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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 16.02.2015

Sabrina Goldemann: Mit Sarkasmus gegen den alltäglichen Antisemitismus
Sabrina Goldemann

Sabrina Goldemann ist Journalistin und historische Beraterin, war Mitarbeiterin der Gedenkstätte Yad Vashem und ist nach langem Aufenthalt in Israel wieder in Berlin. Mit ihrer Dialogpartnerin,...



... der in Iran geborenen Filmemacherin Fathiyeh Naghibzadeh, hat sie über aktuellen Antisemitismus in Deutschland, über ihr Verhältnis zu diesem Land und über ihre Familiengeschichte gesprochen.

Fathiyeh: Du hast erzählt, dass du nach Israel ausgewandert bist und lange dort gelebt hast. Warum wolltest du auswandern?

Sabrina: Anfang der 90er Jahre war ich Mitarbeiterin im Berliner Büro der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. In dieser Zeit erlebte ich den ersten Irakkrieg: Israel erhielt zum Dank dafür, dass es sich aus den Kämpfen heraushielt, von Saddam Hussein Raketengrüße auf Tel Aviv. Während die Israelis mit Gasmasken in Schutzräumen saßen, demonstrierten FriedensfreundInnen auf deutschen Straßen ausgerechnet gegen den "israelischen Aggressor".

Antisemitische Angriffe – Plastikratten und Schuldumkehr

Zeitgleich bekam ich meine ersten anonym geschickten Plastikratten ins Büro inklusive der Aufforderung, endlich dahin zu gehen, wo "wir hergekommen sind". Ich begann mich ernsthaft mit der Auswanderung zu beschäftigten. Ein Ex-Kommilitone brachte das Fass zum Überlaufen, als er mich damals fragte, warum uns (Juden) alle hassen? Das müsse doch einen Grund haben. Wahrscheinlich sucht er den immer noch. Meine Auswanderung sollte sich noch neun Jahre hinziehen, weil mein damaliger Mann als Kind einen schweren Umzug von Israel nach Berlin hatte und seinen Kindern nicht die gleichen Erfahrungen zumuten wollte.

Fathiyeh: Wie bist du mit Antisemitismus in Deutschland umgegangen?

Sabrina: Meine Schmerzgrenze war hinsichtlich antisemitischer Stereotype oder Klischees immer recht hoch. Ich glaube, mit der Zeit wächst eine mentale Hornhaut. Entweder stumpft man ab, kämpft als selbsthassende Jüdin am Al Quds-Tag für die Befreiung Jerusalems mit oder geht den unbequemen Weg, sich zu wehren und etwas zu ändern. Ich wählte die letzte Option und entwickelte dazu einen gewissen Sarkasmus. Viele meiner jüdischen AltersgenossInnen haben sich lange in ihrem kleinen Mikrokosmos eingeschlossen, die böse Welt draußen gelassen und alles Mögliche verdrängt. Das wollte ich nicht.

Als engagierte Journalistin blickte ich in den Schlund der gesellschaftsfähig gewordenen antisemitischen Ressentiments. Was ich sah, gefiel mir gar nicht. Ein gutes Jobangebot brachte meiner Familie schließlich den von mir lang ersehnten Umzug nach Israel. Das war kurz bevor Ariel Scharon den Tempelberg besuchte und nach Meinung der ganzen Welt ausschließlich damit die zweite Intifada auslöste. Die folgenden vier Jahre sollten für Israel sehr blutig werden und mich noch stärker an das Land schweißen, obwohl ich natürlich nicht blind und unkritisch durch den israelischen Alltag gelaufen bin. Die internationale Berichterstattung lief in Sachen "Nahost" zu einseitiger Höchstform auf, und ich habe geschworen, niemals wieder in Europa zu leben.

Fathiyeh: Warum hast du Israel doch verlassen?

Sabrina: Vor vier Jahren wurde meine Mutter sehr krank und ich bin viermal jährlich nach Berlin geflogen. Das ging alles nicht mehr. Ich war mittlerweile voll berufstätig, alleinerziehend mit zwei Kindern und ohne eigene Wohnung. Keine gute Kombination in Israel. Ich entschied mich schweren Herzens, mit meiner Tochter, die vom Gazakrieg 2012 traumatisierter war als ich dachte, nach Berlin zu ziehen. Seit über einem Jahr versuche ich jetzt, kreativ, das Beste daraus zu machen. Der Koffer ist aber halb gepackt geblieben, denn mit einem Bein bin ich beim Sohn in Israel.

