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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2017 - Beitrag vom 21.08.2008

Julia Jentsch im Interview
Christiane KrÀmer

Julia Jentsch spielt Frauen, die aus der Rolle fallen: im neuen Film des tschechischen Regisseurs JirĂ­ Menzel ist sie als Sudetendeutsche Nationalsozialistin auf der Kinoleinwand zu sehen.



Julia Jentsch hat 2005 fĂŒr ihre Darstellung der Sophie Scholl bei der Berlinale den Silbernen BĂ€ren erhalten. Nun ist sie in "Ich habe den englischen König bedient" im Kino zu sehen – allerdings im krassen Kontrast zur engagierten Nazigegnerin. In der grotesken Rolle der jungen Sudetendeutschen LĂ­za stellt sie eine MitlĂ€uferin und FĂŒhrerverehrerin im TrachtenkostĂŒm in ebenso selbstverstĂ€ndlicher wie verstörender Weise dar. AVIVA-Berlin sprach mit ihr ĂŒber ihre Rolle und die Zusammenarbeit mit Starregisseur JiřĂ­ Menzel.

AVIVA-Berlin: Frau Jentsch, Sie haben bei dem Angebot des Regisseurs JiřĂ­ Menzel fĂŒr die Rolle der Sudetendeutschen Nationalsozialistin LĂ­za gezögert, warum?
Julia Jentsch: Ich habe kurz gezögert, weil ich mir ĂŒberlegen musste, ob ich eine deutsche HitleranhĂ€ngerin spielen und mich damit beschĂ€ftigen möchte. Da aber die Rolle ĂŒber ihre ideologische Motivation hinaus als lustig, und LĂ­za von ihrem Charakter als begeisterte kleine Person beschrieben war, begann mich dieser Widerspruch zu interessieren. Dann bemerkte ich, dass gerade durch diesen Witz und die Überzogenheit ihrer Rolle ihre Aussagen noch böser und unertrĂ€glicher wurden. Das fand ich spannend als Mittel im Film, die Geschichte zu erzĂ€hlen.

AVIVA-Berlin: War es auch eine Herausforderung fĂŒr Sie, sich nach der Rolle der WiderstandskĂ€mpferin "Sophie Scholl" im Kontrast eine nazideutsche "MitlĂ€uferin" zu spielen?
Julia Jentsch: Ich suche nach etwas Neuem und nach der Abwechslung. Ich muss spĂŒren, mit welcher Haltung der Regisseur arbeitet. Gerade bei einem politischen Thema ist es wichtig, dass ich mir darĂŒber im Klaren bin und dahinter stehen kann. Es war ein ĂŒberraschendes Angebot aus Tschechien und das genaue Gegenteil der "Sophie Scholl", die "andere Seite" und das war seltsam.
Ich hĂ€tte es nicht gemacht, wenn ich keine Herangehensweise gefunden hĂ€tte. Dazu muss man die Wichtigkeit dieser Rolle in der gesamten Geschichte verstehen: LĂ­za verkörpert in ihrer ĂŒberzogen fanatischen Darstellung die Masse, die Mehrheit der Menschen, die versucht haben, den Schrecken auszublenden, oder die selbst verblendet waren, die begeistert gefolgt sind, oder MitlĂ€ufer waren.

Das Spannende an der Rolle auch im Nachdenken ĂŒber Sophie Scholl war, dass Sophie Scholl erst ja auch sehr eingenommen war, von dieser Propaganda, selbst in die Hitlerjugend eingetreten ist und ein "FĂŒhrerbild" in ihrem Zimmer hĂ€ngen hatte. Entgegengesetzt zur Figur der LĂ­za hat sie dann aber durch ihre KritikfĂ€higkeit, ihre Erziehung und ihre charakterliche StĂ€rke erkannt, dass es um Gleichschaltung geht, der man sich entgegenstellen muss.

AVIVA-Berlin: JiřĂ­ Menzels Beschreibung der Figur der LĂ­za wird in einem Interview mit "Opfer der GehirnwĂ€sche" ĂŒbersetzt, ist das nicht sehr grenzwertig?
Julia Jentsch: Ich wĂ€re nicht darauf gekommen, diesen Begriff auf sie anzuwenden. Ich vermute, er will er damit sagen, sie sei nicht einfach nur eine schlimme Person, sondern von einer Ideologie infiltriert worden. Das redet er aber nicht schön, sondern zeigt, wie schwer es zu beurteilen ist, wer gut und wer schlecht ist. So erzĂ€hlt er ĂŒber sein eigenes Volk zwar mit einer gewissen WĂ€rme und diesem speziellen tschechischen Humor, kritisiert aber zugleich dessen PassivitĂ€t und wie schnell es sich dem politischen System untergeordnet oder mitgemacht hat.
Ein großer Teil der Menschen damals war so widersprĂŒchlich, und das ist so schwer zu akzeptieren. Die waren FamilienvĂ€ter und MĂŒtter und gleichzeitig hat der eine oder andere am Vormittag Juden erschossen. UnertrĂ€glich finde ich das, aber es ist so.

