung erzielt wird. Dafür musste ich erst ein Gefühl für kriegen und mich dem Drehmoment anvertrauen. Es war schon seltsam, diese Figur zu spielen, aber es hat auch Spaß gemacht. Manchmal war es schwierig, ernst zu bleiben. Bei der Bett-Szene mit dem Hitlerportrait im Schlafzimmer habe ich gedacht, was mache ich da jetzt, ich als Julia. Und gleichzeitig habe ich gespürt, dass es so überhöht inszeniert wird, auch noch mit diesen Pflanzen im Haar und der Musik. Dadurch beinhaltet die Szene gleichzeitig den Schrecken der Situation und zeigt, wie grotesk und pervers das "Züchtenwollen" des "neuen perfekten Menschen" war. Oft sehe ich hinterher die Szene und finde das ganz gruselig und unangenehm. Aber parallel läuft die Geschichte und der wahre Hintergrund in mir ab und dieser Fanatismus ist tatsächlich sehr grausam und gruselig.

AVIVA-Berlin: Können Sie unseren LeserInnen die den Film noch nicht kennen erklären, welche Art von Verhältnis Líza mit dem Protagonisten Jan Dítì hat?
Julia Jentsch: Líza ist nach seiner langen Suche die perfekte Frau für ihn - in erster Linie weil sie seine Größe hat. Endlich hat er die kleine Frau gefunden, die zu ihm passt. Die Gründe, warum die beiden füreinander bestimmt sind, erscheinen absurd und die Beziehung zwischen ihnen wird sehr kindlich erzählt. Líza verkörpert dabei das Dominante des Deutschen und wenn er mit ihr schläft, weiß er nicht mehr, ob er es mit ihr oder für den Führer tut, was sich dann auch optisch bemerkbar macht...

AVIVA-Berlin: "Ich habe den englischen König bedient" ist Ihr erster internationaler Film. Wie war es, mit einem Starregisseur wie JiřĂ­ Menzel und in einer anderen Sprache zu arbeiten? Julia Jentsch: Kurz nach Sophie Scholl gab es einige internationale Anfragen, die dann aber letztendlich alle nicht zu Stande kamen. Der Film war fĂĽr mich die erste Dreherfahrung in einer Sprache, die ich nicht spreche. Das war natĂĽrlich nicht einfach, aber mit Hilfe einer Dolmetscherin habe ich mich vorher auf die tschechische Sprache mit CDs vorbereitet.
JiřĂ­ Menzel hat am Set sehr genaue Anweisungen gegeben, auf die sich die Schauspieler einlassen mussten. Beispielsweise die Szene im Cafe in Prag mit Jan, wo sie sich an verschiedene Tische setzen wollen und ständig stehen ĂĽberall diese "Reserviert"-Schilder. Die Kellner wollen keine deutschen Nazis bedienen und das endet damit, dass der Ober ihr einen Topf Nudeln ĂĽber den Kopf gieĂźt. Man wusste, es dauert ewig lange, bis die Haare wieder gewaschen und geföhnt sind. So baute der Regisseur Druck auf, damit die Szene nur einmal gespielt werden muss. Sie wurde vier oder fĂĽnf Mal trocken geprobt und dann wurde eben nur einmal gedreht.

AVIVA-Berlin: Sie selbst haben gesagt, dass Ihnen die Nacktszene nicht leicht gefallen ist, wie würden Sie das Frauenbild des Films einschätzen?
Julia Jentsch: Ich versuche grundsätzlich, den Regisseur abzubringen, aber in diesem Fall war diese Szene wichtig für die Geschichte. Es war auch insofern in Ordnung, weil es im Film viele weitere Szenen mit unbekleideten Frauen gibt. Die Kamera geht zunächst aus der bewundernden Sicht des Protagonisten auf weibliche Schönheit mit den Frauenkörpern sehr behutsam um – deren Bedeutung sich im Laufe des Films jedoch verändert...

Eine letzte Frage: Der Protagonist Jan Dítì zeichnet sich durch seinen grenzenlosen Optimismus aus, mit dem er sein Lebensziel verfolgt: wie optimistisch sind Sie?
Julia Jentsch: Ich glaube, dass ich schon viel nachdenke und grĂĽble und dann letztendlich dann auch immer sehr optimistisch bin und an das Gute und eine positive Entwicklung glaube. Ich bin ein sehr hoffnungsvoller Mensch.

AVIVA-Berlin: Herzlichen Dank fĂĽr das Interview und viel Erfolg mit Ihren neuen Filmen "Effi Briest" und "33 Szenen aus dem Leben"!

Lesen Sie auch die AVIVA-Rezension des Films "Ich habe den englischen König bedient".

Women + Work > Leading Ladies Beitrag vom 21.08.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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