Aufwachsen mit dem Judenhass der Entnazifizierten

Fathiyeh: War es für dich schwer, als Jüdin in Deutschland aufzuwachsen?

Sabrina: Oh ja. Für mich war schon sehr früh klar, dass Deutschland und ich ein ungleiches Paar Schuhe sind. Die Mitschüler gaben mir oft das Gefühl, anders zu sein, und die Altnazis innerhalb des Lehrkörpers verstörten mein kindliches Gemüt. Ich erfuhr, dass "nur ca. 5,5 Millionen Juden starben und nicht 6" und der "Bund deutscher Mädels mich damals gar nicht aufgenommen hätte". Ein Klassenlehrer vermittelte alte Wehrmachtsromantik, indem er uns zur Strafe mit gekauten Kaugummis auf den Nasen strammstehen ließ. Die Kindheit verbrachte ich teilweise mit den Großeltern und anderen Holocaustüberlebenden, die alle ihre Geschichten hatten. Dieses Haus erlebte ich immer voll mit Menschen und viel Wärme. Ich habe sozusagen die Auschwitzgeschichten mit der Muttermilch erhalten. Kein Wunder, dass ich zehn Jahre in der Jerusalemer Holocaust Gedenk-und Forschungsstätte Yad Vashem arbeitete. "Berufsjüdin" nennen das manche zynisch.

© Sabrina Goldemann. Purim, jüdischer Kindergarten, Berlin 1967


Fathiyeh: Wie hat deine Familie den Krieg überlebt?

Meine Großeltern mütterlicherseits sind im November 1938 mit einem der letzten Schiffe von Berlin nach Shanghai, China, gefahren. Ich habe ihnen nie verziehen, dass sie ins Nachkriegs-Berlin der frühen 50er Jahre zogen, anstatt mit dem Rest der Familie nach New York in die Neue Welt zu schippern. Die amerikanischen JüdInnen kennen nämlich keine Identitätskrisen.

Die Mama ist im Juli 1939 in der chinesischen Hafenstadt geboren. Dort lebten circa 25.000 jüdische Flüchtlinge aus Mittel-und Osteuropa – je nach Geldbeutel in kleinen Wohnungen oder Heimen. Später mussten die meisten in einem von Japanern bewachten Ghettodistrikt leben. Dank dem unerschrockenen Gemüt meines Großvaters erhielt die Tochter tatsächlich vom Nazikonsulat die deutsche Staatsbürgerschaft. Er sorgte auch dafür, dass die insgesamt sieben Familienmitglieder elf Jahre im fernen Osten überlebten. Da er glaubte, dass Amerika keinen weiteren englisch sprechenden Juden mit jiddischem Akzent brauchte, zog er mit Frau und Kind 1950 zum Berliner Teil der Familie. Hier kam die Mama in der neuen Schule erstmals direkt mit dem Judenhass der Entnazifizierten in Berührung. Das ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Sie ist nie wirklich in Berlin angekommen. Seit 30 Jahren hüte ich die alten Unterlagen und Fotos und bastle selbst an der Familiengeschichte, weil meine Mutter über diese Zeit nie sprechen wollte. Jetzt hat sie Alzheimer, und erfreulicherweise sprudeln plötzlich – krankheitsbedingt – ausschließlich Kindheitserinnerungen heraus.

© Sabrina Goldemann. Shanghai 1948. Die Großeltern mit der damals 9jährigen Mutter von Sabrina Goldemann kurz vor der Abreise nach Berlin.


Theoretisch könnte alles so einfach sein

Fathiyeh: Wie erlebst du Berlin jetzt?