AVIVA-Berlin: Wie hat sich Ihr VerhÀltnis zur Rolle der Líza entwickelt?
Julia Jentsch: Vor allem die Arbeitsweise war fĂŒr mich neu, diese sehr genaue Vorstellung die der Regisseur hatte, was auch mit der Komödie zu tun hat. Es mussten genaue Blicke oder Positionen sein, damit eine bestimmte Wirkung erzielt wird. DafĂŒr musste ich erst ein GefĂŒhl fĂŒr kriegen und mich dem Drehmoment anvertrauen. Es war schon seltsam, diese Figur zu spielen, aber es hat auch Spaß gemacht. Manchmal war es schwierig, ernst zu bleiben. Bei der Bett-Szene mit dem Hitlerportrait im Schlafzimmer habe ich gedacht, was mache ich da jetzt, ich als Julia. Und gleichzeitig habe ich gespĂŒrt, dass es so ĂŒberhöht inszeniert wird, auch noch mit diesen Pflanzen im Haar und der Musik. Dadurch beinhaltet die Szene gleichzeitig den Schrecken der Situation und zeigt, wie grotesk und pervers das "ZĂŒchtenwollen" des "neuen perfekten Menschen" war. Oft sehe ich hinterher die Szene und finde das ganz gruselig und unangenehm. Aber parallel lĂ€uft die Geschichte und der wahre Hintergrund in mir ab und dieser Fanatismus ist tatsĂ€chlich sehr grausam und gruselig.

AVIVA-Berlin: Können Sie unseren LeserInnen die den Film noch nicht kennen erklÀren, welche Art von VerhÀltnis Líza mit dem Protagonisten Jan DítÏ hat?
Julia Jentsch: LĂ­za ist nach seiner langen Suche die perfekte Frau fĂŒr ihn - in erster Linie weil sie seine GrĂ¶ĂŸe hat. Endlich hat er die kleine Frau gefunden, die zu ihm passt. Die GrĂŒnde, warum die beiden fĂŒreinander bestimmt sind, erscheinen absurd und die Beziehung zwischen ihnen wird sehr kindlich erzĂ€hlt. LĂ­za verkörpert dabei das Dominante des Deutschen und wenn er mit ihr schlĂ€ft, weiß er nicht mehr, ob er es mit ihr oder fĂŒr den FĂŒhrer tut, was sich dann auch optisch bemerkbar macht...

AVIVA-Berlin: "Ich habe den englischen König bedient" ist Ihr erster internationaler Film. Wie war es, mit einem Starregisseur wie JiřĂ­ Menzel und in einer anderen Sprache zu arbeiten? Julia Jentsch: Kurz nach Sophie Scholl gab es einige internationale Anfragen, die dann aber letztendlich alle nicht zu Stande kamen. Der Film war fĂŒr mich die erste Dreherfahrung in einer Sprache, die ich nicht spreche. Das war natĂŒrlich nicht einfach, aber mit Hilfe einer Dolmetscherin habe ich mich vorher auf die tschechische Sprache mit CDs vorbereitet.
JiřĂ­ Menzel hat am Set sehr genaue Anweisungen gegeben, auf die sich die Schauspieler einlassen mussten. Beispielsweise die Szene im Cafe in Prag mit Jan, wo sie sich an verschiedene Tische setzen wollen und stĂ€ndig stehen ĂŒberall diese "Reserviert"-Schilder. Die Kellner wollen keine deutschen Nazis bedienen und das endet damit, dass der Ober ihr einen Topf Nudeln ĂŒber den Kopf gießt. Man wusste, es dauert ewig lange, bis die Haare wieder gewaschen und geföhnt sind. So baute der Regisseur Druck auf, damit die Szene nur einmal gespielt werden muss. Sie wurde vier oder fĂŒnf Mal trocken geprobt und dann wurde eben nur einmal gedreht.

AVIVA-Berlin: Sie selbst haben gesagt, dass Ihnen die Nacktszene nicht leicht gefallen ist, wie wĂŒrden Sie das Frauenbild des Films einschĂ€tzen?
Julia Jentsch: Ich versuche grundsĂ€tzlich, den Regisseur abzubringen, aber in diesem Fall war diese Szene wichtig fĂŒr die Geschichte. Es war auch insofern in Ordnung, weil es im Film viele weitere Szenen mit unbekleideten Frauen gibt. Die Kamera geht zunĂ€chst aus der bewundernden Sicht des Protagonisten auf weibliche Schönheit mit den Frauenkörpern sehr behutsam um – deren Bedeutung sich im Laufe des Films jedoch verĂ€ndert...

Eine letzte Frage: Der Protagonist Jan DĂ­tĂŹ zeichnet sich durch seinen grenzenlosen Optimismus aus, mit dem er sein Lebensziel verfolgt: wie optimistisch sind Sie?
Julia Jentsch: Ich glaube, dass ich schon viel nachdenke und grĂŒble und dann letztendlich dann auch immer sehr optimistisch bin und an das Gute und eine positive Entwicklung glaube. Ich bin ein sehr hoffnungsvoller Mensch.

AVIVA-Berlin: Herzlichen Dank fĂŒr das Interview und viel Erfolg mit Ihren neuen Filmen "Effi Briest" und "33 Szenen aus dem Leben"!

Lesen Sie auch die AVIVA-Rezension des Films "Ich habe den englischen König bedient".

Women + Work > Leading Ladies Beitrag vom 21.08.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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