Sabrina: Ich habe das Gefühl, ich bin im Exil. Es ist spannend und abstoßend zugleich. Ich war wahrscheinlich zu naiv, als ich hoffte, mit meiner Bildung und Erfahrung schnell wieder Fuß zu fassen. Mir war nicht bewusst, dass für mich in Berlin die beruflichen Türen derart verschlossen sind. Die nichtjüdischen Antisemitismus- und Gedenkstättenexperten wollen unter sich sein. Die Berliner Kaffeehaus-und Kinokultur habe ich allerdings vermisst. Die JüdInnen hier empfinde ich als zu still, und der Judenhass ist für meinen Geschmack etwas zu laut. Ich bin ja fast zeitgleich mit dem Al Quds-Tag 2013 eingetroffen. Was für ein Empfang.

Für die Kinder meiner früheren Berliner FreundInnen "mit Migrationshintergrund" bin ich plötzlich ein Feind. Ich habe meine Kinder immer tolerant erzogen, wollte, dass sie zuerst den individuellen Menschen sehen und nicht alle über einen Kamm scheren. Meine Tochter lief letztens auf einem Schulausflug Schlittschuh gemeinsam mit einem arabischen Mädchen aus Nablus. Sie haben sich gegenseitig helfend gestützt, erzählte sie mir lachend. Tja, theoretisch könnte alles so einfach sein.

Fathiyeh: Fühlst du dich als Deutsche oder als Israelin?

Sabrina: Ich habe beide Staatsangehörigkeiten, und das ist gut so. In Israel fühle ich mich aber wirklich zu Hause. Berlin ist mir fremd geworden. Fragen, die mich lange gequält haben wie "Was bin ich?", "Wohin gehöre ich?", "Wieso bin ich ausgerechnet hier?" kommen wieder hoch. Das existierte für mich zwölf Jahre lang nicht und machte mein Leben einfacher. Die deutsche Diaspora ist eben nicht mein Lebenskonzept. Ich weiß übrigens, dass mir zwei Drittel der hier lebenden Israelis nicht zustimmen. Nach meiner Aliyah erfuhr ich zufällig, dass ich meine deutsche Staatsangehörigkeit verlor, weil ich nun Israelin bin. Mein Kampf um die Genehmigung zur Doppelstaatlichkeit rückte gleichzeitig mein gestörtes Identitätsgefüge zurecht, denn ich bin als Israelin mit deutschem Pass nach Berlin zurückgekommen. Damit kann ich gut leben. So kann ich auch in jeder Hinsicht als "missing link" fungieren.



Die so genannte Israel-Kritik und die reale Bedrohung durch die Nachbarländer

Fathiyeh: Wie gehst du mit der allgegenwärtigen so genannten "Israel-Kritik" um?

Sabrina: Es macht mich wütend. Seit über 2500 Jahren gelten Juden als "Brunnenvergifter", "Ritualmörder", "Parasiten", "Ausbeuter", "Verschwörer", heimliche "Weltherrscher" und nicht zu vergessen, als "Kindermörder" – bis jetzt. Heute nennt man das gerne Anti-Zionismus. Das soll uns mal jemand nachmachen. An allem sind wir schuld. Laut den VerschwörungstheoretikerInnen sogar an den Anschlägen in Paris. Warum spricht man in der Öffentlichkeit so wenig über den Anschlag auf den Pariser jüdischen Supermarkt? Ist es etwa zu deutlich, dass dieses Attentat nichts mit Israel zu tun hat, sondern mit blankem Hass? Das verstört offensichtlich viele Menschen, die auf der anderen Seite sehr eindringlich unserer Holocaustopfer gedenken.

Fathiyeh: Wie lebt es sich in Israel mit der ständigen Kriegsgefahr durch die Nachbarländer?

Sabrina: Das posttraumatische Stresssymptom ist innerhalb der israelischen Gesellschaft Dauergast. Also, meine letzten Jahre in Israel waren neben dem permanenten Raketenbeschuss aus Gaza vor allem geprägt von der Gefahr eines Krieges mit dem Iran. Die meisten Israelis hatten noch nie Kontakt zu IranerInnen. Die israelischen Medien verbreiteten ständig die Hasstiraden über Israel, die Holocaustleugnungen und die Drohungen der iranischen Regierung, unser Land zu vernichten, was wiederum von vielen deutschen PolitikerInnen und JournalistInnen gerne als "Übersetzungsfehler" bezeichnet wird. Und plötzlich, 2012, gab es diese "Israel loves Iran"-Kampagne, ausgelöst von dem israelischen Graphikdesigner Ronny Edry. Viele VertreterInnen beider Seiten haben gemerkt, dass sie Angst voreinander hatten, weil sie nichts übereinander wussten. Diese naiv anmutende Aktion entstand aus einer tiefen realen Angst heraus und hat natürlich auf der Gegenseite nur bei säkularen, kreativen und modernen IranerInnen Anklang gefunden. In gewisser Weise wurde dadurch in Teilen beider Bevölkerungen ein Feindbild zerstört. Wenn das mit IranerInnen funktioniert, dann auch mit anderen. Dafür möchte ich mich hier auch einsetzen.

Fathiyeh: Was denkst du über den Apartheid-Vorwurf?

Sabrina: Wie in jedem Volk gibt es auch jüdische RassistInnen, MörderInnen und GanovInnen. Wir müssen aber immer einen doppelten Heiligenschein tragen, um als normale Menschen gesehen zu werden. Das muss aufhören. Natürlich gibt es Ungerechtigkeiten in Israel gegenüber AraberInnen und nicht nur umgekehrt, die durch gegenseitiges Misstrauen geschürt werden. Das darf man auch nicht leugnen. Aber in einem Apartheidregime gäbe es keine arabische Siegerin bei der Wahl zur "Miss Israel" oder zur "Voice of Israel". Kannst du dir dagegen eine jüdische Miss Jordan oder Libanon vorstellen?

Einige Zeit bin ich regelmäßig mit einer Araberin aus Ostjerusalem zur Arbeit gelaufen. Sie gehörte zum Servicepersonal. Eines Tages lief sie vor mir, löste lachend ihren Hijab beim Laufen, schüttelte ihr frisch gefärbtes Haar und begann, sich zu schminken. Ein bewegendes Bild. Auf dem Weg von der Arbeit zur Straßenbahn hat sie sich wieder zurück verwandelt, wie sie es nannte. Fatina erzählte mir jeden Morgen ein bisschen mehr aus ihrem Leben. Wir waren gleichaltrig, geschieden und hatten beide zwei Kinder. Meine alltägliche Freiheit kann sie aber nur während ihrer achtstündigen Arbeitszeit fühlen. Einmal erzählte ich ihr, dass in Deutschland viele Menschen Israel und Apartheid gleichstellen. Sie hielt ihr Kopftuch hoch und sagte: "Es sind nicht die Juden, die mich dazu zwingen".



Sabrina Goldemann, 52, ist Kommunikationswissenschaftlerin. Berlin-Israel-Berlin war ihre bisherige Lebensroute, Fortsetzung kann folgen. Sie ist vor allem engagiert, die vielen Facetten des weltweiten Antisemitismus zu demaskieren und sich in den deutsch-jüdischen/israelischen und jüdisch-muslimischen Dialog einzubringen. Durch Texte, Beratung und Forschung möchte sie u.a., auch in der etablierten deutschen Welt der Antisemitismus- und Shoahforscher, "jüdische" Akzente setzen. Auch eigene Projekte sind in Planung, zu denen sie ihre langjährige Arbeit in der Gedenkstätte Yad Vashem inspirierte.
Sabrina Goldemann macht derzeit eine Weiterbildung zur psychologischen Beraterin. Ihr berufliches Motto ist Aristoteles entlehnt: "Denk wie ein Weiser und sprich wie das gemeine Volk".

Das Interview, das Sabrina Goldemann mit Fathiyeh Naghibzadeh geführt hat, finden Sie auf AVIVA-Berlin>Lokale Geschichte_n



Dieser Beitrag wurde von den Autorinnen am Dienstag, 14. April 2014 im Rathaus Charlottenburg präsentiert.

Außerdem sprachen unsere Schirmfrauen des Projektes, die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen Dilek Kolat, sowie die Gleichstellungsbeauftragte Carolina Böhm, sowie die Initiatorinnen Sharon Adler und Claire Horst



"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wird gefördert durch:




Copyright Fotos von Sabrina Goldemann und Fathiyeh Naghibzadeh: Sharon Adler
Copyright Fotos von Sabrina Goldemann an Purim und dem Foto ihrer Großeltern und Mutter in Shanghai: Sabrina Goldemann



Women + Work > Lokale Geschichte_n Beitrag vom 16.02.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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